19:22 Uhr EST, einen Tag später

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

Mac stand unentschlossen vor der Tür und ärgerte sich dann über sich selbst. ›Was soll das, Marine? Viel schlimmer kann es doch heute nicht mehr kommen!‹ Sie straffte die Schultern, setzte eine betont fröhliche Miene auf und klopfte. Harm öffnete. Mac sah im Hintergrund Belle auf dem Boden spielen, die legendäre Sandy konnte sie allerdings nicht entdecken.

„Hallo Mac, kommen Sie rein. Guck mal, Belle, wer uns besucht!" Belle, bereits im Strampelanzug, hob nur kurz den Kopf, um sich gleich wieder in ihr Spiel zu vertiefen. „Sie ist müde", entschuldigte sich Harm, als er Macs enttäuschten Gesichtsausdruck sah. „Natürlich", beeilte Mac sich zu sagen. „Es war sicher aufregend mit ihrer neuen Nanny. Wo ist sie überhaupt?" „Vor einer halben Stunde gegangen. Aber Sie werden sie bestimmt noch kennen lernen. Sie wird Ihnen gefallen." „Bestimmt", pflichtete Mac ihm bei, obwohl sie bereits jetzt eine Abneigung gegen diese Sandy verspürte. Insgeheim war sie froh, dass sie sie nicht heute schon kennen lernen musste. Der Tag war auch so schon deprimierend genug gewesen. Aber jetzt wollte sie nicht mehr darüber nachdenken.

Sie schnupperte, angenehmer Essensgeruch lag in der Luft. „Ich hoffe, Sie haben Hunger. Ich habe uns eine Kleinigkeit gekocht." Harm deutete einladend auf die Couch. „Setzen Sie sich. Ich bringe Belle in der Zwischenzeit ins Bett." „Ich kann Ihnen gerne helfen."„Nicht nötig, Sandy hat sie vorhin schon gebadet und bettfertig gemacht. Ich bin gleich wieder da." Mit Belle auf dem Arm verschwand er im Schlafzimmer.

Na gut, wenn ihre Hilfe nicht benötigt wurde… Mac ließ sich müde auf der Couch nieder und massierte mit den Fingerspitzen die Schläfen. Bei der heutigen Gerichtsverhandlung hatte ihr Hauptentlastungszeuge, der ursprünglich ihrem Mandanten Lt. Pierce ein Alibi gegeben hatte, plötzlich eine ganz andere Aussage gemacht und damit ihre gesamte Verteidigungsstrategie wie ein Kartenhaus zum Einsturz gebracht.

„Möchten Sie etwas trinken?" Mac zuckte zusammen, sie hatte Harm gar nicht hereinkommen gehört. „Ja, gerne." Sie folgte ihm an den Küchentresen. Harm schob ihr ein Glas Wasser zu und warf einen fachmännischen Blick in den Backofen. „In fünf Minuten können wir essen."

Er begann den Tisch zu decken. Macs Angebot zu helfen lehnte er dankend ab. „Sie haben einen anstrengenden Tag im Gericht hinter sich, meine Beschäftigung bestand heute hauptsächlich darin, zuzusehen wie Sandy mit Belle umgeht. Setzen Sie sich einfach schon an den Tisch." Mac gab nach und nahm Platz. Harm hantierte mit den Topflappen und stellte eine dampfende Auflaufform auf den Tisch. „Bandnudeln-Zucchini-Gratin", verkündete er stolz. Mac atmete genießerisch ein. „Mmh, lecker." Harm tat ihr eine Portion auf. „Dank Sandy bin ich endlich mal wieder dazu gekommen richtig zu kochen. In der letzten Zeit habe ich meistens nur schnell etwas in die Pfanne gehauen. Jetzt wird alles viel einfacher werden." Er nahm einen Bissen. „Es ist wirklich ein Glück, dass ich sie gefunden haben!" Mac zog es vor, sich nicht dazu zu äußern und machte sich über das Gratin her.

