17:39 Uhr EST, zwei Tage später

West Potomac Park, Washington D.C.

Locker joggte Mac auf dem Fußweg entlang des Potomac. Nachdem sie in mühevoller Kleinarbeit bewiesen hatte, dass Lt. Coleman eine Falschaussage gemacht hatte, nur um sich an ihrem Mandanten zu rächen, war dieser doch freigesprochen worden. Mac hatte beschlossen, ihren Sieg damit zu feiern, ausnahmsweise einmal pünktlich Feierabend zu machen und bei dem herrlichen Wetter Joggen zu gehen. Sie konnte merken, wie die Anspannung der letzten Tage von ihr fiel. In den vergangenen Nächten hatte sie nur wenig geschlafen, da ihr die Verhandlung nicht aus dem Kopf gegangen war. Mehrfach war sie kurz davor gewesen, Harm anzurufen und ihn um Rat zu fragen.

Montagabend, als sie ihren Anrufbeantworter abgehört hatte, war es bereits zu spät gewesen um zurückzurufen; sie hatte Belle nicht wecken wollen. Und am nächsten Tag hatte sie einfach keine Zeit gehabt – und auch keine Lust, wenn sie ehrlich war. ›Vermutlich war er sowieso mit Belle und Sandy beschäftigt. Ich kann ihn ja nachher mal anrufen.‹

Beim Anblick eines Eisverkäufers beschloss Mac, dass sie sich jetzt eine kleine Belohnung verdient hätte. Sie kaufte sich eine Riesenportion Schokoladeneis und wanderte gemächlich den Fußweg entlang. ›Gleich hinter der nächsten Biegung kommt die Stelle, an der wir vorletztes Wochenende gepicknickt haben.‹

Mac bog um die Kurve und stoppte unversehens. Auf der Wiese lag dieselbe Decke wie vor fast zwei Wochen, auch die Personen darauf waren fast identisch. Nur die Frau dort bei Harm und Belle war eine andere.

Mac kniff die Augen zusammen. Das war also die kluge, gutaussehende Sandy! Das ‚klug' konnte sie nicht beurteilen, aber gutaussehend war Sandy tatsächlich, wie Mac zähneknirschend zugeben musste. Das lange Haar, das sie auf dem Foto offen getragen hatte, war jetzt zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, was ihr ein noch jüngeres Aussehen verschaffte. Zu der hellblauen Jeans trug sie ein ziemlich engsitzendes, pinkfarbenes T-Shirt. ›Nur nicht Geizen mit den Reizen!‹, fuhr es Mac gehässig durch den Kopf. Sie sah an sich herunter: in ihren dunklen Shorts und dem schweißgetränkten T-Shirt des Marine Corps hielt sie natürlich keinen Vergleich zu dieser lebenden Barbie-Puppe aus.

Harm saß zwar mit dem Rücken zum Fußweg, aber trotzdem trat Mac etwas hinter einen Baum, um nicht entdeckt zu werden. Sie beobachtete, wie die blonde Frau mit Belle spielte, jetzt richtete sie sich auf und sagte etwas zu Harm, woraufhin beide anfingen herzlich zu lachen. ›Die beiden sind ja schon ein Herz und eine Seele!‹, dachte Mac und spürte, wie sich ihr Gesicht vor Ärger rot verfärbte. ›Sie sehen aus wie eine glückliche Familie.‹ Unwillkürlich ballte sie ihre Fäuste zusammen.

„Igitt!" Angewidert sah sie auf ihre rechte Hand, in der sie die gefüllte, jetzt zusammengedrückte, Eiswaffel hielt. Das mittlerweile geschmolzene Schokoladeneis tropfte ihr über die Finger. ›Na klasse! Soviel zu deiner Belohnung.‹ Mit einem Taschentuch säuberte sie notdürftig ihre klebrigen Finger. Näher kommende Stimmen ließen sie aufschauen: Mit Schrecken stellte sie fest, dass Harm und Sandy zusammengepackt hatten und nun mit Belle im Buggy direkt in ihre Richtung kamen. ›Nichts wie weg!‹ Das fehlte gerade noch, dass Harm sie so sah: Mit Schokoladeneis beschmiert, hinter einem Baum versteckt.

In einem Tempo, das jeden Kurzstreckenläufer vor Neid hätte erblassen lassen, schoss sie davon.


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21:02 Uhr EST

Macs Wohnung

Georgetown, Washington D.C.

Mac hatte es sich auf ihrem Sofa bequem gemacht und versuchte sich gerade auf einen Thriller zu konzentrieren, als das Telefon klingelte. Genervt legte sie das Buch beiseite und griff nach dem Hörer. „MacKenzie"„Hallo Mac, ich bin's, Harm."

