„Sir? Commander Rabb möchte Sie sprechen." Petty Officer Jason Tiners Stimme klang durch die Gegensprechanlage. „Soll reinkommen", antwortete Admiral Chegwidden mit brummigem Tonfall.

Harm betrat mit gemischten Gefühlen das Büro seines Vorgesetzten. „Commander, was gibt es? Etwa Probleme mit der Anklage gegen Lieutenant Sumner?" „Nein, Sir. Es geht um etwas Privates." Der Admiral hob erstaunt die Augenbrauen und musterte seinen Top-Anwalt, der blass vor ihm stand, aufmerksam. „Setzen Sie sich. Was ist los?" Harm atmete tief ein. „Sir, ich brauche umgehend Urlaub wegen einer dringenden Familienangelegenheit." „Ist etwas mit Ihrer Mutter?" erkundigte sich Chegwidden behutsam. „Nein, soweit ich weiß, geht es ihr gut." Harm riss sich zusammen. „Admiral, ich habe gerade erfahren, dass ich Vater eines kleinen Mädchens bin."

Seinem CO blieb der Mund offen stehen. „Das… das ist ja eine Überraschung! Herzlichen Glückwunsch, Commander! Oder", unterbrach er sich, als er Harms gequälte Miene sah, „ist das für Sie keine gute Nachricht?" „Es kommt ein bisschen überraschend. Ihre Mutter ist in der letzten Woche gestorben, ihr Anwalt aus San Antonio war gerade bei mir, sonst hätte ich wahrscheinlich nie von ihr erfahren." Der Admiral bemerkte Harms bitteren Tonfall. „Das tut mir sehr leid, Harm. Wo ist Ihre Tochter jetzt?" „Der Anwalt hat sie vorübergehend bei sich aufgenommen, seine Frau kümmert sich um sie. Ich möchte so schnell wie möglich zu ihr fliegen." „Um sie nach Washington zu holen", ergänzte Chegwidden seinen Satz. „Ja, Sir."

Der Admiral dachte kurz nach. „In Ordnung, ich gebe Ihnen drei Wochen Sonderurlaub. Wie alt ist Ihre Tochter?", erkundigte sich er sich. „Siebzehn Monate, Sir." Der Admiral nickte langsam und fuhr sich mit der Hand das Kinn. „Sie müssen ein zuverlässiges Kindermädchen suchen, das im Notfall auch nachts auf Ihre Tochter aufpassen kann. Ich kann Sie nicht für längere Zeit von auswärtigen Ermittlungen freistellen. Geben Sie Ihre offenen Fälle Major MacKenzie."

Harm erhob sich. „Ich möchte Ihnen für Ihr Verständnis danken, Admiral. Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt als Vater tauge …" „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?", brauste Chegwidden auf. „Selbstverständlich werden Sie ein guter Vater sein, Commander, und zwar der beste! Und wenn Sie mal nicht weiterwissen, dann melden Sie sich gefälligst bei mir. Das ist ein Befehl. Wegtreten!" Harm nahm Haltung an. „Aye, aye, Sir."

Harm verließ das Büro des Admirals mit einem Gefühl der Erleichterung. Er wusste nicht warum, aber allein das Wissen, dass sein CO ihm die Bewältigung dieser Aufgabe ohne zu zögern zutraute, ließ ihn etwas zuversichtlicher in die Zukunft blicken.

Nachdem er alle Unterlagen zu seinen offenen Fällen zusammengepackt hatte, klopfte er an Macs offen stehender Bürotür. Mac schaute von ihrem Schriftsatz auf und warf einen Blick auf den gewaltigen Stapel, den Harm auf ihrem Schreibtisch ablud. „Sieht so aus, als hätten Sie schon mit dem Admiral gesprochen. Wann fliegen Sie nach San Antonio?" „Ich muss noch Mr Sayers anrufen, aber nach Möglichkeit nehme ich gleich morgen früh die erste Maschine." „Rufen Sie mich an, wenn Sie wieder zurück sind. Viel Glück, Harm!"

Harm setzte ein etwas schiefes Grinsen auf, nickte Mac noch einmal zu und verließ ihr Büro. Mac sah ihm gedankenverloren nach.

