Chryois
In dem schmalen Gang herrschte reinste Panik vor.
Die Menschen rannten, drängelten und schubsten sich, um als erstes zur Oberfläche zurückzukommen. Nichts war mehr zu sehen von militärischer Ordnung, alle wollten nur so schnell wie möglich ihren eigenen Hals retten.
Hinter ihnen konnten sie ein gewaltiges Krachen hören, als die Höhle in sich zusammenbrach und das Gezeitenportal unter sich begrub.
Die Stützpfeiler und Balken bekamen Risse, und immer mehr Erde regnete auf alle herab.
Mittendrin kämpfte Draco darum, mit Ginny Schritt zu halten, was nicht einfach war, da sein Bein mehr und mehr nachgab.
„Gibt es einen zweiten Ausgang?" keuchte er der jungen Frau zu, die gerade neben ihm lief.
„Ja", schnaufte sie, offensichtlich am Ende ihrer Kräfte. „Ein paar Höhlen vor dem Eingang zur Totenglocke gibt es eine verborgene Tür. Durch die sind wir mit Lady Sandrine hierher gelangt." Ihr Gesicht nahm einen flehenden Ausdruck an. „Ist es wirklich wahr? Tanadryl war Lady Sandrines Sohn? Was machen wir jetzt ganz ohne Mylady?"
„Ihr habt doch auch ohne sie ein Hirn!" gab Draco barsch zurück. „Es geht ums Überleben, und um nichts anderes!"
Eine Antwort blieb ihm die Frau schuldig, da sie bereits außerhalb seiner Reichweite war und aus seinem Blickfeld verschwand.
Draco wurde sich bewusst, dass er der letzte war. Hinter ihm brachen auch die Gänge zusammen, einer nach dem anderen. Er bemühte sich, schneller zu laufen, aber die Pfeilspitze, die immer noch in seinem Oberschenkel steckte, verhinderte dies wirkungsvoll. Wo zum Teufel war Ginny?
Die hatte ebenfalls bemerkt, dass der Slytherin weit zurückgeblieben war, und strengte sich nun an, trotz der gewaltigen Menschenmasse stehen zu bleiben, was kein einfaches Unterfangen war. Doch schließlich hatte sie es geschafft, und packte seinen Arm, um ihn zu stützen.
Das Geräusch der brechenden Balken um sie herum war grauenhaft.
„Kommen wir hier raus?" schrie sie, bemüht, den Lärm zu übertönen.
„Es gibt einen zweiten Ausgang!" brüllte er zurück. „Wir dürfen die anderen nicht aus den Augen verlieren! Los, hinterher!"
Blossom, die noch immer auf seiner Schulter saß, kreischte durchdringend.
Sie erreichten die Höhle, die die junge Frau erwähnt hatte. Die Menschen strömten durch den schmalen Ausgang, auf ihren Fersen Draco und Ginny.
Der Slytherin warf noch einen kurzen Blick zurück, bevor Ginny ihn nach draußen zerrte. Etwas sehr dunkles schien ihm direkt ins Gesicht zu starren, etwas, dass mehr Flüche ausstieß, als selbst er kannte. Doch der Schatten des Wächters waberte und verblasste urplötzlich.
Dann befanden sie sich auf dem Berg der Totenstadt, im gleißenden Sonnenschein. Doch noch waren sie nicht gerettet.
Die Totenstadt hatte ihren unheimlichen Schrecken verloren, aber der Berg erbebte wie unter einem riesigen Erdbeben. Fast alle Menschen waren schreckerstarrt stehen geblieben, als der Boden begann, sich unter ihnen zu bewegen.
Ginny jedoch wusste, was das ganze zu bedeuten hatte.
„Es bricht alles ein, oder?" fragte sie gepresst. „Der ganze Berg war unterhöhlt, und jetzt wird alles in sich zusammenstürzen!"
Draco gab keine Antwort, sondern zerrte sie hinkenderweise mit sich, die Strasse hinab.
„Wir sollten uns besser beeilen. Das Portal ist Vergangenheit, und diese ganze verdammte Stadt wird im Nichts verschwinden!"
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, begann das breite Pflaster sich zu senken, und die ersten Häuser fingen an, einzubrechen.
Beinahe hysterische Panik brach aus, noch schlimmer als unter dem Berg. Die Menschen von Chryois sahen nicht mehr, wohin sie traten, und viele von ihnen verschwanden in den auftauchenden Erdspalten. Immer weniger blieben übrig, und diese wenigen rannten die Totenstadt hinab.
