09:12 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

Harm hatte seine Aktentasche in seinem Büro abgestellt und beschloss, sich erst einmal eine Tasse Kaffee zu genehmigen. Er war heilfroh, dass Sandy am Morgen wieder einen relativ gefassten Eindruck gemacht hatte. Am Vorabend war er sich doch ziemlich hilflos vorgekommen, als sie plötzlich tränenüberströmt in seinen Armen gelegen hatte.

Das Trösten weinender Frauen gehörte nicht unbedingt zu seinen bevorzugten Tätigkeiten, wie er zugeben musste. Und so gut kannte er Sandy schließlich auch noch nicht.

Als er mit der gefüllten Tasse aus der Küche zurückkam, sah er gerade noch, wie Mac ohne nach rechts oder links zu schauen in ihrem Büro verschwand. Da er noch wegen eines Antrags auf Fristverlängerung im Fall eines jungen Petty Officers mit ihr sprechen musste, klopfte er kurz an die geschlossene Tür und öffnete sie schwungvoll. „Guten Morgen, Mac!"

„Guten Morgen", kam die Antwort von Mac, die mit gesenktem Kopf in ihrem Aktenkoffer wühlte und gar nicht erst aufblickte.

Harm runzelte die Stirn. „Haben Sie etwas verloren?"

„Nein!" Mac zog einen schmalen Aktenordner heraus und knallte ihn auf den Schreibtisch.

„Gibt es einen bestimmten Grund, weshalb Sie mich von der Arbeit abhalten, Commander?" Noch während sie diese Frage stellte, begann sie wild auf der Tastatur des PCs herumzutippen, wobei sie den Kopf so hielt, dass Harm ihr Gesicht nicht sehen konnte.

„Mac?" Die Tasse auf ihrem Schreibtisch abstellend trat er näher, beunruhigt durch ihr sonderbares Verhalten. Besorgt legte er ihr eine Hand auf die Schulter und drehte sie so, dass sie ihm ins Gesicht sehen musste. Unwillig wandte Mac den Kopf ab, aber er hatte ihre geröteten Augen schon entdeckt. Offensichtlich hatte sie geweint. „Mac, was haben Sie denn?" Er konnte sich nicht erinnern, seine Kollegin schon einmal so gesehen zu haben.

„Nichts!" sagte sie und presste die Lippen zusammen. „Reden Sie keinen Unsinn! Ich seh doch, dass es Ihnen nicht gut geht." Er bemerkte, wie eine einzelne Träne über ihre Wange kullerte und wischte sie sanft mit dem Daumen weg. „He, nicht weinen, Marine. Was ist denn los?", fragte er mit leiser Stimme. Mac sah ihn mit ihren dunklen Augen an. Einen Augenblick lang schien es ihm, als ob sie ihm antworten wollte, doch dann wich sie zurück und setzte eine undurchdringliche Miene auf. „Das ist meine Privatangelegenheit und geht Sie gar nichts an! Entschuldigen Sie mich."

Sie stand auf und verließ fluchtartig ihr Büro. Zurück blieb ein reichlich verwirrter Navy-Anwalt, der sich zum wiederholten Male fragte, was aus seiner fröhlichen Kollegin von vor zwei Wochen geworden war.


Mac hatte sich in die Damen-Toilette zurückgezogen, dem einzigen Ort, von dem sie sicher annehmen konnte, dass Harm dort nicht auftauchen würde. Sie stand vor dem Spiegel und starrte finster hinein. ›Toll, Marine! Soviel zu dem Thema ‚Wir lassen uns nichts anmerken'. Fast hättest du ihm gesagt, dass du eifersüchtig bist und seiner Sandy am liebsten die Augen auskratzen würdest. Das wäre vermutlich das Schlimmste, was du tun könntest, denn dann würdest du ihn auch als Freund verlieren. Aber wahrscheinlich hast du das sowieso schon.‹

Sie straffte die Schultern, schickte ein stilles Dankgebet zum Himmel, dass Harriet nicht hereingekommen war, und ging wieder hinaus. Auf dem Weg in ihr Büro wurde sie von Tiner abgefangen, da Admiral Chegwidden sie und Harm in seinem Büro erwartete. ›Auch das noch!‹, dachte Mac, die es gern vermieden hätte, ihrem CO mit verheulten Augen entgegenzutreten.

