„Die kriegen uns", keuchte Ginny und sah sich wieder um.
„Nach vorne gucken, Scrawny, wenn du stolperst, dann ist alles vorbei!" rief Draco zurück. „Jelin hat gesagt, sie würden uns nicht in den Sumpf folgen!"
Und wirklich, als die beiden die Grenze erreichten und das erste Mal Moorland betraten, wurden ihre Verfolger erst langsamer, und blieben dann ganz stehen.
„Weiter! Wir müssen genug Abstand gewinnen ... ach du heiliger, sieh dir das an!"
Hinter ihnen fing der Sumpf an zu brodeln, und Nebelschwaden tauchten darüber auf.
„Das hat Jelin also gemeint. Bei irgend jemandem haben wir einen Stein im Brett. Hoffe ich wenigstens."
Draco wurde langsamer und hielt sich mit einem schmerzverzerrten Gesicht die Seite. Ginny ging es nicht anders, und sie setzte sich erschöpft auf ein Grasbüschel.
„Ich kann einfach nicht glauben, wie blöd ich war", sagte sie dann flach. „Warum passiert immer mir so was?"
Draco öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Es würde nichts nützen, wenn er ihr Vorwürfe um die Ohren schlug, die sie sich schon selbst die ganze Zeit machte.
„Kein Kommentar? Du hast doch sonst immer auf alles eine Antwort." Ihre Stimme war immer noch tonlos.
Blossom kletterte auf ihre Schulter und schnarrte in ihr Ohr. Die kleine Echse hatte von dem Aufprall an der Wand nicht viel abbekommen, nur einer ihrer Krallen sah etwas ramponiert aus.
„Manchmal kann selbst ich meinen Mund halten, obwohl du's kaum glauben wirst", antwortete Draco trocken. „Lass uns noch ein bisschen weitergehen. So nahe am Rand fühle ich mich nicht wohl."
Ginny nickte, ohne den Kopf zu heben, und erhob sich wieder. Sie trottete wortlos hinter ihm her.
Man musste sehr genau aufpassen, wohin man trat. Sumpflöcher, groß wie Pfützen und manchmal auch größer, wechselten sich mit scheinbar festem Untergrund ab. Bald waren beide bis zu den Knien durchnässt.
„Ist das widerlich." Draco konnte gerade noch verhindern, in einem Sumpfloch zu landen.
Weit in der Ferne hörte man wieder den dumpfen Ton einer Glocke.
„Was ist das?" fragte Ginny und blieb stehen.
„Frag Blossom. Ich habe keinen Schimmer."
„Totenglocke", schnarrte Blossom. „Sumpf – Opfer."
„Du solltest ihr beibringen, wie man in vollständigen Sätzen redet", stichelte der Slytherin.
„Draco – Mistvieh."
„Das habe ich jetzt überhört!"
Ginny lächelte schwach, aber sie war mit ihren Gedanken immer noch bei den Geschehnissen des heutigen Abends. Dann fiel ihr etwas auf.
„War in Falínga nicht eben noch alles dunkel? Wo kommt das Licht her?"
Das Licht, dass sie umgab, war in der Tat grünlich und so hell, dass sie ohne weiteres sehen konnten.
„Elmsfeuer. Tritt in manchen Sümpfen auf, allerdings normalerweise immer nur an kleinen Stellen. Hat irgendwas mit Gewitter und Blitzen zu tun - fehlt nur noch, dass wir es auch mit Irrlichtern zu tun kriegen."
„Siehst du, das meinte ich damit, dass du irgendwie immer auf alles eine Antwort hast. Woher weißt du das nun wieder?"
„Lesen bildet, hat dir das schon mal einer erzählt?" spottete Draco.
„Sehr witzig." So ganz hatte Ginny ihm seinen Auftritt in Falínga noch nicht vergeben.
„Da hinten sieht es ziemlich trocken aus." Draco ignorierte sie. "Wir sollten uns vielleicht erst mal ausruhen, bevor wir weitergehen. Wer weiß, wie lange wir durch den Sumpf laufen müssen."
„Hoffentlich verirren wir uns nicht."
„Willst du lieber wieder zurück, und kopfüber im Sumpf landen, damit Falínga noch ein Jährchen länger stehen kann?"
Draco sah, wie Ginny zusammenzuckte.
Warum kann ich nicht einmal meine Klappe halten? Und dann, mit Verspätung: Habe ICH das gerade gedacht?!
Ginny sagte nichts darauf, sondern zerrte ihren Mantel hervor um sich dann hinzusetzen. Ihr Blick fiel auf das Schwert, das seitlich in ihrem Rucksack steckte. Sie zog es heraus und betrachtete es nachdenklich.
Draco fing an, die Bandagen von seinem Arm zu wickeln, die nass geworden waren. Ein paar Phiolen von Jelins Heiltrank waren in seinem Rucksack, aber er zögerte kurz, etwas davon zu trinken. Er warf einen Seitenblick auf Ginny, die scheinbar ganz weit weg war, und zuckte dann mit den Achseln. Es half nichts, wenn er schlafen wollte, musste er etwas davon nehmen, denn sein Arm schmerzte teuflisch.
Die Wirkung setzte augenblicklich ein, und er musste sich bemühen, die neuen Bandagen wenigstens halbwegs gerade auf seinem Arm anzubringen. Dann legte er sich zurück und schloss die Augen.
„Draco?" sagte Ginny einen Moment später. „Was genau haben Denez und Atris gesagt? Wie hängt das alles zusammen?"
„M-müssen wir das h-heute noch d-diskutieren?"
Ginny runzelte die Stirn und sah zu dem Slytherin hinüber.
„Hast du irgendwas? Deine Stimme klingt so komisch."
„N-nicht die Spur", kam es undeutlich zurück. „Können wir jetzt sch-schlafen?"
„Du hörst dich an, als wärst du betrunken."
Ginny legte das Schwert auf die Erde und beugte sich über ihn, um ihm ins Gesicht zu sehen.
Dann japste sie erschrocken, als der Slytherin sie plötzlich herunterzog und seine Lippen auf ihren Mund presste. Dabei drehte er sich soweit, dass er auf ihr zu liegen kam.
Ginny zappelte unter ihm und versuchte, loszukommen. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Sie schaffte es, ihren Mund freizubekommen.
„Draco, hör auf!" bekam sie heraus, während er begann, mit der Zunge langsam über ihren Hals zu streichen. Eine Hand glitt zu ihrem Oberteil und öffnete die ersten Knöpfe. Wieder versuchte er, sie zu küssen.
Ginny presste die Lippen zusammen, dann nahm sie alle Kraft zusammen und stieß ihn von sich weg.
„Bist du verrückt geworden?! Glaubst du, nur weil ich mit May herumgeknutscht habe, würde ich jeden nehmen? Ach ja – genau das glaubst du ja!" Wütend wischte sie sich über den Mund.
Dracos Augen waren umwölkt und blicklos. Einen Moment hielt er sich noch aufrecht, dann ließ er sich einfach rücklings auf den Boden fallen und zog den Mantel über den Kopf.
„Ginny – Draco – zusammen!" quiekte Blossom fröhlich.
„Blossom, ich sage es dir noch mal im guten, hör auf damit!" Wütend rutschte Ginny auf ihren eigenen Platz zurück und schloss die Augen.
Die kleine Echse sah tatsächlich so aus, als würde sie die Augen verdrehen.
