Sie brauchten vier Tage, um den Wald hinter sich zu bringen. Während der ganzen Zeit lag das drückende Schweigen auf ihnen, dass nicht einmal durch gezwungene Gespräche ganz vertrieben werden konnte.

Gerade, als Ginny anfing, sich Sorgen um ihren immer mehr schwindenden Wasservorrat zu machen, blieb Draco stehen.

„Der Waldrand. Wir haben es tatsächlich geschafft."

Ginny atmete erleichtert auf, als sie hinter ihm herging. Diese Erleichterung verging fluchtartig, als sie über die Ebene sah, die sich hinter den Wäldern auftat. Sie konnte nur mit Mühe einen Schrei unterdrücken, und ihre Augen waren riesengroß vor Schreck.

„Davon hat mit Sicherheit nichts im Reiseführer gestanden", murmelte Draco neben ihr. Er hörte sich an, als wäre ihm schlecht.

Ein breiter Weg führte durch die Ebene. Er wurde gesäumt von Holzkreuzen, an denen Skelette hingen. Weiter hinten konnte man Leichen entdecken, die noch nicht vollständig verfault waren. Jeder von ihnen, ob nun Skelett oder Leiche, hatte ein armlanges Schwert im Brustkorb stecken.

„Das sind so viele." Ginnys Stimme zitterte. „Und wir müssen an ihnen vorbei, oder?"

„Nur ein kurzes Stück. Ich wette, wenn wir dem Weg ganz folgten, dann würden wir nach Yorga kommen, und ich glaube, ich verzichte lieber auf einen Besuch beim König der Untoten. Ich habe meine Abendgarderobe vergessen."

„Wie kannst du jetzt auch noch Witze reißen?!" Ginny näherte sich bedenklich einem hysterischen Anfall. Auf der Schulter einer Leiche saß ein riesiger Vogel und hackte auf dem toten Körper herum.

„Es nützt uns kein Stück, wenn ich auch noch ausflippe", gab Draco kühl zurück. „Hör einfach auf, sie anzusehen, und guck auf den Boden."

Ginny versuchte, sich zu beruhigen, aber es fiel ihr schwer. Dann hob plötzlich einer der Leichen den Kopf und sah ihr ins Gesicht. Sie schrie, wich nach hinten aus und stolperte dann über Blossom, die auf dem Weg saß und die Zähne gefletscht hielt. Dann knallte sie mit dem Kopf auf etwas hartes, und alles wurde schwarz um sie herum.


Draco hatte sich genauso erschrocken wie Ginny, als die Leiche so urplötzlich zum Leben erwacht war, aber hatte mehr Glück als sie. Während sie mit dem Kopf auf einen der Steine prallte, die den Wegrand säumten, setzte er sich nur so hart auf seinen Hintern, dass der blaue Fleck bestimmt noch wochenlang zu sehen sein würde.

„Scrawny!" kreischte Blossom ängstlich und sprang auf sie zu.

„Es ist deine Schuld, du dämliches Mistvieh!" fuhr Draco sie an. „Weasley ... verdammt."

Er hatte sie umgedreht, und konnte nun eine Platzwunde auf ihrer Stirn erkennen. Sie war bewusstlos.

„Sind wir verflucht oder was?! Scheiße!"

Über ihm begann eine rostige Stimme zu kichern, und dann lauthals zu lachen. Es klang wie das schaurige Gekrächze eines Raben.

Draco zuckte zusammen, er hatte den Auslöser dieses Unfalls vorübergehend total vergessen.

„Muss ja irre lustig sein!" Er ließ sich jetzt nicht mehr von der Leiche beeindrucken, die die Augen geöffnet hielt und hämisch grinsend auf ihn heruntersah. Lebende Leichen hatten sie schließlich schon in der Festung gesehen, es war nur der Schreckmoment gewesen.

„Das ist es auch. Hübsch, deine Freundin, obwohl ein bisschen ungeschickt." Die Stimme war gierig. „Warum machst du mich nicht los, ich kann dir helfen, sie zu tragen."

„Ja, und mein Name ist Prinz der Dunkelheit. Für wie blöd hältst du mich?"

Außerdem ist sie nicht meine Freundin wollte er hinzufügen, aber in Anbetracht der Umstände verkniff er es sich.

