11:24 Uhr CST

San Fernando Cemetary

San Antonio, Texas

Harm legte die weißen Rosen nieder und warf einen letzten Blick auf Marias Grab. Elizabeth hatte ihn mit Belle allein gelassen, damit sie sich ungestört von Belles Mutter verabschieden konnten.

„Verzeih mir, dass ich nicht für dich da war, als mich gebraucht hättest. Ich verspreche dir, dass ich mich gut um unsere Tochter kümmern werde." Er drückte Belle, die er auf dem Arm trug, fest an sich. Mit langsamen Schritten verließ er den Friedhof.

Elizabeth wartete beim Auto auf sie. Schweigend öffnete sie die Tür, damit Harm Belle in den Kindersitz setzen konnte. „Theo hat den Grabstein Mittwoch in Auftrag gegeben, er hat sich ganz nach Marias Wünschen gerichtet", sagte sie. Harm nickte stumm und setzte sich auf den Beifahrersitz. Belle fing an, mit ihrem Stofftier gegen die Fensterscheibe zu hämmern und dabei lautstark vor sich hinzubrabbeln. Harm drehte sich zu ihr um und musste unwillkürlich lächeln. „Wir werden in der nächsten Woche für einige Zeit zu unserer Tochter nach Europa reisen", sagte Elizabeth, froh, dass Harms gedrückte Stimmung überwunden war. „Ich gebe Ihnen für Notfälle ihre Telefonnummer. Und es wäre schön, wenn Sie uns irgendwann noch einmal mit Belle besuchen könnten." „Wenn Sie auch mal zu uns nach Washington kommen", willigte Harm ein.


xxx


12:31 Uhr CST

San Antonio International Airport

San Antonio, Texas

„Sei ein braves Mädchen und ärgere deinen Daddy nicht." Mit Tränen in den Augen nahm Elizabeth Sayers Belle in der Abflughalle ein letztes Mal in die Arme. Dann setzte sie sie in den Buggy und verabschiedete sich von Harm. „Ich wünsche Ihnen alles Gute und zögern Sie nicht, uns anzurufen, falls irgendwelche Fragen auftauchen sollten." „Ich danke Ihnen und Theo für alles, was Sie für Belle und mich getan haben", stotterte Harm. Die alte Dame fiel ihm ins Wort: „Schon gut, ich weiß, was Sie sagen wollen. Machen Sie lieber, dass Sie ins Flugzeug kommen, Ihr Flug wurde schon das zweite Mal aufgerufen." Winkend sah sie Harm und Belle nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren.


xxx


19:43 Uhr EST

Ronald Reagan National Airport

Washington D.C.

Wohl zum hundertsten Mal betrachtete Mac die Auslagen der Geschäfte in der Ankunftshalle. Immer wieder wanderte ihr Blick zu der Glastür, wo laufend neue Reisende eintrafen, die von ihren Angehörigen begrüßt wurden. Ein gewisser Navy-Anwalt mit Kind war allerdings nicht darunter. Da das Flugzeug planmäßig gelandet war, machte Mac sich allmählich Gedanken, wann Harm endlich auf der Bildfläche erscheinen würde.

Ein gutaussehender Mann, der einen riesigen Strauss roter Rosen in den Händen hielt, erregte ihre Aufmerksamkeit. Etwas wehmütig verfolgte sie, wie er freudestrahlend auf eine junge Frau zueilte, sie in die ausgebreiteten Arme nahm und sich mit ihr im Kreis drehte. ›Wenn nur mal jemand so auf mich warten würde!‹ Mac seufzte leise und zwang sich, den Blick von dem Pärchen zu wenden, das jetzt in einen langen Kuss versunken war. ›Na, komm schon, Marine, nicht sentimental werden. Pass lieber auf, dass du Harm nicht verpasst.‹

Wie aufs Stichwort tauchte ihr Kollege endlich hinter der Absperrung auf. Er schob einen voll beladenen Koffertrolley vor sich her, hatte zusätzlich noch zwei Taschen über die Schultern gehängt und lauschte etwas gezwungen lächelnd einer weißhaarigen Frau, die einen Buggy mit einem schlafenden Kleinkind darin vor sich herschob. Zögernd ging Mac auf die drei zu.

