17:37 Uhr EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Netter Versuch, Harm. Aber Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Sie damit einen Freispruch bewirken. Sie hätten auf den Deal eingehen sollen, den ich Ihnen angeboten habe."
Harm zog eine Grimasse und folgte Mac in den Aufzug. „Bedauerlicherweise hätte mein Mandant aber damit einverstanden sein müssen, und das war er nun mal nicht."
Wie nicht anders zu erwarten, hatte Lt. Carson im Zeugenstand äußerst unglaubwürdig gewirkt. Mac hatte innerhalb kürzester Zeit seine Aussagen als Lügengeschichten entlarvt und so die Geschworenen auf ihre Seite gebracht. Alle Bemühungen von Harm, die Glaubwürdigkeit der Zeugen zu erschüttern und die bislang makellose Dienstakte des Angeklagten in den Vordergrund zu stellen, waren vergebens gewesen.
„Sie trifft keine Schuld, wenn er schuldig gesprochen wird. Ich hätte ihn auch nicht besser verteidigen können", versuchte Mac ihn aufzubauen. „Das tröstet mich ungemein, Mac! Aber wenn es Ihnen Recht ist, möchte ich jetzt nicht weiter darüber nachdenken, sondern einfach das Wochenende genießen." Mac nickte und betrachtete die Stockwerksanzeige des Aufzugs.
„Haben Sie schon Pläne fürs Wochenende?", fragte sie scheinbar uninteressiert und warf ihm einen beiläufigen Seitenblick zu.
„Ich wollte mit Belle in den Zoo gehen."
„Das wird ihr bestimmt Spaß machen. Ich war leider schon seit Jahren nicht mehr dort", bekannte Mac.
„Dann kommen Sie doch einfach mit. Belle würde sich sicher freuen." Er zögerte kurz. „Und ich mich auch", setzte er dann hinzu und sah sie offen an.
Unsicher erwiderte Mac seinen Blick. Sie konnte kaum glauben, was er da sagte. War er denn überhaupt nicht sauer auf sie, so wie sie ihn in den letzten Tagen behandelt hatte? Langsam verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln. „Unheimlich gern! Wann soll ich Sie beide abholen?"
Sie vereinbarten, dass Mac am nächsten Morgen gegen 9:00 Uhr bei ihnen sein sollte.
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18:21 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
Sandy wischte Belle den Mund ab und nahm ihr das Lätzchen ab. „So, junge Dame. Ein paar Minuten kannst du noch spielen, dann geht es ins Bett." Sie lehnte sich an den Küchentresen und sah zu, wie Harm Gemüse kleinschnitt. „Sie ist sehr nett, diese Sarah MacKenzie", begann sie und wartete auf eine Reaktion von Harm.
Er lächelte vor sich hin. „Allerdings, das ist sie."
Tastend fuhr Sandy fort: „Sie scheint auch gut mit Kindern umgehen zu können…"
„Mmmh", bestätigte Harm und griff nach einer weiteren Tomate.
Sandy beschloss aufs Ganze zu gehen und die Frage zu stellen, die sie schon seit heute Vormittag beschäftigte. „Das ist aber nicht die gute Freundin, von der du behauptest, dass sie etwas gegen Belle hat, oder?"
Harm ließ das Messer sinken und sah Sandy an. „Doch, das ist sie."
Sandy verstand die Welt nicht mehr. „Aber wie kommst du bloß auf den Gedanken, dass sie Belle nicht mag? Man kann doch deutlich sehen, dass sie ganz vernarrt in sie ist!" Sie beschloss, ihre Ansichten darüber, in wen Mac ihrer Meinung nach noch vernarrt war, erst einmal für sich zu behalten.
Harm hob hilflos die Hände. „Glaub mir, in den letzten zwei Wochen war sie wie ausgewechselt. Heute war sie wieder völlig normal. Ich weiß nicht, was passiert ist."
Zwei Wochen. Sandy hatte eine leise Ahnung, was Macs schlechte Laune verursacht haben könnte.
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09:06 Uhr EST
vor Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
„Soll ich Ihnen helfen oder bekommen Sie das allein hin?" Harm lud den Buggy und den Picknickkorb in den Kofferraum des Jeeps und drehte sich fragend zu Mac, die Belle in den Kindersitz verfrachtete. „Kein Problem, alles schon erledigt!" Sie drückte Belle noch den Stoffhund in die Hände und schloss die hintere Tür.
Nach zehn Minuten Fahrt sah Mac verwundert zu ihrem Beifahrer. „Sie sind so ruhig. Stimmt etwas nicht?"
Um nicht wieder in irgendein Fettnäpfchen zu treten, zog Harm es vor, seine Gedanken nicht laut auszusprechen, nämlich, wie sehr er Macs Gesellschaft in den letzten zwei Wochen vermisst hatte. ›Womöglich zieht sie sich sonst wieder zurück, weil sie denkt, dass du mehr als nur Freundschaft für sie empfindest. Womit sie auch Recht hätte, wenn du ganz ehrlich bist.‹ Stattdessen lächelte er ihr zu. „Ich habe nur überlegt, dass ich endlich ein neues Auto kaufen muss. Was meinen Sie, was für einen Wagen sollte ich nehmen? Für die Corvette bekomme ich sicher einen guten Preis."
