Ginny lag auf der Seite, dachte nach und starrte dabei in das immerwährende, grünliche Licht der Elmsfeuer.

Noch immer konnte sie kaum glauben, dass sie nicht träumte. Das war nicht nur einfach irgendjemand, sondern wirklich und wahrhaftig Draco Malfoy, der hinter ihr lag und dessen Arm sich besitzergreifend um ihre Hüfte schlang. Der Slytherin schlief, sie konnte seinen warmen und regelmäßigen Atem im Nacken spüren.

Sie untersuchte vorsichtig ihre Gefühle, nagte darauf herum wie auf etwas, was zu hart für ihre Zähne war. Konnte es möglich sein, dass sie schon länger in ihn verliebt gewesen war, ohne es zu merken? War es überhaupt Liebe, oder einfach nur körperliche Anziehungskraft?

Zugegeben, attraktiv hatte sie ihn immer gefunden, obwohl sie sich lieber die Zunge abgebissen hätte als es jemanden zu sagen – Ron hätte sie wahrscheinlich allein für den Gedanken erwürgt. Malfoys Verhalten in der Schule hatte sie abgestoßen, und sehr oft war sie mit ihm zusammengerasselt – wenn sie genau darüber nachdachte, in den letzten Jahren sogar wesentlich häufiger als Harry, Ron oder Hermine. Hatte das etwas zu bedeuten?

Die Person, die sich in Chryois langsam heraus kristallisiert hatte, unterschied sich von dem ´alten´ Draco Malfoy wie Tag von Nacht, und seine Maske war nahezu perfekt gewesen. Jetzt, nachdem er sie hinter diese Maske hatte sehen lassen, schien er ein völlig anderer Mensch geworden zu sein. Sie fragte sich nur, wie er sich nach ihrer Heimkehr verhalten würde.

Ginny hatte zwar gehört, was Sandrine über Slytherins und gute Schauspieler gesagt hatte, aber erst jetzt kam sie wirklich dahinter, dass die alte Frau genau gewusst hatte, wovon sie sprach.

Vielleicht zu gut. Immerhin hatte sie Ginny dazu gebracht, ihr vollständig zu vertrauen und jedes ihrer Worte für bare Münze zu nehmen. Inwieweit Draco mit seinen Schlussfolgerungen recht hatte, konnte sie natürlich nur vermuten, aber es klang logisch und erklärte eine Menge.

„Weasley, kannst du das mal abstellen? Ich hör dich bis hierher denken", kam eine Stimme von hinten.

„Ich dachte, du schläfst." Ginny drehte den Kopf.

„Hm – nicht mehr." Draco griff nach ihrem Gesicht und küsste sie hungrig. „Wie wäre es, wenn du mir hilfst, wieder einschlafen zu können?"

„Kriegst du eigentlich nie genug?"

Die letzten vier Tage waren sie nur unwesentlich weitergekommen, was hauptsächlich daran gelegen hatte, dass Draco seine Finger nicht für sich behalten konnte. Richtig geschlafen hatten sie allerdings noch nicht miteinander.

„Nein." Er nahm eine ihrer Hände und führte sie zu seinem Schritt.

Unter der improvisierten Decke aus zwei Umhängen waren beide nackt, und Ginny begann langsam, ihre Hand auf und nieder zu bewegen.

„Hilft das schon?" murmelte sie anzüglich.

„Ein bisschen." Draco lehnte sich zurück und schloss die Augen. Dann riss er sie wieder auf, als Ginnys Kopf unter der Decke verschwand.

„Himmel, Weasley!" brachte er noch heraus, und das war erst mal der letzte halbwegs vernünftige Satz, den er von sich gab – zumindest für die nächste halbe Stunde.


„Merlin", murmelte Draco irgendwann später. Er klang immer noch total weggetreten, während sich Ginny wieder an seiner Seite ausstreckte und vor sich hingrinste. „Wo hast du das gelernt? Nein, vergiss es, ich will es gar nicht wissen."

