01:24 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

„Mom, Mom!" Harm fuhr hoch, schlug auf den Lichtschalter und stürzte an das Kinderbett, in dem Belle angstvoll weinend saß. „Ist ja gut, Belle, Daddy ist hier." Er nahm sie auf den Arm und redete behutsam auf sie ein. Es nützte nichts, anstatt sich zu beruhigen rief Belle immer lauter nach ihrer Mutter. Harm war der Verzweiflung nah, das war eine der Situationen, vor der er Angst gehabt hatte: allein mit einem schreienden Kleinkind, das sich durch nichts trösten ließ. Selbst in einer Tomcat mit defektem Triebwerk wäre er sich nicht hilfloser vorgekommen.

Mit seiner weinenden Tochter auf dem Arm ging er durch das Apartment, zeigte ihr alle Gegenstände, erklärte ihr die Bilder an den Wänden und sang ihr schließlich sogar das Schlaflied vor, das seine Mutter ihm früher immer vorgesungen hatte. Schließlich schien er Erfolg zu haben, das Schluchzen wurde leiser und verstummte dann ganz. Aufatmend trug Harm seine Tochter zurück ins Schlafzimmer. Bei dem Versuch, sie in ihr Bett zu legen, erwachte sie erneut und begann wieder zu weinen. „Bitte, Belle, hör auf zu weinen, ich bin doch bei dir."

Ein weiterer Marsch durch das Apartment begann, nur mühsam konnte Harm die Augen offen halten. Als Belle wieder etwas ruhiger wurde, beschloss er, kein Risiko einzugehen und legte sie in sein Bett. Er legte eine Wolldecke so an den Bettrand, dass Belle nicht versehentlich herunterfallen konnte und legte sich neben sie. Erleichtert stellte er fest, dass Belle endlich eingeschlafen war. Ganz behutsam, um sie auf keinen Fall wieder zu wecken, drehte er sich auf die Seite und schloss dankbar die Augen.


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06:07 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

Harm wurde unsanft durch einen Tritt in die Seite geweckt. Gequält öffnete er die Augen.

Mit einem Blick auf den Wecker stellte er resigniert fest, dass er keine drei Stunden geschlafen hatte. Belle strampelte sich gerade aus der Decke frei und begann über ihn hinweg aus dem Bett zu klettern. Harms Versuche, sie zurückzuhalten, wehrte sie mit einem Quengeln ab. „Schön, dann stehen wir jetzt auf. Zuviel Schlaf soll ja auch ungesund sein." Ein Gähnen unterdrückend kämpfte Harm sich aus dem Bett und folgte Belle, die im Rückwärtsgang die Stufen zum Wohnbereich heruntergekrabbelt war, sich unten wieder auf ihre Beine stellte und weitertapste. Zielstrebig stapfte sie auf einen der geöffneten Koffer zu und begann damit, die sorgfältig zusammengelegten Kleidungsstücke auszuräumen.

Eilig packte Harm den Koffer auf den Tisch und schnappte sich seine Tochter, die sich schon dem nächsten Gepäckstück zugewandt hatte. „Wir packen deine Sachen gleich aus, Belle. Aber erst waschen wir dich und ziehen dir etwas an." Belles empörtes Kreischen ignorierend trug er sie ins Bad, wusch sie, wie Elizabeth es ihm gezeigt hatte, mit einem weichen Waschlappen und nahm wieder einmal den Kampf mit der Windel auf.

„Das nächste Mal sollte ich besser erst frische Sachen herauslegen!" Mit der nur mit einer Windel bekleideten Belle unter dem Arm ging er zurück ins Wohnzimmer und durchwühlte den Koffer. „Ist das in Ordnung?" Harm zeigte seiner Tochter eine rote Hose mit passendem T-Shirt. „Prima." Er nahm noch einen Body und Strümpfe aus einer Tasche und zog Belle an.