Mac konnte ihr Erstaunen nicht verbergen. „Ich hätte nie geglaubt, dass Sie so emotionslos über den Verkauf Ihrer Corvette sprechen könnten. Ich dachte, Sie lieben dieses Auto?"
„Ich hänge an dem Auto", korrigierte Harm. „Sogar ziemlich. Aber lieben?" Er schüttelte den Kopf. „Lieben kann ich nur Menschen."
Er wandte sich um und warf einen warmen Blick auf Belle, die in ihrem Kindersitz vor sich hinredete. „Wenn ich anfangen sollte, einen Haufen lackiertes Blech mehr zu lieben als ein atmendes Wesen, dann hätte ich wirklich ein Problem." Er setzte sich wieder gerade hin und schaute Mac an. „Also, zu welchem Auto würden Sie mir raten?"
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13:41 Uhr EST
National Zoological Park
Washington D.C.
„Was hat dir am besten gefallen, Belle? Die Affen oder die beiden Pandabären?" Harm schob den Buggy über den schattigen Weg, während Mac nach einem geeigneten Platz für ihr Picknick Ausschau hielt.
Obwohl an diesem sonnigen Samstag viele Besucher im Zoo waren, verteilten sie sich in der großzügigen Parklandschaft so, dass man vor allem abseits der Hauptwege kaum jemandem begegnete.
„'lein", forderte Belle, die Frage ihres Vaters ignorierend, und zerrte an dem Gurt, der sie im Buggy hielt. „Na gut, wenn du selbst laufen willst." Harm öffnete den Gurt und ließ Belle aus dem Buggy klettern. Breitbeinig stapfte sie auf Mac zu und griff nach ihrer Hand. Überrascht sah Mac zu ihr hinunter. „Möchtest du bei mir an der Hand gehen? Das finde ich schön!"
Gemeinsam gingen sie weiter, bis sie an einen kleinen Spielplatz kamen. Belle stürmte auf den Sandkasten zu und fing an zu buddeln, kräftig unterstützt von Mac, während Harm auf einem der umherstehenden Holztische das Essen ausbreitete.
„Wenn ich die Damen zu Tisch bitten dürfte", rief er herüber, als er alles möglichst dekorativ aufgebaut hatte. „Essen fassen!", verdeutlichte er etwas lauter, da keine Reaktion erfolgte. „Komm, Belle. Das Essen ist fertig. Wir können später weiterspielen."
Mac stellte Belle auf die Beine und klopfte ihr den Sand von der Kleidung. „Dein Daddy wartet auf uns."
„DADDY!"
Harm drehte sich fassungslos zu Belle, die strahlend auf ihn zulief. „Belle, du hast ja ‚Daddy' gesagt!" Er ging vor ihr in die Hocke und sah sie mit großen Augen an.
Mac hatte seine Worte gehört. Bewegt verfolgte sie, wie Harm seine Tochter leicht an sich drückte und ihr einen Kuss auf die dunklen Locken gab. Diskret hielt sie sich im Hintergrund um nicht zu stören. Harm wiederum dachte nicht daran, dieses große Ereignis nicht mit zu teilen. Überglücklich sah er sie an. „Sie hat zum ersten Mal ‚Daddy' zu mir gesagt." Er ließ Belle, die zu zappeln begonnen hatte, los und erhob sich. „Fragen Sie mich noch immer, ob ich wirklich meine Corvette verkaufen will? Für Belle würde ich alles tun!"
Nach diesem Bekenntnis erinnerte er sich wieder an seine Vaterpflichten und hinderte seine Tochter in letzter Sekunde daran, mit ihren sandigen Fingern in den Kartoffelsalat zu greifen.
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17:22 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
„Machen Sie uns doch schon einen Kaffee, ich lege Belle in der Zwischenzeit ins Bett." Harm drückte die Wohnungstür mit der rechten Schulter ins Schloss, da er die schlafende Belle auf dem Arm trug. Völlig erledigt von dem aufregenden Tag war sie im Auto eingeschlummert. Vorsichtig entkleidete er sie, zog ihr den Strampelanzug an und packte sie ins Bett.
Mac hatte wie versprochen Kaffee gekocht und schenkte ihn gerade ein, als Harm sich in den Sessel fallen ließ.
„Kein Wunder, dass sie so müde ist, nach der Lauferei." Nach dem Picknick hatte Belle es strikt abgelehnt, sich wieder in ihren Buggy zu setzen, sondern war wie ein Wirbelwind die Wege entlanggelaufen. „Ich hätte mich gern an ihrer Stelle durch die Gegend fahren lassen."
„Das glaube ich Ihnen sofort", grinste Mac. „Ich fürchte nur, dass Sie das zulässige Höchstgewicht des Buggys knapp überschreiten. Aber ich muss zugeben, dass ich noch nie bei einem so langen Zoobesuch so wenige Tiere gesehen habe."
