Hogwarts
Professor Severus Snape, seines Zeichens Zaubertrankprofessor der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei, saß an seinem Pult und korrigierte Klassenarbeiten. Um der Wahrheit der Ehre zu geben, er starrte nur auf das – teilweise – unleserliche Geschreibsel einiger Drittklässler, aber mit seinen Gedanken war er meilenweit entfernt.
Es waren über zwei Monate vergangen, seitdem Draco Malfoy und Virginia Weasley durch das Gezeitenportal geschleudert worden waren. Nichts war unversucht gelassen worden, die beiden wiederzufinden, doch das Ergebnis war gleich null. Mittlerweile hatte selbst Molly Weasley fast die Hoffnung aufgegeben.
Er selbst war zwar schon lange als Spion enttarnt worden, hatte jedoch noch ein oder zwei Kontakte, von denen selbst Voldemort nichts ahnte. Eine seiner besten Quellen war Narcissa Malfoy, die wie Molly umkam vor Sorge um ihr Kind.
Durch sie hatte er erfahren, was genau in der verhängnisvollen Unterrichtsstunde passiert war, und Severus kochte immer noch vor Wut. Wie leicht hätte das Portal ganz Hogwarts mit sich reißen können!
Lucius Malfoy und Peter Pettigrew waren hart bestraft worden. Sie würden noch etliche Monate brauchen, bis sie sich von Naginis Gift vollständig erholt hatten. Er wünschte sich nur, sie wären endgültig getötet worden, zwei Kreaturen weniger, um die man sich hätte Gedanken machen müssen.
Severus erstarrte, als sich plötzlich ein klagender, unwirklicher Laut im Klassenraum erhob. Seine Augen fielen auf den Punkt, an dem seine beiden Schüler das letzte Mal gesehen worden waren, und er war nahe daran, sich über die Augen zu reiben. Ein stecknadelgroßer Lichtpunkt war aufgetaucht, der rasant größer wurde.
Der ehemalige Todesser ergriff unverzüglich seinen Zauberstab.
„Finite Incantatem!" bellte er.
Es nützte nichts, und das Licht wurde heller und heller. Schon bald zeichneten sich Konturen ab, und es schien, als würde ein freischwebendes, riesiges Gemälde im Raum hängen. Einen Moment noch war die Oberfläche verschwommen, und verdichtete sich dann zu einem Bild.
Draco Malfoy und Virginia Weasley, in sehr ungewohnter Kleidung und beide deutlich verändert, standen dicht nebeneinander und starrten auf etwas, was aus Severus' Blickwinkel nicht ersichtlich war. Offensichtlich redeten sie miteinander, aber man konnte nichts hören, keinen Laut.
Aber eine andere Stimme erhob sich, sie war laut und verzerrt, und ihre Worte waren in einer fremden Sprache. Sie klang unwirklich und geisterhaft.
Severus Snape stand einen Moment da wie angewurzelt. Dann wirbelte er herum und rannte förmlich aus dem Saal. Die Tür hinter sich zuschlagend, sprach er Dutzende von Bannsprüchen, um den Raum zu versiegeln, und machte sich auf dem schnellsten Wege zu Professor Dumbledores Büro.
Chryois
Ginny und Draco hetzten weiter, den Weg hinauf.
Mittlerweile konnte man die Armee der Untoten auch hören. Scheinbar gaben sie sich nicht damit zufrieden, die Bergspitze zu erreichen, sondern plünderten auch gleichzeitig die verlassenen Häuser.
Schon bald zeigte sich das Ende der Pflasterstraße. Was ihren Blick fast magisch anzog, war der riesige Glockenturm, der inmitten der sonst leeren, großen Plattform stand, die die Kuppe des Berges darstellte.
Sie rannten weiter, während hinter ihnen das Kriegsgebrüll der Armeen lauter wurde.
Die leere Ebene war aus rotem Sand. Als sie die Grenze überschritten, blieben beide abrupt stehen. Das düstere Gefühl, das inmitten der Totenstadt vorherrschend gewesen war, fiel unvermittelt von ihnen ab, wie in dem Gebäude am Tag zuvor. Dafür trat etwas anderes an seine Stelle.
„Fühlst du dich auch beobachtet?" Draco sah sich unbehaglich um.
Ginny konnte sehen, dass er eine Gänsehaut hatte, und sie nickte.
Beide starrten zu dem Turm, als die Glocke mit einem tiefen Klang zum Leben erwachte. Nur mühsam widerstanden sie dem Bedürfnis, sich die Ohren zuzuhalten, so laut war das Geräusch. Es dauerte weniger als eine Minute, und der Ton verstummte.
