Tatsächlich dauerte es noch ein paar Tage, bis Ginny sich wohl genug fühlte, wieder aufstehen zu können.
Blossom war ihr dabei ein willkommener Zeitvertreib, da Draco nur noch mit einem stocksauren Gesicht herumlief und kaum mal ein paar Worte an sie richtete. Ginny war überzeugt davon, dass die Echse alles andere als dumm war. Das einzige, was sie ihr nicht abgewöhnen konnte, war, von ihr ebenfalls „Scrawny" genannt zu werden.
Trotz allem hatte Blossom offenbar eine besondere Vorliebe für Draco gefasst, der das alles andere als lustig fand. Mehr als einmal konnte Ginny ihn fluchen hören, wenn Blossom mal wieder versuchte, ihm auf Schritt und Tritt zu folgen. Die Echse schien sich nicht daran zu stören, dass er sie immer wieder grob abwehrte, und das Wort „Mistvieh" nahm sie offenbar als Kompliment.
So ganz konnte Ginny nicht an seine heftige Abneigung glauben, nicht nachdem sie die beiden an dem Tag gesehen hatte, als sie endlich aus ihren Fieberträumen wieder aufgewacht war. Malfoy konnte, wenn er wollte, das Gras wachsen hören, und da wollte er nicht bemerkt haben, dass Blossom sich einfach so auf seiner Schulter niedergelassen hatte, noch dazu mit dem Schwanz um seinen Hals?
Slytherins sind gute Schauspieler.
Die Äußerung über Crabbe und Goyle hatte sie – genau, wie Draco befürchtet hatte – noch hellhöriger gemacht, zusammen mit ein paar anderen Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Die Tatsache, dass Lucius ihn einem Imperio unterzogen hatte um das Portal zu öffnen, eine beiläufige Bemerkung über den Herrn der Ringe ... Ginny hatte es zwar nicht selbst gelesen, aber sie wusste, in der Muggelwelt war es ein berühmter Roman. Muggel und Malfoy? Wie passte das zusammen?
Wer war Draco Malfoy wirklich?
Ginny war froh, als sie dem halbzerstörten Dorf endlich den Rücken zuwenden konnten. Blossom flitzte ihnen voraus, kam jedoch immer wieder zurück.
Draco sprach immer noch nicht sehr viel, aber er sah wenigstens nicht mehr wütend aus. Dann lachte sie innerlich über sich selbst - seit wann interessierte es sie, ob er sauer war? Das war ja scheinbar im Moment ein Normalzustand für ihn, jedenfalls ihr gegenüber.
Aber dieses ewige Stillschweigen begann ihr jetzt doch auf die Nerven zu gehen.
„Kann ich dich mal was fragen?" sagte sie so vorsichtig sie konnte.
Draco gab ein Knurren von sich, das sowohl ja als auch nein heißen konnte.
„Könntest ... würdest du mir beibringen, wie man so ein Chakra wirft?"
Er blieb so abrupt stehen, dass sie fast in ihn hineingerannt wäre.
„Sehe ich aus wie dein Privattrainer?" fragte er dann kalt. „Was willst du überhaupt damit bezwecken? Ich habe bloß das eine."
Einundzwanzig, zweiundzwanzig, ruhig bleiben, Ginny ...
„Und was ist, wenn du dir die Hand brichst? Und jetzt guck mich nicht so an, das liegt durchaus im Bereich des möglichen. Es ist die einzige vernünftige Waffe, die wir haben."
„Beide Hände auf einmal? Blödsinn."
„Malfoy, was um Himmels willen hast du für ein Problem?! Ich habe nicht gebeten, dass du vor mir niederkniest, sondern lediglich, mir etwas beizubringen, dass uns beiden von Nutzen sein könnte!"
„NEIN. Das ist ein Wort mit vier Buchstaben, Weasley, total simpel. Das müsstest selbst du verstehen."
Er ließ sie einfach stehen.
Nein, ich werde nicht ausflippen, er ist der Vollidiot, nicht du, bleib locker ...
Es nützte nicht allzu viel, Ginny kochte vor Wut. Warum zum Teufel versuchte sie es eigentlich überhaupt noch? Mit zusammengebissenen Zähnen setzte sie sich wieder in Bewegung.
Zu ihrer Überraschung wartete Draco ein paar hundert Meter weiter auf sie.
„Du hast deinen Standpunkt klargemacht, also lass mich in Ruhe!" fuhr Ginny ihn an.
„Nein, habe ich nicht. Hör mal, Weasley, ich verstehe was du meinst." Er klang, als müsste er sich zu jedem einzelnen Wort zwingen. „Aber ich werde dir das nicht beibringen, und dafür gibt es einen guten Grund."
„Der da wäre? Deine unglaubliche Sturheit?"
„Hör auf damit, damit machst du es nicht besser!"
