Chryois

Eine Stimme riss Draco und Ginny aus ihrer Versunkenheit.

„Willkommen am Portal der Welten", sagte sie dunkel und geheimnisvoll.

Blossom zischte etwas und krallte sich in Ginnys Schulter fest.

Draco ließ Ginny los und warf einen Blick auf das Tor. Niemand war zu erkennen.

„Ich bin der Wächter", sagte die Stimme wieder. „Ihr könnt mich nicht sehen. Ich kann euch helfen."

„Oh, wirklich?" Ginny konnte nicht verhindern, dass ihre eigene Stimme sarkastisch wurde. „Das hat man uns auf dieser Welt schon ein paar Mal versichert."

„Ich bin eure einzige Chance." Der Wächter klang nun lauernd. „Was ist daran so schwer? Ihr kommt zur Frontseite zurück und geht einfach durch die Oberfläche, und schon seid ihr zu Hause."

„Du musst uns wirklich für total bescheuert halten", sagte Draco verächtlich. „Auf welcher Seite stehst du? Sandrines? Tanadryls? Oder verfolgst du dein eigenes Ziel? Entweder sie killen uns da vorne, oder Tanadryl versucht uns zu folgen."

„Welche Wahl habt ihr denn? Willst du dich wie ein Feigling weiter hier verstecken?"

„Keine schlechte Idee, warum nicht?" Die plumpe Art des Wächters amüsierte Draco. „Wenn wir ganz viel Glück haben, bleibt von denen keiner mehr übrig, und dann gehen wir."

„Dann hat das Glück euch wohl gerade verlassen", spottete der Wächter.

„Was meint er damit?" Ginny drängelte sich nach vorne.

„Zurück!" zischte Draco. „Das sind Gramiére! Tanadryl sucht nach uns!"

Die Katzen fühlten sich hinter dem Portal sichtbar unwohl, aber die Angst vor ihrem Herrn schien stärker zu sein, und sie näherten sich immer weiter dem verborgenen Gang.

„Hast du eine Waffe?" flüsterte Ginny.

„Nein, verdammt! Sei ruhig!"

Das Ende des Gangs war nur ein paar Meter weiter. Eine Sackgasse.

Ginny verzog das Gesicht, als immer mehr Tropfen der stinkenden Flüssigkeit in ihren Nacken fielen und ihre gesamte Kleidung durchnässten.

„Ginny, was auch immer passiert, du darfst weder Sandrine noch Tanadryl ein Wort glauben!" murmelte Draco leise, aber eindringlich. „Sandrine hat Rupert umgebracht, und wollte ganz Hogwarts zerstören. Sie ist verrückt, und die Gründer haben über ihr Kind einen Fluch ausgestoßen, und das Ergebnis ist Tanadryl!"

„Merlin. Wo sind wir da bloß reingeraten?"

„In einen Alptraum", knurrte Draco. „Pst, da kommen sie!"

„Haben wir überhaupt eine Chance?" hauchte Ginny.

Eine Antwort blieb Draco ihr schuldig, als eine der Katzen plötzlich aufheulte und in die andere Richtung zurückraste. Eine zweite folgte ihr, und dann nahm die ganze Meute Reißaus.

„Und was war das jetzt wieder?" fragte Ginny verwirrt.

„Riechst du das auch?"

„Es stinkt, und ich kenne den Geruch irgendwoher, aber ..."

„Nein, das meine ich nicht! Feuer!"

Ein paar der Menschen hatten auch mit Flammenpfeilen geschossen, und einer davon war im Matsch hinter dem Portal gelandet. Ginny musste dreimal hingucken, aber es stimmte – der Matsch fing an zu brennen, und die Flammen verbreiteten sich rasend schnell.

Etwas klickte, und Ginny begriff plötzlich.

„Petroleum!" flüsterte sie entsetzt. „Draco, das ist ..."

Der Slytherin sah aus, als hätte ihn jemand ins Gesicht geschlagen.

„Scheiße, wie konnte ich so blöd sein?! Raus hier, wir sind voll mit dem Zeug! Wer weiß, was hinter dieser verdammten Sackgasse liegt?!"

Beide hetzten los. Dracos Bein drohte nachzugeben, aber das enorme Adrenalin, das in seinem Blut kreiste, half ihm, durchzuhalten, bis sie die Vorderseite des Portals erreicht hatten.

Die Schlacht hatte inzwischen grausige Ausmaße angenommen. Überall auf dem Boden lagen geköpfte Untote oder grauenhaft verstümmelte Leichen von Menschen.

Ginny blieb so abrupt stehen, dass Draco auf sie auflief.

„Verdammt, Sandrine und Tanadryl stehen direkt vor dem Portal!"

Auch andere Überlebende – wenn man bei den Untoten von überleben sprechen konnte – hatten bemerkt, dass sich nun ihre Anführer von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen. Der Kampflärm ebbte etwas ab, als sich alle Augen auf die beiden richteten.

Nur Ginny und Draco sahen, wie sich die Flammen ausbreiteten und sich auf die Sackgasse zu bewegten.

