16:52 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

Mac hatte sich eine Akte geholt und war auf dem Weg zurück in ihr Büro, als der ihr entgegenkommende Lt. Bud Roberts unvermittelt stoppte und mit offenem Mund Richtung Tür starrte. ›Hat er einen Außerirdischen gesehen?‹ Irritiert sah Mac sich um. „Hallo Mac!" Harm, der Belle auf dem Arm trug, stand im Bullpen. „Guten Tag, Bud!" „Guten Tag, Sir", grüßte Bud automatisch zurück, das Gesicht ein einziges Fragezeichen.

„Hallo Commander!" Harriet kam mit einem Aktenstapel unter dem Arm herein und stutzte, als sie Belle sah. „Hallo, wer bist du denn?" Sie kam näher und strahlte Belle an. Harm räusperte sich. „Darf ich vorstellen: Meine Tochter Belle!" Diese Eröffnung verfehlte ihre Wirkung nicht: Bud sah aus, als ob ihm gleich die Augen herausfallen würden, seiner Frau Harriet schien es die Sprache verschlagen zu haben. ›Ein bisher noch nie da gewesenes Ereignis‹, schoss es Harm durch den Kopf. Er suchte Macs Blick. Aufmunternd nickte sie ihm zu.

Ein Hüsteln ertönte. Admiral Chegwidden war aus seinem Büro getreten und ging auf Harm zu. „Commander, schön Sie zu sehen! Und du bist sicher die kleine Miss Rabb." Er beugte sich zu ihr und stupste ihr leicht mit dem Zeigefinger auf die Brust, was Belle zum Kichern brachte. „Guten Tag, Sir!" Harm stellte fest, dass gar nicht so einfach war, stramm zu stehen, wenn man ein Kleinkind auf dem Arm hatte, deshalb gab er den Versuch gleich wieder auf.

„Admiral, das ist meine Tochter Belle. Belle, das ist Admiral Chegwidden" stellte er vor.

„Das kann sich das Kind doch nicht merken", kritisierte der Admiral und wandte sich an Belle: „Für dich bin ich Onkel A.J." Als ob er die verdatterten Blicke seiner Untergebenen spürte, wandte er sich um und fragte mit finsterer Miene: „Gibt es irgendwelche Probleme?"

„Nein, Sir", kam es unisono zurück. Der Admiral nickte befriedigt und zog sich in sein Büro zurück, allerdings nicht ohne Belle noch einmal verschwörerisch zuzuzwinkern.

Harriet schien den Schock überwunden zu haben und begann, den Tatsachen auf den Grund zu gehen. „Sir, Sie haben uns nie erzählt, dass Sie eine Tochter haben." „Das wird daran gelegen haben, dass ich selbst nichts davon wusste", erklärte Harm. „Ich habe erst nach dem Tod ihrer Mutter von ihr erfahren." „Oh, ihre Mutter ist tot?", fragte Harriet erschüttert. „Wer kümmert sich denn jetzt um den armen Wurm?" „Sie lebt bei mir. Und außerdem ist sie kein ‚armer Wurm'", stellte er klar und sah seiner Tochter ins Gesicht. „Nicht wahr, Belle? Wir zwei verstehen uns prima! Jetzt zeigt Daddy dir, wo er arbeitet." Er ließ Belle auf den Boden, fasste sie bei der Hand und führte sie durchs Büro.

Mac kehrte an ihren Schreibtisch zurück, ließ die Tür aber offen stehen und verfolgte, wie Harm Belle mit allen bekannt machte. Ein Gefühl der Erleichterung überkam sie, er schien seine Selbstzweifel überwunden zu haben. Eben betrat Petty Officer Tiner das Bullpen und blieb wie angewurzelt stehen, als er Vater und Tochter erblickte. Mac lachte in sich hinein.

