09:32 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
Mac schob den Teller von sich und lehnte sich zufrieden zurück Harm mimte den Erstaunten. „Sie wollen doch nicht behaupten, dass Sie schon satt sind? Jetzt bin ich aber schwer enttäuscht, Mac. Es ist tatsächlich noch etwas im Kühlschrank geblieben."„Lästern Sie ruhig weiter, Spargeltarzan. Ihre Tochter versteht mich schon." Mac zwinkerte Belle zu, die ebenfalls ordentlich zugelangt hatte. Sie ließ ihren Blick durch das Apartment schweifen, an den in der Ecke gestapelten Kartons blieb er hängen. „Was ist da drin?" Harm räumte den Tisch ab und sah nur kurz hinüber. „Ein Teil von Belles Kleidung, Bettwäsche, Spielsachen und alles andere was nicht mehr in meinen Schrank passt. Ich bin noch nicht dazu gekommen, Möbel für Belle zu kaufen. Sie braucht auch ein vernünftiges Bett." „Und einen Wickeltisch", ergänzte Mac, an den vorherigen Abend denkend. „Mmmh", bestätigte Harm und warf ihr einen scheuen Blick zu. „Würden Sie vielleicht… ich meine, hätten Sie eventuell Lust…"
„Ich wusste gar nicht, dass Sie stottern", spöttelte Mac. „Harm, wenn Sie möchten, dass ich mit zum Möbelkaufen komme, fragen Sie doch einfach." „Sie haben sich doch schon die Nacht unseretwegen um die Ohren geschlagen und außerdem haben Sie sich Ihr freies Wochenende redlich verdient", brachte Harm seine Bedenken zum Ausdruck. „Erstens", widersprach Mac, „habe ich ausgezeichnet geschlafen und zweitens würde es mir Spaß machen, für Belle Möbel auszusuchen." ›Und drittens möchte ich nicht zwei Tage lang allein in meiner Wohnung sitzen.‹ Harm sah sie zweifelnd an. „Na schön, wenn Sie meinen. Ich dusche noch schnell, dann können wir los." Er verschwand Richtung Badezimmer. „Dann werde ich dich in der Zwischenzeit wickeln und anziehen", beschloss Mac und setzte Belle auf die Couch.
Als Harm zwanzig Minuten später wieder ins Wohnzimmer kam, staunte er nicht schlecht. Belle ließ sich widerspruchslos von Mac anziehen. Vom vorherigen Kampf beim Wickeln ahnte er ja nichts. „Wie machen Sie das eigentlich, dass sie bei Ihnen stillhält? Haben Sie sie bestochen?", argwöhnte er. „Tja, Frauen kommen untereinander einfach besser klar. Vor allem, wenn es um Kleidung geht", meinte Mac, die nicht vorhatte zuzugeben, dass Belle ihr vorher drei Mal entwischt war. Harm zog die Augenbrauen in die Höhe und griff nach dem Autoschlüssel.
„Es ist wohl besser, wenn wir Ihren Wagen nehmen", stellte Harm kläglich fest, als sie vor seiner Corvette standen. „In Anbetracht der Tatsache, dass wir einkaufen und Sie außerdem Belle sicher nicht die ganze Zeit auf dem Schoß halten wollen, halte ich das auch für besser", pflichtete Mac ihm bei und öffnete die Türen ihres Jeeps. Kopfschüttelnd verfolgte sie, wie Harm den Kindersitz aus der Corvette holte. „Sieht irgendwie lächerlich aus, ein Sportwagen mit Kindersitz." „Ich weiß", gab Harm zu, befestigte den Sitz auf der Rückbank des Jeeps und setzte Belle hinein. „Ich werde die Corvette verkaufen und mir einen anderen Wagen anschaffen, einen ‚vernünftigen'." Er ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und schloss die Tür. Mac blieb der Mund offen stehen. „Sie wollen sich wirklich von Ihrer Corvette trennen?"
„Natürlich, ich kann meine Tochter ja schlecht aufs Dach schnallen." Harm sah sie missbilligend an. „Sie stellen vielleicht Fragen!" Mac ließ den Motor an, sprachlos über die Selbstverständlichkeit, mit der ihr Partner davon sprach, sein heißgeliebtes Auto verkaufen zu wollen.
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13:16 Uhr EST
In einem Einkaufszentrum, Washington D.C.