„Ich kann euch sicher durch die Sümpfe bringen, ich kenne Pfade, die euch sonst keiner zeigen kann. Mach mich los!"

Blossom, die sich wieder auf seine Schulter gehangelt hatte, fauchte die Leiche an. „Los nein!" zischte sie dann.

„Keine Sorge, Blossom. Es gibt mit Sicherheit einen Grund, warum er hier hängt."

„Das war ein Versehen!" winselte der Untote. „Sie haben mir keine Chance gegeben, zu erklären, warum ich die Menschen verbrannt habe! Und es waren nur vier, völlig wertlos!"

Dracos Augen verengten sich bedrohlich.

„Und ich soll dir vertrauen? Schönen Tag noch!"

Damit drehte er sich um und warf sich Ginny wie einen Sack über die Schulter.

„Ich weiß sogar, was du dagegen tun kannst." Die Stimme war nun lauernd.

„Du kapierst es nicht, ich werde dich erst losmachen, wenn es in der Hölle schneit."

„Ach wirklich? Dann sieh dir mal deinen Arm an – und ich würde genau hinsehen."

Draco wollte ihm eine höhnische Antwort geben, aber die blieb ihm im Hals stecken, als er den Ärmel nach oben schob, auf seinen linken Arm sah und entdeckte, was der Untote meinte.

„Malateras, Blondie. Du hast noch genau zweieinhalb Tage, und dann wirst du freiwillig nach Yorga gehen."

Zwei dunkle Flecken wanden sich schlangengleich über die Haut. Draco fragte sich, wie er sie hatte übersehen können – und wie zum Teufel er sich angesteckt hatte.

„Niemand weiß, wie Malateras sich überträgt", sagte der Untote, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Man sagt allgemein, der Wind war schlecht. Manche kriegen es, und manche nicht."

„Wie werde ich es wieder los?" Draco war wie vor den Kopf geschlagen, und legte Ginny ab. Hastig sah er sich ihre Arme an, aber Ginny war okay.

„Nein, Süßer, erst machst du mich los, dann verschwinden wir möglichst weit weg von hier, und dann werde ich dir erzählen, wie man es heilen kann."

„Ich bin nicht dein Süßer, und wer sagt, dass du es mir verrätst, wenn ich dich erst mal da runtergeholt habe?"

„Keiner. Aber sonst wird dir niemand helfen können." Die Augen der Leiche funkelten bösartig.

„Draco. Los. Nein!" Blossom wurde immer aufgeregter.

„Blossom, mir gefällt das genauso wenig wie dir, aber ich will nicht sterben." Draco spürte, wie ihm Panik den Rücken hoch kroch, und er versuchte sie zu verdrängen.

„Also gut." Es gab keinen anderen Ausweg aus dieser Zwickmühle. Draco nahm den Dolch, den vor einigen Wochen aus der Knochenschlucht mitgenommen hatte, und fing an, die Lederriemen zu zerschneiden, mit denen der Untote ans Kreuz gefesselt war. Vorher zog er das Schwert aus seiner Brust.

Die Leiche beobachtete ihn mit einem Grinsen.

„Keine Sorge. Ich werde euch nicht anrühren, und ihr werdet mit meiner Hilfe zufrieden sein."

Genau DAS wage ich zu bezweifeln.


Ginnys Kopf hämmerte. Als sie die Augen öffnete, sah sie den Erdboden, der unter ihr langsam vorbeizog. Boden? Wieso hing sie kopfüber von ... Draco?!

„Ich glaube, deine Freundin wacht auf." Diese Stimme war ihr gänzlich unbekannt und hörte sich wenig angenehm an. „Ich helfe dir."

„Nicht nötig", knurrte Draco und legte Ginny ins Gras. „Lass deine untoten Pfoten von ihr."

Ginny blinzelte und befühlte dann ihre Stirn.

„Weasley? Alles klar?"

„Ja, nur Kopfschmerzen. Was ist denn pass..." Sie brach ab als sie die zweite Gestalt sah, die ein paar Schritte hinter Draco stand. „Wer ist das?"

„Tyron, kleine Lady", sagte der Untote und grinste. „Dein Freund war so nett und hat mich befreit."

„Er ist nicht mein ..."

Draco nahm ihre Hand um sie hochzuziehen. Dabei schüttelte er warnend den Kopf, aber so, dass Tyron ihn nicht sehen konnte.

