18:23 Uhr EST, drei Tage später
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
Harm schloss die Tür zu seinem Apartment auf. Im linken Arm hielt er die Tüte mit den Einkäufen, die er noch auf dem Heimweg besorgt hatte. Er wuchtete die Tüte auf den Küchentresen und sah sich um. Außer ihm war niemand zu Hause. An der Obstschale lehnte ein Zettel, der ihn darüber informierte, dass Sandy schon mit Belle zum Einkaufszentrum gefahren war. Harm schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. ›Richtig, wir wollten noch für Belle Schuhe kaufen. Wie konnte ich das denn vergessen?‹
Allerdings war er heute mit seinen Gedanken immer wieder bei Mac und ihrem merkwürdigen Benehmen gewesen.
Es war nicht so, dass Mac ihm gegenüber unfreundlich war. Nein, es war eher so, als ob sie ihn nicht mehr kannte. Unpersönlich, das war das richtige Wort! Wiederholt war sie ihm geschickt ausgewichen, wenn er von Belle erzählen wollte oder wenn er Andeutungen gemacht hatte, dass sie wieder einmal etwas gemeinsam unternehmen könnten. Sie schien überhaupt nur noch über berufliche Themen sprechen zu wollen.
Harm seufzte, während er den verderblichen Teil der Lebensmittel in den Kühlschrank räumte. Allmählich musste er zu dem Schluss kommen, dass Mac nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, zumindest, was den privaten Bereich betraf. Ob sie etwas gegen Belle hatte? Er hatte immer davon geträumt, dass er und Mac eines Tages… ›Aber wenn sie meine Tochter nicht akzeptieren kann, wird es nie zu einer Beziehung zwischen uns kommen. Dass sie mich nur als guten Freund und Kollegen sieht, damit kann ich leben. Aber dass sie Belle ablehnt, das hätte ich ihr nie zugetraut!‹ Tief enttäuscht von Mac und ihrem Verhalten warf er die Kühlschranktür so heftig zu, dass die Flaschen klirrten.
Er griff nach den Autoschlüsseln und stürmte nach einem Blick auf die Uhr aus dem Haus, um Sandy und Belle ins Einkaufszentrum zu folgen.
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19:24 Uhr EST
In einem Einkaufszentrum, Washington D.C.
„Dann nehmen wir diese Schuhe", sagte Harm zu der älteren Verkäuferin, die sie so aufmerksam beraten hatte. Belle, die allmählich müde wurde, kletterte freiwillig in den Buggy und ließ sich von Sandy schieben. Harm zahlte an der Kasse und folgte den beiden aus dem Geschäft. „Das wäre erledigt. Jetzt können wir - hey, was ist denn?" Erschrocken stellte Harm fest, dass Sandy dicke Tränen über die Wangen liefen. Verlegen wischte sie sich mit der rechten Hand über das Gesicht und senkte den Kopf. Harm sah sich um: Sie standen mitten in der belebten Einkaufspassage, um sie herum zahlreiche Menschen, die ihren Besorgungen nachgingen. Er legte Sandy eine Hand auf die Schulter und dirigierte sie wortlos aus dem Einkaufszentrum heraus.
An einer Bank, die etwas abseits stand, machte er Halt. Er stellte den Buggy mit seiner darin schlafenden Tochter in den Schatten und drückte Sandy, die regungslos dastand, sanft auf die Bank. Behutsam setzte er sich neben sie, schob ihr ein Taschentuch zwischen die Finger und fragte leise: „Was ist denn passiert?" Ein unterdrücktes Schluchzen war die Antwort. Unbeholfen streichelte Harm ihr über den Rücken und murmelte immer wieder besänftigend: „Ist ja gut!" Langsam beruhigte Sandy sich wieder, wiederholt fuhr sie sich mit dem durchweichten Taschentuch über die Augen. Harm reichte ihr unaufgefordert ein weiteres. „Danke!" Undeutlich klang Sandys Stimme durch die blonden Haare, die wie ein Vorhang ihr Gesicht verdeckten. „Möchtest du darüber reden?" Sandy schniefte noch einmal leise.
„Es gibt nichts zu reden. Es ist nur so, dass ich mich vor fünf Monaten von meinem Verlobten getrennt habe. Oder, besser gesagt, er sich von mir. Er hatte festgestellt, dass er doch noch nicht heiraten und Kinder haben wollte." Sie schaute hinunter auf ihren Hände, in denen sie das zerknüllte Taschentuch hielt. „Das war bestimmt schwer für dich. Aber wenn er sich wirklich noch nicht reif für eine eigene Familie fühlt …", begann Harm, der nicht ganz nachvollziehen konnte, warum Sandy jetzt, fünf Monate nach der Trennung, plötzlich in Tränen ausbrach.
„Heute Nachmittag erhielt ich einen Anruf von einer Freundin aus Knoxville. Sie hat mir auf die Mailbox gesprochen, dass Matthew letzte Woche Vater geworden ist." Ihre Finger begannen, das Papiertaschentuch systematisch in kleine Fetzen zu reißen. Harm stutzte. „Moment, letzte Woche? Das heißt…" „… dass er bereits anderweitig Vater wurde, als er unsere Verlobung gelöst hat und dass seine Begründung nichts als eine Lüge war. Dass er mich vermutlich die ganze Zeit schon belogen und betrogen hat!" Bei ihren letzten Worten fing Sandy wieder an zu schluchzen.