Während des Essens erzählte Harm von seinen Plänen, ab der übernächsten Woche wieder normal zu arbeiten. „Die kommende Woche bleibe ich noch zu Hause, um zu sehen, ob Sandy wirklich mit Belle klarkommt. Aber Sie könnten mich über die aktuellen Fälle auf dem Laufenden halten, damit ich gleich wieder voll einsteigen kann." Gewinnend lächelte er sie an. Leicht gezwungen lächelte Mac zurück, ihr lag das heutige Fiasko vor Gericht noch im Magen. Das Letzte, was sie wollte, war an ‚aktuelle Fälle' zu denken.

Harm schien die fehlende Begeisterung seiner Kollegin nicht zu bemerken. Unverdrossen berichtete er weiter davon, wie er Belle und seine Arbeit unter einen Hut bringen wollte. „Was ist, wenn Sie über Nacht nicht nach Hause kommen, weil Sie vor Ort ermitteln müssen?", warf Mac ein. „Gar kein Problem! Sandy wird hier ein paar Sachen deponieren, damit sie jederzeit nachts hier bleiben kann." Skeptisch hob Mac die Brauen. „Ist sie so flexibel? Ich meine, sie wird doch sicher einen Freund oder Verlobten haben." ›Zumindest hoffe ich das!‹ Harm schüttelte nachdenklich den Kopf. „Nein, sie ist Single. Völlig unverständlich, sie sieht gut aus, ist klug…" „So wie ich, wollen Sie sagen", versuchte Mac zu scherzen, um nicht zu zeigen, wie getroffen sie war. „Hä?" Unverständnis spiegelte sich auf Harms Gesicht wider. „Nein, sie ist ganz anders als Sie. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall ist sie erst seit kurzem in Washington, kennt hier noch nicht viele Leute und ist völlig unabhängig."

Mac legte die Gabel beiseite, die letzten Bissen hatte sie sich reinzwingen müssen. „Sind Sie schon satt?", fragte Harm verwundert. „Sie haben kaum etwas gegessen. Schmeckt es Ihnen nicht?" „Doch, es ist köstlich" wiegelte Mac schnell ab. „Ich habe nur keinen großen Hunger." Ihr Blick fiel einen Papierstapel auf Harms Schreibtisch. „Sie haben doch Urlaub, woran arbeiten Sie denn?" „Das sind nur die Bewerbungsunterlagen der Kindermädchen, die bei mir waren. Wenn Sie möchten, können Sie einen Blick darauf werfen. Dann sehen Sie, was für Frauen meinen, auf meine Tochter aufpassen zu können."

Neugierig machte Mac sich über den Stapel her. Sie musste Harm Recht geben, die meisten Bewerberinnen waren tatsächlich nicht sonderlich vertrauenerweckend.

Endlich kam die Bewerbung, auf die sie heimlich gewartet hatte. Hastig überflog sie den Lebenslauf. ›Sandra Johnson, Alter: 29, geboren in Knoxville, Iowa …‹ Sie blätterte weiter, da war das Foto, nach dem sie gesucht hatte: Die Ganzkörperaufnahme zeigt eine junge, schüchtern lächelnde Frau mit langen blonden Haaren; die blauen Augen blickten etwas unsicher in die Kamera. Mac verspürte einen leichten Stich. Das war eine Frau, die ihr sofort sympathisch gewesen wäre, wenn … ›… wenn sie sich nicht an Harm heranmachen würde!‹

Mac erschrak über ihre eigenen Gedanken. ›Moment! Erstens macht sie sich nicht an Harm heran, sondern arbeitet nur für ihn und zweitens wäre das ganz allein seine Sache.‹ Trotzdem konnte sie es nicht lassen, aufmerksam bei Sandy nach eventuellen Schwachstellen zu suchen.