Ginny realisierte jetzt erst, was der Untote gesagt hatte.

„Du hast ihn befreit? Malfoy, bist du IRRE geworden?!"

„Er hatte sozusagen keine Wahl", sagte Tyron und lächelte raubtierhaft.

Ginny schauderte, als sie sah, wie die toten Augen sie mit fast krankhafter Gier von oben bis unten musterten.

„Du entschuldigst uns doch mal, oder?"

Sie packte Draco am Ärmel und zog ihn ein paar Meter weiter.

„Spinnst du eigentlich?! Der Typ wird uns entweder abschlachten oder Tanadryl ausliefern!"

„Lass meinen Arm los, Scrawny, dann zeige ich dir, warum ich keine Wahl hatte!" zischte Draco zurück. „Deswegen!"

Ginny sah auf seinen Arm und schrak zusammen.

„Das ... das ist doch nicht .."

„Doch, verdammt! Er hat es eher gewusst als ich, und er weiß, wie ich es wieder loswerde, bevor ich auch anfange, vor mich hinzufaulen!"

„Malfoy, glaubst du denn wirklich, er wird dir das erzählen? Wer von uns ist jetzt naiv?"

„Und was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen? Mir rennt die Zeit weg!"

„Vielleicht ein Dorf ..."

„Vielleicht? Vielleicht?" Draco schrie jetzt. „Ich will nicht sterben, und schon gar nicht als wandelnde Leiche enden! Und wenn ich tot bin, wirst du hier auch krepieren! Also hältst du jetzt endlich deine dämliche Klappe!"

Ginny erkannte, dass er kurz vor einer Panik stand. Und sie wusste, er hatte Recht.

„Wirklich, Draco, das habe ich nicht so gemeint, es tut mir leid."

„Vergiss es." Draco versuchte tief durchzuatmen und nachzudenken. „Halt dich von ihm so weit es geht fern. Ich traue ihm kein Stück, wenn dich das beruhigt. Er denkt, wir sind zusammen, und meiner Meinung nach tust du dir keinen Gefallen, wenn du ihn korrigierst."

„Aber ich muss keine Show mit dir abziehen, oder?" Der Gedanke bereitete Ginny einiges Unbehagen.

Draco sah entsetzt aus und schüttelte heftig den Kopf.

„Man muss es ja nicht gleich übertreiben."

„Seid ihr fertig mit eurem kleinen Liebesgeflüster? Wenn ja, beeilen wir uns, dass wir weiterkommen. Wir sitzen hier etwas auf dem Präsentierteller!" flötete Tyron, der näher herangekommen war.

Draco biss die Zähne zusammen.

„Gehen wir besser. Wir müssen von der Ebene runter, er hat recht, man kann uns meilenweit sehen."


„Wo ist eigentlich Blossom?" fragte Ginny nach einiger Zeit.

„Jetzt, wo du's sagst – ich habe sie das letzte Mal gesehen, als wir an den Kreuzen standen."

„Scyros und Untote vertragen sich nicht allzu sehr. Euer Kuscheltier wird abgehauen sein." Dam kam von Tyron.

„Scyro?" wiederholte Ginny.

„Die Flammenechse, ein Scyro. Du weißt verdammt wenig, Süße." Er lächelte sie schleimig an. „Aber das macht nichts, du siehst durchaus lernfähig aus."

Ginny schluckte.

Draco legte ihr einen Arm um die Schulter und sah Tyron kalt an.

„Lass Ginny zufrieden, sie steht nicht auf Typen wie dich. Und ich kann's nicht leiden, wenn man so mit ihr spricht."

Ginny musste lachen, ob sie wollte oder nicht. Das aus Dracos Mund zu hören war die Sache schon fast wieder wert.

„Wie weit müssen wir noch gehen, damit du endlich den Mund aufmachst?" fragte Draco gereizt und nahm die Hand wieder von ihrer Schulter. Er wusste genau, warum sie gegrinst hatte.

„Nur die Ruhe, junger Lord. Noch ein oder zwei Stunden, dann sind wir erst mal in Sicherheit."

„Ich bin die Ruhe in Person." Dieser Satz stand im krassen Gegensatz zu Dracos wutfunkelnden Augen.