›Die Ärmste! Da kann ich mich fast glücklich schätzen, dass ich niemanden habe, der mir so nahe steht, um mich dermaßen verletzen zu können.‹ Mitfühlend legte Harm seinen Arm um Sandys bebenden Schultern und zog sie tröstend an sich. Eine ganze Weile saßen sie so auf der Bank in der Abendsonne.
Mac verließ das Einkaufszentrum, in der rechten Hand die Tasche mit dem neuen, roten Sommerkleid, das sie sich gegönnt hatte. Während sie es anprobiert hatte, hatte sie unwillkürlich überlegt, ob es Harm wohl gefallen würde. ›Als ob das eine Rolle spielen würde!‹
Auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum blieb sie stehen, um schon mal den Autoschlüssel aus ihrer Handtasche zu suchen, als ihr Blick auf die Bank fiel, die einige Meter entfernt unter einem Baum stand. „Nein!", flüsterte sie entsetzt. In dem Pärchen, das dort saß, erkannte sie Harm und Sandy. Harm hielt Belles Kindermädchen engumschlungen und strich ihr über das lange blonde Haar, Sandy wiederum hatte sich eng an Harms Brust geschmiegt.
„Miss, ist Ihnen nicht gut?" Ein älterer Herr stand vor Mac, offenbar besorgt über ihren geschockten Gesichtsausdruck. „Miss?" Langsam drang seine Stimme zu Mac durch, benommen blickte sie ihn an. „Mir geht es gut. Danke." Sie flüchtete zum Parkplatz, schloss mit zitternden Händen den Jeep auf und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Wie in Trance startete sie den Motor und steuerte den Wagen automatisch Richtung Georgetown.
Als der Jeep vor ihrem Haus stoppte, hätte Mac nicht sagen können, wie sie ohne einen Unfall zu verursachen nach Hause gekommen war. Sie stolperte die Treppen hoch und öffnete die Wohnungstür. Achtlos ließ sie die Tasche mit ihren Einkäufen zu Boden fallen. Das neue Kleid, bei dessen Anprobe sie an Harm gedacht hatte, fiel heraus. Harm! Vor ihrem inneren Auge sah Mac ihn wieder eng umschlungen mit Sandy auf der Bank sitzen. Es war, als ob ihr jemand in den Magen geschlagen hätte. Übelkeit stieg in ihr hoch.
Sie stürzte ins Badezimmer und übergab sich. Anschließend schleppte sie sich zum Waschbecken und sah in den Spiegel: ihr kreidebleiches Gesicht war tränenverschmiert, die Augen gerötet. Sie drehte den Wasserhahn auf, spülte den Mund aus und spritzte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht. Die Abkühlung brachte sie wieder zur Besinnung.
Sie trocknete sich das Gesicht und ging zurück ins Wohnzimmer.
Mechanisch bückte sie sich nach dem Kleid, das immer noch auf dem Boden lag, und legte es über die Sessellehne. Dann streifte sie die Schuhe von den Füßen und setzte sich mit angezogenen Beinen auf die Couch. Sie gab sich alle Mühe, ruhig und sachlich über das vorhin Gesehene nachzudenken. ›Worüber regst du dich eigentlich so auf? Du hast doch schon die ganze Zeit vermutet, dass er sich in diese Sandy verliebt hat. Jetzt hast du wenigstens Gewissheit!‹ Ihr Blick fiel auf den roten, seidig glänzenden Stoff des Kleides.
›Du hast dir doch nur etwas vorgemacht. Harm hat in dir nie etwas anderes als eine Kollegin und gute Freundin gesehen. Aber warum hat er nicht gesagt, dass er mit Sandy zusammen ist? Überhaupt, so in aller Öffentlichkeit rumzuschmusen ist sonst gar nicht seine Art. Er kennt diese Frau doch erst seit zwei Wochen!‹ Wieder traten ihr Tränen in die Augen.
›Nein, du fängst jetzt nicht an zu heulen! Soll er doch mit diesem Kindermädchen glücklich werden!‹ Entschlossen wischte sie die Tränen weg.
Sie nahm das Kleid, ging damit ins Schlafzimmer und hängte es ordentlich in den Kleiderschrank. Kurz überlegte sie, ob sie sich etwas zu Essen machen sollte, aber sie wusste, dass sie doch nichts hinunterbringen würde. Sie setzte sich an den Schreibtisch und begann planlos in irgendwelchen Papieren zu blättern, bis sie einsehen musste, dass sie zu keiner vernünftigen Arbeit in der Lage war.
›Also bleibt nur das Fernsehprogramm!‹ Sie schaltete das Gerät ein, setzte sich wieder auf die Couch und zappte durch die verschiedenen Programme. Bei ‚Harry & Sally' blieb sie schließlich hängen.
Gut anderthalb Stunden und zwei Tafeln Schokolade später flackerte das Ende über den Bildschirm: Harry und Sally fielen sich auf der Silvesterparty in die Arme und Mac brach in Tränen aus. Schluchzend lag sie auf der Couch und redete sich ein, dass es nur an diesem rührenden Filmende lag. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ihr bei dem Gedanken an Harm und Sandy von neuem die Tränen in die Augen schossen.
