Jelins Heiltrank ließ die Schmerzen in Dracos Arm komplett verschwinden, aber dem Slytherin war danach zumute, als hätte er mindestens eine Flasche Scotch vernichtet – auf ex.

„Das Zeug hat es ganz schön in sich, oder?" So ganz konnte er sich auf seine Stimme nicht mehr verlassen.

Jelin lächelte.

„Ja, aber das geht vorbei. Man muss es schon sehr konzentrieren, damit es den Wundschmerz bekämpft. Ich werde Euch jetzt noch eine Salbe auf den Arm streichen und ich möchte nicht, dass Ihr ihn heute verbindet. Es sollte möglichst viel Luft daran kommen."

„Ist g-gut." Draco fing an zu kichern. „Oh Mann, ich bin total high. Lassen Sie bloß Weasley nicht hierher, solange das and-dauert."

„Ich würde vorschlagen, Ihr legt euch hin und schlaft, danach dürftet Ihr Euch wieder normal fühlen. Ich werde Eurer Gefährtin mitteilen, dass sie Euch heute nicht mehr aufsuchen soll."

Draco prustete bei diesem Satz los.

„Wär sie sowieso nich. Wir können uns nich leiden", nuschelte er dann.

„Seid Ihr da so sicher?" Jelin beobachtete ihn.

„Tods-sicher."


Während Draco schließlich doch in einen traumlosen Schlaf fiel, saß Ginny mit Maynew in einer der kleinen Schenken, die Falínga anzubieten hatte.

Nach einigem Zögern hatte Ginny schließlich alles erzählt - bis auf die revidierte Version, die Tyron beinhaltete.

May zeigte beträchtliches Interesse für Hogwarts, mehr als für Ginnys Wegschilderung.

„Dann bist du in deiner Welt eine Hexe?" fragte er nach.

Ginny nickte.

„Ja, aber wie gesagt, hier funktioniert es nicht, wir wissen nicht, warum."

„Und dein ... wie heißt er gleich noch?"

„Draco. Und er ist nicht ´mein´. In Wirklichkeit können wir uns nämlich nicht leiden, das müsstest du mitbekommen haben. Ja, er ist auch ein Zauberer, warum?"

„Ach, nur so", sagte Maynew leichthin. „Ich stelle es mir nur sehr interessant vor. Erwartet dich zu Hause eigentlich jemand?"

Ginny hatte gerade ihren Becher an die Lippen gehoben, und sie verschluckte sich jetzt.

Maynew klopfte ihr auf den Rücken, während sie hustete und spuckte.

„Nein", brachte sie dann hervor. „Ich bin in jemanden verknallt, aber der weiß nicht mal, dass ich existiere – jedenfalls nicht so."

„Sein Pech, würde ich mal sagen." Maynew lächelte gewinnend.

Ginny wurde rot und suchte nach einem Weg, das Thema zu wechseln.

„Was ist mit der Leichenstraße?" fragte sie dann hastig. „Ist das Tanadryls Werk?"

Maynews Gesicht verdüsterte sich zusehends.

„Ja", sagte er dann knapp. „Das sind Menschen und Untote, die sich seinem Gehorsam widersetzt haben. Die Menschen sterben irgendwann, aber die wenigen Untoten, die ebenfalls dort hängen, sind für alle Ewigkeit ans Kreuz gefesselt."

Oder sie sterben, weil sie sich an unschuldige Mädchen ranmachen wollen schoss es Ginny durch den Kopf.

„Ich hoffe, ihr seid in acht Tagen noch hier", sagte Maynew und wechselte das Thema erneut. „Wir feiern die Sonnenwende, und das ist immer das größte Ereignis, was wir hier haben."

„Das kommt darauf an", sagte Ginny verlegen. „Ich meine – der Sturm und so. Malfoy wird mit Sicherheit sofort aufbrechen wollen, wenn er sich gelegt hat."

„Malfoy ... und du nicht?" Er beobachtete sie weiterhin.

„Ich will auch lieber heute als morgen nach Hause, wenn du das meinst. Meine Eltern kommen bestimmt schon um vor Sorge."

„Entschuldige, daran habe ich gar nicht gedacht. Ist ja klar."

„Nein, schon gut. Ich würde mich freuen, wenn wir solange hier bleiben könnten, viel Spaß haben wir in eurer Welt nämlich noch nicht gehabt – eher im Gegenteil."

„Das tut mir leid. Aber ich bin sicher, ich kann deine Meinung über Chryois ändern."

Blossom, die sich bis dahin mucksmäuschenstill verhalten hatte, peitschte nun energisch mit ihrem Schwanz.

„Scrawny – Draco." Ihre Stimme klang vorwurfsvoll.

„Scrawny?" wiederholte Maynew.

„Oh, das ist Malfoys Spitzname für mich. Blossom denkt anscheinend, dass es mein richtiger ist, ich konnte sie noch nicht davon überzeugen, mich Ginny zu nennen."

„Und was meint sie damit?"

