Chryois
Noch mehr als die Schmerzen an den Handgelenken und am Oberschenkel zerrte die undurchdringliche Dunkelheit an Dracos Nerven.
Ich hänge hier wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Ginny hat recht. Trotz aller ihrer Worte, wenn Sandrines Plan aufgeht, dann wird sie uns umbringen lassen. Ich frage mich, wie die Geschichte hinter der Geschichte aussieht, die sie uns über Rupert Gryffindor erzählt hat.
Er blinzelte, als es plötzlich heller wurde.
Tanadryl. Es geht also los.
Doch niemand näherte sich. Das Licht schien aus den Wänden zu kommen, so unmöglich das auch klang.
Er sah keinen Grund zum Jubeln dafür. Die Fesseln lockerten sich nicht, und langsam konnte er die Hände nicht mehr bewegen. Der Pfeil hatte seinen Oberschenkelmuskel getroffen, und auch das Bein fing an, taub zu werden.
Ein verstohlenes Rascheln ließ ihn aufschrecken. Ganz weit hinten im Gang bewegte sich etwas sehr kleines. Draco strengte die Augen an, um es zu erkennen.
Dann hörte er ein altbekanntes Quietschen.
„Blossom!" wollte er schreien, aber es kam natürlich nur ein unverständliches Hmpf hinter dem Knebel hervor.
Die kleine Feuerechse sah reichlich ramponiert aus. Zwei ihrer Klauen waren blutig, sie hinkte und hinterließ Blutspuren auf der Erde. Die ledrige Haut war großflächig verbrannt.
„Draco!" quiekte sie klagend.
Trotzdem sie offenbar Schmerzen hatte, sprang sie an ihm hoch und begann, mit ihren scharfen Zähnen an den Fesseln zu nagen.
Draco brach der Schweiß aus. Würde die Zeit noch reichen, bevor die Armeen der Untoten ihn erreichten?
Ein heftiger Ruck ging durch seinen Körper und die ohnehin schon ziemlich malträtierten Handgelenke, und er verbiss sich gerade noch einen Schmerzensschrei. Das erste Seil war zerrissen, und der Erdboden ein Stück näher gekommen.
Dann hatte Blossom es geschafft, und er landete mit beiden Füßen auf der Erde, wo er sich prompt auf den Hintern setzte, als sein verletztes Bein nachgab.
Draco zerrte sich den Knebel aus dem Mund und atmete kräftig durch. Dann betrachtete er den Pfeil, der immer noch aus seinem Fleisch ragte. Versuchsweise zog er daran, aber er musste aufgeben. Die Pfeile waren alle mit winzigen Widerhaken versehen gewesen, das hatte er schon in der Waffenkammer auf der Festung bemerkt. So nahe an der Oberschenkelarterie wagte er nicht, ihn herauszuziehen, die kleinen Metalldornen würden ein riesiges Loch in das Fleisch reißen und ihn zum Verbluten verurteilen.
Andererseits konnte er ja schlecht mit einem Holzpfeil im Bein hier herumlaufen, vorausgesetzt, er konnte überhaupt gehen. Dann gab es nur eine Lösung.
Draco schloss grimmig die Augen, packte den Schaft mit beiden Händen und brach den Pfeil kurz über der Wunde ab. Das sandte neue Schmerzwellen durch das Bein, und er biss die Zähne zusammen.
„Draco – Scrawny?" piepste Blossom ängstlich.
„Sandrine hat sie mitgenommen. Blossom – was ist mit dem Sumpf? Ist er wirklich tot?"
Die Echse schrie klagend. In dem leeren Gang tief unter der Erde hörte es sich absolut schauerlich an.
„Herr – Tanadryl – Stein. Vergangen!"
„Sandrine hat ihn auf unsere Spur geführt, bedank dich bei ihr." Draco versuchte, aufzustehen, was ihm auch mit Mühe gelang. Einen Sprint durfte er nicht riskieren, aber langsam vorwärts humpeln würde funktionieren.
Blossom sprang wieder auf seine Schulter.
„Scrawny?"
„Wir müssen uns was suchen, wo wir uns verstecken können. Tanadryl und seine Armeen werden sehr bald hier sein, und ich kann sie in meinem Rücken nicht gebrauchen. Dann folgen wir ihnen."
Blossom schwieg als hätte sie verstanden.
Ginny hätte heulen können vor Zorn. Warum war nur alles so gründlich schiefgelaufen?
Immer mehr Menschen tauchten vor ihr auf. Sie alle hatten sich in den Höhlen versteckt gehalten und versammelten sich nun zu einem Heer, das zahlenmäßig den Untoten deutlich überlegen war. Sie alle waren schwerbewaffnet.
Die Untoten um sie herum ließen ihr kaum Platz, auch nur den Kopf zu drehen. Sie würden ihr keine Chance bieten, die Flucht zu ergreifen. Und wohin hätte sie auch schon fliehen können? Nach vorne, wo nur das Portal auf sie wartete, dass sie ohne Draco nicht durchqueren konnte, oder nach hinten, wo sie direkt in Tanadryls Armen landen würde?
Es gab keinen Ausweg.
Der Marsch zog sich scheinbar endlos dahin.
„Wie weit ist es noch?" wagte sie zu fragen.
„Noch etwa eine halbe Stunde, Herrin", sagte Jelin halblaut, der irgendwo neben ihr ging.
„Warum hilfst du ihr, Jelin? Wenn sie Tanadryl besiegt hat, wird sie uns umbringen, mich und Draco."
Jelin gab einen knurrenden Befehl, und die Untoten um Ginny ließen sich zurückfallen.
