Hogwarts
Der gesamte Phönix-Orden war dem Aufruf Professor Dumbledores gefolgt und hatte sich innerhalb einer Stunde in 12 Grimmauld Place versammelt. Deutliche Nervositätheit stand im Raum, ein so urplötzliches Treffen konnte nichts gutes bedeuten.
Molly und Arthur Weasley, die deutlich älter aussahen als noch zwei Monate zuvor, waren von ihren Söhnen umringt. Kaum einer von ihnen sagte ein Wort. Das änderte sich, als Dumbledore kurz mitteilte, was in Hogwarts geschehen war.
„Sie lebt?" flüsterte Molly ungläubig. „Ginny lebt wirklich?"
„Sie leben beide noch, und es sieht aus, als würde es ihnen einigermaßen gut gehen."
„Ich muss sofort nach Hogwarts und mich selbst davon überzeugen." Molly stand schon neben ihrem Stuhl.
„Molly, ich verstehe, dass Sie aufgeregt sind, aber bitte setzen Sie sich wieder. Wir haben ein weiteres Problem, und das ist der Wächter, der sich derzeit in Hogwarts aufhält. Nach seiner Aussage ist es ihm nicht möglich, den Raum zu verlassen, in dem sich das Gezeitenportal aufgehalten hat. Die Frage ist jedoch, wie wir uns verhalten sollen."
„Dem Wächter ist nicht zu trauen", sagte Snape kalt. „Er zeigt uns das nicht, damit wir wissen, dass die beiden noch am Leben sind, sondern weil er will, dass wir sie sterben sehen."
„Was?!"
Remus Lupin nickte.
„Ja. Entweder das – oder sie würden das Verderben mit auf unsere Seite des Portals bringen, das waren seine Worte. Er weigert sich, auf Fragen zu antworten, was das betrifft."
„Die anderen Schüler!" Tonks richtete sich besorgt auf. „Wir sollten die Schule solange schließen, das ist doch eine immense Gefahr! Außerdem ist Harry auch dort!"
„Prinzipiell würde ich Ihnen zustimmen, Tonks, aber wir sitzen ein wenig in der Zwickmühle. Nur das Ministerium beziehungsweise die Schulräte können diese Zwangsferien genehmigen, das heißt, wir müssten Fudge informieren."
„Und wie weit ist der Weg von Fudge zu Voldemort?" murmelte Arthur Weasley, der verstanden hatte.
„Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund, Arthur. Wir machen ihn geradezu darauf aufmerksam, dass in Hogwarts etwas abläuft, was für ihn sehr interessant sein wird. Experimente mit Gezeitenportalen sind nichts neues, aber eine Rückkehr? So etwas war bis jetzt nicht möglich. Könnte er es unter Kontrolle bringen, würde es ihm immense Möglichkeiten verschaffen."
„Aber sagten Sie nicht, ein Gezeitenportal würde sich immer nur kurz öffnen und danach sofort wieder verschwunden sein?" knarrte Mad Eye Moody.
„Soweit es ein mit Hilfe von Rajahin geöffnetes Portal betrifft, ist diese Aussage auch durchaus korrekt. Aber ich habe die Vermutung, dass es sich hier um ein sogenanntes feststehendes Portal handelt, daher auch der Wächter."
„Worin besteht denn der Unterschied?"
„Permanent und temporär. Mehr wissen wir auch nicht. Vielleicht können uns Miss Weasley und Mr Malfoy aufklären, falls sie wieder zurückkommen."
Dumbledore betonte das Wörtchen falls unmerklich.
„Dann werden Sie die Malfoys mit Sicherheit auch nicht informieren, dass ihr Sohn noch lebt. Das hieße ja, den Kopf sofort in die Schlinge zu stecken."
„Korrekt. Außerdem glaube ich, dass Lucius Malfoy mit aller Macht versuchen würde, die Rückkehr zu verhindern."
„Wieso das?" Molly starrte ihn an. „Das ist immerhin sein Sohn!"
„Den er mit Hilfe eines Imperio gezwungen hat, das Portal zu öffnen, um Harry Potter aus dem Weg zu schaffen. Und ich könnte mir denken, dass Draco dazu noch ein oder zwei Sachen zu sagen hat."