„Mutter", grüßte Tanadryl spöttisch. Seine Stimme war in der gesamten Höhle zu hören, und sie hallte von den Wänden.

Die Menschen warfen sich unbehagliche, fast entsetzte Blicke zu. Viele von ihnen wirkten schockiert.

„Scheint so, als hätte Sandrine ihnen das verschwiegen", sagte Draco halblaut.

Sandrine selbst schien das nicht zu kümmern.

„Endlich", sagte sie triumphierend. „Du bist in meine Falle gegangen, wie ich es erwartet habe. Du siehst deinem Ende entgegen, Tanadryl!"

„Aber, aber." Der spöttische Tonfall verstärkte sich nur noch. „Im Moment bist du diejenige, die sich in einer denkbar schlechten Lage befindet, liebste Mutter. Und wie ich sehe, sind auch meine beiden Torschlüssel noch am Leben und wohlauf."

Er drehte leicht den Kopf in Ginnys und Dracos Richtung.

„Draco, was machen wir?" zischte Ginny. „Wir können nicht durch das Portal, nicht ohne Sandrine, Tanadryl oder auch beide mitzunehmen, und vielleicht fliegt uns gleich alles um die Ohren!"

„Ich glaube ... ich glaube, du solltest dich von deinen Eltern verabschieden."

„Was?" Ginny starrte ihn an.

„Wir haben verloren, Weasley. So oder so. Wir können nicht durch das Portal, nicht ohne Hogwarts zu gefährden. Die haben da drüben auch so genug Probleme." Seine Stimme hatte etwas endgültiges. „Wir können vielleicht nur dafür sorgen, dass diese beiden Bestien da landen, wo sie hingehören."

Sandrine und Tanadryl tauschten nun die ersten Schläge mit ihren Schwertern aus.

„Das kann ich nicht akzeptieren!" Ginnys Gesicht war weiß. „Es gibt mit Sicherheit eine Möglichkeit ..."

„Und welche? Die einzige Chance, die wir haben, ist ... Pass auf!"

Draco gab ihr einen heftigen Stoß, als plötzlich einer der Untoten aus Tanadryls Reihen nach ihr griff. Er schlug mit seinem Schwert zu, und der Untote wich jaulend zurück, als er auf seinen abgetrennten Arm sah.

Ginny blickte auf den Arm hinab, und dann auf Draco – und entschied sich in Sekundenschnelle.

„Was hast du vor? Hast du einen Plan?"

„Vielleicht." Damit drehte er sich um und schrie Richtung des Kampfplatzes, wo bereits wieder einzelne Gefechte aufgenommen wurden. „Feuer! Die Höhle wird gleich anfangen zu brennen!"

Draco wusste zwar nicht, ob das der Wahrheit entsprach, aber es war die letzte Möglichkeit, die ihnen übrig geblieben war.

Nicht alle konnten ihn vernommen haben, aber die Menschen nahmen seinen Ruf auf und gaben ihn weiter. Unruhe entstand, und selbst die Untoten sahen jetzt auf das Feuer hinter dem Portal. Sie lebten vielleicht nicht mehr, waren jedoch für Flammen noch anfälliger als Menschen. Ihre Gesichter wandten sich Tanadryl zu, als erwarteten sie einen Befehl.

„Ich habe keinen Rückzug befohlen!" kreischte Sandrine, als die ersten die Höhle fluchtartig verließen. „Hört nicht auf den Fremdling!"

Tanadryl dagegen fletschte die Zähne, und mit einer schnellen Bewegung hatte er Sandrine beiseite gestoßen und sprang nun auf Draco und Ginny zu.

„Ihr bringt mich jetzt durch dieses Portal!" zischte er bösartig. „Mich und den Rest meiner Armee, sonst werdet auch ihr die Höhle nicht mehr verlassen!"

Neben Ginny auf dem Boden lag eine herrenlose Armbrust, die sie nun ergriff und mit zitternden Fingern auf Tanadryl richtete. Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, dass auch Sandrine wieder auf die Füße gekommen war und sich ihnen rasch näherte.

Draco hob ebenfalls das Schwert.

Plötzlich fing etwas an zu kreischen, und zwar so laut, dass alle sich unwillkürlich die Ohren zuhalten wollten.

„Ihr dürft das Portal nicht verbrennen lassen!" kreischte der Wächter schrill. „Es ist eure einzige Chance, herauszukommen! Unternehmt etwas dagegen!" Scheinbar hatte er bis jetzt überhaupt noch nicht kapiert gehabt, dass es auch seine Vernichtung bedeuten würde, wenn die Höhle in Flammen aufging. „Haltet es auf, ich befehle es euch!"

„Es ist aussichtslos!" wiederholte Tanadryl und kam noch ein paar Schritte auf Draco und Ginny zu. „Bringt mich hinüber!"

„Lady Sandrine!" schrie jemand aus dem Hintergrund. „Die Flammen ... sie verbreiten sich! Sie erreichen die Decke!"

Es war Chaos pur, und Gryffindor und Slytherin befanden sich mittendrin.