Ginny stolperte zurück, sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass er ihr ins Gesicht schrie.
Draco kämpfte sichtlich darum, die Ruhe zu bewahren.
„Ich habe keinen Spaß gemacht, als ich sagte, ich könnte dir deine Finger nicht wieder anzaubern. Als mein ... als mir das jemand beigebracht hat, habe ich es dreimal geschafft, und einmal steckte das Chakra in meinem Oberschenkel. Willst du das Risiko eingehen? Du könntest verdammt noch mal verbluten!"
„Ich wäre ja auch vorsichtig", wagte Ginny einzuwenden, und er schüttelte wütend den Kopf.
„So funktioniert das aber nicht. Eine falsche Drehung, ein falscher Schritt, und du bist tot. War das jetzt deutlich genug für dich?!"
„Warum musstest du es lernen? Und wer hat dir das beigebracht, wenn es doch so gefährlich ist?"
„Weasley, ich werde dir diese Frage nicht beantworten, egal wie oft du es noch versuchst! Und jetzt lass uns diese Diskussion beenden, sonst kriegen wir uns gleich wieder in die Haare. Ich für meinen Teil habe heute die Schnauze voll davon."
Damit setzte er sich wieder in Bewegung.
„Das sind ja ganz neue Töne", murmelte Ginny, aber sie musste akzeptieren, dass das sein letztes Wort in dieser Angelegenheit gewesen war.
Ein paar Stunden später erreichten sie dann die steinernen Wälder.
Ginny sah sie zuerst, allerdings auch nur, weil Draco sich wieder seit geraumer Zeit mit Blossom auseinander setzte, die immer wieder versuchte, auf seine Schulter zu springen.
„Hey, siehst du das auch?" Sie zeigte nach vorne.
„Was?" Draco ließ einen Moment seine Deckung außer Acht, und das benutzte Blossom natürlich, um ihr Ziel zu erreichen. „Wenn sie so weitermacht, gibt es heute Abend Echsenfilet! Runter!"
„Jetzt hört doch mal auf, alle beide! Blossom, lass ihn in Ruhe, das hier ist wichtig!"
Die Echse sprang nach kurzem Zögern wieder auf den Boden und schniefte beleidigt.
„Merlin sei dank! Sie hat mein Oberteil zerrissen!" beschwerte sich Draco.
Ginny rollte die Augen gen Himmel.
„Hallo, spreche ich eine andere Sprache? Lasst eure Kindereien mal für einen Moment, guck lieber nach vorne!"
Draco murrte etwas, aber er sah in die Richtung, in die sie zeigte.
„Sieht aus wie ein Wald. Ich sehe Bäume."
„Ein grauer Wald?" Noch als sie es sagte, kam Ginny die Erkenntnis. „Das müssen die steinernen Wälder sein, von denen Sandrine gesprochen hat! Los, lass uns näher rangehen."
„Wenn du recht hast, müssen wir sowieso durchgehen."
Ginnys Vermutung war korrekt. Als sie am Waldrand ankamen, sahen sich die beiden zweifelnd an. Selbst Blossom verhielt sich ruhig und starrte aufmerksam darauf.
Es war beunruhigend still. Kein Lebewesen befand sich hier. Die Bäume, Pflanzen, Büsche, selbst das Laub bestand aus grauem, totem Stein.
„Das ist verdammt unheimlich, wenn du mich fragst", sagte Ginny, froh darüber, dass Blossom wieder auf ihrer Schulter saß.
„Hilft uns auch nicht weiter, wir müssen da durch. Gehen wir und bringen es hinter uns."
Ihre Schritte waren das einzige, was weithin zu hören war. Umso weiter sie sich vom Waldrand entfernten, umso dichter standen die Bäume. Es war bald eng genug, um Platzangst zu bekommen.
„Wer hat die Dinger wohl mal hierher geschafft? Ich meine, Stein kann doch nicht wachsen, oder?"
„Und der Atem Gottes strich über das Land, und alles, was er berührte, ward leblos und zu Stein für immerdar", sagte Draco halblaut.
„Was?"
„Ich hab's mal irgendwo gelesen, mir fällt gerade nicht ein, wo. Passt doch irgendwie, oder?"
„Leider viel zu gut." Ginny fröstelte. „Ob's wohl sehr weit ist?"
„Wenn ich die Karte richtig in Erinnerung habe, sind es drei oder vier Tagesmärsche."
„Na, super."
„Super." Blossom ahmte ihren sarkastischen Tonfall exakt nach.
In der Steinöde hatten sie keine Chance, abends ein Feuer anzuzünden. Sternen- und Mondlicht kamen nur vereinzelnd durch die mächtigen Baumkronen, und bald war es stockfinster.
„Wenn man das bloß vorher gewusst hätte. Schließlich hatten wir genug Möglichkeiten, an Fackelholz heranzukommen." Ginny ärgerte sich.
