Ginny fuhr aus einem Alptraum hoch, in dem Tyron wieder versuchte, sie zu vergewaltigen und sah wild um sich. Blossom, die neben ihr gelegen hatte, richtete den kleinen Kopf auf und quiekte fragend.
„Schon gut, war nur ein Traum. Schlaf weiter", sagte sie leise, und sah sich dann um.
Drei Tage waren nach der Konfrontation mit Tyron vergangen, und sie hatten möglichst viel Abstand zwischen sich und der Kampfstelle gebracht. Draco hatte nicht viel Worte verloren, aber er wirkte seitdem ziemlich nachdenklich.
Ihr Blick schweifte unwillkürlich zu dem Slytherin hinüber. Der lag auf der Seite und hatte den verletzten Arm soweit wie möglich von sich gestreckt.
Die offene Wunde heilte nur langsam, und obwohl er keine Silbe darüber verlor, wusste sie, dass es verdammt wehtun musste. Innerlich war sie ziemlich überrascht, dass er keinerlei Aufhebens davon machte. Ginny hatte noch lebhaft im Gedächtnis, was passiert war, als Seidenschnabel ihn damals gebissen hatte.
Eben drehte er sich auf den Rücken und stöhnte unterdrückt. Sie konnte hören, dass er etwas vor sich hinmurmelte.
Blossom trippelte über die Lichtung und kletterte dann vorsichtig auf Dracos Brust, um sich dort wieder zusammenzurollen. Der Slytherin knurrte unwillig im Schlaf, machte jedoch keine Anstalten, den Scyro zu vertreiben.
Ginny seufzte und legte sich zurück. Sterne schimmerten durch die Baumkronen, und dann und wann konnte man eine Sternschnuppe beobachten.
Wenn wir je wieder nach Hause kommen, glaubt uns doch kein Mensch, was wir alles erlebt haben.
„Siehst du auch, was ich sehe?"
Ginny blieb stehen und starrte nach vorne.
„Ich glaub's ja gar nicht." Auch Draco sah verblüfft aus. „Eine ganze Stadt – ich sehe sogar Menschen!"
„Merlin sei dank. Dann können wir jetzt endlich unsere Vorräte auffrischen."
Ginny wollte sich in Bewegung setzen, aber er packte nach ihrer Schulter.
„Was ist? Beeilen wir uns!"
„Ich wollte dich nur daran erinnern, dass wir vorsichtig sein sollten."
„Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?"
„Das soll ganz einfach heißen, dass wir nicht wissen, was uns erwartet", gab Draco gereizt zurück. „Ich bin nicht so weit gekommen, um hier vielleicht gelyncht zu werden."
„Eins sage ich dir, du leidest mittlerweile unter Verfolgungswahn!" Ginny schüttelte wütend seine Hand ab und marschierte auf das Dorf zu, Blossom auf der Schulter.
Draco verdrehte die Augen und folgte ihr dann.
Viele neugierige Blicke trafen sie, als sie auf der Hauptstrasse entlang gingen. Die Menschen hörten auf zu reden und starrten sie an.
Draco fühlte sich unbehaglich, und Ginny ging es nicht anders.
Dann trat ihnen jemand in den Weg, und sie blieben stehen.
„Freunde oder Feinde der Festung?" sagte eine kalte Stimme. Es war ein dunkelblonder Junge, sicher nicht viel älter als Draco und Ginny, aber Befehlsgewalt lag in seiner Stimme. Sein Blick war beunruhigend, und Ginny brauchte einen Moment, um zu erkennen, warum: er hatte zwei verschiedenfarbige Augen, eines war braun, das andere blau.
„Freunde", antwortete Ginny laut. Sie zog den Armreif aus ihrer Tasche. „Den gab uns die Herrin der Festung."
Der Junge sah auf den Armreif.
„Wer seid ihr? Man sieht selten Menschen jenseits der Leichenstraße."
„Und wer bist du?" schnappte Draco zurück.
Der andere sah ihm kühl ins Gesicht. Ihre Blicke bohrten sich ineinander.
„Mein Name ist Maynew. Ich habe den Oberbefehl über Falínga, dessen Boden ihr gerade betreten habt. Wir sind die einzige Stadt im Grenzland."
„Ich bin Ginny, und das ist Draco. Wir sind auf dem Weg in die Totenstadt."
Maynew musterte Ginny intensiv, dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Freunde der Festung sind auch unsere Freunde. Womit können wir euch helfen?"
„Vorräte wären ganz gut", sagte Draco beherrscht. Ihm gefiel der Blick nicht, der zwischen Maynew und Ginny hin und her ging. „Und eine Wegbeschreibung."
„Die Totenstadt, ja? Ihr seid in einem sehr unpassenden Moment gekommen, der Weg durch die Sümpfe ist derzeit undurchschreitbar. Der Filá, der große Wind ist darüber aufgekommen, und ihr würdet sterben, noch ehe ihr drei Fuß weit gekommen wärt. Die Geister sind zornig. Von der größten Außenmauer kann ich euch zeigen, was ich meine."
