Es war offensichtlich, dass Ginny ihre Worte todernst gemeint hatte.
Während der nächsten Tage setzte sie ihren Unterricht bei Maynew fort, und verbrachte auch die übrige Zeit mit ihm und ein paar anderen Leuten, die öfters mit ihm zu tun hatten. Sie fühlte sich deutlich wohl bei ihnen.
Draco dagegen wurde fast vollständig ignoriert. Er wusste nicht, was die rothaarige Gryffindor erzählt hatte und was nicht, jedenfalls begegnete man ihm überall nur mit eisiger Höflichkeit.
Blossom saß getreulich jeden Morgen vor seiner Tür und freute sich sichtlich, wenn er auftauchte. Sie war nur noch selten bei Ginny, und es wurde mehr und mehr offensichtlich, dass sie Maynew mied, für Draco ein weiteres Zeichen, dass irgendetwas faul war.
Einzig Jelin behandelte ihn wie vorher. Er sagte so gut wie nichts, aber sein Blick kam dem Slytherin ziemlich besorgt vor. Andererseits war aus ihm auch nichts herauszukriegen, er schüttelte nur jedes Mal den Kopf, wenn Draco ihn darauf ansprach.
Durch Ginnys Schlag waren einzelne Ränder der Wunde wieder aufgebrochen, und Draco verbrachte einen Großteil der Zeit unter der Droge, was ihm nicht unangenehm war. Zumindest hielt sie ihn davon ab, über einige Dinge nachdenken zu müssen.
Falínga bereitete sich währenddessen auf die Sonnenwende vor. Die Menschen wurden fröhlicher und kamen in Feierlaune, aber es schien auch unterdrückte Nervositätheit dabei mitzuschwingen.
„Was meinst du, wann der Sturm über den Sümpfen endlich aufhört?" fragte Ginny Maynew, sechs Tage nach dem Zusammenstoß mit Draco.
„Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann nie", sagte er anzüglich und strich über ihren Nacken.
Ginny lehnte ihren Kopf an seine Schulter und seufzte dann.
„Sei nicht so betrübt", sagte Atris neben ihr. Sie war eine hochgewachsene Blonde, und sehr attraktiv. „Du könntest immer noch hier bleiben, wenn du willst, Ginny."
„Mir gefällt es hier", sagte Ginny offen. „Aber ... ich denke auch an meine Eltern, und meine Freunde, das müsst ihr verstehen. Und trotz allem sind Draco und ich voneinander abhängig."
Eins der anderen Mädchen kicherte unterdrückt.
„Ich bin überzeugt, wenn er mal ein bisschen rauskommen würde, könnten wir ihn überreden, auch hier zu bleiben. Hast du nicht gesagt, er mag eine schnelle Nacht? Bis jetzt hat man reichlich wenig von ihm gesehen."
Ginnys Gesicht verhärtete sich abrupt.
„Er kann machen, was er will", entgegnete sie dann knapp, erhob sich und verschwand über die Treppe.
Maynew sah ihr hinterher. Er lächelte nicht mehr.
„Der blonde Außenseiter hat seine Wahl getroffen, und sein Schicksal ist besiegelt. Und ihr wisst, worauf es ankommt."
Einen Moment herrschte Schweigen.
„Du hast recht", sagte Atris dann seidenweich. „Ich glaube, Ginny wird sich bald noch sehr viel mehr freuen, in Falínga gelandet zu sein."
Gelächter wurde laut.
Das Fest in der Hauptresidenz nahm seinen Verlauf. Nicht alle nahmen daran teil.
Draco saß auf der hohen Außenmauer und starrte auf den Sturm, der unvermittelt über die Ebene tobte. Seine Hand strich unbewusst über Blossoms Flanke, die still auf seiner Schulter saß.
Verschiedene Dinge nagten an seinem Verstand. Der Streit mit Ginny war das vordergründigste, aber bei weitem nicht alles. Eine ganze Menge Puzzlestücke lagen im Geiste vor ihm, aber noch konnte er sie nicht zusammensetzen.
Ich habe es selbst im Alter von vier Jahren gehabt.
Dann, eine andere Stimme.
Die Krankheit trat das erste Mal vor sieben Jahren auf.
Draco richtete sich auf, als hätte er einen Schlag erhalten. Wir alt war Maynew? Mit Sicherheit siebzehn, wenn nicht älter. Sandrine hatte gelogen, was das Auftreten von Malateras betraf. Was hatte sie noch verschwiegen?
