Chryois
Draco humpelte vorwärts, ab und an immer wieder geschubst von Maynew oder einem der Untoten. Atris hielt sich immer noch stöhnend ihre gebrochene Nase.
Tanadryl ging voraus, und er drehte sich kein einziges Mal mehr um.
Du hast geglaubt, du könntest nur ein bisschen Süßholz raspeln, und ich würde dir zu Füßen liegen? Vergiss es, mein Freund. Um im Hause Malfoy überleben zu können, kennt man schon den einen oder anderen Psychotrick.
Er grinste unwillkürlich.
„Was gibt's da zu Lachen?" knurrte Maynew und stieß ihn wieder in den Rücken.
„Ich lache über dich, du Schwachkopf." Das brachte ihm einen erneuten Stoß ein.
Um sich abzulenken, und um Tanadryl keine Chance zu geben, in seinen Gedanken herumzuschnüffeln und dort vielleicht auf Sandrines Plan zu stoßen, dachte er über etwas anderes nach.
Tanadryl war also Sandrines und Ruperts Sohn. Wirklich überrascht war Draco nicht, wenn er näher darüber nachdachte. Die Geschichte, die Sandrine ihnen am Anfang der Reise erzählt hatte, war knapp und ein wenig zu glatt gewesen. Eine Menge Puzzelteile fehlten ihm noch, aber er hatte eine Ahnung, als hätte Salazar Slytherin wesentlich mehr getan, als nur das Gezeitenportal zu öffnen und seine Tochter zu verbannen.
Rupert Gryffindor war also in den Koboldkriegen getötet worden? Entsprach das auch der Wahrheit? Sandrine hatte damals ziemlich komisch auf diese Aussage reagiert. Das erzählt man sich, ja? Belassen wir es dabei. Und wenn man seine Phantasie nutzte und ein wenig weiterspann?
„Hast du ihn selbst umgebracht, Sandrine?" murmelte Draco vor sich hin. „Oder jemand in deinem Auftrag? Was hat Godric dazu gesagt? Und Salazar?"
„Führst du etwa schon Selbstgespräche?" höhnte Maynew.
Draco ignorierte ihn.
Nein, in der Theorie hörte sich das ganz gut an, aber es passte nicht. Warum waren die beiden dann überhaupt zusammengekommen? Ein Heiratsversprechen? Zwischen Slytherin und Gryffindor? Nie im Leben, es sei denn, alle Geschichtsbücher bauten sich auf Lügen auf.
Aber in einem war er sich recht sicher, und das hatte mit Tanadryl zu tun. Die gewaltige Macht, die er besaß, aber nur zum Bösen einsetzte, die Untoten, die ihm – bis auf wenige Ausnahmen – willig folgten, die Tatsache, dass Sandrine immer behauptet hatte, sie hätte ihr Kind verloren ... das wies auf einen Fluch hin. Und keinen von der netten Sorte. Ein Fluch, der selbst hier in Chryois wirkte. Er musste von jemandem ausgesprochen worden sein, der ebenfalls sehr mächtig gewesen war. Salazar? Godric? Rupert?
"Du zerbrichst dir den Kopf über Dinge, die dich nichts angehen." Die Stimme gehörte Tanadryl, der urplötzlich wieder neben ihm ging. „Und ich glaube, ich weiß auch, warum du das tust."
„Tatsächlich?" Draco blieb einfach stehen, und Maynew holte aus.
„Nein, Maynew." Tanadryls Stimme war wieder sanft, und ohne dass er einen Befehl gegeben hatte, verharrte die untote Armee erneut mitten im Schritt.
Seine Augen suchten Dracos, und der Slytherin blickte zurück, ohne unter den Bann zu geraten. Eisiges Hellblau starrte in eisiges Grau, und keiner von ihnen senkte die Augen.
„Du verbirgst etwas vor mir", sagte Tanadryl schließlich, als offensichtlich wurde, dass Draco nicht nachgeben würde.
„Meinst du?" Dracos Lächeln war ausgesprochen raubtierhaft. „Du solltest doch keine Schwierigkeiten haben, es aus mir herauszukriegen, oder?"
Ein unangenehmes Gefühl machte sich in seinem Kopf breit, als versuchte jemand, mit Gewalt an seinen Gedanken zu zerren, und Draco konzentrierte sich auf ein Bild.
Sperre. Barriere. Das hier ist eine Sackgasse, Tana, an der kommst du nicht vorbei.
Tanadryl zischte wütend.
„Ich könnte dich foltern lassen!"
