09:59 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

„Hallo! Kommen Sie rein. Ich packe gerade unser Picknick zusammen." Harm kehrte zurück in die Küchenecke und packte die Sandwichs ein, die er belegt hatte. Mac begrüßte Belle und reckte den Hals, um zu sehen, womit Harm sie zu bewirten gedachte. „Haben Sie noch nicht gefrühstückt?" Harm war ihr prüfender Blick nicht entgangen. „Doch. Ich will nur sichergehen, dass Sie nicht nur dieses vegetarische Zeug mitnehmen." „Keine Angst, Mac. Ich werde Sie bestimmt nicht zwingen, gesund zu leben." Gespielt verächtlich verzog Harm die Mundwinkel. „Ich habe extra für Sie etwas ‚totes Tier' besorgt. Schließlich kann ich nicht riskieren, dass Sie vor Hunger am Steuer zusammenbrechen." „Hey, Sie sind ja doch lernfähig!", lächelte Mac ihn an.

Sie war zu der Erkenntnis gelangt, dass ihre gestrigen Anwandlungen vermutlich auf den erhöhten Stress in den letzten Monaten zurückzuführen waren. ›Und ich werde bestimmt nicht unsere Freundschaft aufs Spiel setzen, nur weil ich mir plötzlich einbilde, dass da noch mehr wäre.‹

„He, träumen Sie? Wir sind abmarschbereit." Harm stand vor ihr, in der einen Hand den Picknickkorb, an der anderen hielt er Belle. Mac schüttelte ihre Gedanken ab und folgte Harm und Belle aus dem Apartment.


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12:48 Uhr EST

West Potomac Park, Washington D.C.

„Nein, Belle, das trockene Brot ist für die Enten! Du hast doch eben ein dick belegtes Sandwich gegessen." Harm schüttelte verzweifelt den Kopf und versuchte, seine Tochter daran zu hindern, sich das alte Brot in den Mund zu stecken. Mac hatte Tränen in den Augen vor Lachen und erhob sich, um einzugreifen. „Komm, Belle, wir füttern die Enten mit dem Brot. In der Zwischenzeit kann dein Daddy hier aufräumen." Sie reichte Belle ihre Hand und spazierte mit ihr zum Fluss. Harm schaute ihnen nach. Belle stapfte mit ihren kurzen Beinchen neben seiner Kollegin her und hielt den Beutel mit dem trockenen Brot fest in der rechten Hand. Am Ufer angekommen hockte Mac sich neben sie, entzog ihr sanft den Beutel und die beiden begannen, das Brot ins Wasser zu werfen. Augenblicklich kamen die Enten in Scharen herbei. Belle kreischte vor Vergnügen und zeigte aufgeregt auf die schnatternden Tiere. Harm setzte sich mit angezogenen Beinen auf die Picknickdecke, legte die Arme um die Knie und betrachtete die beiden versonnen.

Zwanzig Minuten war auch die letzte Brotkrume verfüttert und die Tiere verteilten sich wieder. „Okay, Zeit für deinen Mittagsschlaf", befand Harm und setzte seine Tochter in den Buggy, den er vorsorglich in den Schatten eines Busches gerollt hatte. Zu seinem Erstaunen sträubte sie sich nicht übermäßig, sondern schloss tatsächlich nach wenigen Minuten die Augen. Mac hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich hätte nicht erwartet, dass sie freiwillig Mittagsschlaf macht." „Sie wird müde sein, schließlich ist sie schon seit vier Uhr wach", vermutete Harm und ließ sich neben Mac auf der Decke nieder. Mac warf ihm einen Blick zu.

„Haben Sie schon überlegt, wie Sie Belle und Ihre Arbeit unter einen Hut kriegen wollen?" Er fuhr sich über den Nacken. „Ich werde mich morgen bei den verschiedenen Agenturen nach einer Nanny erkundigen. Es tut mir leid, dass Belle sich schon wieder an eine fremde Person gewöhnen muss, aber eine andere Möglichkeit gibt es nicht." Sein Blick wanderte zu seiner Tochter, die mittlerweile fest schlief. Mac spürte, wie schwer ihm dieser Gedanke fiel. „Sie tun das Richtige, Harm. Belle wird es verstehen." Harm setzte eine zweifelnde Miene auf.

Um ihn abzulenken, berichtete Mac von Tiners neuestem Missgeschick: Angeregt durch ein Buch über Feng Shui hatte er einen Zimmerbrunnen auf seinem Schreibtisch aufgestellt, dabei aber die Pumpe nicht richtig angeschlossen, so dass es zu einer größeren Überschwemmung gekommen war, in Folge derer die Gegensprechanlage einen Kurzschluss erlitten hatte. Der dadurch verursachte Stromausfall hatte das gesamte Büro fast eine halbe Stunde lang lahm gelegt. Das anschließende Donnerwetter des Admirals gab Mac gerade höchst anschaulich wieder, als sie merkte, dass auch ihrem Partner die Augen zugefallen waren. Im ersten Moment versetzte es ihr einen Stich, dass sie scheinbar so langweilig war, dass Harm einschlief. Dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Wenn Belle schon seit vier Uhr wach war, hatte auch er wieder kaum geschlafen.