„Gehen wir dorthin. Scheinbar wird es von uns verlangt." Ginny marschierte los, ohne sich umzublicken, und Draco folgte ihr wortlos.
Die Holztür, die den Eingang zum Turm darstellte, war alt und quietschte schauerlich, als Ginny sie entschlossen aufzog. Sie sah nach oben, und entdeckte eine enge Wendeltreppe, die von Staub und Spinnenweben bedeckt und umringt war.
„Wie kann jemand da oben sein, wenn es kein Geist war?" fragte sie halblaut.
„Wir werden es herausfinden, oder?" Draco zögerte noch einen Moment, und betrat dann die Treppe. Kaum hatte er die erste Stufe berührt, als sich ein grauenvolles Geräusch erhob. Der Turm schien zu zittern, und erste Steine schlugen auf die Erde.
„Draco, nicht!" schrie Ginny, aber es war zu spät.
Der Boden unter ihnen brach ein, und die rothaarige Gryffindor konnte gerade noch Dracos Arm packen, bevor sie in die Tiefe stürzten.
Hogwarts
Albus Dumbledore, Minerva McGonagall, Sirius Black, Remus Lupin und Severus Snape standen vor der versiegelten Tür des Zaubertranksaales.
„Es waren Malfoy und Ginny? Bist du dir sicher?" fragte Sirius, zum x-ten Male.
„Ja!" fuhr Snape ihn gereizt an. „Ich habe keine Halluzinationen, Black, dass kann ich dir versichern!"
„Meine Herren!" sagte Dumbledore energisch. „Behalten Sie bitte Ihre Aversionen für sich, bis diese Sache geklärt ist!" Er wandte sich an Severus. „Sie konnten die Stimme nicht verstehen?"
„Nein, Direktor", sagte Snape, immer noch mit einem wütenden Seitenblick auf Sirius Black. „Sie hat eine andere Sprache gesprochen, aber das Bild war eindeutig. Sie leben noch."
„Wenn es kein Trugbild war." Minerva McGonagall, sonst die Beherrschtheit selbst, sah völlig aufgelöst aus.
„Unwahrscheinlich. Finite Incantatem!" Dumbledore richtete seinen Zauberstab auf die Tür, und öffnete sie dann.
Das Bild, dass sich ihnen bot, ließ alle fünf auf der Türschwelle verharren.
Chryois
„Leben wir noch?" krächzte Ginny. Sie hatte das Gefühl, unter einem riesigen Steinhaufen begraben zu sein. „Das ist ja die reinste Menschenfalle!"
„Allzu tief sind wir ja auch nicht gefallen. Früher muss das mal so was wie eine Falltür gewesen sein. Los, hoch mit dir."
Draco reichte ihr die Hand und zog sie auf die Füße.
„Und jetzt?"
Die beiden sahen sich zweifelnd um. Es war düster, und nur das schwache Licht vom Loch der Decke aus erhellte die Finsternis ein wenig.
„Gut dass wir die Fackeln noch haben."
„Das darf ja alles nicht wahr sein!" Draco sah fassungslos auf den Gang vor ihnen, „Wir rennen wie die Vollidioten diesen Berg rauf, und jetzt geht's wieder runter! Was wird das hier, die Reise zum Mittelpunkt der Erde?!"
Er hatte recht, der breite Gang war in das Erdinnere eingegraben und führte kontinuierlich nach unten.
„Was soll's? Gehen wir einfach, zurück können wir ja schlecht." Ginny sah zur Decke, die zwei Meter von ihnen entfernt war. „Jetzt werden wir wohl nie erfahren, wer die Totenglocke geläutet hat."
Erde knirschte unter ihren Füßen, als sie den Abstieg begannen. Teilweise konnte man an den Wänden vermoderte Fackelhalter aus Holz erkennen, aber man sah ihnen an, dass sie schon sehr lange nicht mehr benutzt worden waren.
Hogwarts
„Wo um Merlins willen befinden die beiden sich da?" brachte Sirius heraus. „Und warum benutzen sie Fackeln, und nicht ihre Zauberstäbe?"
Ein Kichern erhob sich in dem Saal.
„Das können sie nicht. Sie haben keine Zauberkraft da, wo sie sind."
Dumbledore trat vor. Die sonst so freundlichen, blauen Augen waren hart und streng.
„Ich bin Professor Albus Dumbledore, Direktor der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei. Sie sind hier eingedrungen, und ich verlange von Ihnen, dass Sie sich augenblicklich aus Hogwarts entfernen."
„Wollen Sie denn gar nicht wissen, was Ihren beiden ehemaligen Schülern derzeit passiert?" Die Stimme war lauernd. „Ich dachte nur, Sie würden gerne erfahren, wie und wo die beiden sterben werden."