„Ich habe keine Ahnung."

„Draco – Scrawny – Zusammen."

„Blossom! Das stimmt doch überhaupt nicht!"

Die kleine Feuerechse quietschte empört, als Ginny sie energisch von ihrer Schulter nahm.

„Hör auf, so einen Blödsinn zu reden, klar?" Ginny sah streng in ihre Richtung, und Blossom schnaufte beleidigt.

Maynew sah von der Echse zu Ginny und wieder zurück.

„Scheinbar denkt sie, dass ihr ein Paar seid."

„Da kann sie aber lange warten!"


Erst am nächsten Morgen liefen sich Ginny und Draco wieder über den Weg.

Maynew hatte ihr versprochen, sie zum Frühstück abzuholen, und als die beiden zusammen die Treppe hinab gingen – Draco und Ginny waren in dem Hauptanwesen untergebracht – kam Draco gerade aus der anderen Richtung.

Der Slytherin rieb sich über die Augen und sah müde aus. Sein linker Arm war wieder fest einbandagiert, Jelin hatte ihm neue Verbände gebracht.

„Draco!" kreischte Blossom begeistert und sprang auf ihn zu.

„Guten Morgen", sagte Ginny freundlich.

„Morgen", murmelte er und wehrte Blossom ab. „Hat der Wind schon nachgelassen?"

„Leider nein", sagte Maynew.

Draco warf ihm einen unfreundlichen Blick zu.

„Was sollen wir solange machen, bis es endlich soweit ist? Ich habe keine Lust, hier zu versauern."

„May hat angeboten, mir die Grundlagen des Schwertkampfes beizubringen", sagte Ginny leichthin.

„Ach, wirklich? Wenn du dich dabei so dumm anstellst wie sonst immer, dann gratuliere."

Ginny sah ihn wütend an. Aber bevor sie etwas sagen konnte, schritt Maynew ein.

„Ich bin mir sicher, sie wird das fabelhaft lernen", antwortete er gelassen. „Im Gegensatz zu einigen anderen hier ist sie nämlich bemüht, sich anzupassen."

„Meinst du dich damit?" spottete Draco.

„Du bist ekelhaft", sagte Ginny zornig.

„Oder eifersüchtig?"

„Was?" Draco blieb stehen und funkelte Maynew an. „Worauf sollte ich bitteschön eifersüchtig sein?"

Maynew lächelte maliziös, gab ihm aber keine Antwort.

Draco hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen, aber er beherrschte sich mühsam.

Ginny verdrehte die Augen, und legte Maynew dann eine Hand auf den Arm.

„Gehen wir", sagte sie dann ruhig, obwohl auch ihre Augen Blitze in Malfoys Richtung schossen.

„Gerne." Der Dunkelblonde musterte Draco noch einmal verächtlich, und begleitete Ginny dann den Gang hinunter.

Draco sah ihnen wütend hinterher.


„Also gut, ich habe dir eins der leichteren Schwerter herausgesucht."

Maynew stand mit Ginny in der kleinen Arena Falíngas.

Ginny drehte das Schwert in den Händen. Es war aus einem grünen Metall, dass ihr gänzlich unbekannt war. Es wog nicht mehr als zwei Pfund.

„Das Gewicht einer solchen Waffe ist meist im Kampf maßgeblich, aber nicht in diesem Fall. Es besteht aus Talédan und hat eine Klinge, die dreimal so scharf wie ein gewöhnliches Schwert ist. Damit kannst du jemanden auch ohne viel Kraftaufwand zu Fall bringen."

Ginny fühlte sich unwillkürlich an Dracos Chakra erinnert.

Maynew brachte ihr die verschiedenen Positionen bei, die er kannte. Er war ein recht guter Lehrer, und sie bemühte sich, aufmerksam seinen Anweisungen zu folgen.

Was Ginny nicht wusste, war, dass Draco die beiden beobachtete.

Es gab ziemlich wenig, was der Slytherin nicht über Waffenkunde wusste. Und er erkannte deutlich, dass Maynew nur die einfachsten Kenntnisse besaß – sehr merkwürdig für den Oberbefehlshaber einer Stadt. Auf der anderen Seite, für Weasley würde es reichen.

In der Arena stolperte Ginny plötzlich über einen Stein und wäre gefallen, wenn Maynew sie nicht gehalten hätte.

„Du solltest aufpassen, wo du hinläufst", sagte er lächelnd. „In der Schlacht wärst du jetzt einen Kopf kürzer."

Damit beugte er sich einfach herab und küsste sie.

Ginny wollte protestieren, aber er nützte die Gelegenheit und begann mit der Zunge ihren Mund zu erforschen. Dabei ließ er sein Schwert fallen und nahm ihren Kopf in beide Hände.

Ginnys Knie fühlten sich auf einmal furchtbar weich an, und ohne es zu bemerken fiel ihr eigenes Schwert in den Sand, als ihre Hände seinen Nacken umschlangen.

