07:04 Uhr CST

Haus der Sayers

San Antonio, Texas

Leises Klappern von Geschirr drang aus Küche und verriet Harm, dass Elizabeth und Theo Sayers auf den Beinen waren. Längst hatte er Belle frisch gewickelt, wobei er sogar nur zwei Versuche benötigt hatte, da Belle entgegenkommenderweise stillgehalten hatte. Nur beim Anziehen hatte es noch gewisse Probleme gegeben, aber schließlich gelang es ihm doch, Belles Hände durch die Ärmel ihres Shirts zu bugsieren.

Dieses Mal hörte er das leise Klopfen an der Zimmertür und öffnete sie. Elizabeth Sayers warf einen anerkennenden Blick auf Belle. „Oh, du bist schon angezogen. Komm, wir gehen schon mal in die Küche, Belle. Dann kann dein Daddy in Ruhe duschen." Dessen Protest wehrte sie mit einer Handbewegung ab. „Nutzen Sie die Gelegenheit solange Sie sie noch haben. Die kleine Lady hier braucht nämlich ständig Aufsicht." Sie schloss die Tür und ließ einen nachdenklichen Harm zurück.

Nach dem Frühstück nahm Theo Sayers Belle zum Abschied in die Arme. Mit der Bitte, sich zu melden, sollten noch irgendwelche Probleme auftauchen, verabschiedete er sich auch von Harm und fuhr in seine Kanzlei.

Zusammen mit Elizabeth packte Harm die restlichen Sachen in einen Koffer, während Belle damit beschäftigt war, eben diesen Koffer wieder auszuräumen. „Den Buggy geben Sie erst beim Einsteigen auf, dann bekommen Sie ihn direkt nach der Landung wieder", empfahl Elizabeth und klappte aufatmend den Kofferdeckel zu. „Die wichtigen Sachen wie Windeln habe ich ins Handgepäck getan." Sie stockte kurz. „Möchten Sie auf dem Weg zum Flughafen noch am Friedhof vorbei?" Harm nickte und fragte zögernd: „Kannten Sie Maria gut?" „Ich habe sie gar nicht kennen gelernt. Sie war bei Theo in der Kanzlei, um ihr Testament aufsetzen zu lassen. Als sie starb, brachte Theo Belle mit zu uns. Maria muss aber sehr zurückgezogen gelebt haben, es waren nur sehr wenige Leute bei der Trauerfeier", antwortete Elizabeth. Sie dachte an den Vormittag in der kleinen Kapelle zurück: Außer ihr und Theo waren nur zwei ältere Nachbarinnen und eine Bekannte der verstorbenen Mutter dort gewesen.

„Ich wäre ja gekommen, aber ich wusste nicht, dass sie tot ist, geschweige denn, dass wir eine gemeinsame Tochter haben", sagte Harm niedergeschlagen. „Ich mache Ihnen doch keine Vorwürfe, Harm", beschwichtigte sie ihn. „Es war Marias Entscheidung, Belle ganz allein aufziehen zu wollen, nur war sie sich wohl nicht über die Konsequenzen im Klaren. Belle war von einem Tag zum anderen nur von Fremden umgeben, weil ihre einzige Bezugsperson gestorben war. Ich bin froh, dass sie nicht in ein Heim muss und noch weiter herumgereicht wird." Harm warf einen Blick auf seine Tochter, die jetzt auf der Terrasse saß und mit Bobo spielte. „Sie scheint ihre Mutter gar nicht zu vermissen." Elizabeth schnaubte undamenhaft. „Von wegen! Die ersten Tage hat sie nur geweint und nach ihrer Mom gerufen. Und wie erklärt man einem so kleinen Kind, dass seine Mutter nicht mehr wiederkommen wird?" Belle hatte sich aufgerichtet, stapfte auf ihren Vater zu und schlug ihm laut kreischend vor Vergnügen auf die Oberschenkel. Harm hob sie hoch und setzte sie auf seinen Knien ab.

„Das macht dir Spaß, deinen Daddy zu hauen, was? Gleich steigen wir in ein großes Flugzeug, dann musst du ganz lange artig sitzen bleiben. Meinst du, das schaffen wir?" Fragend schaute er seine Tochter an, die ihre Hand nach seiner Nase ausstreckte. „Das nehme ich als ein Ja." Mrs Sayers hatte die Szene schmunzelnd verfolgt. „Sie kommen schon miteinander klar! Aber jetzt sollten wir allmählich beginnen, das Gepäck ins Auto zu laden. Bei der Menge wird das einige Zeit dauern, bis wir alles verstaut haben."