„Draco Malfoy würde doch nie gegen seinen eigenen Vater aussagen. Völlig unmöglich." Moody schüttelte angewidert den Kopf.
„Seien Sie sich da nicht so sicher, Alastor", sagte Lupin unerwartet. „Vielleicht überrascht er sie noch."
„Einmal ein Malfoy, immer ein Malfoy."
„Beenden wir die Diskussion, sie führt zu nichts. Die Frage ist weiterhin – sollen wir das Ministerium informieren, oder nicht? Wer dafür ist, hebt bitte die Hand."
Alle schwiegen, und keiner bewegte sich.
„Gut, dann werden wir Vorsichtsmaßnahmen treffen. Niemand darf den Zaubertranksaal betreten, außer den Mitgliedern des Phönix Ordens. Einer von uns sollte sich immer darin befinden, um zu beobachten, was weiterhin geschieht und um notfalls einzugreifen, falls sich das Portal doch öffnet. Lassen Sie sich auf keinen Fall auf eine Diskussion mit dem Wächter ein."
„Wir werden die ersten sein!" sagte Molly energisch.
Dumbledore kannte sie zu gut, um ihr zu widersprechen.
„Ginny", flüsterte Molly.
Die Weasleys waren auf dem schnellsten Wege nach Hogwarts gekommen und starrten nun auf das Bild, dass sich ihnen bot.
„Niemand hat etwas davon gesagt, dass das Bild zweigeteilt ist", sagte Bill und runzelte die Stirn.
„Das kommt daher, weil die beiden getrennt wurden", erscholl die Stimme des Wächters.
In der rechten Hälfte konnte man Ginny sehen, die von düster aussehenden Gestalten flankiert wurde. Alle hatten ihre Waffen gezogen, und voran schritt eine alte Frau, deren Gesicht ihnen vage bekannt vorkam. Ginny hatte die Lippen zusammengepresst und sah aus, als würde sie fieberhaft nachdenken.
Die linke Hälfte war schwarz.
„Wo ist Malfoy? Ist er tot?"
„Nein. Es ist nur ziemlich dunkel dort, wo er hängt." Der Wächter schien sich aufrichtig zu amüsieren. „Soll ich etwas Licht machen?"
„Hängt? Wie meinen Sie das ... um Himmels willen!"
Draco hing mit gefesselten Händen von einem Balken an der Decke. Seine Füße berührten den Erdboden nicht, und er war geknebelt. Er blinzelte gerade in das plötzlich aufgetauchte Licht, während er weiter versuchte, sich von den Fesseln zu befreien. Die Handgelenke waren schon blutig.
Molly sah, dass ein Pfeil in seinem Oberschenkel steckte.
„Was passiert da?" fragte sie angstvoll.
Das Gelächter des Wächters war die einzige Antwort, die sie bekam.
Eine Stunde früher, Chryois
„Es scheint, als wäre dieses Loch extra für das Portal gegraben worden."
Ginny kam sich mittlerweile vor, als müssten sie ewig weitergehen.
„Na, gefeiert haben die hier unten bestimmt nicht", knurrte Draco.
Lange, tunnelartige Wände wechselten sich mit riesigen, leeren Räumen ab, und es ging stetig nach unten. Die Decke war größtenteils mit Holz verkleidet und abgestützt.
„Der Arbeitsaufwand muss gewaltig gewesen sein."
„Oder sie hatten eine nette Armee von Sklaven. Es wird immer wärmer, soweit wir kommen", stellte Draco fest und zerrte sich den Umhang von den Schultern.
Beide blieben abrupt stehen, als sich vor ihnen etwas bewegte.
„Ich glaube, wir haben Gesellschaft."
„Unmöglich, dann müssen die doch vor uns da gewesen sein ..."
„... und genau das ist der Fall", sagte eine Stimme, die ihnen sehr bekannt vorkam.
Draco zog das Chakra, Ginny ihr Schwert.
„Lasst die Waffen fallen. Hier stehen zwölf Krieger, die alle ihre Armbrust auf eure Köpfe gerichtet haben."