Anschließend drückte er ihr Bobo in die Hand und sah kritisch zwischen Belle und dem Bad hin und her. Konnte er es wagen, Belle allein zu lassen, während er duschte? Kurz entschlossen nahm er den Auto-Kindersitz, setzte Belle hinein und befestigte den Gurt. Aus der Kiste mit ihren Spielsachen holte er ein Bilderbuch und trug den Sitz mit Belle darin ins Bad. Belle betrachtete leise vor sich hinbrabbelnd ihr Buch, während Harm in Windeseile unter die Dusche sprang. „Wow, das ist ein neuer Rekord! Weißt du, Belle", Harm griff nach einem Badetuch und trocknete sich ab, „vielleicht kommt Mac heute Nachmittag vorbei. Dann könnten wir gemeinsam einen Sonntagsspaziergang machen. Würde dir das gefallen?" Er sah zu seiner Tochter hinüber, die das Bilderbuch auf den Boden geworfen hatte und jetzt versuchte, sich aus dem Kindersitz zu winden. So rasch wie möglich zog Harm sich an und befreite Belle.

Nach dem Frühstück, bei dem Belle wieder wie ein Scheunendrescher gefuttert hatte, machte Harm sich daran, Belles Sachen wegzuräumen, musste aber bald einsehen, dass sein Schrank bei weitem nicht genügend Platz bot. „Wir sollten schon mal eine Liste machen, was wir alles einkaufen müssen. Einen Wickeltisch, einen Schrank für deine Sachen, ein richtiges Bett, einen Hochstuhl…. Habe ich etwas vergessen?", fragend blickte er zu seiner Tochter, die mit großer Begeisterung dazu übergegangen war, seinen Bücherschrank leer zu räumen. „Richtig, Kindersicherungen für die Schränke, hatte Elizabeth ja gesagt." Das Klingeln des Telefons unterbrach die einseitige Unterhaltung.

„Rabb" „Hallo Harm, habe ich Sie geweckt?" „Hi Mac, Sie sind echt witzig!" Harm schüttelte leicht den Kopf. „Wir sind schon seit Stunden auf den Beinen. Meine Tochter gestaltet gerade das Apartment um und ich versuche dem Chaos Herr zu werden." Aus dem Hörer erklang ein leises Lachen. „Und wie war die Nacht?" „Vor allen Dingen kurz!" Harm seufzte bei dem Gedanken an die nächtlichen Aktivitäten. „Hören Sie, Mac, was halten Sie davon, wenn Sie nachher zu uns kommen? Bei dem schönen Wetter könnten wir Belle die Stadt zeigen."

„Ich kann nicht", sagte Mac mit ehrlichem Bedauern in der Stimme. „Der Admiral hat mich eben angerufen. Auf der USS Coral Sea hat es einen Brand mit zwei Todesopfern gegeben. Der Skipper vermutet Brandstiftung und hat einen JAG-Ermittler zu einer sofortigen Untersuchung angefordert. In vierundneunzig Minuten geht mein Flug." „Oh!" Harm war ziemlich enttäuscht. Er hatte sich darauf gefreut, den Sonntag mit Mac und Belle zu verbringen. „Da kann man nichts machen. Schade!" Vorsichtig erkundigte sich Mac: „Kommen Sie denn alleine klar?" „Mac, ich habe zahlreiche Luftkämpfe gewonnen, ich war in einem Krankenhaus, das von Terroristen besetzt war und, was das Gefährlichste ist, ich stehe Ihnen jeden Tag im Gerichtssaal gegenüber. Da werde ich wohl noch mit einem Kleinkind fertig werden!" „Um so besser. Ich rufe Sie an, wenn ich zurück bin. Bis dann!"

„Bis dann!"

Harm legte den Hörer auf und hockte sich auf den Boden neben die spielende Belle. „Mac hat leider keine Zeit für uns. Dabei hattest du dich schon so gefreut." ›Und ich mich auch‹, fügte er in Gedanken hinzu. „Dann müssen wir zwei uns eben allein amüsieren."


zeitgleich

Macs Wohnung

Georgetown, Washington D.C.