Hinter der Ebene begann ein kleiner Wald, diesmal einer mit richtigen Pflanzen, und auch einige Lebewesen raschelten im Unterholz. Die Dämmerung brach rasch ein.

Ginny sah sich nach Wasser um, während Draco Tyron im Auge behielt.

„Alles klar, da hinten ist ein Bach. Tyron, jetzt sag uns endlich, wie Draco das Malateras behandeln muss."

„Sicher." Der Untote grinste, und er spielte mit einem Ast, den er schon vor geraumer Zeit aufgehoben hatte. „Es ist recht schmerzhaft. Verdammt, was ist das?" schrie er plötzlich und deutete in die Schatten.

Draco und Ginny fuhren herum, und der Slytherin zog das Chakra.

„Ich sehe nichts!" sagte er dann zornig.

„Nein, denn du gehst jetzt schlafen. Gute Nacht."

Damit schlug ihm Tyron den Ast mit voller Wucht auf den Hinterkopf. Draco fiel mit einem dumpfen Schlag auf die Erde.

Ginny schrie wütend und sprang auf Tyron zu. Der hielt sie auf eine Armlänge weg und musterte amüsiert, wie sie zornig versuchte, ihm die Augen auszukratzen.

„Nun beruhig dich mal, Süße. Er wird schon wieder aufwachen."

„Warum hast du das gemacht?" schrie Ginny. Sie hatte Angst, war aber entschlossen, bis zum Äußersten zu kämpfen.

Tyron kicherte hämisch.

„Soll ich dir erzählen, wie man Malateras heilt, Süße? Man muss nur die Flecken aus dem Arm herausschneiden. Glaubst du, er hätte still gehalten?"

„Was?" flüsterte Ginny schreckensbleich. „Du lügst!"

„Wenn du meinst ... dann krepiert er halt. Tanadryl ist bestimmt begeistert, wenn er in seine Reihen kommt. Er steht auf blonde Jungs, wenn du verstehst, was ich damit sagen will."

Ginny war ganz übel.

„Und du willst jetzt ... Wird er nicht von den Schmerzen wieder aufwachen?"

„Oh, das wird er, da bin ich mir sicher. Deswegen wirst du mir jetzt helfen, ihn zu fesseln."

„Kommt ja gar nicht in Frage!"

Er packte grob ihre Schulter, und Ginny zuckte zusammen.

„Du musst aufwachen, Süße! Ich kann ihn nicht gleichzeitig festhalten und mich mit seinem Arm beschäftigen. Oder willst du das etwa machen? Wenn er Glück hat, erwischst du gleich die Pulsader, und dann ist sowieso alles vorbei."

Das muss einfach ein Alptraum sein.


Tyron fesselte Draco mit Lederbändern, die er von den Kreuzen mitgenommen hatte. Der Slytherin stöhnte unterdrückt, wachte aber nicht auf.

Ginny stand daneben und wünschte sich verzweifelt, das ganze verhindern zu können.

„Such mir einen Stock oder so was, möglichst glatt", sagte Tyron kurz.

„Wozu?"

„Damit er sich nicht auf die Zunge beisst, deswegen."

Ginny dachte einen Moment nach und reichte ihm dann ihren nutzlosen Zauberstab.

„Nimm den hier."

„Was ist das für ein Ding?"

„Kann dir doch egal sein."

Tyron richtete sich auf, griff dann blitzschnell nach ihren Haaren und drehte den Kopf in seine Richtung.

„Dir fehlt's an nötigem Respekt, Rotschopf", sagte er dann mit beißendem Spott. „Ich glaube, du musst noch einiges lernen. Soll ich es dir beibringen?"

„Draco bringt dich um", krächzte Ginny und versuchte, sich loszureißen.

„Im Moment wohl eher nicht." Tyron ließ sie los. „Aber wir haben ja noch viel Zeit, oder?"

Er blinzelte ihr zu und zog dann die Fesseln kräftig an.

„Fertig. Willst du zugucken, Süße, wie dein Freund sich gleich die Lunge aus dem Hals schreit?"

„Du genießt das, oder?" fragte Ginny zornig.

„Klar, ich mag Blut." Er leckte sich über die verfaulenden Lippen. „Besonders das von anderen Leuten."

Er zog ein Messer mit einer etwa fünfzehnzentimeterlangen Klinge aus seinem Umhang.