„Sicher. Aber auch dann würde ich dir nichts sagen, und du hast es sehr eilig, endlich das Portal zu erreichen. Machen wir doch einfach einen Deal, um uns ein wenig die Zeit zu vertreiben, was meinst du? Mach die Fesseln los, du erzählst mir, was damals wirklich passiert ist, und ich erzähle dir dann, was ich weiß."
Draco hatte keinerlei Absichten, seinen Teil des Deals zu halten, doch auch diesen Gedanken verbarg er wieder.
Tanadryl musterte ihn einen Moment intensiv, dann nickte er.
„Damit wir vor Langeweile nicht umkommen, warum nicht? Maynew, löse die Fesseln, er kann uns nicht entkommen. Erzählen wir uns einfach eine Gruselgeschichte." Seine Augen funkelten vor Bosheit.
Die Truppen setzten sich wieder in Bewegung.
Sandrines Armee erreichte eine riesige Höhle tief unten im Berg. Sie hätte Tausenden von Menschen platz geboten.
Doch etwas anderes zog Ginnys Blick wie magisch an. Ein riesiger Steinbogen, mit undurchdringlicher Schwärze gefüllt. Das Gezeitenportal, das musste es sein!
Auch Sandrine war dieser Meinung.
„Verteilt euch in der Höhle!" kommandierte sie. „Macht euch unsichtbar, damit euch niemand zu früh sehen kann! Cray, bring mir das Mädchen!"
Der Untote kam auf Ginny zu.
„Ich kann selbst gehen!" fauchte sie, als er nach ihrem Arm fassen wollte. „Was haben Sie jetzt mit mir vor?" wollte sie dann von Sandrine wissen.
„Erst mal – gar nichts. Ich muss nur sichergehen können, dass du keine Dummheiten versuchst, solange wir hier sind und auf Tanadryl warten."
„Und was soll ich Ihrer Meinung nach machen? Ohne Draco sind mir die Hände gebunden, und das wissen Sie doch genau!"
„Mir war nicht klar, ob du das auch weißt." Sandrine beobachtete sie.
Eine Antwort blieb Ginny ihr schuldig, als die Schwärze im Zentrum des Gezeitenportals plötzlich anfing zu flackern. Dann erschien ein Bild, bei dem Ginny plötzlich alles Sandrine, Draco und alles andere vergaß.
„Mum!" schrie sie und rannte los.
Auf der anderen Seite des Portals sprang Mrs Weasley auf. Man konnte keinen Ton hören, aber ihre Lippen formten den Namen ihrer Tochter.
Jelin packte zu, bevor sie das Portal erreichen konnte.
„Herrin, tut das nicht!" sagte er eindringlich. „Ihr werdet sterben, wenn Ihr ohne den Drachen in das Portal lauft!"
„Jelin, das ist meine Mutter!"
„Soll sie sehen, wie Ihr Euch selbst ins Unglück stürzt? Nehmt Vernunft an!"
Ginny biss sich auf die Lippen, um nicht in Tränen auszubrechen. Hinter Molly konnte sie ihren Vater entdecken, ihre Brüder bis auf Ron, und noch weiter hinten einen Teil der Lehrer.
„Wendet Euren Blick ab." Jelins Stimme wurde zu einem Murmeln. „Ich verspreche Euch, ich werde alles dafür tun, dass Ihr sie wiedersehen werdet."
Sandrine war neben ihr aufgetaucht und musterte das Bild ohne echtes Interesse. Eine Reaktion kam erst, als sich ihr Blick mit dem Professor Dumbledores traf. Sie wich ein Stück zurück und wandte das Gesicht dann ab.
„Bring das Mädchen mit nach hinten", sagte sie schroff. „Sie werden bald hier sein, und ich wäre gerne vorbereitet, wenn es soweit ist."
Hogwarts
Auch Molly hatte aufgeschrieen, als Ginny auf sie zugelaufen kam.
„Ginny! Wir sind hier!"
Ihre Hände berührten das Bild, das unnachgiebig blieb.
„Molly, Sie kann sie nicht hören. Entspricht das der Wahrheit, Wächter?" verlangte Dumbledore zu wissen.
„Das Tor der Welten drüben in Chryois ist stumm", stimmte der Wächter zu.
Ginny wurde derweil von einem Gnom davon gehindert, weiterzulaufen. Er sprach auf sie ein, und Ginny sah wieder verzweifelt in ihre Richtung.
Dann trat eine Frau in das Blickfeld, bei deren Anblick Snape die Augen aufriss.
„Albus, das ist ..."
Dumbledore hob eine Hand, und Snape verstummte, sah aber immer noch fassungslos aus.