„Du wirst uns schon reinschleppen müssen, Tanadryl!" fauchte Draco und bewegte sich keinen Millimeter.

„Wenn du darauf bestehst!" Ungeachtet des Schwertes griff Tanadryl blitzschnell nach seinem Arm und verkrallte sich in die verheilende Malateras Wunde.

Draco heulte auf und ließ das Schwert fallen.

Ginny schoss, aber ihr Pfeil ging daneben.

Dann erstarrte Tanadryl plötzlich mitten in der Bewegung. Er hatte nicht mehr auf Sandrine geachtet, die ihm nun rücklings eine Kriegsaxt in den Rücken geschlagen hatte. Sein Gesicht verzerrte sich, und er begann zu altern, rasend schnell. Er drehte sich zu Sandrine um, die ein triumphierendes Gesicht machte.

Ginny sah entsetzt, wie der König der Untoten auf Sandrine zustolperte. Sein Gesicht war nicht mehr jung, sondern alt, eingefallen und hässlich. Und doch hatte er noch die Kraft, seiner Mutter die Axt aus den Händen zu schlagen und sie dann mit einer schier unmenschlichen Kraft auf das Portal zuzuschleudern.

Man konnte noch Sandrines Schrei hören, als sie inmitten des Tores verschwand.

Gleichzeitig hatten die Flammen nun den verborgenen Gang erreicht, und als die Wände barsten, ergoss sich eine riesige Welle von Petroleum in die Höhle. Sie entflammte sofort, Feuer züngelte an den Stützbalken hoch, und sie verbreitete sich weiter.

Tanadryl machte noch einige Schritte auf Draco zu, dann zerbarst er in einer Wolke aus Asche und Knochen. Auch alle Untoten, die sich noch in der Höhle befanden, erging das gleiche Schicksal. Sie lösten sich vor den Augen der Menschen auf, bis nur noch Knochenstaub von ihnen übrig blieb. Der Fluch war gebrochen.

Wieder kreischte der Wächter unmenschlich. Die Flammen hatten das Portal umzingelt.

„Draco, wir müssen hier raus! Die Höhle kracht zusammen, sieh dir die Balken an!" schrie Ginny.

Draco warf einen Blick auf das Portal. Ginny hatte recht, es gab keine Möglichkeiten mehr, den Steinbogen zu durchqueren. Einzelne Quader barsten bereits, und irgendwo brüllte der Wächter.

„Wenn die Höhle zusammenbricht, gibt's eine Kettenreaktion!" schrie er zurück. „Der Druck wird ausreichen, um die Gänge mitzuzerstören!"

„Worauf warten wir dann?" Ginny ließ die Armbrust fallen und zusammen rannten sie in Richtung Ausgang, wie auch der Rest der Menschen von Chryois, die ebenfalls erkannt hatten, in welcher Gefahr sie sich befanden.

Noch bevor sie in den Gängen verschwanden, warf Ginny noch einen Blick zurück. Das reinste Höllenfeuer wütete nun in der Höhle, Balken fielen von der Decke, und ein riesiger Schatten versuchte, sich aus dem Portal zu lösen.

Inmitten des Portals konnte sie die Hogwarts Leute erkennen, ihre Eltern, ihre Brüder, die Lehrer. Obwohl sie wusste, dass die Zeit knapp war, blieb sie noch einmal stehen. Draco hinderte sie nicht daran, und auch er sah zurück.

Ginny hob einen Arm und winkte ihrer Mutter zu. Tränen rannen ihr über die Wangen, als sie eine Geste machte, die eindeutig sagte Ich liebe euch. Dann drehte sie sich um und rannte weiter.

Draco verharrte noch einen Moment.


Hogwarts

Ungläubig sahen alle auf das Geschehen. Als Sandrine auf das Portal zugeschleudert wurden, zuckten nicht wenige zusammen, aber die Tochter von Salazar Slytherin kam nicht auf der Hogwarts Seite an, sie verschwand einfach.

Die Untoten verwandelten sich zu Staub, und Feuer breitete sich in der Höhle aus. Flammen züngelten an den Rändern des Portals hoch.

Auch auf dieser Seite hörte man den Wächter brüllen und schreien, diesmal wieder in einer gänzlich unverständlichen Sprache.

Durch Qualm und Rauch konnte man erkennen, dass Ginny und Draco aus der Höhle rannten.

Bei Ginnys letztem Abschiedsgruss gab Molly einen wimmernden Laut von sich, und Arthur ergriff ihre Hand und drückte sie fest.

Seine Frau fing an zu weinen.

Dracos Blick traf sich mit Arthurs, als er stehen blieb, obwohl Ginny schon außer Sichtweite war. Auch seine Geste war unmissverständlich.

Ich pass auf sie auf.

Arthur, seine weinende Frau im Arm, nickte zurück.

Dann war auch Draco verschwunden.

Das präsente Bild des Portals verschwand wie von Geisterhand, und ließ die Hogwarts Leute schweigend zurück, die Stille nur unterbrochen von Mollys Schluchzen.