In etwa der Mitte gab Dracos Bein endgültig nach, er stürzte zu Boden und riss Ginny mit sich.
„Draco, steh auf, wir müssen weg hier!" flehte sie und versuchte, ihn aufzurichten.
„Ich kann nicht", presste er hervor. „Ich kann mein Bein nicht mehr bewegen. Scrawny, geh! Hau ab, und lass mich hier!"
„Kommt ja gar nicht in Frage!" Ginny entwickelte beinahe übermenschliche Kräfte, als sie ihn hochzog. „Entweder zusammen oder gar nicht, hast du das schon vergessen?!"
Mittlerweile standen sie allein auf der zusammenbrechenden Straße. Die überlebenden Menschen waren ihnen weit voraus.
„Das ist Irrsinn, Weasley! Ich werd's nicht schaffen, willst du dein Leben ausgerechnet für mich riskieren?" Draco stieß sie grob von sich, schwankte und prallte erneut auf den Boden.
„Verdammt, Draco Malfoy, hoch mit dir!" Ginny griff wieder zu und zog kräftig an seinem Arm. „Wir werden nicht aufgeben, hörst du?! Ich will hier nicht allein bleiben, und schon gar nicht will ich, dass du hier stirbst!"
Ein glockenheller Ton unterbrach ihre Auseinandersetzung. Beide sahen unwillkürlich nach oben.
Es waren die drachenähnlichen Wesen, die ihnen bereits am Anfang ihrer Reise begegnet waren.
Es waren so viele, und sie flogen so dicht, dass sie den Himmel verdunkelten. Jeder einzelne von ihnen gab diesen Laut von sich, und es war wie ein gewaltiges Glockenspiel.
Die Straße neben Draco brach ein, und der Slytherin rutschte über die Kante. Ginny schrie und versuchte, seinen Arm festzuhalten, aber er glitt ihr aus den Fingern.
Noch ehe er in den tiefen Abgrund fallen konnte, verdunkelte sich der Schatten über ihnen, und etwas mit scharfen Krallen packte nach Ginnys Schultern und riss sie in die Höhe. Auch Draco wurde ergriffen und emporgehoben.
Wieder ein triumphierender Glockenton, und der Erdboden entfernte sich von ihnen, als sie in die Luft entführt wurden.
Unter ihnen brach die Totenstadt endgültig in sich zusammen. Am Rande des versteinerten Sumpfes erhob sich die Erde wie ein wildes Tier und kam dann zum Stillstand. Bald war nichts mehr zu sehen von den Häusern oder den Palästen. Eine Felswüste war das Ergebnis der letzten Schlacht, übersät von Trümmern und haufenweise Gesteinsbrocken.
Ginny kämpfte heftig gegen den Griff um ihre Schultern an, aber dieser verstärkte sich nur noch. Sie wagte einen vorsichtigen Blick nach oben, und sah einem der drachenähnlichen Geschöpfen in das starre Gesicht. Große, dunkle Augen richteten sich auf sie, und blickten dann wieder nach vorne.
Das Geschöpf neben ihr hielt Draco ins seinen Klauen. Der Slytherin hing nur schlaff in dem festen Griff, er schien bewusstlos zu sein. Sie sah das Blut, dass die Hose über seinem Oberschenkel durchnässte. Blossom saß auf seiner Schulter und hatte sich furchtsam festgeklammert.
Der Lärm war entschwunden, nur das leise Rauschen von Flügeln und der Luftzug waren zu hören.
Ginny starrte wieder auf die Ebene, auf der sich eben noch die einzige Hoffnung befunden hatte, die sie und Draco gehabt hatten. Wieder stiegen Tränen in ihren Augen auf, aber sie bekämpfte sie tapfer. Jelins Versprechen echote in ihren Ohren, aber was nütze ihnen das noch? Der Gnom war unter Tonnen von Geröll begraben, zusammen mit dem Gezeitenportal.
Die einzige Konstante, die ihr geblieben war, war Draco Malfoy, der immer noch reglos in den Klauen des Drachenwesens neben ihr hing.
Ein weiteres Geräusch erhob sich in dem stillen Licht der Sonne. Es war Ginnys Schluchzen.
Draco fühlte sich, als wäre ihm das Bein abwärts seiner Hüfte abgetrennt worden. Er stöhnte leise, als er versuchte, seine Schultern zu bewegen.
Dann öffnete er die Augen und schloss sie gleich wieder. Das Licht war einfach zu grell. Nach und nach gelang es ihm, sie trotzdem wieder zu öffnen und sich an die Sonne zu gewöhnen.