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11:43 Uhr CST

San Antonio International Airport

San Antonio, Texas

Grell schien die Septembersonne in Harms Gesicht, geblendet schloss er die Augen.

In der vergangenen Nacht hatte er kaum geschlafen, immer wieder war er aus wirren Träumen hochgeschreckt, in denen Maria ihn anflehte, sich um ihre gemeinsame Tochter zu kümmern.

„Commander Rabb?" Die Stimme gehörte zu einer zerbrechlich wirkenden Dame mit weißen Haaren, die einen Buggy mit einem Kleinkind darin vor sich herschob.

Harm nickte. Sein Blick wanderte von der Frau zu der kleinen Gestalt im Kinderwagen. Nur mühsam konnte er seine Aufmerksamkeit wieder auf die alte Dame lenken, die ihn freundlich ansah. „Entschuldigen Sie bitte." Er schüttelte ihr die Hand. „Ja, ich bin Harmon Rabb. Sie sind sicher Mrs Sayers, wir haben gestern Abend miteinander telefoniert." Sein Blick blieb erneut an dem kleinen Kind hängen. Verständnisvoll lächelnd nahm Mrs Sayers es auf den Arm und wandte sich an Harm. „Darf ich Ihnen Ihre Tochter Isabelle vorstellen? Belle, das ist dein Daddy, von dem ich dir erzählt habe." Das kleine Mädchen sah Harm mit großen, dunklen Augen forschend an, dann verzog sich das Gesichtchen zu einem strahlenden Lächeln. Harm lächelte zaghaft zurück. Er sah unsicher zu Mrs Sayers. „Ob ich sie wohl …?" „Auf den Arm nehmen kann?", half ihm Mrs Sayers weiter. „Selbstverständlich. So, Belle, jetzt kommst du zu deinem Daddy." Mit diesen Worten reichte sie Harm seine Tochter. Vorsichtig umfasste er Belle, die sofort begeistert anfing, an seinem Hemdkragen zu reißen. Verzaubert betrachtete er sie, von einer Sekunde auf die andere waren seine gesamten Bedenken wie weggeblasen. „Hallo Belle", sagte er mit warmer Stimme, „ich bin dein Daddy." Er strich ihr behutsam über den lockigen Kopf. „Du bist genauso hübsch wie deine Mom."

Mrs Sayers hatte die Szene gerührt beobachtet. Jetzt räusperte sie sich: „Commander, mein Wagen steht dort hinten. In dreißig Minuten sind wir zu Hause. - Commander Rabb?" Erst jetzt drang ihre Stimme zu Harm durch. Er sah verwirrt auf. „Wie bitte? Ja, wir kommen." Mit der freien Hand ergriff er seine Tasche und folgte Mrs Sayers zum Parkplatz.

Während der Fahrt durch die Stadt wandte Harm immer wieder seinen Kopf nach hinten, um seine Tochter zu betrachten, die in ihrem Kindersitz mit einem Stofftier spielte. Mrs Sayers erkundigte sich nach seinem Flug und schien nicht beleidigt zu sein, dass Harm ihr nur einen kleinen Teil seiner Aufmerksamkeit zukommen ließ.

Nach einer knappen halben Stunde hielten sie vor einem kleinen weißen Bungalow in mexikanischem Stil.

Mrs Sayers hob Belle aus dem Kindersitz und stellte sie neben dem Auto ab. „Am liebsten läuft sie ja allein, aber nehmen Sie sie trotzdem besser an die Hand. Ich habe immer etwas Angst, dass sie auf die Straße laufen könnte." Ohne auf Harms Proteste zu achten, nahm die alte Dame Harms Reisetasche aus dem Kofferraum und ging voraus. Harm beugte sich zu Belle hinunter und hielt ihr seine Hand hin. Vertrauensvoll umfasste Belle seine Finger und tapste los.

Mrs Sayers hielt ihnen die Tür auf. „Das Haus ist nicht besonders groß. Seit unsere Kinder erwachsen sind, brauchen wir nicht mehr soviel Platz. Wir haben nur ein Gästezimmer, in dem Belle schläft, aber das wird Sie sicher nicht stören." Sie schnappte sich Belle, hob sie hoch und schnupperte. „Wenn Sie ausgepackt haben, Commander, können Sie mir Ihre Fähigkeiten im Wickeln demonstrieren."