Sie ging in das Büro, in dem Harm bereits wartete. Noch bevor er etwas sagen konnte, kam der Admiral herein. „Guten Morgen! Nehmen Sie Platz." Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und nahm eine Akte zur Hand. Plötzlich hob er den Kopf und musterte Mac erstaunt. „Major, ist mit Ihnen alles in Ordnung?"

„Ja, Sir. Ich habe nur eine Art Allergie", sagte Mac mit fester Stimme. ›Gegen ein gewisses Kindermädchen!‹, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Aha!" Admiral Chegwidden hob ungläubig eine Augenbraue und blickte zu Harm, der ausdruckslos geradeaus sah. Er beschloss, nicht weiter darauf einzugehen und reichte ihnen die Unterlagen. „First Lieutenant Harvey Carson wird beschuldigt, aus einem Fuhrpark in Quantico Ersatzteile im Wert von über 4000 Dollar entwendet und unter der Hand weiterverkauft zu haben."

„Hat er den Diebstahl gestanden, Sir?", fragte Harm, während Mac einen ersten Blick in die Akte warf. „Nein, er leugnet, überhaupt in dem Fuhrpark gewesen zu sein. Aber es gibt mehrere Zeugen, die ihn dort gesehen haben. Major, Sie übernehmen die Anklage, Commander, Sie die Verteidigung. Wegtreten!" „Aye, Sir!" Harm und Mac nahmen Haltung an und verließen das Büro.

Mac, die befürchtete, dass Harm sie erneut auf ihre Verfassung ansprechen würde, verzog sich umgehend in ihr Büro und schloss demonstrativ die Tür hinter sich. Einen so offensichtlichen Hinweis konnte selbst Harm nicht missdeuten. „Dann eben nicht", murmelte er und wandte sich achselzuckend ab.


Für den Rest des Tages ging Mac ihm so gut es ging aus dem Weg, während Harm sich den Kopf zerbrach, was um alles in der Welt er ihr denn getan hatte. Gestern die todunglückliche Sandy, heute die missgelaunte Mac, die sich scheinbar nicht entscheiden konnte, ob sie nun in Tränen ausbrechen oder einen Tobsuchtsanfall bekommen sollte.

Harm atmete erleichtert auf, als er endlich zu Hause in seinem friedlichen Apartment war.

Belle war bereits von Sandy zu Bett gebracht worden und schlief, während er die Küche aufräumte. Gerade hatte er sich mit einer Flasche Bier und der Zeitung auf seiner Couch niedergelassen, als er seine Tochter weinen hörte. Seufzend stellte er die Flasche auf dem Tisch ab und ging ins Schlafzimmer, wo seine Tochter wimmernd in ihrem Bett saß.

Alle Versuche ihres Vaters sie zu trösten, wehrte sie ab. Wütend heulte sie auf, als er ihr Bobo hinhielt, und schlug nach dem Stofftier. Genervt sank Harm auf das Fußende seines Bettes.

„Belle, das ist nicht fair! Ich hatte in den letzten zwei Tagen wirklich genug heulende Frauen um mich herum. Bitte fang du nicht auch noch damit an", bat er sie inständig, allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass sie weder eine volle Windel, noch irgendwelche körperlichen Schmerzen hatte, ging er wieder ins Wohnzimmer, in der Hoffnung, dass Belle sich von selbst wieder beruhigen würde. Nach einer halben Stunde hatte sich sie schließlich müde geweint und schlief ein.

Aufatmend genoss Harm die plötzliche Ruhe. „Frauen!", murmelte er dann kopfschüttelnd und widmete sich wieder seiner Zeitung.


xxx


18:54 Uhr EST, sechs Tage später

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

Harm schloss die Wohnungstür und stellte seine Aktentasche neben den Schreibtisch.