„Sei kein Idiot. Ich hab so was noch nie gemacht, und das weißt du auch."

„Dann bist du ein verdammtes Naturtalent."

Ginny stieg wieder die Röte ins Gesicht, aber sie bekämpfte es energisch. „War nur eine kleine Revanche, für das, was du gestern nacht mit mir gemacht hast."

„Sollte ich öfter machen – das Ergebnis gefällt mir." Er gähnte.

„Mal ehrlich, wir können nicht so weitermachen, sonst kommen wir nie am anderen Ende des Sumpfes an, Draco. Draco?"

Sie redete zu tauben Ohren, denn der Slytherin war eingeschlafen.


Am nächsten Morgen wollte Draco dort anfangen, wo sie die letzte Nacht aufgehört hatten, aber Ginny wehrte ihn entschlossen ab.

„Heute Abend kannst du machen, was du willst, aber jetzt werden wir weitergehen", sagte sie energisch. „Du warst doch derjenige, der so wild darauf war, die Totenstadt endlich zu erreichen."

„Vielleicht habe ich meine Meinung geändert", sagt er mürrisch und wandte sich ab, um sich anzuziehen.

„Was ist dein Problem?" fragte Ginny ärgerlich. „Oh, verstehe. Solange du mit mir rummachen kannst, musst du nicht nachdenken, oder? Was bin ich für dich, nur eine willkommene Ablenkung?!"

Das traf mehr als sie ahnte, und er würdigte sie keiner Antwort.

Sehr bald machten sie sich wieder auf den Weg. Draco schwieg beharrlich, und er machte auch keine Anstalten mehr, sich ihr zu nähern.

Ginny war wütend, und gleichzeitig machte sich ein tiefes Gefühl der Enttäuschung in ihr breit. Scheinbar hatte sie sich ein weiteres Mal geirrt – es wurde langsam zur Gewohnheit.

Draco dagegen kämpfte wieder mit den Stimmen in seinem Kopf. Mittlerweile war sogar noch eine neue hinzugekommen – und sie hörte sich verdächtig nach Ginny Weasley an.

Er wusste, er hatte sie durch sein Verhalten verletzt, aber ihre Annahme, sie wäre nur eine Ablenkung gewesen, war nur zum Teil richtig. Er hatte eine Menge für sie übrig – das Wort Liebe war so fremd für ihn, dass er es gar nicht erst benutzte – aber sein Verstand hatte unwillkürlich sofort nach der nächsten Möglichkeit gesucht, die wahrscheinliche Konfrontation zu verdrängen, die ihn erwarten würde.

Wenn sie gemeinsam und als Paar zurückkehrten, würde ihm die Entscheidung buchstäblich aus den Händen genommen werden, aber er sah nichts positives daran. Das allerschlimmste war, dass dann sogar ein weiterer Punkt in seinen Befürchtungen hinzukam. Lucius würde sich nicht nur auf ihn beschränken, sondern es auch auf Ginny ausweiten– und allem, was ihr lieb und teuer war. Die Rachsucht des älteren Malfoy war gefürchtet, gerade die Weasleys konnten ein Lied davon singen.

Draco blieb immer weiter hinter ihr zurück und beobachtete, wie sie sich beherrscht den Weg durch den Sumpf bahnte. Blossom hüpfte neben Ginny her, sprang ab und an auf ihre Schulter und schnatterte die ganze Zeit.

Am liebsten hätte er hier und jetzt mit allem Schluss gemacht. Der Gedanke war nicht fremd, schon in Hogwarts hatte er über diese Möglichkeit oft und angestrengt nachgedacht. Drei Sachen sprachen jedoch dagegen, und die waren nicht wegzudiskutieren. Erstens würde er Ginny zum Leben in dieser fremden Welt verdammen, zweitens wollte er in Wirklichkeit nicht sterben, und drittens – auch das wäre wieder nur eine Flucht gewesen.