„Und was heißt das im Klartext?" Draco stampfte ungeduldig mit einem Fuß auf.
„Seid unsere Gäste, bis der Filá sich gelegt hat, und seid versichert, es ist nur zu eurem Besten. Ich kann euch die Gastfreundschaft unseres Volkes anbieten, wenn ihr wollt."
„Was stört uns ein bisschen Wind?" Draco war noch nicht bereit, aufzugeben.
„Der Wind hat die Stärke von zehn Mann, und er ist schneidender als ein Schwert. Er überkommt die Sümpfe immer um diese Zeit des Jahres, und er ist unberechenbar." Er sah aus, als wollte er noch etwas sagen, beließ es dann aber dabei.
Ginny sah betroffen aus.
„Wie lange dauert das? Ich meine, um welche Zeitspanne kann es sich handeln?"
Maynew zuckte mit den Schultern.
„Drei Tage oder drei Wochen, niemand kann das vorhersagen."
„Sagen", stimmte Blossom ihm zu und peitschte mit ihrem Schwanz.
Maynews Augen richteten sich neugierig auf die kleine Echse.
„Ein Scyro, der mit euch spricht? Das ist selten, normalerweise reden sie nicht viel."
„Sie redet genug für uns beide", sagte Ginny und lächelte. „Draco? Bleiben wir hier?"
„Uns bleibt scheinbar nichts anderes übrig." Draco sah verbissen drein. „Aber ich will mich erst selbst davon überzeugen."
„Willkommen in Falínga." Maynews Lächeln galt ganz allein Ginny.
Ein Blick von der Außenmauer, und Ginny wurde klar, was Maynew meinte.
In der Ferne tobte das Chaos. Obwohl es hier total windstill war, konnte man erkennen, dass ein Weitergehen Wahnsinn gewesen wäre. Eine dunkle Wolke stand über dem Gebiet, man konnte Blitze erkennen, und auch leises Donnergrollen.
Draco neben ihr knirschte mit den Zähnen.
„Verdammt. Langsam glaube ich wirklich, irgend jemand will mit uns aller Gewalt aus der Totenstadt fernhalten."
„Niemand, der in die Totenstadt aufbrach, ist je wieder zurückkommen", sagte Maynew. Etwas Schwülstiges klang in seiner Stimme mit.
„Kein Problem, wir wollen auch gar nicht wieder zurückkommen." Draco ballte ärgerlich die Fäuste, und zischte dann durch die Zähne, als wieder Schmerzen in seinem Arm hochschossen.
„Alles in Ordnung? Tut es sehr weh?" fragte Ginny besorgt.
„Es ist auszuhalten." Dracos Stimme war frostig.
Maynew musterte seinen Arm.
„Malateras? Wer hat dir geholfen, es zu entfernen?"
Ginny machte den Mund auf, aber Draco war schneller.
„Ginny, wer sonst? Lady Sandrine hat uns davor gewarnt und uns verraten, wie wir die Krankheit im Falle eines Falles loswerden würden."
Eine unbestimmte Ahnung trieb ihn dazu, den Untoten, der durch sein Chakra zur ewigen Ruhe gegangen war, nicht zu erwähnen. Er traute Maynew nicht, der seiner Meinung nach etwas zu freundlich war – besonders in Ginnys Richtung.
Ginny sah etwas perplex aus, dann nickte sie jedoch.
„Es ist eine schmerzhafte Angelegenheit", stimmte Maynew zu. „Ich selbst habe es im Alter von vier Jahren gehabt."
Etwas an dieser Aussage kam Draco merkwürdig vor, aber bevor er den Gedanken erhaschen konnte, war er auch schon wieder fort.
„Wir sind nicht so hochherrschaftlich eingerichtet wie die Festung, aber Falínga kann euch trotzdem einen Platz zum Schlafen, Verpflegung und Gastfreundschaft anbieten. Als Freunde der Festung müsst ihr nichts dafür bezahlen."
„Das wäre ja auch noch schöner", murmelte Draco vor sich hin.
Ginny sah ihn strafend an, dann wandte sie sich an Maynew.
„Wir nehmen dankend an, Maynew."
„May reicht, und es ist mir eine Ehre."
Draco biss die Zähne zusammen, als er langsam die Bandagen, bestehend aus seinem eigenen Zaubererumhang, von seinem Arm wickelte. Immer noch hatten sich die großflächigen Wunden nicht geschlossen, und rohes Fleisch sah darunter hervor.
Er tauchte den Arm vorsichtig in die Schale mit warmen Wasser, die vor ihm stand, und unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei. Es war, als würde Tyron erneut mit dem Messer darüber ziehen.