Sie beschloss, ebenfalls ein kurzes Nickerchen zu halten. Die Analyse ihrer Gefühle hatte sie in der letzten Nacht lange wach gehalten und wenn sie Harm beim Schlafen zusah, würde sie womöglich wieder auf dumme Gedanken kommen. Zufrieden streckte sie sich auf der Decke aus und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, bis sie eindöste.


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19:24 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

„Ist Ihnen etwa immer noch schlecht vom Karussell fahren? Die Piloten sind heutzutage auch nicht mehr das, was sie einmal waren." Mac trug den leeren Picknickkorb ins Apartment und ergötzte sich an Harms angeschlagenem Zustand. Harm ließ sich auf die Couch fallen und warf Mac einen beleidigten Blick zu. „Fürs Protokoll: Mir ist nicht schlecht vom Karussell fahren! Ich bin durchaus in der Lage, einige Runden mit einem Kinderkarussell zu drehen ohne mich aufzuführen wie Sie in einer Tomcat. Ich glaube, es liegt an diesem Gemüse-Hotdog." „Selbst schuld, warum essen Sie auch dieses obskure Zeug? Nehmen Sie sich an Ihrer Tochter und mir ein Beispiel, uns geht es blendend." Mac musterte ihren Kollegen, der tatsächlich ein bisschen blass um die Nase war. „Soll ich Ihnen irgendetwas bringen? Tabletten, Tee?" „Nein, danke. Es geht schon." Harm schloss die Augen, dann ächzte er plötzlich: „Bitte nicht auf meinen Bauch klettern, Belle. Daddy wird sonst übel." Mac eilte herbei und hob das turnende Kleinkind von der Couch. „Ich bringe dich ins Bett und lese dir und Bobo noch eine Geschichte vor, in Ordnung? Deinen Daddy lassen wir hier, damit er sich erholen kann." Sie verschwanden im Schlafzimmer.

Eine halbe Stunde später tauchte Mac wieder auf. „Operation erfolgreich ausgeführt: Kind und Stofftier befinden sich im Reich der Träume", meldete sie und setzte sich. Prüfend sah sie Harm an. „Geht es Ihnen wieder besser? Sie sehen nicht mehr ganz so schlecht aus." „Oh, wie reizend! Aus Ihrem Mund klingt das fast wie ein Kompliment! Aber danke der Nachfrage, mein Magen hat sich wieder beruhigt. Es war wahrscheinlich das Essen in Kombination mit den Drehungen." „Ha, Sie geben also doch zu, dass das Karussell Sie außer Gefecht gesetzt hat", triumphierte Mac. „Ohne meinen Anwalt gebe ich gar nichts zu", entgegnete Harm. „Außerdem wäre das bestimmt nicht passiert, wenn Belle in das Flugzeug und nicht unbedingt auf das Pferd gewollt hätte. Das muss sie von ihrer Mutter haben", sinnierte er. „Sie war auch pferdenärrisch."

Mac traute ihren Ohren nicht. Es war das erste Mal, seitdem Harm von Belle erfahren hatte, dass er ihr gegenüber ihre Mutter erwähnte. Zögernd, weil sie Harm nicht durch neugierige Fragen in sein Schneckenhaus zurücktreiben wollte, fragte sie: „Und wie war sie sonst so?"

Harm lehnte sich zurück und dachte nach. „Maria war … unheimlich lebensfroh. Sie war immer gut gelaunt, für jeden Spaß zu haben. Sie war sehr schön. Belle sieht ihr unheimlich ähnlich, sie hat ihre Augen und auch ihr fröhliches Lachen." Harm lächelte gedankenverloren.

Mac wagte kaum zu atmen, auf keinen Fall wollte sie Harm unterbrechen. Er schien mit seinen Gedanken ganz weit weg zu sein. „Sie war nie nachtragend, weil ich mich nicht regelmäßig bei ihr gemeldet habe, und sie war immer für mich da, wenn ich sie sehen wollte."