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10:42 Uhr CST

Haus der Sayers

San Antonio, Texas

Ächzend richtete Harm sich auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Endlich war alles im Auto und der Kofferraum ließ sich sogar noch schließen! Zufrieden betrachtete er den Kombi, bis ihm siedendheiß einfiel, dass sie Washington nur eine Corvette am Flughafen erwartete. „Verd…!" entfuhr ihm halblaut ein Fluch. Elizabeth Sayers, die dabei war, die letzten Kleinigkeiten auf dem Rücksitz zu verstauen, sah ihn erstaunt an. „Stimmt etwas nicht?" „Mir ist nur gerade in den Sinn gekommen, dass diese Unmengen an Koffern und Kisten nie im Leben in mein Auto passen werden." „Was für ein Auto fahren Sie denn?", erkundigte sich Elizabeth vorsichtig. „Eine Corvette", seufzte Harm. Er liebte seinen roten Sportwagen heiß und innig, aber in diesem Augenblick hätte er ihn ohne lange zu zögern gegen einen Kombi eingetauscht. „Oh!", war Elizabeths einziger Kommentar.

Harms Gedanken liefen auf Hochtouren. ›Am besten ein großes Taxi oder …‹ Ein Geistesblitz traf ihn. „Einen Moment noch, Elizabeth. Ich muss einmal telefonieren."


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11:47 Uhr EST

Macs Wohnung

Georgetown, Washington D.C.

Mac angelte mit der rechten Hand nach dem Telefonhörer, während sie mit ihrer linken gerade noch einen Aktenstapel vor dem Absturz bewahren konnte.

„MacKenzie" „Hallo Mac, wie geht es Ihnen?", erklang eine muntere Stimme aus dem Hörer.

„Harm! Sind Sie schon wieder zurück? Was macht Ihre Tochter?" „Nein, wir sind noch in San Antonio und Belle ist gerade dabei, Mrs Sayers' Blumenbeete zu ruinieren. Wir werden heute Abend wieder in Washington sein. Mac?", Harms Stimme wurde etwas unsicher. „Ich wollte Sie um einen Gefallen bitten." Mac wurde neugierig. „Kein Problem. Worum geht's?"

„Die Sache ist die, es ist eine ganze Menge Gepäck zusammen gekommen: Belles Kleidung, ein Reisebett, Windeln und was ein Kind noch so braucht." Er verstummte. „Und?", ermunterte Mac ihn weiterzusprechen. „Sie wissen, was ich für ein Auto fahre?", fragte Harm nach. „Ach so", Mac ging ein Licht auf, „Sie benötigen meinen großen, uneleganten Jeep, weil Ihre spritzige Corvette noch weniger Stauraum als meine Schreibtischschublade hat."

„Glauben Sie mir, mit Ihrem Schreibtisch kann kein Auto mithalten", lästerte Harm und wurde gleich wieder ernst. „Würde es Ihnen große Umstände machen, uns am Flughafen abzuholen? Sonst können wir auch ein Taxi mit dem Gepäck beladen." „Unsinn", schnitt ihm Mac das Wort ab, „natürlich hole ich Sie ab. Ich will doch Ihre Tochter kennen lernen. Landen Sie in Dulles?" „Nein. Am National Airport, um 18:55." „Gut, ich warte in der Ankunftshalle auf Sie beide. Bis dann." „Bis dann. Mac?" „Ja?" Mac wartete gespannt. „Danke, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Sie sind eine echte Freundin." Mac schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Hey, ich kann Ihre Tochter doch nicht mit ihrem Gepäck am Flughafen stehen lassen. Da bekäme sie ja einen schönen Eindruck von ihrer neuen Heimat. Wir sehen uns am Flughafen."

Mac legte den Hörer auf und lächelte bei dem Gedanken daran, dass Harm sie als ‚echte Freundin‛ bezeichnet hatte. ›Ob Belle wohl sein Lächeln hat?‹ fragte sie sich und stützte ihr Kinn in die Hand. „Oh, NEIN!" Dieses Mal hatte Mac nicht schnell genug reagiert. Leise vor sich hinschimpfend sammelte sie die Akten vom Boden auf.