Ginny hatte Maynews Angebot angenommen, ihr die Stadt zu zeigen. Der dunkelblonde, gutaussehende Junge schien sich auffällig zu ihr hingezogen zu fühlen. Gleichzeitig fragte Draco sich, warum zum Teufel ihn das überhaupt störte, schließlich hatte er kein Interesse an der rothaarigen Gryffindor, oder?
„Wenn Ihr erlaubt, so kann ich Euch helfen, den Schmerz zu dämmen", sagte eine Stimme hinter ihm, und Draco fuhr herum.
Eine kleiner, verhutzelter Gnom stand in der Tür und sah freundlich in seine Richtung.
„Wer sind Sie?"
„Ich bin Jelin, junger Herr. Maynew sprach von euch, er sagte, Ihr leidet unter den Nachwirkungen der Malateras. Und ich sehe, er hatte recht. Darf ich?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, ergriff er seinen Arm.
Draco zischte durch die Zähne, als Jelin mit seinen Fingern die Wunde berührte.
„Ich kann Euch etwas geben, damit der Schmerz nicht mehr so stark ist", sagte er, während seine Finger sacht die Konturen der Schnittwunde entlang fuhren.
„Ich komme zurecht", erwiderte Draco barsch und entzog ihm seinen Arm. „Ich brauche keine Hilfe."
„Dann tut es überhaupt nicht weh?"
Jelins Finger pressten sich einen Moment auf die Wunde, und Draco schrie auf.
„Seid vernünftig, Herr. Ihr müsst mich das behandeln lassen. Malateras ist für Euch Vergangenheit, aber wollt ihr an einer Entzündung sterben? Ihr sehnt euch verzweifelt nach Eurer Heimat, aber die könnt Ihr nur erreichen, wenn ihr bei Kräften bleibt."
Fast schwarze Augen musterten ihn eindringlich.
„Woher wissen Sie das?"
„Ich sehe viele Dinge, Herr. Ihr und Eure Gefährtin, ihr werdet auch noch eine Menge Dinge sehen müssen, bevor ihr das Tor ungefährdet durchqueren könnt."
Draco starrte zurück.
„Was erwartet uns in der Totenstadt?" fragte er schließlich.
Jelin hob lächelnd die Schultern.
„Das kommt darauf an, wie Ihr Euer Schicksal bestimmt, Herr, aber das wisst Ihr selbst. Triumph oder Untergang, es gibt keine vorgezeichneten Linien. Die Entscheidung ist das, was zählt. Jemand wird Euch in große Versuchung bringen, das ist eins der Dinge, die ich weiß. Sie ist es nicht wert, erinnert Euch daran, wenn es soweit ist."
„Ich habe kein einziges Wort verstanden."
„Ihr wollt es nicht verstehen, Drachen."
„Ich heiße Draco."
„Dasselbe Wort, andere Sprache." Jelins Augen wurden noch dunkler. „Seht mich nicht an, als wäre ich verrückt. Zu gegebener Zeit wird Euch das bewusst werden. Zu einem Drachen gehören mehr als Schwingen und ein feuriger Atem. Der Mut eines Löwen und die Listigkeit einer Schlange könnten sich vereinen, sie könnten erreichen, dass selbst das Böse ohne Namen vor diesem Bündnis zurückweicht. Und, lasst Ihr mich jetzt Euren Arm versorgen?"
„Sie könnten direkt Dumbledore Konkurrenz machen." Draco verdrehte die Augen.
Jelin lächelte nur.
„Unser Festsaal."
Maynew führte Ginny in eine Halle, die sie an Hogwarts erinnerte, oder die, die sie auf der Festung kennen gelernt hatten.
Blossom wuselte vor Ginnys Füßen hin und her.
„Wir haben zwar nicht oft Grund, zu feiern, aber zumindest haben wir die Gelegenheit dafür."
„Wie kann so eine Stadt existieren, am Rande von Nirgendwo?" Ginny betrachtete die kunstvollen Statuen, die an den Wänden standen.
Etwas schien in Maynews Augen zu flackern, war aber gleich danach wieder verschwunden.
„Wir sind ein Außenposten", sagte er dann schlicht, während er mit weiten Schritten vor ihr ging. „Die Verbindung zwischen der Festung und dem Niemandsland. Keiner wagt sich weiter als bis zum Anfang der Sümpfe, denn danach beginnt die Dunkelheit. Bist du dir sicher, dass ihr dort hinwollt?"
„Von wollen kann nicht die Rede sein", sagte Ginny unbehaglich. „Aber nur so können wir wieder nach Hause."
Maynew blieb stehen und sah sie an.
„Ich würde gerne deine ganze Geschichte hören – wenn du es erlaubst, heißt das."
Er machte eine knappe Verbeugung vor ihr.
Ginny überlegte, dann zuckte sie innerlich mit den Schultern. Was konnte es schaden?
„Nicht hier. Können wir irgendwo ungestört reden?"
„Komm mit." Das Lächeln, dass Ginny nicht sah, weil er mit dem Rücken zu ihr ging, hatte etwas ausgesprochen raubtierhaftes.