Er schlug mit der Faust auf den Tisch, Mac zuckte erschrocken zusammen. „Sie war immer für mich da, und ich mieser Egoist habe sie nur ausgenutzt und keinen weiteren Gedanken an sie und ihre Gefühle verschwendet! Was bin ich nur für ein verdammter Mistkerl? Eine Frau erwartet ein Kind von mir und sagt es mir nicht, weil sie weiß, dass ich sie sowieso im Stich lasse." Er lachte bitter auf. Mac legte ihm eine Hand auf die Schulter und zwang ihn, sie anzusehen. „Harm, Sie hätten sie nicht im Stich gelassen. Sie wissen das und Maria wusste es auch." Harm wandte das Gesicht ab. „So, wusste sie das?", fragte er höhnisch. „Weshalb hat sie mir wohl nichts gesagt? Weil sie ganz genau wusste, dass ich nur Spaß und keine Verantwortung wollte. Womit sie ja Recht hatte, Annie sagt auch, dass ich verantwortungslos bin." „Verdammt, Harm, hören Sie gefälligst mit dem Blödsinn auf, den Annie erzählt hat!"

Mac musste sich zusammenreißen, um nicht laut zu werden. „Sie übernehmen jeden Tag Verantwortung: bei Ermittlungen, wenn Sie fliegen, im Gerichtssaal." „Ja, aber das ist mein Job. Diese Verantwortung ist zeitlich begrenzt. Wenn ein Fall abgeschlossen ist, bin ich sie wieder los. Aber in meinem Privatleben kann ich keine Verantwortung übernehmen, rund um die Uhr, womöglich für den Rest meines Lebens!" „Das haben Sie doch längst getan", versuchte Mac ihm zu erklären. „Sie haben Belle ohne zu zögern zu sich geholt." „Aber mein erster Gedanke war, ob nicht jemand anders sie aufnehmen kann. Ich hatte Angst, mein Leben zu ändern, Angst, etwas falsch zu machen." Seine Stimme wurde so leise, dass Mac Mühe hatte, ihn zu verstehen. „Ich habe immer noch Angst. In den letzten Nächten konnte ich häufig nicht einschlafen, weil ich mir Sorgen gemacht habe, ob ich alles richtig mache."

„Alle Eltern machen sich Sorgen, dass sie Fehler machen. Das ist doch ganz natürlich."

„Die hatten aber auch neun Monate Zeit, sich darauf vorzubereiten! Ich hatte einen einzigen Tag. Und die meisten Eltern sind zu zweit", setzte er hinzu. „Harm, Sie sind nicht allein. Sie haben Freunde, die Ihnen helfen wollen. Sie müssen es nur zulassen", sagte Mac beschwörend. „Ich weiß." Er sah sie an und ein verlegenes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Danke, dass Sie sich mein Gejammer anhören."

Nach einer Sekunde des Schweigens stand er auf und ging zum Kühlschrank. „Möchten Sie auch ein Glas Wasser? Ich habe entsetzlichen Durst. Das liegt garantiert an diesem Hotdog", erklärte er, fest entschlossen das Thema zu wechseln. Mac registrierte dieses Ablenkungsmanöver sehr wohl, nahm es ihm aber nicht übel. Sie wusste, wie schwer es ihm fiel, über Gefühle zu sprechen. ›Dass er überhaupt von seinen Ängsten erzählt hat, ist schon ein Wunder. Ich würde in so einer Situation wahrscheinlich ähnlich reagieren‹, gestand sie sich ein. „Ja, ich habe auch Durst", ging sie sie auf seine Frage ein und kam zu ihm in die Küche. „Und, was haben Sie morgen vor?" „Wie gesagt, ich habe mir einige Agenturen rausgesucht, die Kindermädchen vermitteln. Ich hoffe, dass ich ein geeignetes finde. Eigentlich müsste ich in nächster Zeit auch noch Kleidung für Belle kaufen. Sie hat fast nur Sommersachen. In San Antonio reicht das ja auch, aber wenn es hier wieder kälter wird…."

Er lachte leise, während er ihr ein Glas Wasser reichte. „Das hätte ich mir vor zwei Wochen auch nicht träumen lassen, dass ich mir über Kindergarderobe Gedanken machen muss."

„Wenn Sie möchten, komme ich mit", bot Mac an. Damit er nicht gleich wieder ablehnte, fügte sie scherzend hinzu: „Sie wissen doch, dass Frauen einfach einen besseren Geschmack haben, was Kleidung angeht."

„Geben Sie es ruhig zu, Sie wollen nur auf meine Kosten shoppen gehen." Harm grinste unverschämt. „Aber ich kenne die Größe meiner Tochter, falls Sie gedacht haben sollten, dass Sie ein Kleid für sich dazwischenmogeln könnten." „Dabei hatte ich gehofft, ich könnte auf diese Weise an dieses sündhaft teure Abendkleid kommen!" Mac spielte die Enttäuschte. „So ein Pech aber auch!" Sie sahen sich an und brachen in Gelächter aus. Einträchtig setzten sie sich wieder auf die Couch und diskutierten darüber, welche Sachen Belle benötigen würde.