Dann sah er sich um. Sie befanden sich auf einem Felsplateau, von der Totenstadt war rings um ihn herum nichts mehr zu sehen. Ginny saß einige Meter von ihm entfernt und hatte ihm den Rücken zugekehrt. Ihre Beine baumelten über den Rand der Felskante, und sie starrte nach unten. Blossom saß neben ihr.
Draco räusperte sich, und krächzte dann: „Ginny? Wo sind wir?"
„Ich weiß nicht. Sie haben uns hierher gebracht", antwortete sie, ohne sich umzudrehen.
„Sie? Wer ist sie? Wovon redest du?"
„Die Drachen. Oder was auch immer das war. Sie sind weggeflogen."
„Drachen?" wiederholte Draco. „Aber wieso haben die uns denn geholfen?"
„Woher soll ich das wissen?" Ginnys Stimme war gereizt. „Fest steht nur, dass wir jetzt hier sitzen und nicht mehr wegkönnen!"
Draco versuchte, aufzustehen, aber es gelang ihm nicht. Dann biss er die Zähne zusammen und kroch zu der Stelle hinüber, an der sie saß. Sein Bein war immer noch taub und gefühllos.
Er sah vorsichtig nach unten und musste Ginny recht geben. Wenn nicht ein Wunder geschah, dann saßen sie hier oben fest. Der Erdboden war etwa hundert Meter von ihnen entfernt und endete in einer Schlucht, und das Plateau selber ragte aus grobem Stein, der sich nicht überwinden ließ.
„Das verstehe ich nicht. Warum haben sie uns aus der Totenstadt herausgeholt, nur um uns hier krepieren zu lassen?"
„Weiß ich nicht." Ginnys Stimme war wieder flach und ausdruckslos.
„Scrawny? Alles in Ordnung?"
„Nein." Ihre Unterlippe begann wieder zu zittern, aber sie wollte vor Draco nicht losheulen. „Gar nichts ist in Ordnung. Selbst wenn wir hier wegkommen, wir können nie wieder nach Hause, nie nie wieder. Nimm es mir nicht übel, aber ich hasse deinen Vater!"
Draco schwieg. Er wusste nichts darauf zu sagen, und trösten konnte er sie schon gar nicht. Womit auch? Ginny hatte recht.
„Ich habe echt überlegt, einfach hier runterzuspringen. Es wäre besser gewesen, diese Drachenwesen hätten uns gar nicht aus der Totenstadt herausgeholt, dann wäre alles vorbei."
„Red nicht so einen Quatsch", gab Draco grob zurück. „Dann bleiben wir halt hier. Wir können es nicht ändern, also müssen wir das beste daraus machen."
Ginny funkelte ihn unter Tränen ärgerlich an.
„Und was wäre das, Mister Oberschlau? Auf einem Felsplateau verhungern? Jetzt sag nicht, du glaubst an Wunder, Malfoy!"
„Warum nicht?" antwortete er verbissen. „Bis jetzt ist immer irgendwas aufgetaucht, was uns den Hals gerettet hat. Aber mit deiner pessimistischen Einstellung machst du es nicht besser, im Gegenteil."
„Hört, hört", spottete sie. „Und das ausgerechnet von dir. Du bist doch der Pessimismus in Person!"
„Realist. Aber ein bisschen positives Denken hat noch keinem geschadet."
Ginny schnaubte, aber Draco hatte es geschafft, sie aus ihrer abgrundtiefen Verzweifelung herauszureißen. Und natürlich hatte genau das in seiner Absicht gelegen.
„Und was machen wir jetzt?" fragte sie nach einer kleinen Pause. „Runterfliegen? Du hast nicht zufällig einen Besen dabei, der hier auch funktioniert?"
„Den braucht ihr nicht, Herrin", sagte eine Stimme hinter ihnen, und beide fuhren herum.
„Das ... das ist doch unmöglich", entfuhr es Ginny. „Jelin! Aber ... aber wo kommst du denn auf einmal her?"
„Ich versprach, einen Weg zu finden, wie Ihr nach Hause kommen könntet, und ich hatte vor, dieses Versprechen einzuhalten."
Draco machte kein sehr intelligentes Gesicht. An seine Worte von vorher hat er selbst nicht geglaubt, sondern nur bezweckt, Ginny aus ihrer Mutlosigkeit herauszuholen. Als die Gryffindor ihn nun von der Seite ansah, beeilte er sich, ihr einen Ich hab es dir doch gleich gesagt Blick zuzuwerfen.