Mac unterdrückte ein Seufzen. Natürlich hatte sie Harm gestern Abend nicht mehr angerufen. Sie wusste zwar, dass es albern war, aber sie hatte keine Lust verspürt, sich wieder von der wunderbaren Sandy vorschwärmen zu lassen, die so toll mit Belle umgehen konnte.

„Mac? Sind Sie noch da?", klang Harms Stimme durch den Telefonhörer. „Entschuldigung! Hallo Harm! Ist etwas passiert, dass Sie mich anrufen?", beschloss sie es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. ›Du benimmst dich wie ein Kleinkind, Mac!‹ Sie konnte hören, wie Harm am anderen Ende stutzte. „Äh, nein. Ich wollte nur hören, wie es Ihnen geht. Ich hatte Ihnen vor einigen Tagen auf den Anrufbeantworter gesprochen. Haben Sie ihn nicht abgehört?" „Doch, tut mir leid. Ich habe ganz vergessen, Sie zurückzurufen. Ich hatte soviel zu tun…" „Ich weiß. Bud hat mir von der geänderten Aussage im Pierce-Fall berichtet." Er stockte. „Mac, warum haben Sie mir nichts davon erzählt? Vielleicht hätte ich Ihnen helfen können."

Mac verzog verächtlich das Gesicht. ›Das habe ich ja versucht, Sailor. Aber du musstest ja mit deiner Nanny einkaufen!‹ „Das war nicht nötig, ich bin auch allein gut zurechtgekommen. Mein Mandant wurde freigesprochen." „Ja, Bud hat mir heute Morgen am Telefon davon erzählt. Ich gratuliere Ihnen." Harm schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Hören Sie, warum kommen Sie nicht am Wochenende bei uns vorbei? Wir könnten wieder etwas gemeinsam unternehmen." „Hat Sandy keine Zeit?", fragte Mac kühl. Verwundert über ihre Frage antwortete Harm: „Sandy hat am Wochenende frei, sie arbeitet dann nur, wenn ich nicht in Washington bin. Also, was ist? Lust auf ein Wochenende mit Familie Rabb?" Er legte seinen ganzen Charme in seine Stimme.

Mac sah das entwaffnende Lächeln auf seinem Gesicht direkt vor sich, allerdings hatte sie diesmal nicht die Absicht, sich davon einwickeln zu lassen. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich dieses Wochenende soviel zu tun, dass ich gar keine Zeit habe." „Was haben Sie denn Aufregendes vor?" „Alles mögliche", sagte Mac, der so schnell nichts Vernünftiges einfiel.

›Zum Beispiel werde ich dieses langweilige Buch weiterlesen. Wenn es sein muss, werde ich auf den Küchenschränken saubermachen oder meinen Kleiderschrank entrümpeln. Aber auf keinen Fall werde ich den Lückenbüßer für deine tolle Sandy spielen!‹

„Oh!" Harm klang enttäuscht. „Schade! Dann sehen wir uns am Montag im Büro?" „Ich denke schon. Bis dann!"

Mac legte den Hörer auf und griff wieder nach dem Buch. Doch es gelang ihr nicht, sich auf die Handlung zu konzentrieren. Am liebsten hätte sie Harm angerufen, um ihm zu sagen, dass sie unheimlich gern das Wochenende mit ihm und Belle verbringen würde. Sie hatte Harms Tochter ins Herz geschlossen und hätte sie gern wieder gesehen. An den ersten Tagen, an denen sie sich gemeinsam mit Harm um sie gekümmert hatte, hatte Mac im Stillen gehofft, eine Art Ersatzmutter für sie werden zu können. ›Aber vermutlich hat sie dich sowieso schon vergessen. Sie hat ja jetzt Sandy, die sich den ganzen Tag um sie kümmert.‹ Es war das Beste, wenn sie ihre Erinnerungen an diese Zeit komplett aus ihrem Gedächtnis streichen würde.

›Belle hat ihren Vater und ihre Nanny, sie braucht dich nicht.‹ Nachdem sie so ihre Laune wieder einmal auf einen absoluten Tiefpunkt gebracht hatte, zwang sie sich dazu, den Thriller weiter zu lesen.


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Zur gleichen Zeit

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

Harm saß am PC und öffnete die Dateien, die Bud ihm heute geschickt hatte, um sich über die laufenden Fälle zu informieren. Das Telefonat mit Mac ging ihm nicht aus dem Kopf. Irgendetwas war falsch gelaufen. Doch was, das konnte er nicht genau sagen. Er hatte gemerkt, dass sie ihm ausgewichen war, als er nach ihren Absichten fürs Wochenende gefragt hatte und hatte so seine Vermutungen, weshalb.

