Der Abschied verlief kurz.
Ginny hätte der alten Frau gerne für alles gedankt, aber sie fand nicht die richtigen Worte dafür.
Malfoy dagegen hatte sichtlich Abstand zu ihr genommen, und er sah an Sandrine vorbei. Das kam Ginny merkwürdig vor, und sie fragte sich, ob etwas vorgefallen war, von dem sie nichts wusste.
„Ich wünsche euch viel Glück", sagte Sandrine ernst. „Und, Merlin, ihr werdet es brauchen. Denkt daran, was ich euch gesagt habe."
Auch Chiané war da, und Draco wechselte noch ein paar halblaute Worte mit ihr.
„Du kommst nicht wieder, oder?" fragte das Mädchen gerade.
„Ich hoffe nicht", gab Draco zurück.
„War's so schlecht?" Chiané grinste.
„So war's nicht gemeint."
„Weiß ich doch. Passt auf euch auf – und viel Glück."
Sie küsste Draco auf den Mund, und kam dann nach vorne, um Ginny die Hand zu reichen.
Der war gerade aufgegangen, wo Malfoy die letzte Nacht verbracht hatte, und warf ihm einen Blick zu, in dem deutlich Du hast sie ja nicht mehr alle stand. Draco lächelte nur süffisant, nicht im mindesten verlegen.
„Geht, und achtet darauf, möglichst nicht mit Tanadryls Armeen in Kontakt oder gar Konflikt zu geraten", sagte Cray eindringlich, der neben Sandrine stand.
Ginny nickte.
„Vielen Dank für alles", sagte sie dann schließlich doch.
Sie ließen die Festung hinter sich zurück, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Draco trug in etwa dieselbe Kleidung wie Ginny, nur dass das Oberteil grün war – er hatte darauf bestanden. In Anbetracht dessen, was Sandrine über das Wetter gesagt hatte, trug jeder von ihnen noch einen dicken und langen Lederumhang, den beide jedoch um die Hüften gebunden hatten – die Sonne schien, und es war heiß, wie bei ihrer Ankunft. Ein Zwischending aus Rucksack und Tasche hing auf ihren Rücken.
„Man kommt sich vor wie ein Packesel", murmelte Draco mürrisch.
„Du kannst deine Verpflegung ja liegen lassen", sagte Ginny kühl. „Meine kriegst du auf jeden Fall nicht."
Draco gab nur ein gereiztes Knurren von sich, würdigte sich jedoch nicht zu einer Antwort herab.
So trotteten sie schweigend nebeneinander her, beide mit den eigenen Gedanken beschäftigt.
Ginny begann sich bald zu langweilen, und begann im Geiste, verschiedene Zaubertrankzutaten aufzulisten.
Ein dumpfer Schlag ließ sie erschrocken aufblicken. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Draco die Waffe herausgeholt hatte, die Sandrine ihm gegeben hatte. Das Metall steckte nun zitternd im Holz eines Baumes, etwa zwanzig Meter von ihnen entfernt.
Sie war gegen ihren Willen beeindruckt.
„Das Ding hat eine ganz schöne Reichweite, oder?"
„Das war noch gar nichts", antwortete Draco überheblich. „Chakrim können bis zu hundert Meter geschleudert werden – wenn man es kann."
Ginny begann sich wieder zu ärgern.
„Aha. Dann demonstrier das doch mal."
Das überlegene Grinsen fror etwas ein. Ginny verstand sofort, was es zu bedeuten hatte.
„Du also nicht, wie?" fragte sie zuckersüß.
„Halt deine Klappe!" fauchte er zurück und zog das Chakra heftig aus dem Holz heraus. Dabei fiel es zu Boden.
Ginny wollte es aufheben, und ließ es dann hastig wieder los.
„Au!" Sie sah auf ihre Finger, drei davon waren von dem messerscharfen Rand eingeritzt und bluteten ein wenig „Wie kannst du das Ding in der Hand behalten?"
Draco kämpfte einen Moment mit sich, dann hob er das Chakra auf. Er hatte sichtlich keine Probleme mit den scharfen Rändern.
„Gib mir deine Hand", sagte er dann kurz.
„Was?"
„Los, Scrawny, ich reiß sie dir nicht ab. Gib schon her."
Ginny war zutiefst misstrauisch als er ihre Hand nahm und Zeige- und Mittelfinger sacht auf eine Kante des Metalls legten.
„Spürst du das?"
„Eine ... eine Erhebung? Aber ganz wenig."
„Leg den Daumen auf die andere Seite, und verrutsch nicht."
Er ließ los, und Ginny konnte das Chakra festhalten. Es war nicht halb so schwer, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie machte Anstalten, es zu werfen, aber Draco fiel ihr in den Arm.
„Denk nicht mal dran!" sagte er scharf. „Das sieht leichter aus, als es ist. Ich habe keine Chance, dir deine Finger wieder anzuzaubern, und von erster Hilfe halte ich sowieso nicht viel, also lass es fallen."
„Wie funktioniert das? Ich meine, in einer Schlacht oder bei einem Angriff kannst du doch nicht ewig nach der stumpfen Stelle suchen."
„Wenn man oft genug damit geworfen hat, weiß man es von ganz allein. Außerdem, für den Notfall und weniger geübte Werfer existieren spezielle Taschen – jedenfalls auf der Erde – damit man das Chakra sofort griffbereit hat."
„Darf ich mal fragen, woher ..."
„Nein."
„Du weißt ja gar nicht, was ich sagen will."
„Weiß ich wohl, und die Antwort ist nein, ich werde dir nicht erzählen, wer mir das beigebracht hat."
„Entschuldige, dass ich zu fragen gewagt habe!" Ginny schritt schneller aus, sie war schon wieder sauer.
Den Rest des Tages herrschte eisiges Schweigen zwischen den beiden.
AN: Ein Chakram – hier Chakra genannt – ist normalerweise etwas, dass viele vielleicht von Xena kennen, also ein Metallring, der, mit genug Kraft geschleudert, einiges zerstören kann und (zumindest bei Xena) den Effekt eines Bumerangs hat und zu seinem Besitzer zurückkommt. Das echte Chakram wurde von den Indern während der Kolonialzeit als Waffe benutzt..
In meiner Story differiert die Form und Machart, weil ich es gerne noch gefährlicher haben möchte – den Grund dafür werde ich in einer der folgenden Kapitel aufklären. Dracos Chakra ist eine dünne, runde Metallplatte, ganz leicht gewölbt und bis auf eine kleine Stelle rasiermesserscharf. Sie ist in der Mitte ein wenig dicker, um dadurch das spezifische Gewicht zu erhöhen. Der Bumerang Effekt entfällt – fällt mir sowieso schwer, daran zu glauben.
Na gut, zugegeben, die Idee ist ein bisschen geklaut, oder sagen wir mal, ausgeliehen. Falls jemand von euch Stephen King liest, wird er erkannt haben, dass dieses spezielle Chakra sehr viel Ähnlichkeit hat mit den Riza-Tellern aus der Geschichte „Der dunkle Turm – Wolfsmond" (sorry, Stephen, aber die Idee war zu gut, ich musste sie mir mal ausleihen)
Nur eins noch ... das Ding wird Draco und Ginny noch mal den Hals retten – buchstäblich.