Harm schien bei ihrem Anblick aufzuatmen. Er wandte sich an seine Begleitung und unterbrach ihren Redefluss: „Sehr interessant, Miss West. Aber wie ich sehe, müssen wir uns jetzt leider schon verabschieden. Meine Tochter und ich werden abgeholt und Belle muss auch schnellstens ins Bett. Vielen Dank für Ihre Hilfe und Ihre zahlreichen Ratschläge."

Er reichte ihr eine der Reisetaschen und schüttelte ihr zum Abschied die Hand. Dann nickte er ihr noch einmal höflich zu und übernahm den Buggy.

„Mac, ist das schön, dass Sie da sind!" Mac hob erstaunt die Augenbrauen. „Wow! So begeistert haben Sie mich ja noch nie begrüßt. Sie haben mich Ihrer neuen Freundin gar nicht vorgestellt." Harm warf einen vorsichtigen Blick über seine Schulter und sah seiner Reisebekanntschaft nach, die gerade das Gebäude verließ. Er verdrehte die Augen. „Glauben Sie mir, Mac, die wollen Sie gar nicht kennenlernen. Die fünf Stunden Flug mit ihr waren schlimm genug. Keine eigenen Kinder, stattdessen vier Hunde und sieben Katzen, aber sie weiß alles über Kindererziehung – meint sie zumindest! Mir klingeln jetzt noch die Ohren."

Im Buggy begann Belle sich zu regen. Harm beugte sich über sie. „Bist du wieder wach, meine Kleine?" Er nahm sie auf den Arm und wandte sich stolz an Mac: „Mac, darf ich Ihnen meine Tochter Belle vorstellen?" Hingerissen betrachtete Mac das kleine Wesen, das sie verschlafen anblinzelte und einen Plüschhund an sich presste. „Hallo Belle. Schön, dass ich dich endlich kennenlerne." Sie schaute zu Harm auf: „Sie ist wunderschön." „Ja, das ist sie", strahlte Harm Belle verliebt an und streichelte ihr zärtlich über den Kopf. Gebannt verfolgte Mac die Szene. ›So kenne ich ihn ja gar nicht. Er wird ein toller Vater sein.‹ Sie räusperte sich. „Dann wollen wir mal los."

Skeptisch betrachtete Mac den Koffertrolley. „Kein Wunder, dass Sie mich angerufen haben. Mit Ihrem Spielzeugauto müssten Sie mindestens zehnmal fahren." „Sie sollten doch wissen, dass Frauen immer mit großem Gepäck reisen", grinste Harm und setzte Belle zurück in den Buggy. „Wenn Ihre Tochter ein Marine wäre, würde eine einzige Tasche ausreichen. Aber bei dieser Vorbelastung …", konterte Mac. „Gut, dass zumindest ich ein richtiges Auto fahre, sonst stünden Sie jetzt dumm da. Na dann, auf in den Kampf, Flyboy, sonst sind wir erst um Mitternacht zu Hause."


xxx


20:58 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

„Mac, Sie sollen doch nicht alles allein schleppen. Passen Sie auf Belle auf, ich trage die anderen Sachen hoch." Strafend blickte Harm seine Partnerin an, die wie ein Lastesel bepackt in sein Apartment trat. „Das erspart mir mein Fitnesstraining", gab Mac zurück, „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: ich hole die restlichen Sachen rein, in der Zwischenzeit bringen Sie Belle ins Bett und spendieren mir anschließend eine große Pizza. Einverstanden?" Da Harm einsah, dass Belle dringend schlafen musste, gab er nach.

Vorausschauenderweise hatte ihm Elizabeth noch eine Mahlzeit für Belle eingepackt, die er nur noch aufzuwärmen brauchte. Als Mac das nächste Mal hereinkam, saß Belle bereits auf dem Schoß ihres Vaters und griff gierig nach der Gabel. „Haben Sie das arme Kind den ganzen Tag hungern lassen?" „Von wegen! Das ‚arme Kind' hat schon im Flugzeug die ganze Zeit gefuttert und eben im Auto hatte sie noch einen Zwieback als Zwischenmahlzeit. Sie hat fast so einen großen Appetit wie Sie." Belustigt kam Mac näher. „Lass dir nichts einreden, Belle. Dein Vater ist bekannt dafür, dass er gutes Essen einfach nicht zu schätzen weiß." Harm quittierte diese Aussage nur mit einem Grinsen und trug seine müde Tochter ins Schlafzimmer, um sie zu wickeln. In Ermangelung eines Wickeltisches legte er ein weiches Badetuch auf sein Bett und packte sie darauf. Widerstandslos ließ sich Belle ausziehen; erst als Harm ihr die frische Windel umlegen wollte, drehte sie sich blitzschnell auf den Bauch.