Auch Mac war enttäuscht. Ein Tag mit Harm und seiner kleinen Tochter wäre genau nach ihrem Geschmack gewesen. Seit ihrer Trennung von Dalton und seinem Tod verbrachte sie ihre Wochenenden meistens allein. Es wäre schön gewesen, mal einen Sonntag lang nicht einsam zu sein. Mac verzog das Gesicht. ›Einsam ist wohl nicht der richtige Ausdruck, wenn man in Begriff ist, die nächste Zeit auf einem Flugzeugträger mit über 4000 Seeleuten zu verbringen.‹ Diesmal musste sie die Untersuchung auch noch alleine durchführen. Durch Harms Sonderurlaub war im Hauptquartier ein Personalengpass entstanden, so dass keine weitere Person für diesen Fall abgestellt werden konnte. ›Ohne Harms und Buds Hilfe werde ich mich todsicher verlaufen.‹ Überhaupt würde der Aufenthalt auf der Coral Sea ziemlich öde werden, ohne die abendlichen Gespräche mit Harm, während sie gemeinsam die Starts und Landungen der Kampfjets in der Dunkelheit beobachteten. Mac riss sich von diesen trüben Gedanken los und packte schleunigst ihre Tasche fertig.


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17:44 Uhr EST, fünf Tage später

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

Mac klopfte ein weiteres Mal an Harms Wohnungstür. ›Ich hätte doch erst anrufen sollen, statt einfach herzufahren. Jetzt sind sie nicht da.‹ Frustriert lehnte sie sich gegen die Tür und fiel fast in das Apartment, als plötzlich von innen geöffnet wurde. „Hallo Harm! Entschuldigen Sie, dass ich einfach so unangemeldet reinplatze, aber … " Erst jetzt sah sie ihren Kollegen richtig an. „Mein Gott, wie sehen Sie denn aus?" „Sie können mich ruhig weiterhin mit Harm anreden." Mit einem müden Grinsen bat er sie herein.

Mac musterte ihn entsetzt. Unrasiert, blass und mit dunklen Rändern unter den Augen stand er da, mit Belle auf dem Arm, die mit ihren rot verheulten Augen auch nicht besser aussah. „Was ist passiert?", fragte Mac geschockt. „Nichts. Wir haben zwei Backenzähne gekriegt. Der Kinderarzt meint, es sei ganz normal, dass sie die ganze Nacht weint. Aber heute ist es schon etwas besser geworden. Nicht wahr, meine Kleine?" Er streichelte Belle behutsam über den Kopf. „Wieviel haben Sie in den letzten Nächten geschlafen?" erkundigte sich Mac, die ihren Blick nicht abwenden konnte. Harm zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, vielleicht zwei bis drei Stunden pro Nacht." Mac wandte sich kopfschüttelnd Belle zu, die sie groß ansah und ihren Stoffhund fest umklammert hielt. „Hi Belle, tut es sehr weh? Komm, wir setzen uns auf die Couch und ich erzähle dir von dem Schiff, auf dem ich war." Lächelnd nahm sie Harm das Kleinkind ab und setzte sie neben sich auf die Couch. Während sie behutsam den Arm um Belle legte, drehte sie sich zu Harm: „Ich würde vorschlagen, dass Sie sich eine Dusche und eine Rasur gönnen. Haben Sie heute überhaupt schon etwas Vernünftiges gegessen?" Harms Verneinen überraschte sie nicht wirklich. „In Ordnung, ich bestelle etwas. Ist Chinesisch okay?" Langsam kam wieder Bewegung in ihren Kollegen. „Hören Sie, Mac, ich kann durchaus …" Mac schnitt ihm das Wort ab: „Glauben Sie mir, so wie Sie aussehen, können Sie gar nichts mehr. Marsch, unter die Dusche, sonst komme ich mit und helfe nach!" ›Oops, da war der Wunsch wohl Vater des Gedanken.‹ Mac schielte aus den Augenwinkeln zu Harm hinüber, der aber nicht auf ihren Ausspruch reagierte. ›Er muss wirklich total erschöpft sein, wenn er das unkommentiert lässt. Normalerweise wäre jetzt eine zweideutige Bemerkung mit einem frechen Grinsen gekommen.‹

Sie griff nach dem Telefon während Harm sich ins Bad trollte, und bestellte rasch das Essen.