Auf der anderen Seite der Arena drehte sich Draco abrupt und stürmte in eine andere Richtung.


Als Ginny die Treppen hinaufging, hatte sie ein verträumtes Lächeln auf dem Gesicht. Dann prallte sie mit jemandem zusammen.

„Tut mir leid, ich hab nicht aufgepasst", entschuldigte sie sich sofort.

„Es ist kein Schaden entstanden, Herrin", sagte der Gnom und musterte sie. „Ihr seid die Gefährtin des Drachen?"

„Gefährtin ... oh, Sie meinen, ich bin mit Draco hergekommen? Ja. Wenn Sie das so sagen, komme ich mir vor, als wenn ich seine Frau wäre oder so. Ich heiße Ginny."

„Mein Name ist Jelin, Herrin. Vielleicht solltet Ihr einmal nach Eurem Gefährten sehen – es sieht nicht so aus, als befände er sich in der Gesellschaft glücklicher Gedanken."

„Wann ist das schon mal der Fall?" murmelte Ginny genervt. „Was hat er jetzt schon wieder für ein Problem? Wo finde ich ihn überhaupt?"

„Geht diese Treppe weiter hinauf, und der nächste Gang links führt zu seinen Räumen, Herrin."

Jelin sah aus, als wolle er noch etwas sagen, verbeugte sich dann aber nur kurz und verschwand leise.

Ginny seufzte. Einen Moment lang hatte sie die ganze verfahrene Situation vergessen gehabt, in der sie steckten, und war einfach glücklich gewesen. Es war klar, dass Draco Malfoy ihr wieder dazwischen funken würde.


Draco wusste selbst nicht, warum er so wütend war, und versuchte, sich zu entspannen und an etwas anderes zu denken. Es funktionierte nicht.

Scrawny Weasley hatte also endlich jemanden gefunden, der so dämlich war, sich mit ihr einzulassen, na und? Was kümmerte ihn das? Es war ja nicht so, als wäre er an ihr interessiert.

Wem zum Teufel machst du was vor, Malfoy? Gib doch zu, dass Weasley eine Menge an sich hat, dass dich anmacht. Und nicht erst seit heute.

Es war ein beunruhigender Gedanke, und Draco weigerte sich, darauf zu hören.

Das ist kompletter Schwachsinn. Ich – eine Weasley, und noch dazu eine Gryffindor? Vergiss es, noch bin ich nicht so tief gesunken.

Ein weiteres Problem an der Sache war, dass Draco dem Dunkelblonden noch immer nicht über den Weg traute. Er war sich sicher, dass Maynew etwas im Schilde führte, und ihn trogen solche Vorahnungen selten.

In diesem Moment klopfte es an der Tür.

„Ich will nicht gestört werden!" sagte Draco mürrisch.

Trotzdem öffnete sich die Tür, und Ginny trat ein – die letzte Person, die er sehen wollte.

„Bist du okay? Ich bin Jelin begegnet, und der meinte, ich sollte mal nach dir sehen."

„Mir geht's wunderbar", antwortete Draco sarkastisch. „Hau ab, Weasley, dein neuer Freund wartet mit Sicherheit schon auf dich."

„Mein neuer ... hast du uns etwa beobachtet?" Ginnys Augen verengten sich.

„Nein, ich habe überhaupt nicht gesehen, dass er seine Zunge so tief in deinem Mund hatte, dass es ein Wunder ist, dass er sie wiedergefunden hat! Du musst es echt nötig haben, Scrawny, dass du den ersten Idioten nimmst, der dir über den Weg läuft!"

Es klatschte gewaltig, als Ginny ihm links und rechts ins Gesicht schlug.

„Ach!" schrie sie dann wütend. „Wer ist denn derjenige von uns beiden, der alles knallt, was nicht bei drei auf dem Besen ist?! Du hast es gerade nötig, Malfoy!"

„Raus!" fauchte er und zerrte sie grob an der Schulter zur Tür. „Wir werden nach Hause kommen, und da werde ich überall erzählen, was für eine Schlampe du bist! Potter wird sich abwenden, wenn du ihm nur über den Weg läufst, und ..."

Diesmal traf Ginnys Faust mit einem harten Schlag seinen verletzten Arm, und Draco blieb die Luft weg. Mit einem undeutlichen Laut sackte er in sich zusammen, ihm fehlte selbst die Kraft zum Schreien.

Hasserfüllt sah er nach oben, wo Ginny sich die gequetschte Schulter rieb.

„Komm mir nie wieder zu nahe", sagte sie kalt. „Wir werden den Weg zuende gehen und das Portal finden, aber wenn du mich je wieder anrührst, dann wirst du nie wieder eine deiner Schlampen flachlegen können, ich schwöre es dir!"

Es krachte, als sie die Tür ins Schloss warf, und die Stille nach ihrem Abgang wurde nur von einem leichten Rascheln durchbrochen, als Draco sich auf dem Fußboden zusammenkrümmte und sich wünschte, niemals den Mund aufgemacht zu haben.