Ginny fragte sich flüchtig, warum diejenigen, die ihn an das Kreuz gebunden hatten es ihm nicht weggenommen hatten.

Dann machte Tyron den ersten Schnitt, und Dracos Augenlider schossen abrupt in die Höhe. Er schrie, was sich gedämpft anhörte, weil er immer noch Ginnys Zauberstab im Mund hatte.

Tyron setzte ab, und Draco spuckte den Zauberstab aus, seine Augen funkelten hasserfüllt.

„Was machst du da? Mach mich sofort ... aaah, hör auf, was machst du da?!"

„Ich an deiner Stelle würde das Ding lieber im Mund behalten, draufbeißen funktioniert ganz gut", sagte Tyron gelassen. „Nein? Dann nicht."

Wieder zog er die Klinge über Dracos Arm. Ginny konnte sehen, wie der Slytherin alle Muskeln spannte um die Fesseln zu zerreißen, aber das Leder hielt. Er schrie gellend.

Zwischen zwei Schnitten sah Draco auf, und er begegnete Ginnys Blick.

„Du lässt das zu?" kreischte er sie an. „Halt ihn auf, er bringt mich um!"

„Er bringt dich nicht um." Ginny liefen die Tränen übers Gesicht. „Malateras kann nur so entfernt werden, man muss die Flecken herausschneiden."

„Und das hast du ihm geglaubt?! Ich schwör dir, Scrawny, ich bringe dich eigenhändig um, ich werde mit dem Chakra jedes Körperteil einzeln abhacken, während du zusiehst!"

Wieder ein Schnitt, und Draco heulte auf und warf den Kopf zurück.

Tyrons Hände waren mittlerweile von oben bis unten mit Blut verschmiert.

„Nicht nett, deiner Freundin so was an den Kopf zu werfen", sagte er fast fröhlich.

„Sie ist nicht meine verdammte Freundin!" kreischte Draco. Seine Stimme wurde immer schriller. „Wer würde so was als Freundin haben wollen? Sie kann nicht mal auf ihre Feinde Acht geben!"

„So, ist sie nicht?" Tyron warf Ginny einen Blick zu, der das Blut in ihren Adern gefrieren ließ. „Dann kann ich sie mir doch sicher mal ausborgen, was meinst du?"

„Mach mit ihr, was du willst, aber lass mich endlich los!" Draco begann nun zu schluchzen. „Mach mich los, hör auf damit!"

„Sorry, du wolltest es so. Sind nur noch zwei oder drei kleine Piekser."

Ginny konnte das alles plötzlich nicht mehr ertragen, drehte sich auf dem Absatz um und rannte davon. Sie weinte heftig.

Auch jetzt noch konnte sie Dracos Schreie hören.


„Schon fertig." Tyron wischte sich die Hände einfach in Dracos Umhang ab. „Du kannst noch ein bisschen weiterleben, Blondie. Hast es hinter dir, Malateras kriegt jeder nur ein einziges Mal."

Dracos Augen waren glasig, und er reagierte überhaupt nicht auf Tyrons Worte.

„Kann dich noch nicht losmachen, Süßer, das wirst du sicher verstehen. Wär nicht gut für deinen Arm wenn du dich drauflegst. Und jetzt werde ich mal nachsehen, wo deine kleine Freundin abgeblieben ist. Ach ja, ich vergaß ... sie ist ja nicht deine Freundin. Noch ein Grund, dich erst mal an der Leine zu lassen."

Tyrons Augen funkelten.


Draco fühlte sich, als wäre er in einer lebendigen Hölle gefangen. Sein Arm kreischte vor Schmerzen, und bewegen konnte er sich aufgrund der Fesseln auch nicht.

Er erinnerte sich kaum daran, was er Ginny entgegengeschrieen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hätte er sogar ohne weiteres Voldemort ins Gesicht gespuckt, wenn es ihm geholfen hätte, den Schmerzen zu entfliehen.

Nur langsam fand er in die Wirklichkeit zurück. Die wahnsinnigen Wundschmerzen waren immer noch da, aber sein Kopf wurde endlich wieder klarer.

Tyrons Art und Weise war mit Sicherheit das Letzte gewesen, aber auf der anderen Seite brauchte er nun nicht mehr zu befürchten, letztendlich in Yorga zu landen, mit einem verzückten Blick auf Tanadryl.