„Hallo Sandy", begrüßte er das Kindermädchen, das am Tisch stand und Kinderwäsche zusammenlegte. „Ist Belle schon im Bett?"

„Seit einer Viertelstunde", antwortete Sandy und fuhr mit ihrer Arbeit fort. „Sie ist beim Essen fast eingeschlafen."

Harm ging an den Kühlschrank und nahm eine Dose Cola light heraus. Er trank einen Schluck und sah Sandy nachdenklich zu. „Fertig!" Sie schob den Wäschestapel an die Seite und bemerkte Harms Blick. „Was ist?" „Wie geht es dir inzwischen?"

Seit dem Abend im Einkaufszentrum hatten sie nicht mehr über Sandys Kummer gesprochen. Harm, weil er unbedingt einen weiteren Tränenausbruch verhindern wollte, Sandy, weil ihr ihr Benehmen im Nachhinein äußerst peinlich war. In den vergangenen Tagen war sie etwas ruhiger gewesen und hatte sich ausschließlich auf Belles Betreuung konzentriert. „Mir geht es gut", wehrte sie ab. „Ich habe mich damit abgefunden. Wahrscheinlich ist es besser Single zu bleiben. Sonst wird man ja doch nur belogen und betrogen." Sie warf einen Blick auf Harm, der auf seine Cola-Dose starrte. „Aber du siehst auch nicht gerade glücklich aus."

Harm zuckte leicht mit den Schultern und fuhr mit dem Zeigefinger den Dosenrand entlang. „Ich weiß auch nicht... Es ist so", begann er zu erklären, den Blick weiterhin auf die Dose in seiner Hand gerichtet, „ich habe eine Kollegin, eine wirklich gute Freundin. Wir verstehen uns prima, haben einiges zusammen durchgemacht. Aber in letzter Zeit… ist sie wie ausgewechselt. Sie spricht kaum noch mit mir, vermeidet jedes private Wort." Er verstummte.

„Hast du sie irgendwie verletzt?", forschte Sandy nach.

„Ich wüsste nicht, womit." Harm schüttelte den Kopf. „Nein, ich vermute, es liegt an Belle. Dabei liebt sie Kinder. Anfangs war sie auch häufig hier bei mir und Belle. Wir haben zusammen gepicknickt, sie hat mir geholfen, die Möbel für Belle zu kaufen..." Er lächelte etwas wehmütig bei dem Gedanken daran. „Ich dachte wirklich, sie mag Belle. Aber jetzt..."

„Vielleicht sie nur etwas Zeit, um sich daran zu gewöhnen", versuchte Sandy ihn aufzumuntern. Zweifelnd sah Harm sie an. „Das glaube ich nicht. Aber egal, du hast schon recht: Manche Dinge muss man eben einfach akzeptieren." Er warf die leere Dose in den Abfall. „Ich sehe mal schnell nach Belle und dann habe ich noch zu arbeiten. Ich habe morgen eine wichtige Verhandlung." „Ich fahre nach Hause. Bis morgen!", verabschiedete sich Sandy. „Bis morgen!"

Harm vergewisserte sich, dass Belle zufrieden in ihrem Bett schlief und setzte sich dann an seinen Schreibtisch. Morgen würde der Fall gegen Lt. Carson endlich zur Verhandlung kommen. Harm hoffte nur, dass man ihm seine Abneigung gegen seinen Mandanten nicht anmerken würde. In seinen Augen war First Lieutenant Harvey Carson eine der unsympathischsten, arrogantesten Personen, die er je hatte verteidigen müssen. Als Sohn eines Drei-Sterne-Generals schien er der Meinung zu sein, dass ihm nichts passieren könne. Entsprechend unkooperativ hatte er sich auch seinem Anwalt gegenüber verhalten. Harm hatte herausgefunden, dass Carson ihn mindestens einmal unverfroren angelogen hatte. ›Wenn er das auch bei der Verhandlung macht, können wir einpacken. Mac wird ihn gnadenlos auseinandernehmen.‹ Am liebsten hätte er an ihrer Stelle die Anklage vertreten, er war fest davon überzeugt, dass sein Mandant schuldig war. ›Leider kannst du dir das nicht aussuchen. Also überleg dir schon einmal, wie du Macs voraussichtlichen Argumente entkräften kannst.‹ Er griff nach seinem Kugelschreiber und fing an, sich Notizen zu machen.


xxx


08:12 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

Harm stellte die frisch gefüllte Kaffeetasse auf seinem Schreibtisch ab und setzte sich.

