Den stillen Sumpf hinter sich lassend, setzten Ginny und Draco das erstemal Fuß in die Totenstadt.

Ihre Schritte waren merkwürdig gedämpft, als sie anfingen, die Straße hinaufzugehen. Keiner sprach.

„Wer auch immer dieser verdammten Stadt ihren Namen gegeben hat", sagte Draco schließlich. „Er hat genau gewusst, von was er geredet hat."

Ginny nickte. Es war unheimlich. Wenn sie ihre Phantasie anstrengte, konnte sie die Leute sehen, die hier früher die Straße bevölkert hatten, die Häuser angeregt mit Leben. Jetzt wehte nur noch ein leichter Wind, und es war so still, dass sich dieser direkt bedrohlich anhörte.

„Kannst du weitererzählen?" bat sie irgendwann. „Es ist noch viel unheimlicher, wenn wir auch nichts sagen."

Draco war mittlerweile irgendwo in der Mitte der Geschichte angelangt. Erstaunlicherweise fiel ihm beim Erzählen alles wieder ein, was er vor Jahren einmal gelesen hatte.

Ginny gefiel die Erzählung, und sie hatte sich fest vorgenommen, sich nach ihrer Rückkehr sofort die Bücher zu besorgen. Mittlerweile verstand sie auch, warum Draco damals gesagt hatte, ihre ganze Reise käme ihm vor wie ein Abklatsch aus dem Herrn der Ringe. Es gab ein paar Parallelen, auch wenn sie noch so gering waren.

Besonders gut gefielen ihr die paar Gedichte, die der Slytherin scheinbar mühelos wiederholen konnte.

„Wenn du drauf bestehst." Auch Draco ging die Stille auf die Nerven.

Während er erzählte, versuchte Ginny, sich so gut es ging auf seine Stimme zu konzentrieren, aber es fiel ihr schwer. Diese ganze Atmosphäre in der Totenstadt schien etwas abgrundtief Düsteres zu umgeben. Vielleicht schlief das Tor wirklich, wie der Sumpf ihnen versichert hatte, aber seine Anwesenheit schien sich in jedem Schatten wiederzuspiegeln, der hinter den Häusern auftrat ...

„Du hörst gar nicht zu", sagte Draco etwas zu laut.

„Tut mir leid. Ich ... ich weiß auch nicht. Ich würde am liebsten meine Beine in die Hand nehmen und abhauen", sagte sie kleinlaut.

Zu ihrer Überraschung stimmte Draco ihr zu.

„Mir geht es ähnlich. Es ist, als würden wir durch eine dicke Nebelwand gehen. Als ob alle Menschen, die hier mal gewesen sind, nur darauf lauern, sich auf uns zu stürzen, als Geister oder sonst wie."

„Ja." Ginny hatte eine Gänsehaut, und sie rieb sich über die Arme. „Die Sonne geht schon unter. Heute schaffen wir es auf jeden Fall nicht mehr nach oben."

„Wir haben Fackeln."

„Wir müssen aber irgendwann mal schlafen. Und außerdem – im Dunkeln wird das alles hier sicher noch schlimmer."

„Glaubst du denn, wir machen in einem dieser Gebäude nur ein Auge zu? Lass uns lieber weitergehen."

Aber nachdem die Sonne vollends den Horizont verlassen hatte, musste Draco wohl oder übel zugeben, dass Ginny recht behielt. Selbst am Tage war der Gang durch die Totenstadt unheimlich genug gewesen, aber im flackernden Fackellicht verwandelte sich die Straße in wabernde Flecken, die vor ihren Augen hin- und hertanzten. Das drückende Gefühl war noch stärker geworden, und beide sahen sich alle naselang um und erwarteten, dass sie gleich etwas angreifen würde.

„Du hattest recht. Wenn wir noch länger weitergehen, dann drehen wir beide durch", sagte er halblaut. „Lass uns zusehen, dass wir in einem der Häuser unterkommen. Das ist hier schlimmer als ein Gruselroman."

„Wenn du jetzt auch noch aus einem Horrorbuch zitierst, dann gebe ich dir ein Tritt in den Hintern", antwortete Ginny gespielt aufmüpfig, aber ihre Stimme zitterte.

„Musst du mich unbedingt daran erinnern?" Draco zog ein Gesicht.

„Das da vorne, das sieht wenigstens nicht so hochherrschaftlich aus", sagte sie und wies auf ein Haus, dass etwa die Größe des Fuchsbaus hatte.

Sobald sie die Türschwelle durchschritten hatten, fiel plötzlich das merkwürdige, drückende Gefühl von ihnen ab. Sie sahen sich überrascht an.

Ginny drehte sich um und wollte noch einmal hinausgehen, aber Draco packte nach ihrem Arm.

„Nicht. Sei lieber froh, dass wir hier drin einigermaßen sicher sind."