Nichts! Sie sah aus wie ein nettes Mädchen, sie war weder zu aufgedonnert noch zu spießig gekleidet, sie hatte eine zarte Statur und schien etwas kleiner als sie selbst zu sein. ›Mit einem Wort: Niedlich! Genau das, was den Beschützerinstinkt in einem Mann weckt‹, dachte Mac verdrossen und kaute an ihrer Unterlippe.

„Sie sehen unzufrieden aus. Habe ich etwas übersehen?" Harms Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sofort setzte sie einen neutralen Gesichtsausdruck auf. „Nein, nur … sie scheint nicht besonders kräftig zu sein und wirkt auch etwas naiv. Meinen Sie wirklich, dass sie mit ihrer Aufgabe fertig wird?" ›Du bist ein Biest! Jetzt versuchst du schon eine Frau schlecht zu machen, die du noch nicht einmal kennst.‹ „Nur weil man aus einer Kleinstadt kommt, ist man noch lange nicht naiv, Mac." Harm schüttelte nachsichtig den Kopf. „Abgesehen davon ist mir das tausendmal lieber als das überdrehte Benehmen dieser Möchtegern-Sängerin. Außerdem kann sie sich sehr gut durchsetzen. Glauben Sie mir, sie ist die Richtige! Ich wusste es vom ersten Augenblick an, als ich sie sah." Er räumte den Tisch ab. „Möchten Sie noch eine Tasse Kaffee?" Mac beschloss, dass es besser war zu gehen, bevor sie noch mehr Unsinn redete. In ihrer derzeitigen Stimmung konnte sie für nichts garantieren. „Danke, aber ich habe noch zu arbeiten. Ich werde jetzt lieber nach Hause fahren." Sie musste sich ja auch wirklich noch eine völlig neue Strategie im Pierce-Fall zurechtlegen. Zum Glück war die Verhandlung bis Dienstag vertagt worden.

„Schade! Aber wenn Sie gehen müssen …", Harm öffnete die Tür. „Sie haben mir noch gar nicht erzählt, was im Büro los war." „Nichts Besonderes", log Mac, die keine Lust verspürte, zwischen Tür und Angel zu berichten, dass ihr eigener Hauptzeuge ihr den Rücken gefallen war. „Ich rufe Sie an, wenn ich Zeit habe. Gute Nacht!" „Gute Nacht, Mac!" Er sah ihr nach, bis sich die Tür des Aufzugs schloss.


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12:22 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

Mac klappte den Aktenordner zu und schloss einen Augenblick lang die Augen.

Die halbe Nacht hatte sie wach gelegen und gegrübelt. Nicht nur über ihren aktuellen Fall, wie sie sich eingestehen musste. Immer wieder waren ihre Gedanken zu dem Abend bei Harm gewandert. Es war kindisch von ihr gewesen, eifersüchtig auf eine junge Frau zu sein, nur weil Harm begeistert von ihren beruflichen Fähigkeiten war. Natürlich musste Belle die beste Nanny bekommen, die es gab! Dafür, dass sie gleichzeitig die bestaussehendste war, konnte Harm doch nichts. Wenn sie nicht vor lauter Angst, etwas Gehässiges über Sandy zu sagen, so früh gegangen wäre, hätte sie Harm von dem Reinfall mit ihrem Zeugen berichtet. Bestimmt hätte er ihr einen Rat gegeben, wie sie die verhängnisvolle Aussage relativieren könne.

›Er kocht euch ein wundervolles Abendessen und du bist beleidigt, weil er sich darüber freut, endlich ein Kindermädchen gefunden zu haben. Du bist echt eine tolle Freundin, Marine! Überhaupt, worüber regst du dich so auf? Sie nimmt dir doch nichts weg!‹ Ihr Blick fiel auf das Telefon. ›Ruf wenigstens an und entschuldige dich, dass du Hals über Kopf abgehauen bist.‹ Ihre Hand tastete nach dem Telefon und wählte Harms Nummer. Sie wollte schon wieder auflegen, als doch noch abgenommen wurde.

