Chryois
Draco hatte das Gefühl, den Mund nicht mehr zuzubekommen.
„Draco", sagte die leise Stimme wieder. „Ich hatte gehofft, wir würden uns unter weniger unangenehmen Umständen kennen lernen."
Das Spiel war verloren, und der Slytherin wusste es. Er trat aus seinem Versteck hervor, und nicht nur deswegen. Tanadryls Stimme hatte etwas ungemein hypnotisches an sich.
Der König der Untoten sah aus, als hätte er gerade höchstens seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag hinter sich gelassen, obwohl das nie im Leben stimmen konnte. Er war attraktiv, und sein Lächeln einschmeichelnd.
„Ich sehe, man hat dich verletzt", sagte er sanft und berührte Dracos Bein, wobei er mit den Fingern sacht nach oben glitt und seine Hand auf Dracos Hüfte liegen blieb. „Meine Mutter kann manchmal grausam sein, das weiß ich genau. Und mein Fluch wurde dir ausgetrieben." Jetzt strich er über die Malateras Wunde.
Merlin, was passiert hier? Dieser Typ macht mich gerade an!
Gewaltsam riss sich Draco von den hellblauen Augen los und zwang sich, die Wand hinter Tanadryl zu betrachten.
„Was willst du von mir?"
„Den Weg, kleiner Drache. Den Weg zurück nach Hause. Du wirst mir diesen einen Wunsch doch nicht abschlagen, oder? Es ist ein Zuhause, was ich nie kennen gelernt habe, und Sandrine ist schuld. Du willst doch Sandrine vernichten? Hilf mir dabei, und dann nimm mich mit durch das Tor."
„Du bringst Tod und Vernichtung, weshalb sollte ich dir helfen, meine Heimat zu erreichen?" Draco starrte immer noch stur an Tanadryl vorbei.
Eine Hand griff nach seinem Kinn und drehte den Kopf in Tanadryls Richtung zurück. Wieder traf ihn der willenlähmende Blick, und diesmal war er noch intensiver.
„Wir werden Voldemort vernichten, du und ich, zusammen. Du fürchtest ihn, und ich kann dir helfen, ihn ein für allemal in den Abgrund der Hölle zu schicken. Das gleiche mit deinem Vater, Harry Potter ... jeden, den du hasst. Tu dich mit mir zusammen, und deine Welt wird dir zu Füßen liegen!"
Irgendetwas war schrecklich falsch an dieser Logik, aber Draco konnte weniger und weniger darüber nachdenken. Tanadryls Worte ergaben Sinn und eine Fülle von Möglichkeiten eröffnete sich ihm.
Blossom rettete ihn. Sie kreischte auf, krallte sich mit aller Macht in seine Schulter, und Draco wurde aus der Trance herausgerissen.
Vor seinem inneren Auge sah er plötzlich die Armeen der Untoten über die Erde ziehen um alles und jeden zu zerstören, die Wälder in Stein zu verwandeln und aus ihr einen wüsten, leeren Ort zu machen – genau wie Chryois.
Jemand wird dich in Versuchung führen. Sie ist es nicht wert. Jelins Worte. Der Gnom hatte genau gewusst, von was er geredet hatte.
Tanadryl würde ihn nicht mehr unter seinen Bann bekommen, so wahr er Draco Malfoy hieß!
„Zieh deine Show woanders ab!" sagte er bewusst grob. „Ich stehe nicht auf Männer, und schon gar nicht auf Irre, die meinen, Macht würde über alles gehen! Und mit meinen Feinden werde ich allein fertig!"
Er richtete den Blick bewusst wieder auf die Augen seines Gegenübers und hielt ihm stand.
Tanadryls Gesicht verzerrte sich. Jetzt wirkte er nicht mehr schön und vollkommen, sondern abgrundtief böse, und die hellblauen Augen waren dunkel wie Sturmwolken.
„Wie du willst!" zischte er. „Du wirst mit uns kommen, ob du willst oder nicht, und du wirst mir den Weg ebnen!"
„Das wollen wir doch mal sehen. Du bist genauso ein Großmaul wie Voldemort." Draco riskierte jetzt einiges, er wollte den König der Untoten so wütend wie möglich machen. „Viel Gerede und nichts dahinter."
Tanadryl bellte einen Befehl, und jemand hielt Draco ein Schwert unter das Kinn. Es war Maynew.