„Hey", brachte er mühsam hervor und drehte den Kopf. „Ich bin wieder okay, ihr könnt mich jetzt losmachen."

Es kam keine Antwort. Um ihn herum war es still, und niemand sonst war in der Nähe.

„Scrawny?"

Dann erstarrte er, als er ganz aus der Nähe einen verzweifelten Schrei hören konnte. Es war eindeutig Ginnys Stimme.

„Was zum ..." Plötzlich konnte er sich wieder an Tyrons Worte erinnern. „Oh verdammt. Verdammt, warum konnte ich meine Klappe nicht halten?!"

Er versuchte erneut, die Fesseln zu zerreißen, aber die hielten immer noch tadellos.

„Auch wenn sie nicht meine Freundin ist, heißt das noch lange nicht, dass du sie einfach vergewaltigen kannst, du Sohn einer Ratte. Verdammter MIST!" schrie er wütend.

„Mistvieh", sagte eine Stimme direkt neben seinem Ohr.

Draco verrenkte sich den Hals.

Blossom saß neben ihm auf den Hinterbeinen und sah ihn neugierig an. Dann schnüffelte sie.

„Malateras", sagte sie dann deutlich. „Blut. Messer."

„Woher kennst du diese Wörter? Wir haben sie dir mit Sicherheit nicht beigebracht!"

„Scrawny." Blossom amte das Geräusch eines Niesens nach.

Wie als Antwort schrie Ginny erneut.

„Blossom, kannst du diese dämlichen Fesseln irgendwie losmachen?" Draco ruckte wieder daran. Der Gedanke war lächerlich. Bis Blossom die Lederriemen durchgekaut hatte, würde Tyron Ginny umgebracht haben.

Blossom machte auch keine Anstalten, sondern hüpfte weg.

„Nicht doch! Bleib hier ... au, verdammt." Sein Arm vibrierte wieder vor Schmerzen.

Plötzlich spürte er, dass sich die Fessel um sein rechtes Handgelenk lockerte. Dann fiel sie ganz ab.

„Das gibt's ja gar nicht."

Die zweite Fessel fiel, und er konnte sich schwankend in eine halb aufrechte Position bringen. Noch war sein linker Oberarm festgezurrt, und beide Beine, aber dennoch konnte er sehen, was das plötzliche Wunder bewirkt hatte.

Draco bekam kugelrunde Augen. Blossom hatte das Chakra zwischen Zähnen, genau an der stumpfen Stelle. Eben durchtrennte sie damit den Riemen um seinen linken Fuß.

„Scrawny!" quiekte sie ungeduldig. „Draco – Scrawny!"

„Da hast du verdammt recht."


Ginny saß vor dem kleinen Bach, die Hände vor die Augen gepresst, und weinte immer noch. Sie merkte nicht, dass Tyron die Lichtung betrat.

„Ich glaube, wir müssen noch etwas zuende diskutieren", sagte er laut, und Ginny fuhr hoch.

„Fass mich nicht an, ich warne dich", sagt sie kalt, aber Angst stieg in ihr hoch. „Ich bin schon mit schlimmeren Typen als dir fertig geworden."

„Ach, wirklich?" Tyron grinste, während er weiter auf sie zu kam. „Dein Freund ... entschuldige, dein Feind liegt zusammengeschnürt da hinten irgendwo, und ich bezweifele auch sehr stark, dass er dir zu Hilfe kommen wird, nach dem, was ich gehört habe."

„Wenn irgendjemand mit dem Messer an mir rumschneidet, würde ich auch eine ganze Menge Blödsinn schreien", entgegnete Ginny kalt.

Sie nahm ihren Mut zusammen und wollte an Tyron vorbeigehen, doch der packte ihre Hand und zog sie an sich heran.

„Wem machst du was vor, Süße? Der steht nicht auf dich – was ich persönlich überhaupt nicht verstehen kann."

„Lass mich sofort los! Du bist ekelhaft!"

„Das hat die Kleine auch gesagt, die als letztes mit mir zusammen war", sagte er versonnen, während er sie festhielt. „Ich habe ihr die Zunge herausgeschnitten, damit sie mich nicht weiter beleidigt. Ich meine, das ist doch unhöflich, oder?"