Ein Klopfen erklang, Harriet stand in der offenen Tür. „Ma'am?" Sie zögerte. „Geht es dem Commander gut?" Sie folgte Macs Blick. „Ja, es geht ihm gut." Mac schmunzelte, als sie sah, wie Belle, die sich hinter den Beinen ihres Vaters versteckt hatte, Tiner von unten einen neugierigen Blick zuwarf. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Harriet, die immer noch abwartend vor ihr stand. „Natürlich ist es eine Umstellung, aber er wird damit fertig."

„Ob ich sie wohl mal halten kann? Sie ist wirklich niedlich", schwärmte Harriet. „Warum fragen Sie mich?", fragte Mac verwirrt. „Sie ist doch nicht meine Tochter. Wenden Sie sich an den Commander." „Wer soll sich an mich wenden?" Harriet fuhr herum. Harm hinkte in Macs Büro, auf seinem linken Schuh stand Belle, umklammerte sein Knie und ließ sich so durch die Gegend tragen. „Endstation, alles aussteigen", trompetete er und löste Belles Arme von seinem Bein. „Also, worum geht's?" Interessiert sah er Harriet an. „Ich wollte nur fragen, ob Belle vielleicht mit mir in die Küche kommen möchte. Vielleicht finden wir etwas, was ihr schmeckt." „Ganz bestimmt sogar. Es könnte allerdings passieren, dass anschließend nichts mehr da ist. Meine Tochter ist nämlich ein kleiner Vielfraß!" Harm lachte, doch seine Augen leuchteten vor Stolz. Er hockte sich neben Belle und sah ihr ins Gesicht. „Möchtest du mit Harriet mitgehen und etwas essen, Belle?" Mit großen Augen sah Belle auf zu der blonden Frau in der Uniform, die ihr die Hand hinhielt. Nach einem fragenden Blick auf ihren Vater machte sie einen Schritt auf Harriet zu und ergriff die dargebotene Hand. Nach einigen Schritten drehte sie sich zu Harm um. Er lächelte ihr beruhigend zu „Daddy geht nicht weg, keine Angst. Ich bin immer in deiner Nähe." Belle schien einen Moment über seine Worte nachzudenken, fasste dann wieder nach Harriets Hand und stapfte aus dem Büro. Harm lehnte sich an den Türrahmen, damit er sie im Auge behalten konnte.

„Und, war die Suche nach einer Nanny erfolgreich?" Mac war aufgestanden und stellte sich neben Harm, ebenfalls den Blick auf Belle und Harriet gerichtet. Harm verzog das Gesicht.

„Schön wär's! Sie glauben gar nicht, wer sich alles zum Kindermädchen berufen fühlt. Da waren Frauen dabei, denen würde ich nicht mal eine Zimmerpflanze anvertrauen, geschweige denn mein Kind. Die eine war erst zwanzig, hatte das College geschmissen und meinte, sie könne nebenbei ein bisschen Babysitten, während sie darauf wartet, als Sängerin entdeckt zu werden. Oder diese ältere Frau, die konnte sich kaum noch bewegen vor Arthritis, wie will sie denn dann hinter Belle herlaufen können, frage ich Sie?"