Ein schallendes Gelächter folgte.
Die Zauberer waren erstarrt.
„Sie wagen es ..." fauchte Snape, aber Dumbledore fiel ihm ins Wort.
„Sie werden uns nicht in unseren Mauern bedrohen, wer auch immer Sie seien mögen. Bringen Sie Mr Malfoy und Miss Weasley unverzüglich zurück."
„Das kann ich nicht, Mylord." Die Stimme war nach wie vor spöttisch. „Sie müssen schon selbst die Schwelle des Portals überschreiten. Wollen wir wetten, ob sie es schaffen?"
Wieder das höhnische Gelächter.
„Wer sind Sie?" rief McGonagall schrill.
„Man nennt mich den Wächter. Oh, und entschuldigen Sie, dass ich vorher nicht daran gedacht habe, dass Chryois eine andere Sprache spricht. Ich muss Sie verunsichert haben, Professor Snape."
Snape knirschte mit den Zähnen.
„Nicht im geringsten", stieß er dann hervor. „Woher kennen Sie meinen Namen?"
„Ich weiß viele Dinge." Der lauernde Ton war wieder da. „Der Blonde und die Rothaarige, sie sind schon ein seltsames Gespann. Man könnte glauben, sie hassen sich abgrundtief, und gleich danach kämpfen sie wieder für eine Sache. Einerlei, es wird ihnen nichts nützen. Entweder sie werden sterben, oder sie werden das Verderben mit auf eure Seite bringen."
In dem überlebensgroßen Gemälde mitten im Raum gingen Draco und Ginny gerade den Gang entlang, die Fackeln hoch über den Kopf erhoben. Sie redeten miteinander, und Ginny lächelte über etwas, was Draco gesagt hatte.
Dumbledore dachte nach, während die vier anderen fasziniert auf das Bild starrten.
„Lassen Sie uns mit ihnen reden", sagte er schließlich.
„Auch das kann ich nicht, Professor. Das einzige, was mir möglich ist, ist dieses Bild zu erstellen, genau an dem Ort, wo sie verschwunden sind. Warum lehnen Sie sich nicht zurück und genießen die Show? Vielleicht sehen Sie sie ja sogar lebendig wieder, wenn auch nicht allein."
„Hören Sie auf, Spielchen mit uns zu spielen!" fuhr Sirius auf. „Und sagen Sie uns, um was es überhaupt geht!"
„Bedaure, Sirius Black, das zu erzählen würde mich meinen Posten kosten. Wir dürfen uns nicht aktiv in das Geschehen der Welten einmischen – bis auf kleinere Schlupflöcher wie dieses hier."
„Und warum zeigen Sie uns dieses Bild überhaupt?" McGonagalls Lippen waren zu dünnen Strichen zusammengepresst.
„Weil es mir Spaß macht. Es ist sehr langweilig, ein Tor zu bewachen, und niemand kommt zu Besuch." Der Wächter kicherte wieder. „Jetzt bin ich wieder wach, und ich habe die Möglichkeit dazu. Das reicht mir als Grund."
„Albus, wir müssen die Schüler evakuieren. Solange sich dieses Wesen hier befindet ..." Remus Lupin brauchte seinen Satz nicht zu beenden, alle hatten verstanden.
„Oh, ich bin auf das Portal beschränkt", antwortete der Wächter, und etwas wie Ärger klang in seiner Stimme mit. „In Wirklichkeit befinde ich mich noch immer in meiner Welt, und nur die Stelle, an der das kurzfristige Gezeitenportal stand, ist mir zugängig."
„Severus."
„Ja, Direktor?"
„Sie versiegeln den Klassenraum erneut. Das Auftauchen des Wächters muss unter allen Umständen geheim gehalten werden, was die Schüler betrifft. Ihr Unterricht wird bis auf weiteres ausfallen. Minerva, wir werden eine Versammlung des Phönix Ordens einberufen, und das so schnell wie möglich, um über eine weitere Vorgehensweise zu entscheiden."
Dumbledore sah wieder auf das Bild, wo Ginny und Draco inzwischen etwas wie eine unterirdische Kammer erreicht hatten.
„Wächter", sagte er dann hart. „Wenn Sie gelogen haben, dann werden wir einen Weg finden, Sie zu zerstören, dass kann ich Ihnen versichern. Sollte nur etwas von Ihnen in einem anderen Teil von Hogwarts auftauchen ..."
Er ließ den Rest in der Luft hängen.
„Seien Sie unbesorgt." Der Wächter klang jedoch, als würde er innerlich lachen. „Noch habe ich keine Chance, etwas zu tun."
Und genau dieses ´noch´ dachte Sirius macht mir Sorgen.