„Rabb" „Hallo Harm, ich bin's, Mac."„Hallo", klang Harms Stimme leicht erstaunt durch den Hörer. „Ist etwas passiert, dass Sie mich anrufen?" „Ich wollte mich für das leckere Essen gestern bedanken. Es tut mir leid, dass ich so früh gehen musste, aber die Sache ist die, dass gestern bei der Aussage von Coleman-" Harm unterbrach sie. „Kein Problem! Mac, hören Sie, wir wollen gerade einkaufen fahren. Sandy ist mit Belle schon unten. Ich bin nur noch einmal zurückgegangen, weil ich das Telefon gehört habe. Wir können ja später telefonieren." „Okay", versuchte Mac ihre Enttäuschung zu verbergen. „Wohin fahren Sie einkaufen?" „Mal sehen, wir möchten Kleidung für Belle kaufen." Mac glaubte, sich verhört zu haben.

„Wie bitte? Ich dachte, wir würden das zusammen machen?" „Mac", kam es gedehnt durch den Hörer, „Ich möchte Ihre Zeit nicht unnötig beanspruchen und Sandy kennt sich in diesen Dingen einfach besser aus." „Sie haben vollkommen Recht. Ich verstehe ja nichts von Kindern." Mit Müh und Not gelang es ihr, ihre Stimme ruhig zu halten. „Außerdem habe ich hier sowieso mehr als genug zu tun. Viel Spaß beim Einkaufen, grüßen Sie Belle von mir." Mit Schwung knallte sie den Hörer auf.

Logisch, jetzt, wo Sandy da war, wurde ihre Hilfe nicht mehr benötigt! Und überhaupt, was sollte die dumme Frage, ob irgendetwas passiert sei, nur weil sie anrief? Noch vor zwei Tagen hatte er sie beinahe im Stundentakt angerufen, um von den möglichen Kindermädchen zu erzählen. „Keine Angst, ich rufe Sie bestimmt nicht mehr ohne guten Grund an, Commander", knurrte sie.


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14:48 Uhr EST

In einem Einkaufszentrum, Washington D.C.

„Das reicht, Harm. Wenn wir noch mehr kaufen, ist Belle aus den Kleidern herausgewachsen, bevor sie Gelegenheit hatte alles anzuziehen", bremste Sandy ihren Arbeitgeber, der immer noch in den Regalen mit Kinderkleidung wühlte. Widerstrebend hörte Harm auf, nachdem er nach einem Blick auf die bereits zusammengetragenen Sachen zugeben musste, dass Sandy vermutlich Recht hatte. Sie hatte auch darauf bestanden, in erster Linie praktische Kleidung zu kaufen, sonst würde Belles Garderobe jetzt wohl zu einem Großteil aus niedlichen Kleidern bestehen.

„Wie wäre es mit einem verspäteten Mittagessen?", fragte Harm auf dem Weg zur Kasse. „Sie haben noch gar nichts gegessen und Belle hat garantiert auch schon wieder Hunger."

„Warum nicht?", willigte Sandy ein und schob den Buggy mit Belle Richtung Ausgang. Unauffällig warf sie einen Blick auf Harm. Sie konnte sich wirklich glücklich schätzen, so schnell eine gute Stelle gefunden zu haben. Belle war ihr gleich ans Herz gewachsen und auch ihr Arbeitgeber war sehr sympathisch. Er hatte ihr erzählt, dass er gerade erst überraschend von seiner Tochter erfahren hatte und nun alles äußerst kurzfristig organisieren musste. Sie beobachtete, wie er sich zu Belle herunterbeugte und sie auf einen entgegenkommenden Hund aufmerksam machte. Kaum zu glauben, dass er bis vor zwei Wochen noch nie etwas mit Kleinkindern zu tun gehabt hatte. Manche Männer waren eben dazu geboren, Vater zu sein, während andere… ›Du bist extra weggezogen, um über Matthew hinwegzukommen, dann versuch auch wenigstens, nicht ständig an ihn zu denken!‹

