Harms Herz schien einen Schlag lang auszusetzen. „Meiner Tochter?" Fassungslos blickte er Mr Sayers an. „Ich habe eine Tochter?"

Sein Gegenüber nickte. „Sie heißt Isabelle Juanita Moreno Guttierez Rabb und ist siebzehn Monate alt. Ich verstehe, dass es ein Schock für Sie sein muss, aber ich weiß nicht, wie ich es Ihnen schonend hätte beibringen können. Ich war der Anwalt von Miss Moreno Guttierez. Sie hatte für den Fall ihres Todes diesen Brief für Sie hinterlegt." Mr Sayers zog einen Umschlag aus seiner Aktentasche. „Lesen Sie ihn in Ruhe durch, ich werde draußen warten." Mit diesen Worten legte er den Brief vor Harm auf den Schreibtisch und verließ den Raum.

Harm starrte den Umschlag an, immer wieder hörte er die Worte …um Sie von der Existenz Ihrer Tochter in Kenntnis zu setzen. ›Nein, das ist nicht wahr, du träumst nur.‹ Panisch blickte er sich um und musste erkennen, dass er hellwach war.

Zögernd nahm er den Brief in die Hand und drehte ihn unschlüssig hin und her. Wollte er überhaupt wirklich wissen, was Maria ihm geschrieben hatte? Warum hatte sie ihm nichts von seiner Tochter gesagt? Hätte er überhaupt je von ihr erfahren, wenn Maria nicht gestorben wäre? Mit eiskalten Fingern riss er den Umschlag unbeholfen auf und faltete den inliegenden Briefbogen auseinander.

Lieber Harm,

wenn Du diesen Brief lesen wirst, wird das Schlimmste eingetroffen sein, das ich mir vorstellen kann: Ich musste unsere Tochter alleine zurücklassen. Es tut mir leid, dass Du auf diese Weise erfahren musst, dass wir ein gemeinsames Kind haben. Aber ich hielt es für das Beste, Dir nichts davon zu sagen. Ich wollte nicht, dass Du Dich möglicherweise verpflichtet fühlst bei uns zu bleiben. Ich weiß, dass Du immer noch Deine Freundin von der Akademie liebst. Als ich merkte, dass ich ein Kind erwarte, war ich entsetzt, weil ich eine Verantwortung auf mich zukommen sah, der ich mich nicht gewachsen fühlte. Aber wenn ich jetzt in das Kinderbettchen vor mir sehe, weiß ich, dass Belle das Beste ist, das mir passieren konnte. Sie ist das Kostbarste in meinem Leben. Nur wenn ich daran denke, das ich sterben könnte und dass Belle allein zurückbleiben müsste, packt mich die Verzweiflung. Deshalb muss ich Dir diesen Brief schreiben. Ich bitte Dich inständig, sollte mir etwas passieren, kümmere Dich um unsere Tochter. Ich weiß, Du wirst sie lieben, genauso wie ich es tue. Bitte sag ihr, dass ich sie nicht verlassen wollte und dass ich sie mehr als alles auf der Welt geliebt habe.

Ich bete zu Gott, dass er Belle und Dich beschützt.

Maria Elena Carmelita

Harm verbarg sein Gesicht in den Händen. Er fühlte sich unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Das leise Klopfen an der Tür ließ ihn hochfahren. Mr Sayers trat ein und sah ihn abwartend an.

Harm atmete tief ein und versuchte zu lächeln. „Bitte entschuldigen Sie mein Verhalten, Mr Sayers, aber ich hatte keine Ahnung, dass ich eine Tochter habe."

„Ich weiß", beruhigt ihn der Anwalt, „Miss Moreno Guttierez hatte mir gesagt, dass Belles Vater nichts von der Schwangerschaft wusste. Sie sagte, Sie seien anderweitig gebunden." „Nein …ja … damals schon irgendwie", verhaspelte sich Harm, „aber ich hätte selbstverständlich zu meiner Verantwortung gestanden."

„Genau das wollte sie nicht, dass Sie sich verpflichtet fühlen, sich um sie und das Kind zu kümmern. Ich habe es nicht gutgeheißen, aber es war ihre Entscheidung."

„Wo ist meine…", Harm stockte, „…Tochter jetzt?"

„Bei mir zu Hause in San Antonio, wo ihre Mutter die letzten zwei Jahre gelebt hat. Meine Frau kümmert sich um sie. Sie sollten in den nächsten Tagen zu uns kommen und Belle abholen, damit sie sich gar nicht erst eingewöhnt und dann dort wieder herausgerissen wird."

„Was, ich? Aber … sie kann doch nicht bei mir bleiben." Schon bei dem Gedanken daran packte Harm das Entsetzen. „Ich kenne mich mit Kindern nicht aus, ich habe einen Beruf, der mich voll beansprucht. Ich könnte mich nicht ausreichend um sie kümmern. Gibt es keine anderen Verwandten, die sie besser aufziehen könnten?" Fieberhaft suchte Harm nach einer Lösung. „Soviel ich weiß, hatte Maria guten Kontakt zu ihrer Mutter."

„Ihre Mutter starb letztes Jahr an Krebs. Belle hat noch eine Tante, Mrs Ricarda Luisa Sanchez. Mrs Sanchez ist vor einem halben Jahr mit ihrem Ehemann ins Ausland gegangen, ihre derzeitige Adresse konnten wir nicht ermitteln. Wenn Sie Belle nicht zu sich nehmen können, wird sie in ein Heim kommen und mit Ihrem Einverständnis zur Adoption freigegeben."