Er hob die Fackel und sah sich um. Seit langer, langer Zeit hatte sich hier niemand mehr aufgehalten, das erkannte man auf den ersten Blick. Der Staub war zentimeterhoch, und es roch muffig.

„Scheint eine ehemalige Empfangshalle gewesen zu sein. Sieh dir diese ganze Dekoration an – ich versenke mich im Schlamm, wenn das nicht Gold ist."

Der lange Gang, der vor ihnen lag, hatte viele Nischen, und in jeder von ihnen befand sich ein kunstvolles Gefäß oder Gegenstand.

Ginny musste ihm recht geben, es sah wirklich aus wie pures Gold.

„Da hinten geht eine Treppe rauf. Vielleicht finden wir da etwas, wo wir schlafen können."

Sie ging vor, und Draco folgte ihr. Sein Blick wanderte unruhig herum, aber die Stille blieb unverändert.

„Na, wenn das nicht ein Willkommen ist!" sagte Ginny überrascht, als sie den ersten Stock erreicht hatten.

Die erste Tür stand offen, und sie hatte offenbar etwas gesehen, was ihr zusagte.

Draco drängelte sich an ihr vorbei.

„Kommt einem ja vor wie eine Einladung. Ich sag dir was, Scrawny, das macht mich irgendwie total misstrauisch."

Es schien ein ehemaliges Schlafzimmer gewesen zu sein. Das Bett, dass am anderen Ende des Raumes stand, war breit und hätte mindestens zehn Personen genügt. Der Raum, in dem es stand, hatte die Größe eines Ballsaales.

Ginny seufzte.

„Man kann es auch übertreiben, Malfoy. Hier war doch ewig keiner mehr, und wenn du mir nicht glaubst, dann sieh dir den Boden an."

Sie hatte recht, der Fußboden war ebenfalls mit einer dicken Staubschicht belegt. Nichts deutete daraufhin, dass sich jemand in letzter Zeit in diesem Zimmer aufgehalten hatte.

„Vielleicht haben wir einfach mal Glück. Ich meine, wenn wir es schaffen, diesen ekligen Staub aus dem Bett rauszukriegen."

Ginny klopfte darauf, und wich dann hustend zurück, als sich eine große Wolke erhob, die im Fackellicht zu Boden fiel.

„Vielleicht." Dracos Blick war nach wie vor skeptisch.


Etwa eine Stunde später hatten sich die beiden dicht aneinander gedrängt und versuchten, einzuschlafen.

„Blossom fehlt mir", wisperte Ginny nach einiger Zeit.

„Manchmal war das Vieh echt nervtötend, aber du hast recht", gab Draco zu. „Irgendwie gehörte sie dazu."

„Was uns wohl da oben erwartet?"

„Denk lieber nicht darüber nach."

„Leichter gesagt als getan."

Draußen begann wieder leise eine Glocke zu läuten. Diesmal konnte man sogar bestimmen, woher der Laut kam, und sein Ursprung war die Bergspitze.

Ginny fröstelte.

„Vielleicht hätten wir den Sumpf auch nach der Glocke fragen sollen. Irgendeiner muss das Ding ja schließlich läuten."

„Möglicherweise der Wächter." Draco rutschte unbehaglich herum.

„Ich denke, der schläft?"

„Scrawny, ich weiß es nicht. Geduld ist auch nicht gerade meine größte Stärke, aber wir werden uns damit abfinden müssen zu warten, bis wir das Tor erreicht haben. Oder was auch immer uns da oben erwartet."

Der Ton der Glocke war wieder verstummt.

„Wir sollten wirklich versuchen, zu schlafen. Ich hab da so eine Ahnung, als würden wir in nächster Zeit nicht mehr dazu kommen."

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie beide diesen Ratschlag beherzigen konnten.


Gegen Morgen wachte Ginny auf und konnte nicht mehr einschlafen.

Wenn der Sumpf wirklich recht behielt, würden sie heute das Portal und damit den Endpunkt ihrer Reise erreichen. Obwohl sie hoffte und sich geradezu nach Hogwarts sehnte, fragte sie sich gleichzeitig, was sie dort wohl erwarten würde. Wenn sie es überhaupt schafften, und nicht ganz woanders landeten.

So ganz hatte sie nicht verstanden, warum es Tanadryl nicht einfach möglich war, durch das Portal zu gehen, ohne einen Punkt zu kennen, an dem er ankommen konnte. Schließlich hatten sie beide Chryois auch vorher nicht gekannt, und Dracos Schilderung des Gezeitenportals war eine gänzlich andere gewesen als die des Sumpfes. Hatte das wirklich etwas mit dem feststehenden Tor zu tun? Wieso unterschieden sich die beiden Portale so sehr?

Ginny bezweifelte, dass sie auf diese Fragen je eine ausreichende Antwort bekommen würde.

Draco neben ihr schlief immer noch wie ein Stein. Sie schüttelte ihn, denn es war Zeit, aufzubrechen.

„Die Sonne geht auf."

