Ginny saß im Fuchsbau und sah aus dem Fenster. Hinter sich konnte sie ihre Mutter hantieren hören, und George und Fred stritten über etwas.

„Mum, ich habe so furchtbar geträumt", sagte sie leise.

Jemand trat hinter sie, und eine Hand legte sich auf ihre Schulter.

„Was hast du geträumt?" fragte Harrys Stimme, und seine Hand glitt sacht über ihren Oberarm. Ginnys Lippen waren trocken, als die andere Hand sich auf ihre Hüfte legte.

„Ist gar nicht wichtig", sagte sie dann heiser und schluckte.

Er drehte sie zu sich herum, und einer seiner Finger strich über ihre Lippen. Dann beugte er sich vor und küsste sie.

Ginny schloss die Augen und küsste ihn zurück. Für sie hätte das ewig dauern können, doch er löste sich und dann spürte sie seinen warmen Atem neben seinem Ohr.

„Wer sagt, dass ich dir vertrauen kann?"

Sie riss die Augen schlagartig wieder auf und sah in die ernsten, grauen von Draco Malfoy.

Ginny war wie erstarrt, als er seinen Mund über sie beugte und sie küsste, wie Harry sie zuvor geküsst hatte ...


Ginny fuhr heftig aus ihrem Traum hoch und keuchte entsetzt.

„Was, um Himmels willen ..."

„Himmels willen." Blossom neben ihr sah sie an. Die kleine Echse schien sich zu freuen, dass sie wieder beachtet wurde und hüpfte auf Ginnys Schulter. Der lange Schwanz wand sich um Ginnys Hals, aber mit Vorsicht, ohne sie zu würgen oder ähnliches.

„Habe ich das wirklich geträumt?" Ginny war immer noch fassungslos.

„Geträumt." Blossom schien zu nicken.

„Igitt, pfui Spinne." Sie spuckte auf den Boden und rieb sich dann über den Mund. „Ausgerechnet Malfoy!"

Dann fiel ihr ein, dass er vorhin aus dem Haus gerannt war. Sie beschloss nachzusehen, ob er sich abgeseilt hatte oder wieder zurückgekommen war.

„Komm mit, Blossom, mal sehen, ob Mr Tausendschön wieder da ist."

Blossom gab keinen Laut von sich, als ahnte sie, dass Ginny so leise wie möglich sein wollte.

Ihre Sorge war unbegründet. Draco lag vor dem Kamin, den er neu entfacht hatte, und hatte den Kopf in seinem Umhang vergraben, man konnte gerade noch zwei oder drei silberne Haarsträhnen erkennen.

Blossom wickelte seinen Schwanz von ihrem Hals und wollte von ihrer Schulter springen, aber sie hielt die Echse fest.

„Nicht, er wacht sonst auf. Komm wieder mit, er zertrampelt dich sonst, das trau ich ihm zu."


Draco erwachte am nächsten Morgen mit ziemlich starken Kopfschmerzen. Er verwünschte wieder die vermaledeite Echse und war in denkbar schlechter Laune.

Ginny schien noch zu schlafen, aber das war schließlich nichts Außergewöhnliches – Weasley hätte einen Sturmangriff verpennt.

Möglichst geräuschvoll erhob er sich. Hinter dem Haus hatte er gestern noch einen Brunnen gesehen, vielleicht hatten sie Glück und er war nicht ausgetrocknet.

Als er zehn Minuten später mit nassen Haaren wieder hereinkam, hatte sie sich immer noch nicht gerührt.

Draco seufzte ungeduldig und beschloss dann, sie notfalls hoch zuzerren.

Ginny lag auf dem Rücken. Bei seinem Eintritt erhob sich die Echse und kam auf ihn zugesprungen.

„Bleib mir vom Leib", sagte er unwirsch. „Scrawny, aufwachen!"

„Tausendschön", zirpte Blossom. „Geträumt!" Mit drei Hüpfern saß sie auf Dracos Schulter.

„Hey! Ich hab dir gesagt, du sollst dich verziehen!"

„Hey!" Die Echse hatte sichtlich Spaß an seinen Versuchen, sie abzuwehren.

„Weasley!" brüllte er noch lauter. „Dein Haustier nervt!"

Dann stutzte er und sah genauer hin. Ginny hatte sich nicht gerührt, und ihr Gesicht war beinahe so rot wie ihre Haare. Sie schwitzte stark, jetzt bewegte sie den Kopf von einer auf die andere Seite. Sie hatte scheinbar hohes Fieber.

„Na klasse, das auch noch!" Wütend griff er nach Blossoms Schwanz, aber die war auf der Hut und krallte sich in seine Schulter. „Aua! Hör auf, du verrücktes Vieh!"

„Draco?" sagte Ginny undeutlich. „Ich glaub, ich kann heute nicht weitergehen." Sie hustete erbärmlich.

„Merlin, das kann einfach alles nicht wahr sein! Blossom, du hörst jetzt auf der Stelle auf, oder du fliegst raus!" drohte Draco. Zu seinem Erstaunen ließ die Echse ihn auf der Stelle los und sprang auf den Boden.

