Ginny stand vor dem Spiegel in Sandrines Ankleideraum und wusste nicht so recht, was für ein Gesicht sie machen sollte. Zugegeben, zu ihrem normalen Outfit war es schon eine gewaltige Umstellung – krass hätte Ron es genannt.
Die hellbraune Hose bestand aus feinem Wildleder, das Oberteil aus etwas, was sie nicht eindeutig bestimmen konnte, aber gewisse Ähnlichkeit mit den Jeans hatte, die Harry ab und zu trug. Es reichte ihr fast bis über die Knie. Nach längerer Überlegung stopfte sie es einfach in die Hose, das andere sah nur lächerlich aus. Nicht zum ersten Mal verfluchte sie ihre Größe, oder, besser gesagt, Winzigkeit. Sie fragte sich flüchtig, welche Kleidung Malfoy wohl erhalten mochte.
Sie mühte sich gerade mit den wadenlangen Stiefeln ab, als es an der Tür klopfte.
„Ja, herein!" rief sie verbissen und zog an dem widerspenstigen Leder, das nicht nachgeben wollte.
„Kommst du zurecht, Ginny?" fragte Sandrine freundlich.
„Mehr oder weniger. Ich seh total lächerlich aus, oder?"
Sandrine lächelte.
„Der falsche."
„Was?"
„Das ist der falsche Fuß."
„Was ... oh." Ginny wurde so rot wie ihre Haare. „Kein Wunder, dass er nicht passt. Sie müssen mich für total beschränkt halten."
Jetzt lachte Sandrine richtig.
„Nein. Du siehst einfach aus, als wärst du mit deinen Gedanken woanders gewesen." Sie wurde ernst. „Ich wollte dich um etwas bitten."
Ginny sah sie fragend an.
„Nein, eigentlich sind es zwei Sachen. Erstens, pass auf, dass Draco Malfoy nichts Unüberlegtes tut. Manchmal erkenne ich mich selbst in ihm wieder, und das gibt mir Grund zur Sorge."
„Sie haben doch überhaupt keine Ähnlichkeit mit ihm!"
„Ginny, mein Name ist nicht umsonst Slytherin. Ich war nicht immer alt und ein bisschen schlauer. Ihr habt sehr wenig über diese Voldemort Sache erzählt, aber dein Gesicht sagt mir, dass er für dich zehnmal schlimmer als Tanadryl ist. Was spielt Draco für eine Rolle, weißt du das?"
„Sein Vater ist ein Todesser. Ich meine, er steht auf Voldemorts Seite. Und Malfoy wird auch einer, da bin ich mir todsicher. Sie hätten mitbekommen sollen, wie er uns auf der Schule ..."
Sandrine unterbrach sie.
„Sein Vater, ja, den Satz lasse ich gelten. Aber warum bist du dir so sicher, dass Draco ihm folgen wird?"
„Wie meinen Sie das?"
„Er scheint mir nicht der Typ zu sein, der blindlings tut, was jemand anderes für ihn vorgesehen hat. Äußerlich, vielleicht. Slytherins sind schon immer gute Schauspieler gewesen. Vielleicht irre ich mich ja auch, vielleicht ist es wirklich so, wie du sagst. Aber es ist einfach eine Sache, die du im Hinterkopf behalten solltest."
„Ich verstehe Sie nicht", sagte Ginny offen. „Erst sagen Sie, ich soll aufpassen, dass er nichts Unüberlegtes tut, und dann verteidigen Sie ihn. Malfoy war, solange ich ihn kenne, immer ein totales Arsch – Entschuldigung, aber das ist wirklich so."
Sandrine nahm ihr die Formulierung nicht übel.
„Ginny, der Punkt ist, ihr müsst einander bis zu einem gewisse Grad vertrauen, ansonsten werdet ihr es nie gemeinsam schaffen, die Totenstadt zu erreichen. Ihr hasst und verachtet euch gegenseitig, und das ist keine gute Basis. Ihr müsst zusammenarbeiten, und dafür ist es nötig, dass ihr Motive und Vorstellungen des anderen kennt."