„Die ist in einer Stunde auch noch da", kam die ungnädige Antwort.

„Stell dich nicht so an. Wenn ich je einen Morgenmuffel gesehen habe, dann bist du das."

„Sagt mir ausgerechnet diejenige, die nicht mal von Kanonen wach wird." Draco streckte sich, gähnte und sah dann missmutig an sich herunter. „Eins sag ich dir, am meisten freue ich mich darauf, mir morgens wieder saubere Klamotten aus dem Schrank nehmen zu können."

„Was wohl zu Hause inzwischen alles passiert ist?" überlegte Ginny laut.

„Wenn wir ganz viel Glück haben, ist der Krieg bereits vorbei." Seiner Stimme konnte man entnehmen, dass er nicht daran glaubte.

„Ich meinte eigentlich auch eher, ob die anderen uns inzwischen abgeschrieben haben, oder ob sie sich bemühen, uns zu helfen."

„Scrawny, sie können uns nicht helfen, hast du das immer noch nicht verstanden?"

„Was ist, wenn auf der Erde ebenfalls ein feststehendes Portal besteht?" erwiderte sie angriffslustig.

„Und?"

„Was und?"

„Wo sie suchen sollen, das ist und! Sie wissen doch gar nicht, wo wir sind!"

„Dumbledore ..."

Draco wurde ärgerlich.

„Ich weiß, dass du denkst, er kann auf dem Wasser wandeln, aber er ist nicht allwissend. Es gibt keine Möglichkeit, uns zu finden, ansonsten wären sie doch längst hier aufgetaucht! Wir sind jetzt über zwei Monate hier!"

„Du schaffst es auch immer wieder, einem das letzte bisschen Hoffnung zu rauben!" Ginny war ebenfalls sauer.

„Ich bin bloß realistisch, im Gegensatz zu anderen Anwesenden!"


Zank und Streit waren abrupt vergessen, als sie die Türschwelle überquerten.

Sofort schlug das unheimliche Gefühl wieder zu, diesmal noch heftiger. Hier draußen war es kalt und regnerisch, und die Totenstadt wirkte düsterer denn je.

Ginny hörte jemanden mit den Zähnen klappern. Es dauerte einen Moment, bis sie merkte, dass es ihre eigenen waren.

Draco hatte die Lippen fest zusammengepresst und sah ebenfalls aus, als würde er gleich wieder den Berg hinabrennen.

„Gehen wir. Das ist nicht zum aushalten." Ginny wäre am liebsten mit geschlossenen Augen weitermarschiert.

Je weiter sie nach oben kamen, umso drückender wurde die Last, die auf ihnen lag. Beide bekamen einen Mordsschrecken, als die Glocke plötzlich wieder läutete. Mittlerweile hörte es sich ziemlich nahe an.

„Das verdammte Ding macht mich wahnsinnig", murmelte der Slytherin verbissen.

Ginny hatte sich leicht zu ihm umgedreht, und wollte gerade eine Antwort geben, als ihr ein entsetztes Keuchen entfuhr.

„Draco, sieh doch, da!"

Tief unter ihnen, am Fuße des Berges befand sich jetzt eine Armee von Untoten, Gramièren – und sogar Menschen waren darunter. Der Sumpf, an dessen Rand sie stand, war nicht mehr im entferntesten grün. Man konnte sehen, wie Bäume, Büsche und Sumpfpflanzen in sich zusammensanken, langsam erstarrten und zu Stein wurden. Eisige Stille lag über dem Tal, die Armee gaben keinen Laut von sich.

„Die steinernen Wälder." Ginnys Stimme klang gepresst. „Jetzt wissen wir, wie sie entstanden sind, oder? Es ist Tanadryl."

„Wer ist dieser Typ?" Draco ballte die Fäuste. „Wir sind Magier, verdammt, und wir haben hier überhaupt keine Zauberkraft! Warum er? Wie kann er so etwas großes wie den Sumpf der Götter einfach vernichten?"

Die Armee teilte sich, und eine dunkel verhüllte Gestalt auf einem riesigen Calinor bewegte sich durch die Gasse. Man konnte sehen, wie sie ihren Kopf hob und zur Bergspitze hinauf sah.

Draco und Ginny duckten sich hastig. Beide wussten nicht, ob man sie von unten sehen konnten, aber das Risiko war zu hoch, es nicht zu tun.

„Ehrlich gesagt, so habe ich mir immer das Auftauchen von Voldemort vorgestellt", sagte Draco unterdrückt. „Ich hätte nie geglaubt, mal in der Schusslinie eines anderen schwarzen Lords aufzutauchen."

„Beeilen wir uns lieber. Die sind doch bestimmt viel schneller als wir!"

Kaum hatte Ginny es ausgesprochen, setzte sich die Armee am Fuß des Berges in Bewegung. Fast alle waren beritten, und ohne Zweifel war ihr Tempo enorm.

„Du hast recht. Schnell!"