Eine halbe Stunde später saßen sie in dem Bistro, in dem Harm und Belle in der Woche zuvor mit Mac gewesen waren. ›Mac‹ Harm runzelte die Stirn. Sie war vorhin am Telefon so merkwürdig gewesen, hatte fast ein wenig verärgert gewirkt. ›Ach was, wahrscheinlich hatte sie Stress im Büro, schließlich muss sie meine Arbeit mitübernehmen. Gut, dass Sandy angeboten hat, mit zum Einkaufen zu kommen. Sonst hätte Mac sich womöglich verpflichtet gefühlt, ihren freien Samstag dafür zu opfern.‹ Zufrieden mit sich und der Welt lehnte er sich zurück und schaute sich um. Ein junges Pärchen saß zwei Tische weiter und unterhielt sich, ansonsten war überwiegend älteres Publikum anwesend.

Belle waren die Augen zugefallen. Sandy klappte das Verdeck des Buggys auf, so dass ihr das Licht nicht ins Gesicht fiel und sie ungestört schlafen konnte. Als Sandy sich aufrichtete, lächelte sie Harm offen an. „So ein friedliches Kind habe ich noch nie erlebt!" „Warten Sie ab, sie kann auch anders", dämpfte Harm ihren Optimismus. Mit Schrecken dachte er an die Nächte zurück, in denen Belle sich die Augen ausgeweint hatte. Er rollte vielsagend mit den Augen. „Letzte Woche hat sie zwei Backenzähne bekommen!" Die junge Frau nickte verständnisvoll. „Das kann ziemlich unangenehm sein – für Kind und Eltern. Da haben Sie ja den Härtetest schon bestanden." „Wenn eine Freundin nicht plötzlich vor der Tür gestanden und mir Belle abgenommen hätte, wäre ich vermutlich irgendwann vor Übermüdung zusammengeklappt", gab Harm ehrlich zu. Bei dem Gedanken daran, wie Mac ihn kurz entschlossen ins Bett geschickt hatte, huschte ihm ein Lächeln über das Gesicht. Sein Blick fiel auf das Paar gegenüber, das mittlerweile dazu übergangen war, Händchen zu halten und sich verliebt in die Augen zu schauen. Sein Lächeln verblasste. ›Nur kein Neid, Rabb‹, ermahnte er sich. ›Du hast zwar keine Beziehung, aber dafür die wundervollste Tochter der Welt!‹

Er wandte den Kopf und stellte fest, dass auch Sandy die beiden mit bitterem Gesichtsausdruck betrachtete. Besorgt legte er ihr eine Hand auf den Arm. „Hey, alles okay mit Ihnen?" Sandy fuhr zusammen. Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Alles klar. Es ist nur so, dass ich gerade eine Trennung hinter mir habe und immer etwas deprimiert bin, wenn ich zwei Menschen sehe, die miteinander glücklich sind."

„Möchten Sie darüber reden?", bot Harm zögernd an, obwohl er, wie er wusste, auch kein Fachmann für glückliche Beziehungen war. Sandy schüttelte den Kopf. „Nein, je weniger ich daran denke, desto besser. Aber danke für das Angebot. Erzählen Sie mir doch lieber von Ihrer Freundin." Verwirrt zog Harm die Brauen zusammen. „Meiner Freundin? Ich habe keine… Oh, Sie meinen Mac", dämmerte es ihm. „Wir sind nicht zusammen, wir sind nur gut befreundet." ›Auch wenn du das manchmal nicht wahrhaben willst, Rabb.‹ „Ach so", sagte Sandy, „und ich dachte …" Belle regte sich in ihrem Buggy und lenkte die Aufmerksamkeit der beiden Erwachsenen auf sich.