Ginny wurde ärgerlich.
„Sie tun so, als ob es an mir liegt, aber das ist mit Sicherheit nicht so. Ich möchte ja friedlich mit ihm auskommen, aber das will er ja scheinbar gar nicht! Für ihn bin ich doch nur Schrott, ich komme aus der falschen Familie, ich bin arm, ich habe rote Haare und bin so attraktiv wie ... wie ein Hippogreif."
Sandrine sah in eine andere Richtung, aber Ginny hätte schwören können, dass ihre Mundwinkel sich vor Heiterkeit verzogen.
Ginny beschloss, die Diskussion zu beenden, sie war sich nicht sicher, wohin das ganze noch führen sollte.
„Was ist das zweite? Sie wollten mich um zwei Sachen bitten."
Sandrines Augen nahmen schlagartig einen anderen Ausdruck an. Ginny war sich nicht sicher, was sie wiederspiegelten.
„Ich möchte, dass du etwas für mich tust, wenn ihr wieder zurück seid – vorausgesetzt, ihr schafft es." Sandrine holte etwas aus ihrem langen Mantel und drückte es Ginny in die Hand. „Wenn ein Grab existiert, dann lass es dort zurück. Wenn nicht, dann verbrenn es und verteil die Asche im Wind."
Ginny sah auf ihre Hände hinab und faltete sorgsam das Pergament auseinander. Es war ein in Öl gemaltes Bild von zwei Personen, die in ihre Richtung sahen. Sie erkannte eine sehr junge, strahlend aussehende Sandrine in einem langen, grünen Kleid. Der Junge an ihrer Seite trug eine gryffindorrote Uniform, und er hielt Sandrines beide Hände umfasst.
„Ist das ..."
„Ja, das sind Rupert und ich. Am letzten gemeinsamen Abend unseres Lebens", sagte Sandrine schlicht, aber die alte Frau hörte sich unendlich traurig an.
Ginny erfuhr es nie, aber es war nicht Sandrines einziges Gespräch an diesem Morgen gewesen.
Eine Stunde früher
Draco wachte langsam auf, und streckte sich in dem Bett aus. Neben ihm lag Chiané und schlief noch. Muggel hin oder her, sie hatte bewirkt, dass er ohne langes Überlegen hatte einschlafen können.
An der Zimmerdecke tanzten die Schatten, die von der Morgensonne hervorgerufen wurden. Draco starrte darauf und versuchte, die ganze Situation möglichst zu vergessen, aber das gelang ihm nicht.
Er war gefangen an einem unmöglichen Ort, begleitet von jemandem, den er nicht leiden konnte – was war, wenn er den Rest seines Lebens hier verbringen musste?
Du musst nicht zurück flüsterte eine leise Stimme in seinem Verstand. Bleib einfach hier. Chiané steht auf dich, du kannst mit einem Chakra umgehen, diese Leute würden dich mit offenen Armen empfangen, niemand würde dich behandeln wie Lucius. Und niemand würde dich opfern.
Aber eine andere Stimme, die, die seit seiner Kindheit von Lucius gefördert wurde, schrie dem entrüstet entgegen. Du bist ein Malfoy! Das alles um dich herum sind Minderwertige, sieh sie dir doch an! Sie kämpfen einen Kampf, den sie verlieren werden! Sie sind ohne Zauberkraft, ihr Stolz ist armselig! Und wenn das alles noch nichts nützt, sieh dir Sandrine Slytherin an! Ein GRYFFINDOR! Wie weit kann man noch sinken?!
Der Kampf der Stimmen war nichts neues für Draco. Seit er alt genug war, um denken zu können, hatten sich diese kleine Arena in seinem Kopf aufgebaut.