„Draco - Sturm", sagte Blossom auf seiner Schulter drängend.
Draco sah wieder auf die Ebene, und er riss verblüfft die Augen auf. Wo eben noch das Chaos getobt hatte, war unwirkliche Stille. Das Sumpfgebiet lag nun ruhig da, und sehr weit in der Ferne konnte er einen Klang wie von einer tiefen Glocke hören.
„Träum ich das? Blossom, hörst du das auch?"
„Totenglocke", sagte Blossom traurig, und ihr Schwanz wand sich enger um seinen Hals. „Draco – Scrawny – Zeit."
"Sie wird nicht mitkommen, Blossom. Nicht bevor das Fest zuende ist, eher kratzt sie mir die Augen aus. Wahrscheinlich wird sie vorher auch noch kurz mit diesem Schleimpaket in die Kiste hüpfen wollen." Dracos Stimme war bitter.
„Draco – Zuhören!"
„Wem, dir? Wovon redest du?"
Jemand betrat die Mauer, und Draco wich in die Schatten zurück. Blossom entwand sich und sprang leise auf den Boden.
„Er hat es tatsächlich geschafft, sie sind noch hier." Die weibliche Stimme klang sehr anerkennend. „Den Göttern sei dank für den Sturm – es ist, als hätten sie ein Einsehen gehabt."
„Denkt auch mal einer von euch an das Mädchen?" kam eine scharfe Stimme zurück. Eine der Freunde Maynews trat in das schwache Fackellicht. „Ihr könnt sie nicht einfach den Sumpfgöttern opfern! Die Botschaft Lady Sandrines sagte eindeutig .."
„Denez, die Festung ist weit weg", sagte die Frau hart und trat ins Licht.
Draco erkannte sie, es war Atris.
„Wer weiß, wann sie das nächste Mal hier persönlich auftauchen? In zehn, zwanzig Jahren? Bis dahin müssen wir überleben, und das können wir nur, wenn wir das Opfer vollziehen. Lieber ein hergelaufenes Mädchen, das nicht in unsere Welt gehört, als einen von uns!"
„Als dich, meinst du." Denez klang wütend. „Ich weiß genau, dass du erwählt wurdest, streite es nicht ab. Ginnys Auftauchen hat dir den Hals gerettet. Und was die andere Sache betrifft – was hat Tanadryl bezahlt, damit ihr den anderen ausliefert? Den Blonden mit der Malateras Wunde auf dem Arm? Wie tief sind wir gesunken, Atris, dass wir Menschen an den schwarzen König verkaufen!"
„Wir kämpfen um unser Überleben! Ob Tanadryl, ob Sandrine, das ist mir egal! May tut, was ich will, und das lässt Falínga mit jedem Tag mehr wachsen! Willst du, das wir den Geistern des Sumpfes erliegen?"
Draco hatte genug gehört, leise zog er sich zurück. Blossoms Schwanz peitschte unruhig, aber sie blieb still.
Dann stand er auf der Balustrade, die unter der Außenmauer prangte, und überlegte fieberhaft. Er hatte also recht behalten, es war ein abgekartetes Spiel gewesen. Wie zum Teufel kamen sie hier am schnellsten und unauffälligsten raus? Und Ginny – würde sie ihm ein Wort glauben, oder musste er sie auf der Schulter rausschleppen?
Als eine Hand sacht seinen rechten Arm berührte, zuckte er zusammen und wirbelte herum.
Jelin stand vor ihm und musterte ihn mit seinen schwarzen Augen.
„Herr, noch ist Zeit", flüsterte er dann drängend. „Nehmt Eure Gefährtin, und flieht in den Sumpf. Niemand wird Euch folgen, sie haben zuviel Angst. Der Sumpf wird euch beschützen, denn seine Götter sind Euch gnädig, nicht ihnen!"
„Jelin, was um Merlins willen passiert hier? Warum soll Ginny geopfert werden?"
„Falínga ist verflucht, Herr. Wenn Sie ein junges Mädchen opfern, dann verhält der Sumpf sich still. Ansonsten dringt er immer weiter auf die Stadt zu und wird sie irgendwann verschlingen. Außerdem besteht ein Abkommen mit Yorga, und das seit langer Zeit. Aber das soll nicht Eure Sorge sein, nehmt Eure Gefährtin und geht!"