Ginny schlug zu und mit einem Klatschen traf ihre Faust sein Gesicht.

„Lass mich in Ruhe!" fauchte sie.

Tyron schlug zurück, und mit solcher Kraft, dass Ginny nach hinten geschleudert wurde und auf dem Boden landete. Er war sofort über ihr und presste sie auf die Erde.

„Menschen sind immer so furchtbar unhöflich!" Der Wahnsinn stand in seinen Augen, als Ginnys Hände nach unten drückte, während sie sich verzweifelt wehrte.

Ginny schrie, und er schlug ihr wieder ins Gesicht.

„Halt den Mund, und wehr dich nicht so, dann tut es auch nicht weh." Tyron war siegessicher. „Ich hatte schon ewig keine Menschenfrau, nicht, nachdem ich der kleinen Schlampe mit meinem Schwert den Kopf von den Schultern geschlagen habe."

Ginny biss zu, als versuchte, die stinkenden Lippen auf ihre zu legen. Das brachte ihr noch einen Schlag ein, und ihr Kopf prallte auf den harten Boden.

Sie hörte sich selbst schreien, während Tyron den Stoff ihres Oberteils zerfetzte.

Bitte, nein. Merlin, nein. Kann mir denn niemand helfen?

Ein Fauchen erhob sich plötzlich, und Tyron ließ sie abrupt los. Es war ein überaus lautes Geräusch, und es schien aus allen Richtungen zu kommen.

Dann sprang etwas aus den Schatten auf den Untoten zu, und ein heiserer Schrei entrang sich dessen Kehle.

Ginny sah mit neu aufkeimender Hoffnung, dass Blossom beißend und kratzend in seinem Gesicht hing.

Der Untote fluchte und schleuderte die Echse auf den Boden. Dann wollte er wieder auf Ginny zukommen, als etwas rasant schnelles durch Ginnys Blickfeld gefegt kam. Tyron erstarrte und griff nach seinem Hals. Sein Blick war immer noch fassungslos, als sein Kopf einen unmöglichen Winkel einnahm und dann mit einem eklig schmatzenden Laut neben Ginny im Sand landete. Sein kopfloser Körper blieb noch einen Moment stehen und stürzte dann in sich zusammen.

Blossom kreischte besorgt und landete auf Ginnys Oberkörper, wo sie besorgt zu schnuppern anfing.

„Ich bin okay", murmelte Ginny, immer noch total benommen. „Blossom, wie hast du das gemacht?"

„Draco – Chakra!"

„Teufel auch, Weasley! Ginny, bist du in Ordnung?"

Jemand fiel neben ihr in den Sand und griff nach ihren Schultern, um sie aufzurichten.

Ginny starrte erst Draco an, und dann Blossom. Das Bild verschwamm, als sich ihre Augen erneut mit Tränen füllten, und erschöpft lehnte sie sich an den Slytherin, während Blossom auf ihre Schulter sprang.

„Wenn ich je eine Rettung in der letzten Sekunde gesehen habe, dann war das diese hier", schluchzte sie. „Draco, er hat ... er wollte ..."

„Ich weiß. Er kann dir nichts mehr tun, er ist tot – endgültig."

„Tot!" sagte Blossom triumphierend.

Ginny lächelte unter Tränen.

„Draco, es tut mir so leid."

„Hör auf. Was sollte dir denn leid tun?"

Draco hob sie kurzerhand hoch, während Blossom auf ihrer Schulter sitzen blieb und sanft schnurrende Laute von sich gab.

„Ich hätte ihn aufhalten sollen. All das Blut, und du weißt nicht, ob du deinen Arm je wieder richtig benutzen kannst ..."

Es war unglaublich, aber Draco begann leise zu lachen.

„Scrawny, was wäre denn die Alternative gewesen? Eigentlich müsste ich mich bei dir entschuldigen. Schließlich war ich es, der Tyron auf deinen Hals gehetzt hat. Und der Arm wird schon wieder."

„Wieder!" wiederholte Blossom und schien zu nicken.

„Wenn du willst, kannst du richtig nett sein", murmelte Ginny, während er sie durch den Wald trug.

„Stimmt, und ich will gerade. Aber lass das nicht zur Gewohnheit werden."

„Fällt mir nicht im Traum ein. Mit wem soll ich mich denn sonst streiten?"