›Sie wird keine Lust haben, ständig ihre Freizeit mit einem Kleinkind zu verbringen. Ist ja auch verständlich.‹ Dennoch war er enttäuscht. Es war schön gewesen, auch außerhalb der Dienstzeit mit Mac zusammen zu sein und er hatte eigentlich den Eindruck gehabt, dass auch sie Spaß daran gehabt hatte. Dann würden er und Belle das Wochenende zu zweit verbringen. Ab Montag würde er seine Tochter nur noch morgens und abends um sich haben, so dass er diese beiden Tage mit ihr voll auskosten wollte.


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09:04 Uhr EST, Montagmorgen

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

„Guten Morgen, Sir." Harriet strahlte über das ganze Gesicht, als sie Harm vor dem Aufzug traf. „Wie geht es Ihrer Tochter?" „Gut! Wie ich sie kenne, wird sie ihre Nanny ordentlich auf Trab halten." Harm versuchte mit einem Grinsen darüber hinwegzutäuschen, dass ihm doch etwas mulmig bei dem Gedanken war, Belle den ganzen Tag nicht zu sehen. Er stellte seine Aktentasche in seinem Büro ab und stellte fest, dass Mac bereits hinter ihrem Schreibtisch saß. Er wollte gerade zu ihr gehen, als Petty Officer Tiner ihn ansprach: „Sir, der Admiral möchte Sie sehen." „Danke, Tiner."

Harm klopfte und trat ein, nachdem er diesmal das ‚Herein' seines CO abgewartet hatte.

„Guten Morgen, Sir. Sie wollten mich sprechen?" „Setzen Sie sich, Commander", brummte der Admiral und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Sind Sie in der Lage, Ihren Dienst wieder voll aufzunehmen?" Prüfend sah er Harm an. „Ja, Sir. Meine Tochter ist gut versorgt und ich freue mich, wieder hier zu sein." Er blickte seinem Vorgesetzten offen ins Gesicht. „Ich möchte mich noch einmal für Ihr Entgegenkommen bedanken, Admiral." Dieser tat den Dank mit einer Handbewegung ab. „Nichts zu danken. Ich hoffe, dass Sie ein qualifiziertes Kindermädchen für Belle gefunden haben." „Das Beste, das es gibt", versicherte Harm überzeugt. Admiral Chegwidden zog leicht die Augenbrauen in die Höhe, erstaunt über seinen Enthusiasmus. „Schön. Dann lassen Sie sich am besten vom Major über die Geschehnisse in den letzten Wochen in Kenntnis setzen. Admiral Morris wird voraussichtlich morgen wieder im Dienst sein. Dann wird es hier hoffentlich endlich wieder normal weitergehen. Wegtreten." „Aye, aye, Sir."

Mac hatte beobachtet, wie Harm auf ihr Büro zugegangen war, bevor Tiner ihn angesprochen hatte. Deshalb war sie jetzt vorbereitet, als Harm mit einer Tasse Kaffee in der Hand bei ihr anklopfte. „Guten Morgen, Harm." Sie hatte beschlossen, ihre kindische Eifersucht auf Sandy zu vergessen. Belle war Harms Tochter und sie selbst war lediglich eine Kollegin von ihm. Es ging sie überhaupt nichts an, mit wem er Belles Kleidung kaufte und wer auf Belle aufpasste. Sie würde einfach wieder zu einer rein beruflichen Beziehung zurückkehren und alles Private vermeiden. „Hallo Mac." Harm setzte sich und lächelte. „Haben Sie alles geschafft?" Fragend sah sie ihn an. „Was Sie am Wochenende erledigen wollten", erklärte er und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. „Oh, das. Ja, alles erledigt", stotterte Mac. ›Weshalb lügst du ihn eigentlich an, Marine?‹ „Haben Sie schon gehört, dass Richter Morris wiederkommt?", lenkte sie schnell ab, bevor er womöglich weiter nach ihrem Wochenende fragen würde. „Übermorgen um 0900 beginnt endlich die Verhandlung gegen Lt. Sumner. Bleibt es dabei, dass Sie das Eröffnungsplädoyer halten? Ich habe Ihren Entwurf noch hier." Sie winkte mit dem Aktenordner. Harm griff danach und stand auf. An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Hören Sie, wollen wir heute zusammen zu Mittag essen? Dann können wir noch einmal über alles sprechen." Er deutete auf die Akte. „Klar, warum nicht." Mac nickte und machte sich wieder an ihre Arbeit.