Ich hasse mein Leben. Es wäre einfacher gewesen, ich hätte nie denken gelernt.

Ginny war jetzt außer Sicht, und Draco blieb stehen, schloss die Augen und versuchte, an gar nichts zu denken. Die letzten Tage waren gerade deshalb so angenehm gewesen, weil er sich nicht ewig den Kopf hatte zerbrechen müssen. Insofern hatte die rothaarige Gryffindor natürlich recht gehabt.

Er presste sich beide Hände gegen die Schläfen, als versuchte er, mit Gewalt die Gedanken zu vertreiben.

Das silberne Glitzern, dass hinter einem der niederen Pflanzen auftauchte, bemerkte er nicht. Es sah aus wie ein Paar Augen.


Ginny trat wütend einen Ast aus dem Weg.

Was bildet er sich eigentlich ein? Ich wäre sein persönliches Spielzeug, das immer springt, wenn er etwas sagt? Ich hätte es wissen müssen, dass er wieder nur eine Maskerade abzieht, um eine nette, kleine Abwechslung zu bekommen.

Blossom, die wieder auf ihrer Schulter saß, quietschte und bohrte die scharfen Krallen durch das Oberteil.

„Au, was soll das?"

„Scrawny – Draco."

„Der kann meinetwegen hingehen, wo der Pfeffer wächst."

„Draco – weg!"

„Du spinnst, er ist doch direkt hinter ..." Ginny drehte sich um und verstummte. Der Weg war leer.

Beunruhigende Gedanken an Sumpflöcher, Riesen-Drachen und Irrlichter schossen ihr durch den Kopf.

„Draco? Draco!" rief sie, bekam aber keine Antwort.

„Verdammt. Blossom, kannst du den Weg zurückverfolgen? Ich verirre mich doch total hier!"

„Blossom – Finden – Draco!"

Die Echse schnüffelte kurz und sprang dann in großen Sätzen voraus. Ginny folgte ihr hastig.

Sie mussten nicht weit zurückgehen, und sie entdeckte Draco, der jetzt auf dem Boden saß, das Gesicht in beiden Händen vergraben hatte und sich dabei unentwegt die Schläfen rieb.

Blossom blieb ein paar Meter vor ihm stehen, hob den Kopf, und ihr langer Schwanz peitschte unruhig.

„Warum zum Teufel sagst du nicht bescheid, wenn du ´ne Pause brauchst?" fragte Ginny aggressiv und stampfte mit einem Fuß auf. „Wir hätten uns verlieren können, du Vollidiot!"

Draco reagierte nicht einmal.

Das machte sie natürlich noch wütender.

„Ich rede mit dir, Malfoy! Wenn du denkst, ich falle wieder auf deine Mitleidsmasche herein, dann hast du dich gewaltig geschnitten!"

„Warum haust du dann nicht einfach ab!" brüllte Draco los, und zwar so laut, dass Ginny zurückwich, stolperte und sich dann auf ihren Hintern setzte. „Hau ab und lass mich endlich in Ruhe!"

Seine Augen waren rot, und er fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Ginny musste zweimal hingucken, um sich zu vergewissern, dass sie richtig gesehen hatte, aber es stimmte – es sah aus, als hätte er geweint.

Etwas in Draco hatte sich vorübergehend verabschiedet, und das war seine anerzogene und aufs höchste Maß gedrillte Selbstbeherrschung. Ein oder zweimal in seiner frühesten Kindheit hatte er auf diese Weise seinen Gefühlen freien Lauf gelassen, und die Strafe dafür war schrecklich gewesen. So etwas gab es im Hause Malfoy einfach nicht – und genau das war ihm im Moment scheißegal.

„Lass mich in Ruhe", fuhr er heiser fort und versenkte den Kopf wieder in seinen Armen. „Ich kann einfach nicht mehr. Diese Welt macht mich verrückt, du machst mich verrückt, und wenn wir nach Hause kommen, wird Vater es endgültig schaffen, mich in den Wahnsinn zu treiben. Tolle Zukunftsaussichten, was?" Er stieß ein ersticktes Schnauben aus.