In Gedanken ließ er den Tag noch einmal Revue passieren. Es waren auch Frauen dabei gewesen, die gute Zeugnisse gehabt hatten und angeblich sehr qualifiziert waren, aber sie waren Harm nicht sehr sympathisch gewesen und auch Belle, die sonst Fremden gegenüber gar nicht ängstlich war, hatte sich vor ihnen versteckt. Die Krönung war aber Miss Sheridan gewesen. Ein Glucksen entfuhr ihm bei dem Gedanken an das Gespräch. „Die eine hätte Ihnen besonders gefallen, Mac. Dass sie mit allen möglichen Amuletten behängt war, hätte ich vielleicht noch hingenommen. Aber dann hat sie mir erzählt, dass im meinem Apartment böse Geister ihr Unwesen treiben, sie könne die negative Energie spüren. Im Übrigen sei sie als Geistheilerin in der Lage, Krankheiten und Verletzungen durch Handauflegen zu heilen, ich hätte also das Geld für Pflaster und Medikamente in Zukunft einsparen können." Mac sah ihn ungläubig an, Harm grinste breit über das ganze Gesicht. „Warten Sie, es kommt noch besser. Wir haben dann gemeinsam herausgefunden, woher die negative Energie in meinem Apartment kommt. Raten Sie mal", forderte er sie auf. Mac zupfte nachdenklich an ihrem Ohrläppchen. „Ist dort jemand gestorben?", gab sie ihren Tipp ab. Harm winkte gelangweilt ab. „Doch nicht so etwas Einfaches! Nein, es liegt an mir. Ich bin beim Militär und deshalb ist mein ganzes Bestreben darauf gerichtet, Tod und Vernichtung über andere Menschen zu bringen. Ist doch logisch, dass sich das negativ auf mein Apartment auswirkt", setzte er trocken hinzu. „Dann möchte ich nicht wissen, was für negative Energien hier herrschen", schüttelte Mac den Kopf und deutete ins Bullpen, in dem es vor Militärangehörigen nur so wimmelte. Harm grinste. „Wie dem auch sei, Miss Sheridan und ich haben beschlossen, dass es besser ist, wenn sie nicht für mich arbeitet. Also bin ich genauso weit wie gestern."

Er verzog die Mundwinkel. „Ich habe in den nächsten Tagen noch mehr Gespräche mit Bewerberinnen. Ich hoffe nur, dass wenigstens eine vernünftige dabei ist."

Er sah zu, wie Belle, eifrig an einem Bagel kauend, durch das Bullpen lief, dicht gefolgt von Harriet, die sie nicht aus den Augen ließ. „Vielleicht sollte ich sie holen, bevor sie alle von der Arbeit abhält, was meinen Sie?", überlegte er halblaut. „Lassen Sie sie doch ein paar Minuten bei Harriet, sie passt gut auf sie auf", beruhigte ihn Mac. „Wollen wir eine Tasse Kaffee trinken? Ich wollte gerade eine Pause machen." „In Ordnung", willigte Harm ein.

Gemeinsam gingen sie in die Küche. Als sie mit den gefüllten Tassen zurück ins Büro wollten, kam ihnen Harriet entgegen – ohne Belle. „Wo ist Belle?" Harm konnte einen Anflug von Panik nicht unterdrücken. „Keine Sorge, Commander. Sie ist in das Büro des Admirals gelaufen, und er sagte, ich solle sie bei ihm lassen." Harriet, der selbst nicht ganz wohl bei diesem Gedanken war, sah Harm entschuldigend an. „Oh Gott!" Harm drückte Mac seine Tasse in die Hand und stürzte zum Büro des Admirals.

Durch die geschlossene Tür konnte man eine brummige Stimme und das Lachen eines Kindes hören. Harm klopfte an und riss im selben Augenblick schon die Tür auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Seine Tochter saß auf den Knien seines CO, der ‚Hoppe-Hoppe-Reiter' mit ihr spielte und abrupt verstummte, als er Harm erblickte. „Commander, ich kann mich nicht daran erinnern, ‚Herein' gesagt zu haben." Er setzte eine strafende Miene auf, die allerdings völlig ihre Wirkung verlor, als Belle an seiner Krawatte zerrte. „Ich bitte um Verzeihung, Sir. Ich wollte nur verhindern, dass meine Tochter Sie bei der Arbeit stört."

Belle hörte die Stimme ihres Vaters, strampelte sich frei und stürmte strahlend auf ihn zu. Harm nahm sie auf den Arm und strich ihr eine widerspenstige Locke aus der Stirn.

Admiral Chegwidden betrachtete ihn prüfend. „Setzen Sie sich, Commander. Wie kommen Sie zurecht?" „Ganz gut, Sir. Es läuft noch nicht alles perfekt, aber doch besser als erwartet."

Der Admiral brummte zustimmend. „Haben Sie schon hinsichtlich ihrer Betreuung etwas unternommen?" „Wie man es nimmt." Harm zuckte leicht mit den Schultern. „Ich habe heute angefangen, aber so richtig hat mir noch kein Kindermädchen zugesagt." „Lassen Sie sich Zeit. Wenn es gar nicht anders geht, müssen wir eben noch eine weitere Woche auf Sie verzichten." „Vielen Dank, Admiral, aber ich hoffe, das wird nicht nötig sein."