Fackeln flammten auf. Cray stand in etwa fünf Metern Entfernung, und auch er hatte die Armbrust anvisiert. Hinter ihm standen noch andere Untote in der gleichen Haltung.
„Lasst sofort die Waffen fallen!"
Chakra und Schwert fielen auf den Erdboden. Ginny und Draco wussten, dass sie keine Chance hatten.
„Dreht euch um, mit dem Gesicht zur Wand. Versucht keine Dummheiten, das könnte euch nicht gut bekommen", sagte der Untote barsch.
„Wie kommen Sie hierher? Was wollen Sie denn überhaupt von uns?" fragte Ginny zornig.
„Wir brauchen einen Köder, Ginny." Das war eine andere Stimme, und sie gehörte Sandrine Slytherin. „Und das ist einer von euch."
„Sie haben das geplant. Sie haben das von Anfang an geplant, richtig?" Draco knirschte wie verrückt mit den Zähnen.
„Ganz recht. Und ihr habt eure Rolle bis jetzt ausnehmend gut gespielt. Es gibt einen wesentlich kürzeren Weg in die Totenstadt, das habe ich euch wohl leider verschwiegen, was?" Um Sandrines Mund spielte ein grausames Lächeln.
„Das und noch tausend andere Dinge!"
„Das Leben ist hart, Draco. Ihr habt wundervolle Lockvögel abgegeben, Tanadryl war euch die ganze Zeit auf den Fersen, seitdem ihr an der Leichenstraße wart. In Falínga hat er sich zurückgehalten, und dort wären meine Pläne fast gescheitert. Daher wies ich Jelin an, für eure Flucht zu sorgen. Denn wärst du getötet worden, Ginny, hätte sich das Portal nicht geöffnet, und Tanadryl hätte davon erfahren."
„Jelin arbeitet für Sie?"
„Er hatte jahrelang die Aufgabe, Falínga zu überwachen und dafür zu sorgen, dass die Geschäfte mit Tanadryl keine großen Ausmaße annahm. Oh ja, ich weiß alles darüber, und über ihre kleinen Menschenopfer, um den großen Sumpf zu besänftigen. In diesem Moment verbrennt es gerade zu Asche."
„Kein großer Verlust", gab Draco zurück. „Woher wissen Sie, was alles passiert ist?"
„Ich hätte dich wirklich für klüger gehalten. Das Armband, was sonst? Es gibt Magie in Chryois, allerdings nicht so, wie ihr sie kennt. Durch das Armband konnte ich mit euren Augen sehen, wann immer ich wollte."
„Ich Vollidiot." Dracos Stimme war tonlos.
„Woher hättest du das denn wissen sollen?" Ginny fröstelte, trotz der warmen Luft. „Was haben Sie jetzt mit uns vor?"
„Was dich betrifft, du wirst uns zum Portal begleiten, wo wir Tanadryl die Falle stellen werden, die ihn und seine Horden vernichtet. Und Draco ... Cray, fessle ihn."
„Wenn Sie glauben, ich lasse mich hier einfach stillschweigend verschnüren, dann haben Sie sich aber getäuscht!" fauchte Draco und drehte sich um.
Die Spitze eines rasiermesserscharfen Schwertes wies direkt auf seinen Hals. Es gehörte Jelin. Sein Gesicht spiegelte keinerlei Emotionen wieder.
„Tut das nicht, Herr. Haltet still, oder Ihr werdet sterben." Die Hand, die das Schwert hielt, war ruhig und schwankte keinen Millimeter.
Draco duckte sich blitzschnell und trat nach dem Schwert, das klappernd auf die Erde fiel. Den herannahenden nächsten Untoten erwischte er noch mit dem nächsten Tritt, als Cray unvermutet an seiner Seite auftauchte und hart zuschlug. Durch die Wucht wurde Draco gegen die Wand geschleudert, mit dem Kopf voran, und sackte dann benommen an ihr herunter.
„Draco!" schrie Ginny und wollte zu ihm laufen.
„Keinen Schritt weiter, Herrin!" warnte Jelin, der sein Schwert wieder an sich genommen hatte und nun in ihre Richtung zielte.