Müde fuhr er sich über die Augen. Er hatte noch die halbe Nacht an seiner Strategie für die heutige Verhandlung gearbeitet und am Morgen war er kaum zum Frühstücken gekommen, weil sich Belle bei einem Sturz gegen den Couchtisch eine gewaltige Beule am Kopf zugezogen hatte. Ihr anschließendes Gebrüll hatte man wahrscheinlich noch auf der Straße hören können.

Er sah seine Post durch und suchte in seinem Aktenkoffer die Unterlagen zum Fall Carson, um seine Notizen für die Verhandlung noch einmal durchzulesen. „Verdammt!" Die Akte war nicht in der Tasche und Harm konnte auch ganz genau sagen, wo sie stattdessen war: auf seinem Schreibtisch zu Hause. Abgelenkt durch Belles Malheur hatte er schlicht und einfach vergessen sie einzupacken. Er sah auf seine Armbanduhr. Die Verhandlung würde zwar erst um 11:00 Uhr beginnen, aber vorher hatte Admiral Chegwidden noch eine Dienstbesprechung angesetzt, an der er teilnehmen musste. „Dann bleibt nur eine Möglichkeit", murmelte er und griff nach dem Telefon. Nach dem dritten Läuten nahm Sandy ab. Harm erklärte ihr die Situation und bat sie, ihm die Unterlagen ins Hauptquartier zu bringen. Aufatmend legte er den Hörer auf. Gut, dass er sich auf Sandy verlassen konnte! Er nahm einen Schluck Kaffee und begann, einige Anträge aus seinem Posteingang zu bearbeiten.

„Commander Rabb? In fünf Minuten beginnt die Besprechung." Harm hob den Kopf.

„Danke, Tiner. Hören Sie, nachher wird hier eine junge Dame nach mir fragen, Miss Sandra Johnson. Sie ist Belles Kindermädchen. Kümmern Sie sich bitte um sie und meine Tochter, falls ich noch in der Besprechung sein sollte." „Aye Sir!"


Mac war erleichtert, als die Dienstbesprechung endlich vorbei war. Sie hatte gemerkt, dass Harm ihr immer wieder verstohlene Blicke zugeworfen hatte, was sie leider nicht so kalt ließ, wie sie es gern hätte. Und dann musste sie auch noch gleich vor Gericht gegen ihn antreten.

Eilig durchquerte sie das Bullpen. Die krähende Stimme eines Kleinkindes ließ sie abrupt stoppen. In Harms Büro spielte Belle mit Bobo, auf dem Besucherstuhl neben ihr saß – natürlich - Sandy. Mac erstarrte. Musste diese Frau denn unbedingt auch noch hier auftauchen? Gerade brachte Petty Officer Tiner eine Tasse Kaffee und ein Glas Milch in Harms Büro. Sandy nahm die angebotene Tasse und lächelte Tiner strahlend an. ›Sie wird doch nicht hier mit Tiner flirten wollen.‹ Mac beschloss, die Situation von einem strategisch günstigen Punkt aus im Auge zu behalten. Sie zog eine Schublade des Hängeregistraturschranks auf und tat so, als ob sie eine Akte suchen würde, den Blick unauffällig auf Harms Büro gerichtet. Sandy hatte Belle geholfen, die Milch zu trinken und plauderte jetzt angeregt mit Tiner, die Wangen leicht gerötet.