„Ich glaube, die gehören euch", sagte Jelin lächelnd und wies auf die beiden Rucksäcke, die wie aus dem Nichts plötzlich aufgetaucht waren. Ginnys Schwert aus Falínga und Dracos Chakra steckten darin.
„Jelin, du musst tot sein! Wie konntest du aus der Höhle entkommen?"
„Und wie willst du es schaffen, uns nach Hause zu bringen? Das Portal wurde zerstört und ..." Draco verstummte, und seine Augen weiteten sich.
Jelin lächelte nur weiterhin.
„Draco? Was ist?"
„Ich glaube, ich weiß, was Jelin ist. Er ist einer der Dimensionswächter, korrekt? Einer von denen, die die Portale überwachen und Wächter aufstellen?"
„Herr, dieser Gedanke ist nur zum Teil richtig, aber ja, Ihr seid der Wahrheit schon sehr nahe gekommen. Wir hatten die Aufgabe, das Portal zu zerstören, und wurden damit in Menschengestalt nach Chryois geschickt. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Ihr seid zufällig mit in diese Sache hineingeraten, und ich beabsichtige, diesen Fehler wieder zu korrigieren, bevor ich diese Welt verlasse. Ich wies die Drachen an, euch aus der Gefahrenzone und hierher zu bringen, und werde für euch ein Tor öffnen."
Ginny und Draco sahen sich an.
In den Augen der rothaarigen Gryffindor stand wieder soviel Hoffnung, das es schon fast schmerzte.
„Und die Aufgabe?" brachte Ginny irgendwann heraus. „Als wir in den Höhlen waren, hast du gesagt, du hättest eine Aufgabe für uns, wenn wir wieder zu Hause sind."
„Alles zu seiner Zeit, Herrin. Der Augenblick wird kommen, an dem Ihr wisst, was ich von Euch verlange."
Draco wurde prompt misstrauisch.
„Ein Opfer? Oder sonst irgendetwas nettes?"
„Nichts dergleichen. Wenn der Zeitpunkt kommt, werdet Ihr es wissen", wiederholte Jelin. „Ich bringe euch genau an den Ort zurück, an dem ihr verschwandet. Den Zeitpunkt muss ich allerdings korrigieren, da die Dimensionen kein Paradoxon zulassen. Ihr wurdet bereits zu einen späteren Moment gesehen, wenn auch nur durch das Bild, das der Wächter erschuf."
„Ich versteh kein Wort."
„Ich auch nicht", gab Ginny zu.
„Ihr werdet es sehen." Jelin hob eine Hand, und ein Flüstern erhob sich, nicht unähnlich dem, das der Sumpf von sich gegeben hatte. Anstelle der grauen Felswand eröffnete sich nun eine undurchdringliche Schwärze, dieselbe, die auch zuerst im Gezeitenportal vorgeherrscht hatte. „Dieser Riss ist vorübergehend, und wird in eurer Welt keinen Nachhall hinterlassen. Und nun geht."
Ginny machte einen Schritt vorwärts, und Draco räusperte sich vernehmlich.
„Was ist?"
„Ich kann nicht aufstehen. Du wirst mir helfen müssen."
Ginny begann schon, ihn hochzuziehen, als sie plötzlich zu kichern begann. Der Zeitpunkt war absolut unpassend, aber trotzdem konnte sie nicht aufhören.
„Scrawny? Bist du jetzt durchgeknallt?"
„Nein." Ginny versuchte sich zu beherrschen. „Ich bin nur schon auf die Gesichter gespannt, wenn wir einfach so im Zaubertranksaal auftauchen. Wir sehen aus, als wären wir gerade meilenweit durch ein Sumpfgebiet gekrochen, und Draco Malfoy hängt an meinem Arm."
Draco verzog das Gesicht, aber die Vorstellung, Snapes, Potters oder Grangers Gesichtsausdruck zu sehen, ließ ihn ebenfalls zu einem Grinsen hinab.
Blossom, die bis hierher geschwiegen hatte, meldete sich nun auch lautstark zu Wort.
„Scrawny – Draco – mit!"
"Können wir sie mitnehmen, Jelin?" fragte Ginny, und sah sich dann verblüfft um. „Er ist weg!"
„Ich habe da so eine Ahnung, als hätten wir ihn nicht das letzte Mal gesehen", murmelte Draco. „Wir nehmen sie mit. Also dann, Miss Weasley, auf zur letzten Etappe dieser Reise."
Damit tauchten die drei in die Schwärze des Portals ein.