„Okay, wir haben den Wickeltisch, das Bett und den Schrank", stellte Harm fest und kratzte sich am Kopf. „Dann brauchen wir noch einen Kinderhochstuhl." Er blickte sich ratlos um, überwältigt von dem Überangebot in diesem Kinderfachgeschäft. „Hey, Harm, hier sind wir!" Mac stand, mit Belle an der Hand, bereits in der richtigen Ecke und inspizierte die Ausstellungsstücke. „Nicht, dass Sie uns verloren gehen. Was halten Sie von diesem hier? Der ist höhenverstellbar und das Unterteil kann abgenommen werden, dann hat Belle einen kleinen Stuhl mit passendem Tisch." In Windeseile baute sie den Stuhl auseinander und wieder zusammen. Perplex starrte Harm sie an. „Woher kennen Sie sich eigentlich so gut mit Kindermöbeln aus? Haben Sie irgendwelche Kinder, von denen ich nichts weiß?" „Unsinn!" Mac errötete leicht. Nie im Leben hätte sie mit der Wahrheit herausgerückt: dass sie manchmal in Katalogen mit Kindersachen blätterte und sich dabei vorstellte, selbst ein Baby zu haben. „Das sieht man doch, dass man den Stuhl auseinander nehmen kann", sagte sie schärfer als beabsichtigt. „Wahrscheinlich haben Frauen für so etwas einfach einen besseren Blick", lenkte Harm ein, erstaunt über ihre heftige Reaktion. „Zeigen Sie mir das noch einmal mit dem Auseinanderbauen."
Eine halbe Stunde später hatten sie die Kasse hinter sich gelassen und die Kartons mit den zerlegten Möbeln im Jeep verstaut.
„Was halten Sie davon, wenn wir uns kurz stärken, bevor wir nach Hause fahren?", fragte Harm. „Ich lade Sie ein, als Dank für Ihre Beratertätigkeit. Ohne Sie würde ich vermutlich immer noch in dem Geschäft stehen und überlegen, worauf ich achten soll." Charmant lächelte er Mac an. Sie erwiderte sein Lächeln. „Sie wissen doch, dass ich nie eine Einladung zum Essen ausschlage. Komm, Belle, dein Vater hat heute seinen spendablen Tag. Das müssen wir ausnutzen." Hand in Hand mit Belle spazierte sie Richtung Bistro davon, Harm schaute ihnen belustigt hinterher, bevor er ihnen nacheilte.
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15:55 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
Mac strich eine Haarsträhne zurück, die ihr ins Gesicht gefallen war, und begutachtete den fertig zusammengebauten Schrank. Harm drückte ihr ein Glas Wasser in die Hand. „Hier, Marine. Das ging schneller als ich erwartet hatte. Für die Wickelkommode brauchen wir auch nicht lange." Mac nahm einen Schluck und nickte. „Aber dass Belle bei diesem Lärm schlafen kann!" Harm hatte seine Tochter zu einem verspäteten Mittagsschlaf ins Bett gelegt, wo sie auch sofort ohne Protest eingeschlafen war. „Sie hat in den letzten Nächten nicht viel geschlafen wegen ihrer Zähne und holt jetzt vermutlich alles nach", meinte Harm. „Hauptsache, sie schläft heute Nacht mal länger als zwei Stunden am Stück." Er öffnete den Karton, in dem sich die Einzelteile des Wickeltisches befanden. Gemeinsam bauten sie die einzelnen Elemente zusammen. Harm wollte gerade eine Schraube festziehen, als ihm das Brett entglitt und direkt mit der Ecke auf Macs linken Fuß knallte. „Aaah!" Mac umklammerte den schmerzenden Fuß und biss die Zähne zusammen. Die Tränen schossen ihr in die Augen. „Um Gottes willen, Mac, das wollte ich nicht", rief Harm bestürzt und führte sie zu der Couch. „Tut es sehr weh?" Unbeholfen versuchte er, ihre Sandalette abzustreifen.
Mac wehrte seine Hände ab und umfasste ihren Spann. „Es geht schon." Sie atmete scharf durch die Zähne ein und hielt den Atem an. Langsam begann der Schmerz nachzulassen. Sie öffnete die Augen wieder. Harm saß wie ein Häufchen Elend neben ihr und schien selbst den Tränen nahe. Mac legte eine Hand auf seinen Arm. „Hey, es geht wirklich wieder. Es tat nur im ersten Augenblick höllisch weh. Wenn ich richtige Schuhe angehabt hätte, wäre es nicht so schlimm gewesen." Sie zog die Sandalette aus und betrachte ihren Fuß. An der Stelle, an der das Brett sie getroffen hatte, war die Haut abgeschürft und das Umfeld war dunkelrot verfärbt.
Vorsichtig bewegte Mac ihre Zehen. Es tat weh, aber es schien nichts ernsthaft verletzt zu sein. Harm, der aufgesprungen und zum Kühlschrank gestürzt war, kam mit einem Cool-Pack zurück. Mac nahm es dankbar entgegen und drückte es auf ihren Fuß. Die Kälte betäubte die restlichen Schmerzen. „Das nächste Mal, wenn ich Sie besuche, bringe ich einen Pyjama und meine Kampfstiefel mit", scherzte sie. Harm konnte überhaupt nicht darüber lachen. „Mac, es tut mir ganz entsetzlich leid. Soll ich Sie nicht lieber ins Krankenhaus fahren?" „Jetzt übertreiben Sie nicht! Der Fuß ist ja noch dran. Vermutlich wird er morgen grün und blau sein, aber das Kühlen hilft schon." „Ich habe Sportsalbe da, nehmen Sie die wenigstens", drängte Harm und holte die Tube aus dem Bad. Er gab etwas Salbe auf seine Hand und begann, sie vorsichtig auf Macs Fuß zu verteilen.