Anschließend spielte sie mit Belle und ihren Stofftieren. Nach einer halben Stunde betrat ein wesentlich zivilisierter aussehender Harm den Raum wie Mac zufrieden feststellte. Er nahm neben den beiden Platz und legte einen Arm um Belle, den sie aber unwillig abwehrte, weil er sie beim Spielen störte.

Mac übernahm es den Tisch zu decken und das Essen in Empfang zu nehmen. Harm nahm seine Tochter auf den Schoß und hielt ihr eine Gabel hin, mit der sie begeistert in ihrem Kindermenü herumstocherte. Stillschweigend schob Mac das vegetarische Gericht zu Harm hinüber und nahm ihm Belle ab. Auf seinen müden Protest entgegnete sie nur: „Sailor, Sie werden jetzt in Ruhe essen und dann verschwinden Sie umgehend in Ihre Koje. Es ist niemandem damit gedient, wenn Sie hier vor Erschöpfung zusammenbrechen. Ich bleibe noch ein bisschen und bringe Belle ins Bett." „Kommt nicht in Frage! Ich kann meine Tochter sehr gut selbst ins Bett bringen", widersprach Harm eigensinnig. Genervt verdrehte Mac die Augen. „Sie haben doch neulich gesagt, ich sei eine echte Freundin. Dann können Sie sich auch wie ein echter Freund benehmen und sich einmal helfen lassen. Deswegen hält Sie niemand für einen Schwächling!" Bittend sah sie ihn an. „Als Dalton starb, waren Sie auch für mich da." Harm gab sich einen Ruck. „Okay, Sie haben ja Recht. Ich bin völlig übermüdet und wenn Sie sich wirklich um Belle kümmern wollen, nehme ich Ihre Hilfe gerne an."

Mac verbarg ihr Erstaunen darüber, dass Harm tatsächlich zugab, Unterstützung zu brauchen.

„Abgemacht, Sie essen noch auf und lassen uns Frauen dann allein. Ich hole Belles Bett aus Ihrem Schlafzimmer, damit wir Sie nicht wecken, wenn ich Belle hinlege, einverstanden?"

Harm hob ergeben die Hände. „Wieso fragen Sie noch? Sie haben doch sowieso schon das Kommando übernommen."

Er schob den letzten Bissen in den Mund und beugte sich zu Belle, die vergnügt auf Macs Schoß saß und ihr Essen in sich hineinstopfte. „Gute Nacht, mein Schatz!" Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Mac konnte Harms Rasierwasser riechen, als er so dicht bei ihr war. Unwillkürlich hielt sie den Atem an, ein Kribbeln durchfuhr sie. Harm hob den Blick und sah direkt in ihre Augen. „Gute Nacht, Mac." Mac räusperte sich leicht. „G-Gute Nacht, Harm. Schlafen Sie gut!"

Harm ging die Stufen in sein Schlafzimmer hinauf. Mac starrte ihm nach, bis Belle wieder auf sich aufmerksam machte, indem sie ihre Gabel auf den Boden warf. „Das soll wohl bedeuten, dass du fertig bist." Mac stellte Belle auf den Boden und räumte den Tisch ab. Belle kletterte auf die Couch und fing an, mit Bobo und anderen Stofftieren zu spielen. Mac beobachtete sie lächelnd. „Ach, ich wollte doch dein Bett rüberholen. Und deinen Schlafanzug brauchen wir auch noch." Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Belle beschäftigt war, ging sie zum Schlafzimmer und schaute verstohlen hinein. Harm lag bereits schlafend im Bett, die Bettdecke bis zum Kinn hochgezogen, die geschlossenen Augenlider zuckten leicht. Mac konnte beobachten, wie die Anspannung langsam aus seinem Gesicht wich. Sie unterdrückte die Regung, ihm über das zerzauste Haar zu streichen. ›Sag mal, geht's dir noch gut, Marine? Spinn hier nicht rum, sondern kümmere dich lieber um das Kind, wenn du schon deine Muttergefühle ausleben musst.‹ Sie nahm das Reisebett und verließ leise das Schlafzimmer.