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14:32 Uhr EST, drei Tage später

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

„Rabb" „Hallo Commander, hier ist Bud Roberts. Störe ich Sie gerade?"

Harm musste grinsen, als er die verschüchterte Stimme des jungen Lieutenants am Telefon hörte. „Nein, überhaupt nicht, Bud. Was gibt's?" „Major MacKenzie bat mich, Ihnen eine Zusammenfassung der aktuellen Fälle zu geben. Wenn es Ihnen recht ist, schicke ich Ihnen gleich eine E-Mail mit den Angaben, Sir." „Natürlich ist es mir recht. Danke, Bud!" Er zögerte. „Ich dachte, Mac würde mich selbst anrufen." „Sie steckt bis über beide Ohren in dem Pierce-Fall. Morgen geht die Verhandlung weiter, und sie hat wohl immer noch keine neue Strategie." Harm stutzte. „Wieso neue Strategie? Ich dachte, der Fall sei klar?"

„Nach der Aussage von Lieutenant Coleman letzte Woche?" Bud gab einen mitfühlenden Laut von sich. „Das muss hart sein, wenn der eigene Hauptzeuge plötzlich die Seite wechselt und zum Zeugen der Anklage wird. Der Major tut mir richtig leid!" Er machte eine kurze Pause. Als ob er Harms verblüfften Gesichtsausdruck durch das Telefon sehen könne, fragte er nach einer Weile: „Hat sie Ihnen das denn nicht erzählt?"

„Nein." Harm fuhr sich mit der freien Hand durchs Haar, als könne er damit auch seine wirren Gedanken ordnen. „Nein, das hat sie nicht. Kann ich ihr irgendwie helfen?" „Ich glaube nicht, Sir. Sie hat sich in ihrem Büro verbarrikadiert und will auf keinen Fall gestört werden. Sie hat nicht einmal zu Mittag gegessen." Das war eindeutig ein schlechtes Zeichen! Harm runzelte die Stirn. Bud schien am anderen Ende der Leitung auf eine Antwort zu warten. „Bud, richten Sie Mac bitte aus, dass sie mich jederzeit anrufen kann, wenn sie Hilfe braucht." „Mach ich, Sir. Ich schicke Ihnen dann gleich die E-Mail mit der Aufstellung der wichtigsten Fälle." „Danke Bud!"

Harm beendete das Gespräch und rieb sich das Kinn. Warum hatte Mac ihm nicht erzählt, dass sie Probleme mit ihrer Verteidigung hatte? Letzten Mittwoch hatte sie noch erwähnt, dass ihr Mandant ein hieb- und stichfestes Alibi habe und dass der Fall schon so gut wie gewonnen sei. Was war im Gerichtssaal vorgefallen und wieso in aller Welt musste er es von Bud erfahren?

›Sie weiß doch, dass sie mich immer um Rat fragen kann. Sie hätte doch einfach anrufen oder vorbeikommen können.‹ Er beschloss, Mac am Abend anzurufen und ihr seine Hilfe anzubieten.


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11:43 Uhr EST, einen Tag später

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

„Nein, Sir, Major MacKenzie ist nicht in ihrem Büro. Sie ist schon den ganzen Morgen außer Haus, um einen Zeugen ausfindig zu machen. Und heute Nachmittag ist sie im Gericht. Kann ich ihr etwas ausrichten?" „Nein danke, Harriet. Ich versuche es später noch mal." Frustriert lehnte Harm sich zurück.

Gestern Abend hatte er nur Macs Anrufbeantworter erreichen können. Er hatte ihr eine kurze Nachricht darauf hinterlassen und um ihren Rückruf gebeten. Allerdings hatte sie sich bisher noch nicht gemeldet, weshalb er heute erneut im Hauptquartier angerufen hatte. ›Wahrscheinlich hatte sie einfach keine Zeit. Sie wird sich schon melden, wenn sie etwas mehr Ruhe hat.‹