›Das gibt es doch nicht! Sie hat einen Freund wie Harm und guckt trotzdem einen anderen Mann an?‹ Erschüttert wandte Mac sich ab und stieß mit Harm zusammen, der wohl direkt hinter ihr gestanden hatte. „Vorsicht, Marine! Nicht so stürmisch." Er grinste sie an und deutete mit dem Kopf Richtung Sandy und Tiner. „Sie scheint ihn zu mögen, glauben Sie nicht auch?" Offensichtlich war Mac nicht die Einzige, die die beiden beobachtet hatte.

Ungläubig starrte Mac ihn an. War das etwa alles, was er dazu zu sagen hatte, wenn seine Freundin einem anderen Mann Avancen machte? Harm schien ihre Verblüffung ganz anders zu verstehen. „Es ist nicht so, dass ich sie unbedingt verkuppeln möchte", beeilte er sich zu erklären. „Aber sie litt in der letzten Zeit ziemlich an den Nachwehen einer gescheiterten Beziehung und ich bin erleichtert, dass sie jetzt anscheinend darüber hinweg ist. Außerdem ist Tiner ein netter Kerl, die beiden würden gut zusammen passen. Entschuldigen Sie mich, ich möchte meine Tochter begrüßen." Mac sah ihrem Kollegen sprachlos hinterher, als er in sein Büro ging und Belle einen Kuss auf die Stirn drückte.

Harm freute sich, dass Belle den Schrecken vom Morgen überwunden hatte und die Beule auch schon wieder zurückgegangen war. Während er Sandy für die mitgebrachte Akte dankte, konnte er aus dem Augenwinkel sehen, dass Mac noch immer wie angewurzelt im Bullpen stand und zu ihnen herüberschaute. Unwillkürlich überlegte er, was er jetzt wieder falsch gemacht hatte. Tiner war zurück an seinen Platz gegangen, allerdings nicht ohne sich vorher wortreich von Sandy zu verabschieden, woraufhin ihm diese mindestens genauso umständlich für den Kaffee und seine nette Gesellschaft gedankt hatte. Harm hatte sich diskret zum Fenster gedreht, bemüht, sie sein allzu breites Grinsen nicht sehen zu lassen. „Belle!" Sandys Ruf ließ ihn herumfahren. Seine Tochter war aus seinem Büro entwischt und rannte jetzt so schnell sie konnte zwischen den Schreibtischen im Bullpen her. Ein im Weg stehender Papierkorb brachte sie schließlich zu Fall. Belle ging zu Boden und fing an zu weinen. Harm stürzte auf sie zu, aber Mac war schneller.

„Nicht weinen, Belle." Vorsichtig nahm sie Harms Tochter auf den Arm und tröstete sie. Sie schob das Hosenbein hoch und pustete über Belles Knie, das von dem Sturz etwas gerötet war. „Jetzt ist alles wieder gut!" Und tatsächlich, Belle hatte aufgehört zu weinen und blickte Mac mit großen Augen an. Mac suchte vergeblich nach einem Taschentuch, um Belle die Tränen vom Gesicht wischen zu können.

„Hier." Sandy war näher getreten und hielt ihr ein Papiertaschentuch hin. „Danke!" Mac beseitigte die Tränenspuren auf Belles Gesicht und wollte das Kind dann an Sandy reichen, doch diese wehrte ab. „Sie scheint sich doch bei Ihnen sehr wohl zu fühlen." Sie streckte ihre Hand aus. „Wir kennen uns noch nicht. Ich bin Sandra Johnson. Sie können gerne Sandy zu mir sagen."

Mac ergriff lächelnd die Hand und schüttelte sie. „Sarah MacKenzie. Meine Freunde nennen mich Mac. Ich freue mich, dass ich Sie endlich kennenlerne. Harm hat mir schon viel von Ihnen erzählt."

Der stand daneben und blickte mittlerweile überhaupt nicht mehr durch. Seit Tagen ging Mac ihm aus dem Weg, machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter und sprach nur das Nötigste und jetzt auf einmal lächelte sie wieder, als wäre nichts gewesen. ›Ich werden diese Frauen nie verstehen!‹

Innerlich kopfschüttelnd verfolgte er, wie sich Mac und Sandy über Belle unterhielten. „Sie sagen ja gar nichts, Harm", unterbrach Mac seinen Gedankengang und lächelte ihn leicht an.