Erneut hielt Mac die Luft an, diesmal allerdings nicht vor Schmerzen. Ein angenehmes Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus. Gebannt starrte sie auf Harms Hand, die die Salbe jetzt sanft einmassierte. Harm hob seinen Blick und erschrak, als er ihren Gesichtsausdruck sah. „Tue ich Ihnen weh?" „Nein", Mac schüttelte den Kopf und entzog ihm unauffällig ihren Fuß. „Das reicht schon. Danke!" Um ihre Verlegenheit zu überspielen, stand sie auf und machte sich an dem Wickeltisch zu schaffen. Von hinten legte sich eine Hand auf ihre Schulter und hielt sie zurück. „Mac, jetzt lassen Sie das gefälligst sein. Ich baue den Tisch nachher zusammen." Harm richtete seine blauen Augen auf sie. Mac spürte, dass sie rot wurde.
„MOM!" Belles Stimme erklang aus dem Schlafzimmer und lenkte Harms Aufmerksamkeit auf sich. Er ließ Mac los und ging zu seiner Tochter. Mac atmete tief durch. ›Drehst du jetzt völlig durch, Marine? Wieso wirst du nervös, wenn er dich berührt? Das ist Harm, dein guter Freund und Kollege, und sonst nichts!‹ Nachdem sie sich dermaßen zur Ordnung gerufen hatte, folgte sie Harm ins Schlafzimmer. Er war gerade damit beschäftigt, Belle zu wickeln.
Mac beobachtete ihn, wie er geschickt die Windeln wechselte und dabei mit seiner Tochter scherzte. Sie musste feststellen, dass er sehr viel sicherer wirkte als noch vor einer Woche.
›Wie der perfekte Vater!‹ „Fertig, meine Süße!" Harm stellte Belle auf dem Boden ab. „Jetzt kannst du wieder spielen." Sie tapste freudestrahlend auf Mac zu, ließ sich auf die Knie herab und krabbelte die Treppe runter. Mac räusperte sich. „Ich glaube, es wird Zeit, dass ich nach Hause fahre." „Wirklich?" Harm, der lächelnd seiner Tochter nachgeschaut hatte, hob überrascht den Kopf. „Bleiben Sie doch noch ein bisschen." Mac biss sich auf die Lippen. „Nein, ich möchte noch den Abschlußbericht über die Ermittlung fertig stellen, damit ich ihn Montag dem Admiral vorlegen kann." ›Und ich sollte etwas allein sein, um meine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen!‹ „Ja, natürlich." Harm versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Er dachte daran, dass sie schließlich schon seit gestern Abend bei ihm und Belle war und jetzt sicher ihre Ruhe haben wollte. ›Sie hat schließlich ihr eigenes Leben.‹ „Haben Sie morgen schon etwas vor?", fragte er zögernd. „Ich wollte mit Belle einen Ausflug an den Potomac machen. Ich hatte gehofft, dass Sie mitkommen würden. Aber wahrscheinlich..." Er verstummte.
„Nein, ich komme gerne mit." Mac konnte nicht fassen, was sie da sagte. Sie hatte doch gerade beschlossen, dass es besser war, wenn sie ein wenig Abstand zu Harm halten würde. Zumindest so lange, bis sie nicht mehr ständig den Wunsch verspürte, sich in seine Arme zu werfen. ›Toll, Marine, jetzt hast du die ganze Nacht Zeit, um dir klar zu machen, dass er nur ein Freund ist. Nicht, dass du morgen auf eine rein freundschaftliche Geste von ihm unangemessen reagierst.‹ „Ich bin gegen 10:00 Uhr bei Ihnen. Wahrscheinlich möchten ja Sie nur, dass ich mitkomme, weil ich dieses schöne große Auto habe", neckte sie ihn, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Harm, der froh war, dass sie mitkam, ging darauf ein. „Na klar! Meinen Sie, ich würde sonst meinen kostbaren Sonntag mit einem verfressenen Marine verbringen wollen? Schließlich geben Sie meiner Tochter ein schlechtes Beispiel." Er brachte Mac zur Tür. „Bis morgen, Mac."
Hinter ihm erklang ein Prasseln. Belle hatte den Werkzeugkasten entdeckt und sich über die Schachtel mit den Schrauben hergemacht. Harm fuhr herum und stöhnte, als er die Bescherung sah. „Falls ich noch nicht gewusst habe, was ich mit meiner Zeit anfangen soll, jetzt weiß ich es!" Mac verkniff sich mühsam ein schadenfrohes Grinsen. „Dann viel Spaß, Cinderella! Bis morgen."