Belle begann herumzuzappeln und versuchte von Harms Schoß zu klettern. „Wir gehen jetzt besser wieder", sagte Harm, erhob sich und zog Belle mit sanfter Gewalt zur Tür. „Moment, Sie haben etwas vergessen!" Admiral Chegwidden kam hinter ihnen her, in der Hand einen angeknabberten Bagel, den er jetzt Belle hinhielt. „Hier, deine Verpflegung." Belle schnappte danach und begann sofort heißhungrig darauf herumzukauen. Verblüfft lachte der Admiral. „Nanu, bekommst du zu Hause nichts zu essen?" Harms Gesichtsfarbe nahm einen leichten Rotton an. Er murmelte etwas Unverständliches. Energisch nahm er seine Tochter auf den Arm, verabschiedete sich von seinem Vorgesetzten, der höchst amüsiert zu sein schien, und flüchtete in sein eigenes Büro. Aufatmend setzte er Belle in den Schreibtischstuhl. „Du kleiner Nimmersatt!" Kopfschüttelnd sah er sie an. „Die Leute werden noch denken, dass ich dich hungern lasse. Na komm, wir fahren nach Hause."

Sie verabschiedeten sich von Mac, die versprach, an einem der nächsten Abende vorbeizukommen.


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17:03 Uhr EST, zwei Tage später

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

Das Läuten des Telefons riss Mac aus ihrer Arbeit. Sie griff nach dem Hörer.

„Major MacKenzie" „Hallo Mac", tönte Harms Stimme aufgeregt aus Hörer. „Gute Neuigkeiten, ich habe eine Nanny gefunden!" „Gratuliere! Ich wusste doch, dass Sie noch eine geeignete Person finden werden", freute sich Mac mit ihm.

In den letzten anderthalb Tagen hatte Harm sie immer wieder über seine erfolglose Suche auf dem Laufenden gehalten und ernsthafte Bedenken geäußert, je ein vernünftiges Kindermädchen zu finden.

„Erzählen Sie, wie ist Ihre Mary Poppins?" „Sie ist absolut fantastisch!" Seine Begeisterung war deutlich durch den Telefonhörer zu hören. „Sie heißt Sandra, ist ausgebildete Kinderpflegerin, hat sich vor einigen Jahren selbständig gemacht und seitdem für drei Familien gearbeitet. Die Kinder waren in Belles Alter. Sie hat erstklassige Zeugnisse, ist sehr sympathisch und Belle war auch gleich von ihr begeistert. Die beiden sind schon ein Herz und eine Seele." Er musste Luft holen. Mac nutzte diese Gelegenheit, um auch mal zu Wort zu kommen. „Das klingt ja sehr erfreulich." „Erfreulich?", Harm klang fast gekränkt. „Mac, Sandy ist perfekt!" ›Sandy?‹ Mac wurde hellhörig. Argwöhnisch fragte sie nach: „Arbeitet diese Sandy schon lange als Kindermädchen?" „Sie hat direkt nach der Highschool angefangen und ist jetzt 29, also knapp 11 Jahre. Und, wie gesagt, nur die allerbesten Zeugnisse. Sie fängt gleich morgen an, damit Belle sich an sie gewöhnen kann, aber ich mache mir überhaupt keine Sorgen. Sandy kann wirklich toll mit ihr umgehen! Wissen Sie was? Kommen Sie doch einfach morgen vorbei. Dann können Sie sich selbst überzeugen." „In Ordnung, bis morgen." „Bis morgen."

Langsam legte Mac den Telefonhörer auf und starrte vor sich hin. Natürlich war es wunderbar, dass Harm endlich eine Nanny für Belle gefunden hatte, aber…

Sie biss sich auf die Lippen. Musste er denn gleich so begeistert sein?