Im Wohnzimmer sah sie sich suchend nach Belle um und musste sich das Lachen verbeißen: das kleine Mädchen hatte sich aus ihrer Spieldecke auf der Couch eine Höhle gebaut und war dort hineingekrabbelt. Zusammengerollt lag es da und sah Mac aus müden Augen an. Mac stellte das Bett neben die Couch und holte den Strampelanzug heraus. „Na, du kleine Maus, bist du auch so müde wie dein Daddy? Dann machen wir dich mal bettfertig." Vorsichtig zog sie Belle unter der Decke hervor und entkleidete sie. Mit einem prüfenden Blick stellte sie fest, dass eine frische Windel nötig war. Etwas hilflos sah sie sich um, wo war eigentlich der Wickeltisch? In Harms Schlafzimmer war er ihr nicht aufgefallen und auch hier war keiner zu sehen. „Ich bin gleich wieder da", erklärte sie Belle und machte sich auf die Suche. Im Bad fand sie zumindest eine Packung Windeln, Feuchttücher und Creme. „Dann wickeln wir dich eben hier auf der Couch", beschloss sie schulternzuckend und entfernte die alte Windel. Sie machte Belle sauber, cremte sie ein und inspizierte die neue Windel. „Okay, das hier müsste vorne sein." Sie hob Belles Beine an, platzierte die Windel darunter und zog die Folie von den Klebestreifen. „So, und jetzt kleben wir die da fest …. Oh, Belle, was machst du denn da? Du kannst dich doch nicht einfach umdrehen!" Seufzend blickte sie auf Harms Tochter, musste aber lächeln, als diese sie schelmisch von unten ansah. „Jetzt weiß ich, was dein Daddy meinte, als er von Schlangenmenschen sprach. Na gut, zweiter Versuch." Dieses Mal war sie auf der Hut, so dass es ihr gelang, Belle in Schach zu halten, während sie die Klebestreifen befestigte. „Das hat ja prima geklappt! Und jetzt noch den Strampelanzug. Der ist ja schick, mit den kleinen Teddybären überall. Hey, bleib liegen, du warst doch eben noch so müde!" Mac musste erkennen, dass Belle anscheinend wieder hellwach und in Begriff war, ins Schlafzimmer zu laufen. Sie stürmte hinterher. „Nichts da, kleine Maus. Dein Daddy muss etwas schlafen. Komm, ich les dir ein Buch vor." Sie durchsuchte die Spielzeugkiste, die im Raum stand. „Wie wäre es mit diesem hier: ‚Die drei kleinen Schweinchen'." Mac setzte sich mit Belle auf dem Schoß auf die Couch, deckte sie mit einer Decke zu und begann leise vorzulesen. Belle, die erst unruhig gezappelt hatte, schmiegte sich an sie und hörte aufmerksam zu. Allmählich fielen ihr die Augen zu, und auch Mac wurde schläfrig, die letzten Tage auf der Coral Sea waren anstrengend gewesen. Sie beschloss, noch ein paar Minuten zu warten und Belle dann ins Bett zu legen. Wenige Augenblicke später war auch sie eingeschlafen.


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04:07 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

Harm befand sich im Halbschlaf. Er zog die Bettdecke höher, aber dann runzelte er die Stirn, irgendetwas war anders. Ruckartig setzte er sich auf. ›Wo ist Belle?‹ Suchend sah er sich um: Das Kinderbett stand nicht an seinem gewohnten Platz. Ein Lichtschein aus dem Wohnzimmer fiel herein. ›Stimmt, ja, Mac wollte das Bett ins Wohnzimmer stellen.‹ Harm atmete erleichtert aus. ›Ich habe gar nicht mitbekommen, wie sie nach Hause gefahren ist.‹

Ein Blick auf den Wecker zeigte ihm, dass es bereits kurz nach vier Uhr war. ›Fast neun Stunden durchgeschlafen und Belle hat sich auch noch nicht gemeldet‹ Harm beschloss lieber nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Er schob die Bettdecke beiseite und stieg aus dem Bett.