Man konnte sehen, wie die Frau zurückwich und dann eilig aus dem Bild verschwand, nachdem sie und Dumbledore einen Blick ausgetauscht hatten.
„Ja. Das ist sie. Das ist Sandrine Slytherin."
„Was?" platzte Sirius heraus. „Die ist doch schon seit Jahrhunderten tot!"
„Nein. Auch sie ist durch ein Gezeitenportal gegangen, allerdings freiwillig." Dumbledores Stimme war eisig. „Nachdem es ihr fast gelungen ist, ganz Hogwarts zu zerstören."
„Ich kann mich nicht erinnern, das in einem der Geschichtsbücher gelesen zu haben", wagte Bill einzuwenden.
„Das können Sie auch nicht. Salazar und Godric haben alle Aufzeichnungen darüber vernichtet, bis auf ihre privaten, die streng in der Familie weitergegeben wurden."
„Was hat das alles mit Ginny zu tun?" Molly war nicht gewillt, sich eine Lektion in Geschichte geben zu lassen.
Dumbledore schwieg einen Moment.
„Ich weiß es nicht, Molly. Tatsache ist, dass Sandrine gefährlich ist. Zumindest war sie es, als sie noch jung war. Und sie weiß, dass ich es weiß."
„Miss Weasley ebenfalls." Snape sah jetzt grimmig aus. „Sandrine Slytherin. Das ist unglaublich."
„Entschuldigung, könnten Sie uns mal aufklären?" fragte Charly vorsichtig. „Wer ist diese Sandrine?"
Dumbledore sah wieder flüchtig auf das Bild. Ginny saß nun mit dem Rücken zum Betrachter und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Sandrine war nicht in ihrer Nähe, nur ein oder zwei der unheimlichen Gestalten standen bei ihr. In der anderen Hälfte hörte Draco gerade dem dunkelhaarigen Mann zu, der offenbar eine längere Geschichte erzählte. Sein Gesicht wirkte unbeteiligt, aber an seinen geballten Fäusten konnte man erkennen, dass sein Desinteresse nur gespielt und er wütend war.
„Nun, die Wahrheit kann ja niemandem mehr schaden, oder?" Er seufzte und setzte sich auf einen Stuhl. „Hogwarts war damals gerade fertiggestellt. Sandrine war die älteste Tochter von Salazar Slytherin. Salazar und Godric sind – wie Sie alle wissen – nie gut miteinander ausgekommen, und beide waren entsetzt, als sich herausstellte, dass Sandrine und Godrics Sohn Rupert heimlich geheiratet hatten. Sie haben sich jedoch widerwillig damit abgefunden, hauptsächlich weil beide ihre Erstgeborenen nicht verlieren wollten. Doch Sandrine hat von Anfang an ein falsches Spiel gespielt. Sie hat ihren Vater gehasst. Sie hat Rupert nicht geheiratet, weil sie ihn geliebt hat, sondern weil es Salazar treffen würde."
„Warum? Was hat Salazar seiner Tochter angetan?"
„Nichts, das alles existierte nur in Sandrines Einbildung. Sie gab ihrem Vater die Schuld am Tod von Yala, ihrer Mutter. Sie erinnern sich, zur gleichen Zeit fanden die Koboldkriege statt, und Yala wurde im Kampf getötet. Den Berichten zufolge war sie eine sehr unabhängige, stolze Frau, die sich von nichts und niemandem etwas sagen ließ. Sandrines Meinung nach hätte Salazar sie aufhalten sollen."
„Okay, ich verstehe, was Sie sagen wollen, aber ist ihre Reaktion nicht maßlos übertrieben?" fragte Sirius.
„Natürlich. Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber ich vermute stark, dass Sandrine sich so sehr hineingesteigert hat, dass sie nachher fest daran geglaubt hat. Immerhin war sie erst sieben, als Yala umkam. Dass Salazar das ganze dann zähneknirschend hinnahm, muss ihre Wut noch mehr entfacht haben."
„Was ist mit Rupert? Hat er denn nichts gemerkt?"
„Am Anfang nicht. Niemand weiß natürlich, was in Sandrines Kopf vorgegangen ist, aber sie spielte ihre Rolle bis fast ganz am Ende, ohne auch nur einen einzigen Fehler zu machen. Nachdem ihr erster Plan gescheitert war, nahm sie sich ein größeres Ziel vor. Egal, wie sehr sich die Gründer – allen voran Godric und Salazar – in den Haaren gelegen haben, sie alle hatten ein gemeinsames Ziel: Hogwarts."