Als er noch sehr klein gewesen war, hatte er zu seinem Vater ehrfürchtig aufgesehen. Lucius war für ihn jemand gewesen, der selten da war, und wenn er kam, brachte er großzügige Geschenke mit und nahm seinen Sohn überall mit hin. Viele der Sachen, die Lucius ihm gezeigt hatte, verstand Draco erst viel später. Manchmal wünschte er sich, er hätte sie nie verstanden.
Das Älterwerden hatte die Ehrfurcht verstummen lassen, und an ihre Stelle waren Zweifel und Unschlüssigkeit getreten.
Draco hatte nie ganz verstanden, warum Lucius Voldemort so ergeben war. Macht, ja, aber Halbblüter waren nach der Meinung seines Vaters noch verachtenswerter als Muggel. Und ... Voldemort, Tom Riddle, WAR ein Halbblut, seine Mutter war eine Muggel gewesen!
Schluss jetzt, Malfoy. Dein Ziel muss das Portal sein, und die Vergangenheit ist Vergangenheit. Wenn ihr wieder zu Hause seid, kannst du Lucius immer noch ins Gesicht spucken.
Aber würde er das tun? Oder führte sein Weg unentrinnbar in die Richtung des Dunklen Lords?
Jemand betrat den Raum und er sah auf.
„Draco? Ich möchte mir dir sprechen." Das war Sandrines Stimme, und sie war streng und unnachgiebig.
Draco musterte sie nur kühl, während Chiané neben ihm hochfuhr.
„Mylady", stotterte sie hochgradig verlegen.
Sandrine winkte ungehalten ab.
„Geh, Chiané. Ich muss mit dem jungen Mann allein reden. Hab keine Furcht, du hast nichts zu erwarten."
Chiané verbeugte sich hastig und floh dann, ihre Decke krampfhaft um den Körper haltend.
„Was wollen Sie?" Dracos Stimme erreichte ein paar Grad unter Null.
„Stell dich nicht dümmer, als du bist, Malfoy!" Sandrines Stimme glich so sehr die seines Vaters, dass er sich aufrichtete, als hätte er einen Peitschenhieb erhalten.
Sandrines Augen sprühten eiskaltes Feuer.
„Slytherin der du bist, erinnere dich an die Grundsätze deines Hauses!"
Das war nicht die Frau, die er kennen gelernt hatte, die er verachtet hatte. Die wahre Tochter Slytherins stand vor ihm, und Draco schluckte.
„Ihr verachtet mich, Draco Malfoy? Ich habe mich selbst eine lange Zeit verachtet, aber das heißt nicht, dass Ihr mich so ansehen dürft! Stolz ist eine Eigenschaft, die uns gut zupass kommt, aber sie bringt uns am Ende um." Sie verstumme einen Moment. „Sie hat meinen Mann umgebracht, diese Eigenschaft namens Stolz. Salazar hat mich durch das Tor gestoßen, nicht weil mein Mann Rupert war, sondern weil mein Stolz es mir versagte, die Wahrheit zu gestehen, und das Kind, das meins und seins war, ist dadurch gestorben. Jetzt sagt mir eins, Draco Malfoy!"
Sandrine beugte sich hinunter, und Draco wich zurück, sein Mund stand offen vor Schock.
„Ist es das wert? Willst du dich beugen? Willst du dich seinem Willen beugen? Oder beginnst du endlich, deinen Stolz zu überwinden und zu handeln? Was wirst du tun, wenn das Portal durchschritten ist?"
„Sie sind doch total verrückt!" brachte Draco hervor. Woher zum Teufel kannte Sandrine seine Gedanken?!
„Bin ich das?" Sandrines Ton war hart und unversöhnlich. „Denkt an meine Worte, Master Malfoy. Eines Tages müsst Ihr eine Entscheidung treffen. Das Dunkel oder das Licht, Stolz oder Hingabe. Trefft diese Entscheidung aus Eurem eigenem Willen, das rate ich Euch!"
Damit verschwand sie.