Am Durchgang zum Wohnzimmer blieb er stehen: Seine Kollegin lag schlafend auf der Couch, einen Arm schützend um ein Bündel gelegt, in dem Harm seine schlummernde Tochter erkannte. Er trat näher und hob das Bilderbuch auf, das auf den Boden gefallen war. Belle bewegte sich. Im Schlaf drückte Mac sie fester an sich und verzog die Lippen zu einem Lächeln. ›Sie sieht richtig glücklich aus‹, stellte Harm fest und runzelte verwundert die Stirn.

War Mac denn sonst unglücklich? Weil er sah, dass sich die feinen Härchen auf ihren Armen aufstellten, holte er eine zweite Decke, die er behutsam über Mac und Belle ausbreitete. Er beschloss, wieder ins Bett zu gehen und noch ein wenig Schlaf nachzuholen.


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08:15 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

"Pst! Nicht ganz so laut, Belle. Du weckst ja deinen Daddy auf." Harm rieb sich den Schlaf aus Augen und grinste amüsiert, als er die Worte seiner Kollegin aus dem Nebenraum hörte. Rasch zog er sich ein T-Shirt über und ging ins Wohnzimmer. Mac saß mit dem Rücken zu ihm und war dabei, einer Puppe die Haare zu flechten, während seine Tochter versuchte, Bobo ein Kleid anzuziehen. „Meinst du, dein Hund braucht ein Kleid, Belle?"

Mac plumpste vor Schreck fast von der Couch, als sie Harms Stimme plötzlich direkt hinter sich vernahm. Unauffällig glättete sie ihre verstrubbelten Haare und drehte sich um. „Na, endlich wach, Langschläfer?" Sie zupfte an ihrem zerknitterten T-Shirt. „Das nächste Mal, wenn ich Sie besuche, bringe ich meinen Pyjama mit." „Oh, meinetwegen brauchen Sie keinen Pyjama anzuziehen", konterte Harm mit einem verwegenen Grinsen. „Rotes Licht, Commander!" In Macs Augen funkelte ein Lachen. Jetzt erkannte sie ihren Kollegen endlich wieder. „Was für Reden führen Sie hier vor Ihrer Tochter?" Mit einem Blick stellte Harm fest, dass diese Tochter völlig unbeeindruckt weiter ihr Stofftier in Puppenkleider zwängte. Er wandte sich wieder an Mac und wurde plötzlich ernst. „Mac, ich wollte doch nicht, dass Sie die ganze Nacht hier auf der unbequemen Couch verbringen. Ich dachte, Sie würden nach Hause fahren." „Das hatte ich auch vor. Dummerweise bin ich vorher eingeschlafen. So unbequem kann Ihre Couch also gar nicht sein. Sie können sich ja gleich mit einem reichhaltigen Frühstück bei mir revanchieren." „Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass es bei Ihnen immer nur ums Essen geht?", zog Harm sie auf. „Natürlich, schließlich ist Kochen das Einzige, von dem ich weiß, dass Sie es können." Mit diesen Worten erhob sie sich und ging auf die Tür zu. „Moment! Wo wollen Sie hin?" „Meinen Seesack aus dem Auto holen. Ich würde nach dem Duschen gern etwas Frisches anziehen." Mac öffnete die Tür und drehte sich noch einmal um. „Das mit dem reichhaltigen Frühstück habe ich übrigens Ernst gemeint. Wehe, es steht nichts auf dem Tisch, wenn ich aus dem Bad komme. Sie haben also noch exakt elf Minuten."

Harm blickte ihr beeindruckt nach, mit einer Hand wuschelte er geistesabwesend Belle übers Haar. „Das ist vielleicht ein Marine, was?" Er ging in die Kochecke und öffnete den Kühlschrank. „Dann schnell an die Arbeit. Hoffentlich haben wir genug im Haus, um euch beide satt zu kriegen."