„Jelin, verdammt noch mal, warum hast du mich nicht früher gewarnt?"
„Herr, auch ich habe hier eine Aufgabe. Ich konnte sie nicht aufs Spiel setzen, so hart sich das auch für Euch anhören mag. Mein Plan war es, Euch heute Abend zu informieren, aber ich konnte Euch nicht rechtzeitig finden. Verlasst augenblicklich die Stadt und geht in die Sümpfe!" wiederholte Jelin. „Sie werden dafür sorgen, dass euch niemand folgt", fügte er rätselhaft hinzu.
„Danke, Jelin." Draco zögerte kurz, dann zog er das Chakra und machte eine knappe Verbeugung.
„Herr, glaubt mir, wenn ich Euch sage, dass wir uns wiedersehen werden." Damit war der Gnom verschwunden wie ein Spuk in der Nacht.
Ginny fühlte sich bedroht, sie wusste auch nicht, warum.
Sie hatte ein paar Mal mit May getanzt, und saß jetzt an einem der Haupttische, mit einem Becher einer nichtssagenden Flüssigkeit vor sich. Nervös drehte sie ihn in den Händen. Warum hatte sie nur so ein außerordentlich schlechtes Gefühl?
Maynew selbst stand mit einer kleinen Gruppe von Leuten zusammen, die ab und an einen Blick auf Ginny warfen.
Als Draco die Halle betrat, sah sie rasch in eine andere Richtung. Der Slytherin kam jedoch auf sie zu.
„Ich dachte, ich hätte dir klar gemacht, dass ich nichts mehr mit dir zu tun haben will", sagte sie scharf.
„Der Sturm hat aufgehört. Wir können aufbrechen." Seine Stimme klang seltsam angespannt.
„Wirklich? Das kann sicher bis morgen warten." Ginny wollte sich abwenden, aber er setzte sich neben sie.
„Weasley, es ist wichtig."
Maynew sah in ihre Richtung und Draco zwang sich, seinem Blick unbeteiligt zu entgegnen.
„Wir müssen hier raus, und das so schnell wie möglich. Die ganze Sache mit Maynew war eine Falle für dich."
„Du spinnst doch." Ginny wurde wütend. „Kannst du deine Nummer nicht mit jemandem anders abziehen? May würde nie ..."
„Ginny, ist alles in Ordnung?" Maynew war neben ihr aufgetaucht und legte ihr dann eine Hand auf die Schulter. „Belästigt er dich?"
„Fass sie nicht an", zischte Draco, noch bevor Ginny den Mund aufmachen konnte. „Wann soll deine kleine Show starten, Maynew? Welche Art von Methode habt ihr, um eure verdammte Stadt durch ein Opfer vor dem Sumpf zu retten?"
Maynew wurde bleich, aber fing sich rasch wieder.
„Ich weiß gar nicht, von was du redest."
„Ich schon! Ich habe Atris und Denez reden gehört, und ich weiß auch, was ihr für mich geplant hattet! Was hat euch Tanadryl zum Austausch angeboten? Waffen? Eure eigene kleine Armee? Was?"
„Es reicht jetzt, Malfoy!" Ginny stand entschlossen auf. „Ich muss mir diesen Quatsch nicht länger anhören!"
Draco sah aus den Augenwinkeln, wie die Menge zurückwich, als ein paar Leute die Waffen zogen. Es war sehr still in der Halle geworden.
„Wenn du es genau wissen willst", sagte Maynew dann kalt. „Uns sind für dich sogar Gramière versprochen worden. Tanadryl hat ein großes Interesse an dir. Und glaub mir, du hast keine Chance gegen uns."
Ginny wurde leichenblass.
Maynew wandte sich jetzt an sie.
„Was dich betrifft, du hast einen großen Fehler gemacht, Ginny, du hast mir vertraut. Eine Hexe – auch wenn sie hier keine Zauberkraft hat – ist Abschaum und gehört auf den Scheiterhaufen, das ist die Meinung Falíngas. Nun, diesem Schicksal wirst du entgehen, aber überleben wirst du trotzdem nicht."
„Mistkerl", flüsterte Ginny. So blass sie eben gewesen war, jetzt trieb ihr der Zorn die Röte ins Gesicht.
Etwas stürzte sich in Maynews Gesicht und fing an zu kreischen.
Maynew bekam Blossoms Schwanz zu fassen, zerrte sie grob von sich herunter und schleuderte sie gegen die Wand. Blossom fauchte und richtete sich sofort wieder auf.