Harm ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder, holte einen kleinen Bilderrahmen mit einem Foto von Belle aus seiner Aktentasche und platzierte ihn auf seinem Tisch. Einige Sekunden betrachtete er das Bild, dann wanderte sein Blick zum Telefon. Nein, er würde jetzt nicht zu Hause anrufen, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei! Er hatte mit Sandy vereinbart, gegen Mittag einen Kontrollanruf zu machen, das musste reichen. Widerwillig zog er die Hand zurück, die er schon nach dem Hörer ausgestreckt hatte, und schlug seine Unterlagen zum Fall Sumner auf.

Eine Stunde später kam Mac in das Büro ihres Partners und fand ihn mit gerunzelter Stirn über den Akten vor. „Stimmt etwas nicht?" Harm hob den Blick und sah Mac an, die in der offenen Tür stehengeblieben war. „Ich habe gerade nachgedacht. Könnte es sein, dass wir doch zu hart über Lieutenant Sumner urteilen?" Er sah, wie Mac erstaunt den Kopf zur Seite neigte und erklärte deshalb: „Er wollte doch nur die Kinder schützen und hat dabei leider die Beherrschung verloren. Selbstverständlich hat er sich falsch verhalten, aber ist eine Haftstrafe unbedingt nötig?" Mac trat verblüfft näher. „Sie wollten doch partout, dass er eine Gefängnisstrafe bekommt! Ich war ja bereit, mit Mattoni zu verhandeln. Wieso dieser plötzliche Sinneswandel?" Dann entdeckte sie das Bild von Belle auf dem Schreibtisch und verstand. Sie begegnete Harms Blick und musste lächeln. „Ich spreche mit Mattoni."

Natürlich war Commander Mattoni nur zu gern zu einer außergerichtlichen Einigung bereit.

Nach Rücksprache mit seinem Mandanten stimmte er der Teilnahme an dem Anti-Agressionsprogramm sowie einer erheblichen Soldkürzung als Strafe zu.

Mac ging zu Harm, um ihm das Ergebnis mitzuteilen. Sie war äußerst zufrieden, dass dieser Fall ohne Haftstrafe enden würde und klopfte gutgelaunt an Harms offen stehende Bürotür.

Harm, der gerade am Telefonieren war, winkte sie mit einer knappen Handbewegung hinein.

„Wirklich?" fragte er seinen Gesprächspartner am anderen Ende und lächelte dabei. „Was macht ihr heute Nachmittag?" Mac stand unschlüssig im Raum und betrachtete ihren Kollegen, der konzentriert in den Hörer lauschte. „Das erzähle ich dir heute Abend. Ich hoffe, dass ich früh zu Hause bin. Bis dann, Sandy, und gib Belle einen Kuss von mir!" Macs Lächeln gefror. Sandy! Wer sonst? ›Seit wann duzt er sie denn? Und überhaupt, was soll das heißen: ‚Ich hoffe, dass ich früh zu Hause bin'. Das klingt ja, als wäre es auch ihr Zuhause!‹

Ihre gute Laune war wie weggeblasen. Harm hatte den Hörer aufgelegt und sah zu Mac hoch, die stumm vor seinem Schreibtisch stand. „Was gibt es, Mac?" erkundigte er sich, immer noch lächelnd beim Gedanken an seine Tochter. „Ich habe mit Mattoni alles geklärt. Lt. Sumner ist einverstanden. Wir müssen morgen nur noch Admiral Morris mitteilen, dass wir uns geeinigt haben", berichtete Mac, sich mühsam an den eigentlichen Grund ihres Hierseins erinnernd. „Großartig!" Harm schob seinen Bürostuhl zurück und erhob sich. Unbewusst rückte er das Bild von Belle gerade. „Was halten Sie davon, wenn wir jetzt essen gehen? Ich lade Sie ein." Gewinnend lächelte er sie an, während er den Schreibtisch umrundete.

Macs erster Gedanke war, ihm an den Kopf zu werfen, dass er nicht einerseits mit dem Kindermädchen flirten und andererseits sie zum Essen einladen könne, doch zum Glück bremste sie sich rechtzeitig. ›Zum letzten Mal, Marine: Ihr seid nur Kollegen und was er mit dieser Sandy hat, interessiert dich nicht!‹ Na gut, es interessierte sie schon, aber es hatte sie gefälligst nicht zu interessieren! Also zwang sie sich zu einem Lächeln. „Gern!"