„Ich komme mehr und mehr zu der Ansicht, dass diese Frau total verrückt gewesen ist." Molly hatte die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst.
„Das ist nicht einmal ansatzweise alles", knurrte Snape. Selbst in seiner Stimme klang Abscheu mit.
„Sie kennen diese Geschichte auch?"
Snape ließ sich nicht zu einer Antwort herab. Dumbledore seufzte und fuhr fort.
„Sie muss die Zerstörung sehr sorgfältig geplant haben. Aber jemand machte ihr einen Strich durch die Rechnung – Rupert. Ich weiß nicht, wie es ihm gelungen ist, aber damit unterschrieb er sein eigenes Todesurteil."
„Sie hat ihren eigenen Mann umgebracht?"
„Vergessen Sie nicht, Rupert war für sie nur ein Werkzeug. Sein Tod muss schrecklich gewesen sein, nicht einmal in den ureigensten Aufzeichnungen Godric Gryffindors werden Sie einen Hinweis darauf finden, was sie getan hat. Nur eins ist gewiss – seine sterblichen Überreste hingen an den Zinnen des fast fertiggestellten Schlosses."
„Merlin." Sirius' Gesicht war weiß.
Selbst Fred und George, die normalerweise auf alles einen Spruch parat hatten, schwiegen und sahen sich entsetzt an.
„Sandrine hat es noch drei Tage lang geschafft, alle zu täuschen und die trauernde Witwe zu mimen. Doch einer Frau ist es schließlich gelungen, hinter ihrer Fassade das Monster zu entdecken, das sie wirklich darstellte, und das war Rowena Ravenclaw. Rowena konnte die Zerstörung von Hogwarts im letzten Moment mit Hilfe der anderen verhindern. Es muss sehr schwer gewesen sein, Salazar von der Wahrheit zu überzeugen, aber sie hat es schlussendlich doch geschafft."
„Was für Beweise hatte sie denn?"
„Darüber ist nichts bekannt, nur, dass es so war." Snape sah starr auf das Bild, in dem Draco gerade wütend die Zähne fletschte und aussah, als würde er dem dunkelhaarigen Mann gleich an die Kehle springen.
„Sandrine wusste, dass sie das Spiel verloren hatte. Für ihre Verbrechen wäre sie gehenkt worden, einerlei, wer ihr Vater war. Sie öffnete ein Gezeitenportal und verschwand. Für immer, wie man dachte."
„Irgendetwas sagt mir, dass das noch nicht alles ist." Arthurs Stimme war schneidend.
Snape und Dumbledore wechselten einen Blick.
„Sandrine war zu diesem Zeitpunkt im sechsten Monat schwanger. Salazar hat ihr Kind verflucht, als klar wurde, dass sie die Mörderin von Rupert und die Anstifterin zur Zerstörung Hogwarts war. Sie stand schon direkt vor dem offenen Portal und hat ihnen allen ins Gesicht gelacht."
„Und Godric ..."
„Auch er fügte einen Fluch hinzu. Dasselbe galt für Rowena Ravenclaw und Helga Hufflepuff."
„Aber, es war immerhin sein Enkelkind, genau wie Salazar Slytherins auch!"
„Das sie nach Schließen des Gezeitenportals nie zu Gesicht bekommen würden. Sie wollten, dass Sandrine für ihre Taten büßen würde. Aber wenn ich mir die Konsequenzen so ansehe, sind glaube ich wir es, die dafür zahlen werden. Und wenn nicht wir, dann Ginny und Draco."
„Woraus bestanden diese Flüche?" fragte Molly zittrig.
„Tod, Leiden, Macht und Krankheit."
Drückende Stille lastete nach diesen Worten im Zaubertranksaal. Irgendwo kicherte der Wächter leise.
Chryois
„Tod, Leiden, Macht und Krankheit", sagte Tanadryl genüsslich.
Die Version, die Draco von Tanadryl zu hören bekommen hatte, unterschiedlich sich natürlich deutlich von der, die Albus Dumbledore gerade in diesem Moment den Leuten in Hogwarts erzählte, aber der Slytherin war in der Lage, den Kern herauszufiltern.
„Und wie hat sich das ausgewirkt?"
Sandrine als gute Schauspielerin zu bezeichnen ist ein Witz. Von der kann selbst ich noch was lernen.
Tanadryl lachte, und Dracos Nackenhaare stellten sich bei dem Geräusch auf.
„Nun, zuerst einmal Krankheit. Malateras geht von mir aus, und nur von mir." Seine Augen glitzerten heimtückisch. „Ich entscheide, wer sie bekommt und wer nicht."