„Du wagst es noch, mich so zu nennen?" zischte Ginny, wütend wie noch nie in ihrem Leben. Sie spuckte ihm ins Gesicht.
Jelins Gesichtsausdruck veränderte sich nicht einmal, als er sich die Spucke abwischte.
„Auch das wird Euch jetzt nichts mehr nützen."
Fünf Minuten später hing Draco gefesselt und geknebelt von einem der Stützbalken. Seine Augen loderten förmlich vor Wut während er versuchte, sich zu befreien. Durch die Stricke kam das Blut nicht mehr in seine Hände, und sie fühlten sich jetzt schon taub an. Er spie unerlässlich Flüche aus, die natürlich nur als gedämpftes Murmeln ankamen.
Ginnys Gesicht hatte alle Farbe verloren.
„Was wollen Sie überhaupt damit erreichen?" fuhr sie Sandrine an, die gelassen dastand.
„Wir haben das Gerücht ausgestreut, dass nur Draco das Portal öffnen kann. Aber angeblich weiß ich nichts davon, und denke, dass du diejenige bist. Wir lassen ihn für Tanadryl zurück. Keine Sorge, er wird spätestens in einer halben Stunde hier sein, und er braucht ihn lebend, deswegen wird er ihm kein Haar krümmen. Tanadryl wird denken, wir seien bereits durch das Portal gegangen, und weil du die falsche Person bist, wird er davon ausgehen, dass es uns umgebracht hat."
„Nein." Ginny schüttelte wie wild den Kopf. „Ich werde nicht mit Ihnen mitgehen. Töten Sie mich meinetwegen, das spielt keine Rolle. Wir werden doch sowieso sterben!"
„Red keinen Unsinn, Mädchen! Wenn der Kampf vorbei ist, geht ihr durch das Portal, und seid zu Hause."
„Meinen Sie? Das glaube ich nicht. Draco hatte recht, es war dumm von mir, Ihnen zu vertrauen, aber den Fehler mache ich nicht wieder!"
„Wie heißt es doch so schön? Vertraue niemals einem Slytherin." Sie warf einen Blick zu Draco, der das Gespräch zornbebend verfolgte. „Wieso bist du dir so sicher, dass du ihm vertrauen kannst?" Das Lächeln auf ihrem Gesicht war ausgesprochen hässlich.
„Ohne ihn wäre ich längst tot."
„Ja, aber er auch." Sandrines Grinsen verstärkte sich. „Er hat seine Entscheidung also getroffen, ja? Ich habe ihn nur nie sagen hören, welche."
Ginny wurde unsicher.
„Ich vertraue ihm aber", sagte sie trotzdem bockig. „Mehr als Ihnen auf jeden Fall."
„Wie du willst. Kommst du jetzt mit, ohne irgendwelche Mätzchen zu machen?"
„Nein!"
„Schön. Cray?"
„Mylady?"
„Schieß ihm ins Bein."
Dracos Augen wurden groß vor Horror, und Ginny schrie.
„Nein! Nicht, das können Sie nicht ..."
Cray schoss, und der Pfeil landete in Dracos Oberschenkel, nur Millimeter von der Arterie entfernt.
Der Slytherin gab hinter dem Knebel ein dumpfes Heulen von sich, und Blut verfärbte das helle Leder seiner Hose dunkel.
„Der nächste Schuss", sagte Sandrine leise, „geht in die Schulter. Erst in die rechte, dann in die linke. Ich frage dich ein letztes Mal. Kommst du freiwillig mit oder nicht?"
Ginny war zu entsetzt um zu antworten. Ihr Blick traf sich mit Dracos, und der nickte ungeduldig, obwohl ihm vor Schmerzen die Tränen über die Wangen liefen.
„Ja", sagte sie dann dumpf. „Aber ich schwöre Ihnen, das werden Sie bereuen."
„Du drohst mir?" Sandrine sah sie fast verächtlich an. „Ich lasse mir nicht drohen. Allein dafür verdienst du es, zu sterben, aber wir werden sehen."
Vier Untote schlossen einen undurchdringliche Mauer um Ginny herum, und die Armee der Festung machte sich auf den Weg.
Das Licht nahmen sie mit und ließen Draco hinter sich in der Dunkelheit zurück.