„Los, töte mich doch", spottete Draco. Blossom auf seiner Schulter verhielt sich reglos. „Ohne mich wirst du das Portal nie durchqueren können."
Absichtlich verheimlichte er, dass Sandrine dort ihre Falle aufgebaut hatte. Die Wahrheit würde ihn nicht viel weiterbringen, und er beschloss deshalb, ebenfalls mit einem verdeckten Blatt zu spielen.
„Passt auf, dass er nicht wegläuft!" fauchte Tanadryl. „Fesselt ihm die Hände auf den Rücken, und werdet den vermaledeiten Scyro los!"
Blossom sprang hinab und raste in die Schatten. Mehrere Stiefel traten nach ihr, aber die kleine Echse war blitzschnell verschwunden.
Draco verdrehte die Augen.
„Tana, du weißt genau, dass ich keine Wahl habe, als dir zu folgen. Können wir das mit den Fesseln lassen? Deine Mutter hat mich schon genug damit traktiert." Beißender Spott klang in seiner Stimme mit.
„Maynew, sofort!"
Der Dunkelblonde rammte Draco seinen Ellenbogen in den Rücken und ergriff seine Hände.
„Wir haben noch eine Rechnung offen, Blondie!"
„Ich mit dir auch, Süßer. Ich hab nicht vergessen, was du Ginny antun wolltest. Und niemand fasst meine Freundin an."
„Oh, jetzt ist sie also deine Freundin?" höhnte Atris, während sie Maynew half, neue Stricke um seine Handgelenke zu winden. „Sie kommt ganz schön rum, oder?"
Draco trat zu und erwischte sie mit seinem Stiefel direkt im Gesicht. Atris flog nach hinten und riss dabei zwei der Untoten um. Das tat seinem Bein zwar höllisch weh, aber die Befriedigung über ihre gebrochene Nase war weitaus größer.
Maynew schlug ihm ins Gesicht, aber Draco verzog nicht einmal eine Miene.
„Ist das alles, was du drauf hast, du Galleonsfigur?" fragte er verächtlich. „Und was dich und Atris angeht, ich würde mir an eurer Stelle was merken. Krümmt Ginny ein Haar, und es ist das letzte, was ihr im Leben tun werdet. Denkt an meine Worte."
„Schluss jetzt!"
Tanadryl höchstpersönlich stieß ihn nun vorwärts.
„Eine neue Welt wartet auf mich!"
Hogwarts
Molly und Arthur Weasley, ihre Söhne Bill, Charlie, Fred und George beobachten das Geschehen stumm.
Ginnys Gespräch mit dem merkwürdig aussehendem Gnom, und Dracos Auseinandersetzung mit dem schwarzhaarigen Fremden, der eine unheimliche Ähnlichkeit mit der alten Frau hatte, die sie schon vorher gesehen hatten.
Alle zuckten zusammen, als sich die Tür des Zaubertranksaales öffnete.
„Molly? Arthur? Ist alles in Ordnung?" fragte Remus Lupin.
„Remus, du solltest vielleicht lieber Albus informieren", sagte Arthur gepresst. „Ich glaube, es dauert nicht mehr lange, bis sich eine Entscheidung abzeichnet. Ginny ist in der Gewalt von einer Frau und ihrer Armee, und Draco Malfoy ist verletzt und wurde jetzt auf der Gegenseite gefangen genommen. Wir hören nicht, was sie sagen, aber ..."
Remus musterte nachdenklich die beiden Bilder, die jetzt vor ihm standen.
Ginny ging beherrscht vorwärts, während Draco mühsam vor sich hinhinkte, immer wieder gestoßen von einigen der merkwürdigen Gestalten. Beide hatten einen identisch entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht.
„Ja", sagte er dann. „Ich werde Albus bescheid sagen. Aber ich würde sagen, noch kommen die beiden zurecht."
„Sind sie verrückt?!" Charlie starrte ihn an. „Sie sind beide gefangen an einem unmöglichen Ort, und diese ganzen Leichen und der Krieg, den die führen ... Wie sollten sie da zurechtkommen?"
Remus wandte den Blick nicht von den Bildern ab.
„Sie tun, was sie tun müssen. Und wir können nicht eingreifen. Es hätte weitaus schlimmer sein können."
Es schien bald so, als würde Draco bei diesen Worten aufblicken und ihn direkt ansehen.