Mr Sayers hob entschuldigend die Schultern. „Ich weiß, dass es eine schwere Entscheidung ist, Commander, und ich bedaure, dass ich Sie so damit überfallen muss, aber Sie müssen verfügen, was nun mit Ihrer Tochter geschehen soll. Bei uns kann sie leider nicht bleiben, wir sind schon zu alt und gesundheitlich nicht mehr in der Lage, langfristig für ein Kleinkind zu sorgen. Dabei ist sie wirklich ein liebes Mädchen."

›In ein Heim…‹ Harm fasste einen Entschluss. „Mr Sayers, ich werde so schnell es geht nach San Antonio kommen, um meine Tochter abzuholen. Ich möchte nicht, dass sie in einem Heim landet. Irgendwie muss es gehen." Er stand auf und reichte dem alten Herrn die Hand. „Ich werde mich heute noch bei Ihnen melden, um Ihnen zu sagen, wann ich bei Ihnen sein werde. Wo kann ich Sie erreichen?"

Mr Sayers reichte ihm seine Visitenkarte, sichtlich erstaunt über den plötzlichen Sinneswandel des jungen Offiziers und verabschiedete sich.

Die Bürotür fiel ins Schloss, augenblicklich sackte Harm auf seinem Stuhl zusammen. Eine Tochter! Von einer Sekunde auf die andere war er Vater eines Kleinkindes geworden. Natürlich hatte er immer Kinder haben wollen, aber doch erst später und auch nur dann, wenn er die richtige Frau gefunden hatte! „Das schaffe ich nie im Leben." Verzweifelt vergrub er sein Gesicht in den Händen, tief in Gedanken versunken überhörte er das Klopfen an seiner Tür.

„Commander, dieser Antrag ist wohl versehentlich auf meinem Schreibtisch gelan.…" Mac blieben die Worte im Halse stecken, als sie ihren Kollegen sah. Innerhalb eines halben Tages schien er um Jahre gealtert zu sein. „Harm, was ist passiert? Geht es Ihnen nicht gut?"

Wie betäubt blickte er auf. „Ich habe eine Tochter."

„Sie haben WAS?" Mac traute ihren Ohren nicht. Sie schloss die Tür und ließ sich auf den Besucherstuhl fallen, den Blick auf Harms aschfahles Gesicht geheftet.

„Eine kleine Tochter. Sie heißt Isabelle Juanita Moreno Guttierez Rabb und wird Belle genannt. Ich habe es gerade vom Anwalt ihrer Mutter erfahren."

„Und ihre Mutter will jetzt Unterhalt?", versuchte Mac zu verstehen und runzelte die Stirn. Im Geiste ging sie die rechtlichen Aspekte durch. Natürlich musste er für den Unterhalt des Kindes aufkommen, aber das war doch noch lange kein Grund, derartig entsetzt zu sein.

„Nein. Ihre Mutter ist letzte Woche in San Antonio ums Leben gekommen. Belle soll in Zukunft bei mir leben. Entweder das oder sie kommt in ein Heim." Hilflos sah er sie an. „Was soll ich denn tun? Ich kann doch nicht zulassen, dass meine Tochter in ein Heim kommt."

„Das müssen Sie auch nicht, Harm", beruhigte ihn Mac, die immer noch versuchte, das Ganze richtig zu begreifen. „Aber jetzt erzählen Sie erst einmal der Reihe nach was passiert ist. Wer war Belles Mutter?"

Er drehte sich mit seinem Bürostuhl Richtung Fenster und starrte hinaus in den blauen Sommerhimmel. „Maria Elena Carmelita Moreno Guttierez. Als Keeter und ich noch zusammen Tomcats geflogen sind, lernten wir sie in Barcelona kennen. Sie ist – war – Stewardess. Sie war ursprünglich mit Keeter befreundet, später bin ich auch einige Male mit ihr ausgegangen. Seit ich bei JAG bin, habe ich sie vielleicht noch zwei, drei Mal getroffen. Wir hatten keine feste Beziehung, es war eher … ein lockeres Verhältnis."

„Eine Bettgeschichte", warf Mac ein.

Harm blickte weiter mit versteinerter Miene aus dem Fenster. „Wenn Sie es so ausdrücken wollen. Ich habe Maria zuletzt vor über zwei Jahren gesehen und da muss es wohl passiert sein. Mr Sayers sagte, dass Belle siebzehn Monate alt ist. Sie hat mir nichts von dem Kind gesagt, weil sie wusste, dass ich sie nicht liebe. Sie hat mir für den Fall ihres Todes einen Brief hinterlassen, in dem sie mich bittet, Belle zu mir zu nehmen." Harm hatte sich bei den letzten Worten wieder zu Mac gedreht und hob hilflos die Schultern. Diese schwieg einen Moment lang.

Zögernd fragte sie dann: „Was werden Sie tun?"

Harm hob seinen Blick und sah ihr in die Augen. „Ich werde Belle zu mir holen und versuchen, ihr ein guter Vater zu sein. Ich weiß, wie schwer es schon ist, nur ein Elternteil zu haben, ich möchte nicht, dass meine Tochter ganz ohne Familie aufwächst. Aber was ist, wenn ich als Vater kläglich versage? Annie hat mir immer vorgeworfen, verantwortungslos zu sein und mich nicht gut um Josh zu kümmern."

„Annie war überempfindlich, Harm, und das wissen Sie auch. Sie werden ein guter Vater sein", sagte Mac mit fester Stimme. „Und Sie können sich darauf verlassen, dass wir Ihnen alle helfen werden."

„Ich danke Ihnen, Mac, auf Sie kann man sich wirklich verlassen." Harm fuhr sich mit den Händen über die Augen. „Jetzt muss ich die Sache nur noch dem Admiral erklären."