Draco, der irgendwo links neben ihr saß, schnaubte. Ein zweites Schnauben kam aus Blossoms Richtung.
„Sandrine muss es gewusst haben. Blossom, hör auf, an meinen Klamotten zu zerren! Aber ich wüsste nicht, dass sie uns gewarnt hätte."
„Ich denke nicht, dass sie uns absichtlich in die Irre geführt hat", sagte Ginny scharf.
„Habe ich nicht behauptet. Nur ..."
„Nur was?"
„Vergiss es. Du bist doch sowieso völlig davon überzeugt, dass sie uns nichts vorgemacht hat."
„Hat sie denn?"
„Das, was sie uns erzählt hat, entspricht mit Sicherheit der Wahrheit. Das Problem ist nur, ohne ein vollständiges Blatt ist das beste Kartenspiel sinnlos."
„Kapier ich nicht."
„Damit meine ich, sie hat uns gewisse Dinge vorenthalten. Wie das hier. Zuerst erreicht ihr die steinernen Wälder, das war alles, oder? Wenn ihr Dörfer erreicht, zeigt das Armband vor. Wir haben in der ganzen Zeit ein einziges gesehen, und das war zerstört, mit Sicherheit seit Monaten. Sandrine ist die große Gegenspielerin von Tanadryl, ihr untersteht das Heer der Menschen. Sie muss diese Dinge gewusst haben."
Ginny verfolgte mit den Augen einen dünnen Lichtstrahl, der es durch die Bäume geschafft hatte.
„Warum sollte sie so etwas tun? Was hätte sie davon?"
„Ich weiß es nicht. Aber ... irgendwas stimmt nicht. Wenn ich mir das ganze vorstelle, sehe ich immer wieder ein Schachbrett vor mir. Tanadryl auf der einen, und Sandrine auf der anderen Seite. Was ist, wenn wir einfache Bauern sind?"
„Sandrine würde uns nicht opfern!"
„Weasley, ohne deine Illusionen zerstören zu wollen, Sandrine kämpft für ihre eigene Sache, und das ist das Überleben der Festung und der Menschen. Ich will damit nicht sagen, dass sie uns absichtlich in den Tod schickt, aber wir wären ein gelungenes Ablenkungsmanöver."
Ginny dachte darüber nach.
„Wieso bist du dir so sicher?"
„Ich habe einfach ein schlechtes Gefühl dabei, das ist alles. Außerdem – wir wären durchaus zu verschmerzen. Wir kommen aus dem Nichts, und zwar aus der Heimat, aus der sie verstoßen worden ist. Schon bei unserem ersten Zusammentreffen hat sie gesagt, dass Tanadryl sehr interessiert an uns sein würde, erinnerst du dich?"
Sie krauste einen Moment die Stirn, dann nickte sie. Danach wurde ihr bewusst, dass er sie nicht sehen konnte.
„Ja. Wie lange denkst du schon darüber nach?"
„Seit wir von der Festung aufgebrochen sind. Sandrine hat ... ist ja egal, aber ich glaube, dass wir noch eine Menge Schwierigkeiten bekommen werden."
Ein längeres Schweigen trat ein.
Ginny zuckte zusammen, als etwas sacht ihre Hand berührte. Doch es war nur Blossom, die sich gemütlich an ihre Seite schmiegte. Sie strich über den kleinen Körper, und Blossom schnurrte, ihr Schwanz ringelte sich um Ginnys Hand.
„Draco?" fragte sie nach einiger Zeit.
„Ja, was?" Er klang nicht so, als hätte er schon geschlafen.
„Und was ist, wenn wir nie mehr zurückkommen? Was machen wir dann? Wenn die Geschichte von dem Portal eine Lüge gewesen ist?"
„Ginny, ich weiß es einfach nicht. Ich möchte hier genauso gern raus wie du. Vielleicht hat Sandrine wirklich nur mit aller Macht versucht, uns zu helfen, und ich spinne mir mein eigenes Komplott zurecht." Dracos Stimme klang bitter.
„Aber das glaubst du nicht."
„Nein. Irgendwas ... irgendwas ist faul. Es ist nur ein Gefühl, aber es wird jeden Tag stärker, den wir hier verbringen. Ich hab ´ne Menge Zeit gehabt, darüber nachzudenken, als du krank warst. Der Wald gibt mir eine weitere Bestätigung. Es wäre kein Problem für Sandrine gewesen, uns einfach darauf hinzuweisen, dass die Wälder wie ein gigantisches Stonehenge sind. Aber warum hat sie es nicht getan?"
„Wir können niemandem vertrauen, ist es nicht das, was du damit sagen willst?"
„Schnatz gefangen, Weasley. Wir dürfen uns nur gegenseitig vertrauen, und das ist schon schwer genug."
Ginny musste lächeln, ob sie wollte oder nicht.
„Stimmt."
