13:31 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

Mac blinzelte in die Sonne. Sie saß auf einer Bank und biss genussvoll von ihrem Beltway-Burger ab; gerade noch konnte sie verhindern, dass Ketchup auf ihren Uniformrock tropfte.

Am Vormittag hatte der Admiral in der Dienstbesprechung bekannt gegeben, dass Lt. Commander Rabb in den nächsten drei Wochen aus privaten Gründen fehlen würde. Die fragenden Gesichter seiner Untergebenen hatte er dabei geflissentlich ignoriert. Auch Mac hatte nicht vor, den Grund für Harms Sonderurlaub preiszugeben. Es war allein seine Entscheidung, wann und wie er seinen Kollegen von Belle erzählen wollte. Zudem würden einige Gerichtsverhandlungen verschoben werden müssen, da Richter Morris in der letzten Nacht wegen einer akuten Blinddarmentzündung ins Krankenhaus gekommen war. Lt. Bud Roberts würde Mac bei ihrer Arbeit unterstützen, da sie durch Harms Ausfallen zusätzlich dessen Fälle übernehmen musste.

Macs Gedanken wanderten zu den Ereignissen des gestrigen Tages. Harm, wie er zusammengesunken an seinem Schreibtisch saß und ihr von seiner Tochter erzählte. Unwillkürlich verfinsterte sich Macs Miene. Diese Maria hatte er ihr gegenüber nie erwähnt. ›Warum hätte er das auch tun sollen? Du bist weder sein Beichtvater noch seine Ehefrau. Es geht dich überhaupt nichts an, was er für Beziehungen hat.‹ Sie sah auf den halbgegessenen Burger in ihrer Hand, schnitt eine Grimasse und wickelte ihn wieder in das Papier. Ihr war der Appetit vergangen. Seufzend stand sie auf, in ihrem Büro warteten Berge von Akten auf sie. Auf dem Weg ins Gebäude warf sie den Rest ihres Essens in den Abfallbehälter.


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13:14 Uhr CST

Haus der Sayers

San Antonio, Texas

Mrs Sayers stellte eine Karaffe mit Eistee auf den Tisch und schenkte Harm ein Glas ein. „Hier, Harm, nach dem Kampf haben Sie sich eine Erfrischung verdient", schmunzelte sie. „Danke, Elizabeth. Es sieht leichter aus als es ist. Ich glaube nicht, dass ich das je so schnell hinbekommen werde wie Sie", meinte Harm reichlich frustriert.

Bei seinem Versuch, die äußerst widerspenstige Belle zu wickeln, hatte Mrs Sayers vorgeschlagen sich beim Vornamen zu nennen, mit der Begründung, sie könne unmöglich jemanden mit ‚Commander' anreden, der bis über beide Ohren mit Babypuder bedeckt sei.

„Aber es ist erstaunlich, wie schnell sich so ein kleines Wesen umdrehen kann", bewunderte Harm die akrobatischen Fähigkeiten seiner Tochter, die sich erfolgreich seinen Bemühungen, ihr eine frische Windel anzulegen, widersetzt hatte. „Reine Übungssache", beruhigte ihn Mrs Sayers. „Nach einer Woche können Sie das im Schlaf. Während Belle ihren Mittagsschlaf hält, erhalten Sie von mir einen Crash-Kurs in Kinderpflege." Harm beugte sich vor und lauschte konzentriert ihren Instruktionen.


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23:05 Uhr CST

Haus der Sayers

San Antonio, Texas

Harm wünschte seinen Gastgebern eine gute Nacht und betrat auf Zehenspitzen das Gästezimmer, in dem Belle schon seit Stunden in ihrem Kinderbett schlief. Die Nachttischlampe, die Mrs Sayers angelassen hatte, um Belle das Einschlafen zu erleichtern, tauchte den Raum in ein sanftes Licht. Möglichst geräuschlos entkleidete sich Harm bis auf Boxershorts und T-Shirt und ging ins Bad. Wieder im Gästezimmer setzte er sich an das Kinderbett und sah auf seine friedlich schlummernde Tochter hinab.