Draco sah auf seinen Arm.
„Ich brauchte etwas, was euch aufhielt, damit ich mich auf eure Spur setzen konnte. Es war zwar nicht lange, aber dieser halbe Tag hat mir genügt. Die pflichtvergessene Kreatur Tyron dazu zu benutzen, dir zu helfen, war nur ... wie sagt man da ... die Krönung des ganzen."
Der Slytherin spürte, wie er wütend wurde, und strengte sich nach Kräften an, das vor Tanadryl zu verbergen.
„Leider haben die Menschen einen Weg gefunden, es zu heilen." Tanadryl schnaubte verächtlich. „Bis es aber soweit war, hatte ich bereits meine eigene Armee. Das ist der zweite Punkt, Tod. Ich umgebe mich damit, und sie sind willige Schergen. Und ich bringe das Leiden über meine Mutter und ihre armseligen Wesen, die sich Menschen von Chryois nennen. Bliebe noch eins übrig, und das ist die Macht."
Jetzt wird's erst richtig interessant.
„Der Vater meiner Mutter, mein eigener Großvater hat mir diese goldene Möglichkeit in die Hand gegeben, stell dir das vor." Wieder ließ Tanadryl sein Lachen hören, bei dem die wenigen Menschen in seiner Nähe zusammenzuckten und hastig wegsahen.
„Ich kann hirnlose Dinge in Stein verwandeln, nur mit einer Geste. Ich kann Gedanken lesen und auch solche in den Köpfen anderer Menschen einpflanzen, dass sie verrückt werden oder mir bedingungslos gehorchen. Ich bin so mächtig, dass mich niemand aufhalten kann!"
Hat dir schon mal einer erzählt, dass Hochmut vor dem Fall kommt? Diesmal machte sich Draco keinerlei Mühe, den Gedanken zu verbergen.
Tanadryl zeigte sich unbeeindruckt. Er lächelte weiterhin.
„Was ist mit den Ausnahmen? In Sandrines Armee gibt es Untote, die dir nicht gehorchen. Ich habe sie gesehen."
Jetzt hatte er es geschafft, den selbsternannten König der Untoten zur Aufgabe seines unheimlichen Lächelns zu zwingen. Tanadryl entblößte sein Gebiss und knurrte, eine Geste, die an einen Wolf im Angriff erinnerte.
„Ich weiß es nicht!" spie er dann aus. „Sie wiederstehen einfach! Als ob jemand durch meine Reihen geht und auf sie zeigt, ihnen ihr Gedächtnis erhält!"
„Du bist also doch nicht allwissend." Jetzt war es an Draco, die Lippen zu einem Lächeln zu verziehen.
Blitzschnell wie eine Schlange griff Tanadryl nach seinem Hals und presste ihn gegen die Wand. Dracos Füße hingen ein paar Zentimeter über dem Erdboden.
„Ich hätte Lust, dich hier und jetzt zu töten, du kleines Großmaul!" zischte er hasserfüllt.
„Kannst ... du aber ... nicht", brachte Draco hervor, bemüht, weiterhin Luft zu bekommen.
Tanadryl ließ ihn fallen, und Draco rieb sich über die gequetschten Stellen am Hals.
„Du wirst dir wünschen, nie geboren worden zu sein, wenn ich erst mal in Hogwarts und mit dir fertig bin!" bellte die Kreatur.
„Habt ihr Fieslinge eigentlich irgendein Handbuch, wo ihr eure Sprüche lernt? Das ist alt, Tana."
Ja, und du musst es genau wissen, Malfoy. Das hätte von dir sein können.
Doch Tanadryl hatte seine Fassung wiedergewonnen.
„Nun zu dir. Da gibt es noch eine Kleinigkeit, die du mir erzählen wolltest."
Noch während er diese Worte aussprach, erreichten sie die Kammer des Gezeitenportals, und die Untoten stellten sich in langen Reihen vor dem Tor auf.
Draco beschloss, die Karten doch umzudrehen. Er sah in einem erbitterter Kampf zwischen Sandrine und Tanadryl die einzige Möglichkeit, sich und Ginny zu retten.
„Oh, es ist wirklich nur eine Kleinigkeit. Sandrine hat Euch ein bisschen in die Irre geführt, Mylord. Du brauchst nicht nur mich, um das Portal durchqueren zu können. Und sie wartet auf dich, um dir den Rest zu geben."
Noch ehe Tanadryl darauf etwas erwidern konnte, erscholl plötzlich der Schlachtruf der Armeen, und die letzte Schlacht brach an.