„Und jetzt zu euch ..." Er verstummte und sah dann verwirrt aus.
Ginny sah neben sich. Draco war verschwunden.
Das glaube ich ja nicht! Der ist einfach ...
Mit einem Schrei ging Maynew zu Boden, als ihm jemand die Füße wegzog. Dann hielt ihm dieser jemand ein gezücktes Schwert unter das Kinn.
„Keinen Schritt weiter", sagte Draco kalt, und die Leute mit den Waffen blieben stehen und warfen sich unsichere Blicke zu. „Oder euer Stadtführer stirbt. Oder sollte ich sagen, euer Lockvogel?"
„Glaubt ihm besser." Ginny war aufgestanden und griff blitzschnell nach Maynews Schwert, das auf dem Boden lag. „Sein neuestes Hobby ist, Leuten den Kopf abzuschlagen."
„Danke, Weasley", sagte Draco trocken. „Wir werden jetzt einen kleinen Spaziergang machen, du erbärmlicher Abklatsch eines Kriegers, einverstanden?"
„Nein", würgte Maynew hervor und sah wild um sich. „Tötet sie!" kreischte er dann. „Es sind nur zwei, lasst sie nicht entkommen!"
Die anderen zögerten immer noch.
„Kann sein, dass wir rennen müssen", murmelte Draco Ginny zu. „Unsere Sachen sind draußen, direkt neben der Tür. Die werden nicht ewig warten."
„Ist gut", sagte sie leise zurück. „Es .. es tut mir leid, Draco."
„Entschuldige dich später, wenn wir Zeit haben. Los, mitkommen, du Stück Scheiße." Er zog Maynew rücklings mit sich mit.
„Tut was!" kreischte der wieder, und endlich kam Bewegung in die Menge.
„Tötet die Fremdlinge!" schrie Atris schrill und stürzte auf ihn zu. „Holt euch die Hexe, die Falínga ein weiteres Jahr Sicherheit bescheren wird!"
Die Menge geriet in Bewegung.
„Jetzt, Weasley, schnell!"
Draco stieß Maynew zu Boden. Ginny rannte los, auf die Türen zu. Draco wollte ihr folgen, und blieb dann noch einmal kurz stehen. Auch Maynew stand schon wieder, und sein Gesicht war wutverzerrt.
„Das wirst du bereuen! Dein Kopf wird an den höchsten Zinnen landen, und ich werde darauf spucken!" zischte er hasserfüllt.
„Nein, das glaube ich nicht. Ach, übrigens ..." Draco holte aus und schmetterte ihm seine Faust ins Gesicht. Maynew kippte um wie ein gefällter Baum. „Das ist für Ginny, du Ratte!"
„Draco, beeil dich!" schrie Ginny und war dann aus der Tür.
Draco ließ die Faust sinken und wollte hinterher rennen, als Atris´ Schwert ihm den Weg versperrte. Noch ehe das blonde Mädchen jedoch zuschlagen konnte, traf sie ein gewaltiger Schlag von hinten, und auch sie fiel auf die Erde.
Dracos Blick richtete sich auf den Angreifer. Denez sah auf Atris hinunter, und sein Blick war hart. Dann hob er den Kopf.
„Verschwindet", sagte er rau. „Und wenn ihr Lady Sandrine jemals wieder trefft, richtet ihr aus, einer in Falínga hat sich nicht beherrschen lassen und ist mit Ehrfurcht vor der Festung gestorben!"
Noch bevor Draco etwas tun oder sagen konnte, zuckte er heftig zusammen und sah an sich herunter. Ein breiter Blutfleck war auf seiner Brust aufgetaucht, und die Spitze eines Schwertes sah daraus hervor. Es gehörte Atris.
„Auch wenn du heute entkommst", zischte sie Draco zu und riss ihr Schwert aus Denez' Körper heraus, der leblos nach vorne fiel. „wir sehen uns wieder!"
„Glaub ich nicht, Schätzchen, du landest nämlich im Sumpf. Übrigens, vielen Dank für die Gastfreundschaft, aber leider müssen wir uns jetzt verabschieden!"
„Draco!" schrie Ginny erneut von der Tür her, und er rannte los.
Sie konnten hören, wie die Menge ihnen folgte, und den kreischenden Mob hinter sich rannten die beiden auf den Sumpf zu.