Am Abend hatte er sie gebadet und auch das Wickeln hatte dieses Mal schon etwas besser geklappt. Elizabeth Sayers hatte ihm gestanden, dass sie ursprünglich Bedenken gehabt hatte, ob Belle sich von einer ihr fremden Person überhaupt anfassen lassen würde. „Aber sie hat gleich Vertrauen zu Ihnen gefasst", hatte sie gelächelt und dabei auf Belle gedeutet, die mit beiden Händen in die Babycreme gegriffen hatte und jetzt ihren Vater damit ‚dekorierte'. Nach dem gemeinsamen Abendessen, bei dem Belle eine Riesenportion Gemüse verputzt hatte, hatte Harm seine Tochter unter Mrs Sayers' wachsamen Augen ins Bett gebracht. Der weitere Abend war organisatorischen Dingen vorbehalten gewesen. Mr Sayers händigte Harm alle Unterlagen aus, die sich in Marias Besitz befunden hatten, sowie die persönlichen Dinge, die man bei der Wohnungsauflösung für Belle beiseite gelegt hatte. Belles Kleidung, einige Spielsachen und weitere sofort benötigte Sachen waren bereits für den Transport verpackt worden. Größere Gegenstände wie die Wickelkommode und die anderen Möbelstücke sollten nicht nach Washington geschickt werden, da ein Transport umständlicher und teurer war als diese Dinge dort neu zu kaufen.

Zärtlich betrachtete Harm seine Tochter, die mit geröteten Wangen auf dem Rücken lag, die Lippen fest um ihren Schnuller geschlossen, einen Stoffhund im Arm haltend. „Gute Nacht, mein Töchterchen", flüsterte er, hauchte ihr einen Kuss auf die dunklen Locken und ging zu Bett.


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04:51 Uhr CST

Haus der Sayers

San Antonio, Texas

Ein verzweifeltes Weinen riss Harm aus dem Schlaf. Er brauchte einen Moment, um zu realisieren, wo er war. Die ersten Sonnenstrahlen, die durch die Jalousien fielen, erhellten das Zimmer so weit, dass er erkennen konnte, wie Belle ihren Arm durch die Gitterstäbe ihres Bettes steckte und nach etwas zu greifen schien. Im Nu war er aus dem Bett und beugte sich über seine Tochter. Jetzt konnte er auch sehen, wonach sie ihre Hand ausstreckte: ihr Stoffhund war auf den Boden gefallen. Mit ihren großen, verweinten Augen sah sie ihren Vater an. „Nicht weinen, Belle. Hier ist dein Hündchen." Harm hielt ihr das Stofftier hin, sofort breitete sich ein Lächeln auf Belles tränenüberströmtem Gesicht aus. „Komm, Daddy spielt mit euch beiden." Harm hob seine Tochter hoch und setzte sich mit ihr auf sein Bett. Sorgsam legte er die Decke um sie, nahm den Stoffhund und begann mit verstellter Stimme zu sprechen, was Belle mit einem fröhlichen Lachen quittierte.

„Habe ich doch richtig gehört. Guten Morgen, Harm!" Elizabeth Sayers lugte ins Zimmer. „Ich hatte geklopft, aber Sie waren wohl so vertieft, dass Sie mich nicht gehört haben." Harm errötete leicht. „Guten Morgen, Elizabeth." Mrs Sayers kam in einen Morgenmantel gewickelt herein und blickte schmunzelnd auf Vater und Tochter. „Wie ich sehe, haben Sie sich schon mit Bobo bekannt gemacht." „Bobo?", fragte Harm mit einem nicht übermäßig intelligenten Gesichtsausdruck. „Der Hund", erklärte die alte Dame, „eines der drei Worte, die sie spricht: ‚Bobo', ‚nein' und …", ihre Stimme wurde leise, „…‚Mom'." Harm drückte seine Tochter an sich, die sich aber aus seiner Umarmung herauswand, um weiter mit ihrem Stofftier zu spielen. Einen Augenblick herrschte Schweigen. „Ich gehe wieder ins Bett", sagte Mrs Sayers dann und streichelte Belle leicht über den Kopf. „Versuchen Sie auch noch etwas zu schlafen, Harm. Die nächsten Wochen werden anstrengend genug, bis Sie sich daran gewöhnt haben, mit weniger Schlaf auszukommen." Mit diesen Worten verließ sie das Gästezimmer.

Harm wandte sich an seine Tochter, die mittlerweile begonnen hatte, ihren Hund mit dem Kopfkissen zuzudecken. „Was ist, Belle? Wollen wir noch ein Nickerchen machen oder bist du schon ausgeschlafen?" Ein Blick auf das quirlige Persönchen neben ihm beantwortete seine Frage zur Genüge. „In Ordnung, kein Schlaf mehr", stellte er fest. „Dann spielen wir eben weiter mit Bobo."