Prustend wandte Mac, die bis dahin interessiert zugeschaut hatte, sich ab. Mit einem gespielt bösen Blick sah Harm sie an. „Das ist nicht komisch, Marine! Warten Sie mal, bis Sie es selbst ausprobiert haben. Meine Tochter scheint von einem Schlangenmenschen abzustammen." Etwas unbeholfen dreht er Belle wieder auf den Rücken, gab ihr den Stoffhund zur Ablenkung und schaffte es im zweiten Anlauf die Klebestreifen der Windel zu befestigen und Belle den Strampelanzug anzuziehen. Er nahm sie hoch und drückte sie der verdutzten Mac in den Arm. „So, Sie Supermutter, Sie passen auf sie auf, während ich das Reisebett und die Bettwäsche suche."

Als er zehn Minuten später das Schlafzimmer wieder betrat, saß Mac auf seinem Bett und wiegte Belle sanft in ihren Armen. Als sie Harm sah, legte sie warnend einen Zeigefinger auf ihre Lippen. Eng an Mac gekuschelt war Belle eingeschlafen. Harms und Macs Blicke trafen sich und sie lächelten sich an. So leise wie möglich stellte Harm das Bett auf, fasste vorsichtig unter Belles Oberkörper und Beine und trug sie ins Bett. Belle umklammerte Bobo fester, schlief aber weiter. Auf Zehenspitzen verließen die beiden Erwachsenen das Schlafzimmer.

„So, Flyboy, was ist denn jetzt mit meiner Pizza?" Mac räumte einige Taschen mit Kinderwäsche von der Couch und setzte sich. „Schon unterwegs, Mylady." Harm legte den Telefonhörer auf und nahm neben seiner Kollegin Platz. Aufatmend lehnte er sich zurück und schloss eine Sekunde lang erschöpft die Augen. Mitfühlend nickte Mac. „Eine ziemliche Umstellung, was?" Harm zuckte mit den Schultern und grinste unbeholfen. „Ich habe in den letzten zwei Nächten nicht übermäßig viel geschlafen. Die ganze Zeit habe ich Angst, dass ich etwas falsch machen könnte." „Das tun Sie schon nicht", beruhigte ihn Mac. „Was sagt Ihre Mutter eigentlich zu ihrer Enkelin?" „Sie weiß noch gar nichts von ihr." „WAS?" Mac warf einen entschuldigenden Blick Richtung Schlafzimmer und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: „Wieso das denn nicht?" „Weil meine Mutter schnurstracks hier auftauchen würde, um mich zu unterstützen und das möchte ich nicht. Belle und ich müssen alleine klarkommen und ich will auch nicht, dass sie ständig mit neuen Gesichtern konfrontiert wird." Harm redete sich richtig in Rage. „Sie hat gerade ihre Mutter verloren und muss schon mit genug neuen Eindrücken fertig werden." Mac legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. „Sie haben recht, gewöhnen Sie zwei sich erst mal aneinander." Ein Klopfen an der Tür ließ beide zusammenfahren, rasch nahm Mac ihre Hand von Harms Arm. „Das muss unsere Pizza sein, ich bin schon am Verhungern." Harm öffnete dem Pizzaboten die Tür, während Mac schnell den Tisch deckte.

Beim Essen erzählte Harm lebhaft von seinen missglückten Wickelversuchen.

Mac hatte den Eindruck, dass er es bewusst vermied, die Sprache noch einmal auf seine Ängste kommen zu lassen und so unterließ sie es, ihn darauf anzusprechen.

Bei den letzten Bissen fielen Harm schon fast die Augen zu und Mac stand entschlossen auf. Ich mach, dass ich nach Hause komme. Ich rufe Sie morgen an, okay?" Harm nickte und brachte sie an die Tür. „Gute Nacht, Mac, und danke für Ihre Hilfe." „Hey, wozu hat man denn Freunde? Schlafen Sie gut, Harm." Mac lächelte ihn noch einmal aufmunternd an und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

Harm ging ins Schlafzimmer und setzte sich an Belles Bett. Eine Zeitlang betrachtete er seine schlafende Tochter und dachte an Maria zurück. Schließlich seufzte er, deckte Belle sorgfältiger zu und ging zu Bett, um sofort in einen tiefen traumlosen Schlaf zu fallen.