Ginnys Wut war verflogen, und sie sah hilflos aus.

„Draco ..."

„Nein." Seine Stimme war müde. „Ich glaube diese Entscheidung, um die ich immer herumgeredet habe, ist längst getroffen." Noch als er die Worte aussprach, wurde ihm bewusst, dass es tatsächlich die Wahrheit war. „Aber bisher konnte ich mich darum drücken, sie auszusprechen und über die Konsequenzen nachzudenken. Jetzt werde ich dazu gezwungen, und zwar schnell, und genau das macht mich verrückt. Ergibt das irgendeinen Sinn?" Wieder wischte er sich mit dem Ärmel über die Augen.

„Ein bisschen", sagte Ginny und lächelte. „Du solltest vielleicht nur eins nicht vergessen."

„Und das wäre, Miss Oberschlau?" Aber es lag kein Stachel in seinen Worten.

„Dass du nicht allein bist. Sieh mal, ich bin da, Snape wird dich mit Sicherheit nicht im Stich lassen ... und meine Eltern werden zwar am Anfang den Schock ihres Lebens kriegen, aber wenn sie sehen, dass du es ernst meinst, werden auch sie dich unterstützen."

„Du weißt überhaupt nicht, in welche Gefahr du dich und deine Familie damit bringst."

„Hältst du mich wirklich für so blöd? Natürlich weiß ich, dass es gefährlich ist. Aber was soll ich machen? Meinen Kopf ewig unter einer Bettdecke verstecken und nie wieder die Augen aufmachen? Das Risiko ist nun mal hoch, gerade wenn es um Voldemort und seine Anhänger geht. Aber ob mit oder ohne dich, ich werde gegen ihn kämpfen, und zwar mit allem, was ich habe und tun kann."

„Das ist die typische Ich-bin-so-tapfer Gryffindor Scheiße."

„Tapferkeit kommt meist erst mit den Umständen, so blöd es auch klingt. Du hast schließlich auch eine Menge davon gezeigt."

„Wer, ich? Du spinnst. Das ist nicht mein Terrain, das überlasse ich mit Freuden dir."

„Was ist mit Tyron?" hakte sie nach. „Du hast dich ihm entgegengesellt und ihn getötet. Du hast Maynew in einer Halle von bewaffneten Leuten angegriffen und damit unseren Fluchtweg freigemacht."

„Das waren bloß glückliche Umstände plus Selbsterhaltung, das hat nichts mit Heldenmut zu tun."

„Wer spinnt jetzt? Du hättest genauso gut sitzen bleiben und keinen Finger rühren können. Und komm mir nicht wieder mit ´Nur zusammen können wir nach Hause kommen´, denn ich nehme dir einfach nicht ab, dass du in diesen Momenten überhaupt daran gedacht hast."

Draco gab keine Antwort, und dadurch war ihr natürlich klar, dass sie recht hatte.

„Könnte ich mich nicht einfach mit dir zusammen unter besagter Bettdecke verkriechen?" fragte er schließlich.

Ginny schnaubte amüsiert.

„Wer sagt denn, dass ich was dagegen habe? Aber nur, wenn du danach auch bereit bist, dein Leben endlich mal selbst in die Hand zu nehmen."

„Spielverderber."

Sie stand auf, klopfte sich die Erde von der Hose und reichte ihm dann die Hand. Ehe sie sich's versah, hatte er sie gleich wieder heruntergezogen und saß nun auf seinem Schoß.

„Du wirst mir dabei helfen müssen", murmelte er und küsste sie. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich das anstellen soll."

„Ich auch nicht", gab sie offen zu. „Aber irgendeine Lösung werden wir schon finden."

Sie sahen sich gegenseitig tief in die Augen. Aber noch bevor irgendetwas anderes passieren konnte, erhob sich plötzlich ein vierstimmiges Fauchen, und die Hölle brach los.