›Kein Wunder, ich versuche ja immer noch herauszufinden, was hier los ist!‹ Da ihm aber klar war, dass dies bestimmt nicht die Antwort war, die Mac hören wollte, grinste er sie lieber an. „Ich habe nur Angst, dass ich Ihnen versehentlich meine Strategie verraten könnte. Schließlich stehen wir uns gleich im Gericht gegenüber." Mit funkelnden Augen sah sie ihn an. „Ich freue mich schon darauf. Ich werde Sie fertigmachen!" Genau das befürchtete Harm auch, aber aus irgendeinem Grund störte es ihn plötzlich nicht mehr so. Er schmunzelte und warf einen Blick auf die Uhr, als ihm ein Gedanke kam. „Ich treffe mich gleich mit meinem Mandanten. - Tiner", rief er den Petty Officer zu sich. „Bitte sorgen Sie dafür, dass Miss Johnson und Belle zu ihrem Wagen finden." „Aye, Sir!" Tiners Gesichtsfarbe nahm einen zartrosa Schimmer an, als er Sandy, die Belle jetzt an der Hand führte, zum Aufzug begleitete.

Unauffällig sah Harm ihnen nach.

„Ich weiß ja, dass Sandy keine militärische Ausbildung hat, aber meinen Sie nicht, dass sie ihr Auto auch allein wiedergefunden hätte?", fragte Mac ihn erstaunt. „Natürlich", antwortete er grinsend. „Aber ich wollte ihr eine kleine Freude machen. Betrachten Sie es einfach als meine gute Tat des Tages." Er schenkte ihr ein Flyboy-Lächeln. „Trinken Sie noch eine Tasse Kaffee mit mir, bevor ich Sie gleich gnadenlos fertigmachen werde?" „Kaffee ist genehmigt, aber das mit dem Fertigmachen ist mein Part." Einträchtig holten sie sich ihren Kaffee und setzten sich in Macs Büro.

„Petty Officer Tiner, können Sie mir bitte erklären, wo Sie sich während Ihrer Arbeitszeit herumtreiben?", erklang das Grollen des Admirals aus dem Bullpen. „Ich suche Sie bereits seit fünf Minuten." Harm und Mac unterbrachen ihr Geplänkel über die bevorstehende Verhandlung und lauschten gespannt. „Entschuldigen Sie, Sir. Ich habe eine Zivilistin zu ihrem Wagen gebracht." Durch die geöffnete Tür konnten sie sehen, wie Tiner in Habacht-Stellung vor Admiral Chegwidden stand. „Als mein Yeoman sind Sie nicht dazu da, älteren Damen in ihr Auto zu helfen. Überlassen Sie das gefälligst anderen. Haben Sie mich verstanden, Petty Officer?" „Aye, aye, Sir!"

Harm und Mac tauschten einen Blick und mussten einen Lachanfall unterdrücken. „Was der Admiral wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass es sich bei der ‚älteren Dame' um eine junge Blondine handelt?", flüsterte Mac. „Vermutlich würde er dem armen Tiner den Kopf abreißen", spekulierte Harm, dankbar, dass sie endlich wieder zu ihrem vertrauten Umgangston zurückgefunden hatten. Er leerte die Tasse und seufzte. „Jetzt muss ich aber wirklich zu Lieutenant Carson. Bis nachher, Mac!" „Bis nachher!" Mac nahm ihre Unterlagen zur Hand, um ihr Eröffnungsplädoyer erneut durchzugehen.

Harm kam mit der Aktentasche in der Hand an ihrer offenen Tür vorbei und lächelte ihr noch einmal zu. Mac lächelte zurück, während ihr schlechtes Gewissen sie zwickte. ›Das war eine absolute Glanzleistung von dir, Marine! Harm tröstet Sandy, weil sie Liebeskummer hat, und du führst dich auf wie eine betrogene Ehefrau. Du kannst nur hoffen, dass er nie herausfindet, warum du dich so unmöglich benommen hast.‹