Ginny zwinkerte überrascht.
„Was soll das?"
„Ihr wisst, dass eine Flucht unmöglich ist. Ich habe Euch beobachtet, und gesehen, dass Ihr zu diesem Ergebnis gekommen seid. Die Wache ist überflüssig. Um auf Eure Frage zurückzukommen, ja, Sandrine wird versuchen, euch aus dem Weg zu räumen."
„Na bitte." Ginnys Stimme war heiser vor Hass. Ausgenommen Voldemort, wünschte sie sich das erstemal nichts sehnlicher als den Tod eines Menschen. Und das war nicht Tanadryl.
„Denkt immer daran, dass nicht alles auf dieser Welt gegen Euch arbeitet."
Jelin sah mit seinen schwarzen Augen in ihre Richtung.
„Aber ... genau das hat uns doch der Sumpf auch gesagt! Woher weißt du das? Wer bist du wirklich, Jelin?"
Der Gnom sah sich unauffällig um.
„Wenn die Schlacht vorbei ist, und die Armeen geschlagen, dann werde ich dafür sorgen, dass Ihr und der Drachen nach Hause zurückkehren könnt. Ich habe eine Aufgabe dort für euch. Und jetzt still."
„Aber ..."
„Jelin!" Sandrines Befehl kam von vorne. „Ich möchte mit dir reden."
„Verliert nicht den Mut, Herrin." Das war alles, und er bewegte sich schlangengleich durch die Reihen zu Sandrine.
Ginny sah ihm hinterher. Konnte man ihm trauen, oder fiel sie wieder in ihren alten Fehler zurück?
Draco hatte derweil andere Probleme. Es gab nichts, wo man sich hätte verstecken können, das war das erste. Das zweite war, mit jedem Schritt rieb nun der abgebrochene Pfeilschaft über die Ränder der Wunde, und sorgte dafür, dass sie immer wieder anfing zu bluten. Nicht lebensbedrohlich, aber er hinterließ Spuren davon auf dem Boden.
Blossom saß auf seiner Schulter und war ganz im Gegensatz zu sonst sehr still. Sie trauerte offensichtlich um den Sumpf, und außerdem war auch sie verletzt.
Plötzlich konnte er den Lärm hören, als die Armee der Untoten in Rufweite kam. Sie hatten ein enormes Tempo drauf, und er wusste genau, dass sie ihn in den nächsten Minuten erreichen würden.
Als ob sich sein Schicksal plötzlich zum Guten wenden würde, entdeckte er einen Riss in der sonst makellosen Höhlenwand, ein Riss, der ausreichte, um sich hineinzuzwängen.
Draco konnte ihn gerade noch erreichen, als das Licht, das den Gang erleuchtet hatte, urplötzlich wieder erlosch und er im Dunkeln stand.
„Mist. Hätte das nicht noch zwei Minuten anbleiben können?"
Blossom hatte den langen Schwanz furchtsam um seinen Hals geschlungen, und er bemühte sich, so weit wie möglich in der Wand zu verschwinden. Blieb nur zu hoffen, dass das auch reichte, aber er hatte keine Zeit mehr, sich darüber Sorgen zu machen.
Fackellicht zitterte über die Wände, als die ersten Untoten an ihm vorbeigingen. Auch Gramière huschten dann und wann an dem Spalt vorüber.
Auf jedem der verfaulenden Gesichter konnte man ein erstarrtes Grinsen sehen. Die Untoten gingen im Gleichschritt und veranstalteten dabei soviel Lärm, dass die Wände vibrierten.
Etwas Sand rieselte auf Draco hinab, genau in seinen Nacken. Doch das war nicht alles, etwas anderes folgte dem Sand, das sich bewegte und dann anfing, unter sein Shirt zu krabbeln.
Der Slytherin konnte nicht einmal wagen, den Kopf zu drehen, und so biss er sich auf die Lippen und hoffte, dass dieses Etwas nicht auch noch giftig war. Doch Blossom hatte es auch gesehen, schnappte kurz zu und zermalmte das Ding mit ihren Zähnen.
Draußen zogen jetzt ein paar Menschen vorbei. Dracos Augen weiteten sich, als er unter anderem Maynew und Atris erkennen konnte. Dann blieb der ganze Trupp so plötzlich stehen, als ob ein Uhrwerk abgelaufen wäre.
„Etwas ist hier", sagte eine dunkle, sanfte Stimme. Sie klang freundlich und einschmeichelnd, aber er konnte sehen, wie die Menschen erschauerten, als sie sie hörten. „Etwas, das ich haben will. Draco, wo bist du? Wir sollten uns wirklich einmal gegenseitig vorstellen."
Auf den Trick fall ich nicht rein, da musst du dir schon einen anderen suchen!
„Ich weiß dass du hier bist. Es ist doch furchtbar unhöflich, sich einfach so zu verstecken, oder?"
Die Menge draußen teilte sich, und jemand kam den Gang hinuntergeschritten. Direkt vor dem Spalt blieb sie stehen.
Der Mann, den Draco nun im Blickfeld hatte, trug einen schwarzen Umhang mit Kapuze, die er eben zurückschlug. Lange, nachtschwarze Haare kamen darunter zum Vorschein. Das Gesicht war ebenmäßig, und wirkte auf eine seltsame Weise vertraut. Dann drehte er sich vollends um und streckte die Hand zu dem Riss aus, in dem Draco sich verborgen hielt.
Tanadryl lächelte. Und plötzlich wusste Draco auch, wer er war.
Tanadryl war der Sohn von Sandrine Slytherin und Rupert Gryffindor.