„Blossom!" sagte sie deutlich. „Blossom. Raus." Damit huschte sie über den Fußboden und verschwand durch die Tür.

Draco sah ihr verblüfft hinterher.

„Hab's dir gesagt", krächzte Ginny müde. „Ist – ziemlich clever." Sie schloss die Augen wieder.

„Verdammt, Weasley, jetzt mach keinen Blödsinn, wenn du abkratzt, bin ich geliefert!"

„Wirklich, man könnte glauben, du sorgst dich um mich." Sie lachte heiser, was in einem erneuten Hustenanfall endete.

„Mann, mir bleibt auch nichts erspart!"

Kurzerhand hob er Ginny hoch.

„Was soll das?" protestierte sie schwach.

„Du wirst hier nicht den Abgang machen, klar?" Dracos Wut hatte den Punkt erreicht, wo ihm egal war, was er tat. Er trug sie hinüber in das kleine Wohnzimmer – nicht, dass es ihm schwer gefallen wäre, Scrawny wog nicht mehr als ein Sack Federn – und legte sie auf seinen Mantel, wobei er nicht unbedingt sanft vorging. Dann holte er ihren eigenen und wickelte sie darin ein.

„Ich geh raus, und sehe nach, ob ich irgendwas anderes finden kann", sagte er kurz.

„Was anderes?" Ginny sah benommen aus.

Das erneute Krachen der Tür war ihre einzige Antwort.


Ginny konnte sich an die nächste Zeit nur verschwommen erinnern. Sie schlief und träumte viel. Ein paar Sachen waren unvergesslich ... Voldemort steckte wieder in ihrem Körper, und sie sah sich Dinge tun, die sie anekelten und abstießen ... Harrys qualvoller Tod unter Tausenden von Todessern, die alle johlten und sich gegenseitig anfeuerten ... ein kleiner, blonder Junge, der verzweifelt schrie, während ihm das Blut über die Hände lief und jemand anders ihn trotzdem zwang, das Chakra wieder aufzunehmen ...

Irgendwann wichen die Fieberphantasien der Wirklichkeit, und sie blinzelte nach oben.

Ein sanftes Dämmerlicht herrschte vor. Sie lag immer noch in dem Häuschen, and das sie sich zuletzt erinnern konnte. Aber - Betten waren doch gar nicht da gewesen, oder? Warum fühlte sie sich dann, als würde sie auf einer weichen Matratze liegen?

Ginny richtete sich schwerfällig auf und sah sich müde um.

Eine dicke Lage von Gras und Stroh lag unter ihr, deswegen war es so weich, erkannte sie schließlich.

Ganz in der Nähe war Draco, in einer halb sitzenden, halb liegenden Haltung, seine linke Schulter lehnte am Kaminsims. Er döste vor sich hin, und Ginnys Lippen verzogen sich zu einem schwachen Grinsen, als sie sah, was auf seiner Schulter lag und den langen Schwanz um seinen Hals geschlungen hielt.

„Blossom", flüsterte sie heiser, und sofort hob die kleine Echse den Kopf.

„Scrawny!" quietschte sie erfreut.

„Oh, halt deine Klappe und lass mich endlich schlafen!" murmelte Draco, ohne die Augen zu öffnen. „Mistvieh."

„Mistvieh", wiederholte Blossom fröhlich. „Draco ... Scrawny!"

„Verdammt, du raubst mir meinen letzten Nerv. " Er gähnte und streckte sich, und blinzelte dann ebenfalls ins Licht. „Schlimm genug, dass Weasley ... Weasley!" Er starrte in ihre Richtung.

„Ich glaub, so heiße ich, ja", antwortete sie trocken.

Draco musterte sie noch einen Moment schweigend, dann schüttelte er sich, wie um einen Bann abzuwehren.

„Endlich", sagte er barsch. „Wir haben wegen dir schon zwei Tage verloren."

„Zwei ... zwei Tage?!" Ginny sah ihn entgeistert an, und machte dann Anstalten, aufzustehen.

„Liegenbleiben", kommandierte Draco zornig. „Was glaubst du, was du da machst? Das fehlte mir noch, dass du anfängst rumzurennen, und morgen wieder auf der Nase liegst!"

„Und wie lange soll ich deiner Meinung nach noch liegen bleiben, Herr Doktor?" Ginnys Stimme war spitz, obwohl sie wusste, dass er recht hatte. Besonders wohl fühlte sie sich immer noch nicht.

„Solange, bis du wieder gesund bist", fauchte Draco zurück. „Stell dich nicht so dämlich an! Autsch!"

Blossom hatte ihm kräftig den Schwanz ins Gesicht geschlagen und knurrte sogar.

„Jetzt fall du mir auch noch in den Rücken!" schimpfte Draco. „Sehe ich dich rumlaufen, Scrawny, wirst du gefesselt und geknebelt, ich schwör's!"

Ginny wusste nicht so recht, ob er das ernst meinte, und beschloss, es nicht darauf ankommen zu lassen. Zuzutrauen war es ihm.

Warum ausgerechnet ich? Hätte ihn das nicht treffen können?

Sie ahnte nicht, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft diesen Gedanken noch bereuen sollte.