Belle hatte nicht übermäßig viel Interesse an den Tieren in den Gehegen gezeigt, sondern war lieber auf die überall aufgestellten Holzbänke und Spielgeräte geklettert, von denen ihr Vater sie umgehend wieder heruntergeholt hatte.
„Wenn sie etwas älter ist, können wir vielleicht…" Ein lautes Klopfen an der Tür unterbrach Harm. Er sah Mac mit gerunzelter Stirn an und ging zur Tür, um sie zu öffnen.
„Hallo Kumpel! Alles bereit für ein ereignisreiches Wochenende?"
„Keeter!" Verblüfft stützte sich Harm gegen den Türrahmen. „Was machst du denn hier?"
Der etwas stämmige Jack Keeter zog eine Grimasse. „Sag nicht, du hast es wirklich vergessen! Wir wollten dieses Wochenende zusammen durch D.C. ziehen. Wie in alten Zeiten. Na, klingelt's da bei dir?" Er schob Harm, der immer noch regungslos vor der Tür stand, beiseite. „Danke, dass du mich hereinbittest. Nette Bude!" Prüfend sah er sich um.
Als er Mac auf der Couch sitzen sah, hob er die Augenbrauen. „Hallo!", rief er durch den Raum und raunte dem neben ihm stehenden Harm zu: „Jetzt habe ich kapiert, wie du meinen Besuch vergessen konntest. Ich hoffe, ich habe dir nicht die Tour vermasselt." Harm schloss endlich die Tür und sah Keeter strafend an. „Du kapierst überhaupt nichts." Er schob Keeter vor sich her bis zur Couch.
„Keeter, das ist Major Sarah MacKenzie, eine Kollegin und sehr gute Freundin von mir. Mac, das ist mein alter Freund Lieutenant Commander Jack Keeter. Wir waren Zimmergenossen auf der Akademie. Im Gegensatz zu mir darf er immer noch fliegen."
Artig schüttelte Keeter Mac die Hand und meinte bewundernd: „Wenn ich gewusst hätte, dass es beim JAG-Corps so reizende Kolleginnen gibt, wäre ich selbstverständlich auch Anwalt geworden." Charmant lächelte er sie an.
„Keeter!", erklang Harms warnende Stimme, während Mac nur amüsiert lachte.
Harm bat Mac, noch eine Tasse für Keeter zu holen, und zischte diesem, kaum dass sie außer Hörweite war, zu: „Hör zu, ich möchte nicht, dass du Mac schöne Augen machst. Für deine Spielchen ist sie nämlich zu schade. Haben wir uns verstanden?" Keeter merkte an dem Ausdruck in Harms Augen, dass es seinem Freund damit ernst war und hob abwehrend die Hände. „Okay, ganz ruhig, Kumpel!"
Mac kam mit der Tasse zurück und stellte sie vor Keeter ab.
„Danke, Major MacKenzie", bedankte er sich höflich bei ihr. „Nennen Sie mich Mac." Sie fragte Keeter nach seiner Reise und seinem derzeitigem Einsatzort als Pilot. Keeter antwortete freundlich und ohne einen weiteren Versuch zu machen mit ihr zu flirten, wie Harm erleichtert feststellte. Er kannte Keeters Ruf in Bezug auf Frauen, der sich gar nicht so sehr von seinem eigenen unterschied, und wollte verhindern, dass Mac sich von Keeter einwickeln ließ. Selbstverständlich nur in ihrem Interesse, wie er sich versicherte. Schließlich sollte sie nicht von einem weiteren Mann verletzt werden.
Aus dem Schlafzimmer erklang Belles Stimme. Harm und Mac tauschten einen Blick. Mit einem Seitenblick auf Keeter, der sich verwirrt nach der Geräuschquelle umsah, erhob sich Mac und nickte Harm zu. „Ich sehe nach ihr."
Erstaunt blickte Keeter ihr hinterher. „Deine Kollegin hat ein Kind?"
Harm holte tief Luft. „Nein." Er sah seinem Freund fest in die Augen. „Ich habe ein Kind." „Du?" Keeter stellte die Tasse abrupt auf den Tisch zurück, so dass der Inhalt überschwappte und eine große Pfütze bildete. „Wieso hast du am Telefon nichts davon erzählt?"
„Weil ich es damals auch noch nicht wusste."
„Moment, ich verstehe ja nichts von Kindern, aber soviel ich weiß, kündigen sie sich normalerweise ein paar Monate vorher an."
„Dieses aber nicht." Harm berichtete, auf welchem Weg Belle zu ihm gekommen war. Als er fertig war, atmete Keeter geräuschvoll aus. „Und jetzt?" „Jetzt lebt Belle bei mir." Harm holte einen Lappen und beseitigte die Kaffeespuren auf der Tischplatte.
„Weißt du eigentlich, was du dir da aufbürdest?" Befremdet schaute Keeter ihn an. „Dein ganzes Leben wird sich komplett ändern. Du kannst nicht mehr spontan ausgehen, nicht mehr allein verreisen oder einfach so eine Frau mit nach Hause bringen können, immer wirst du zuerst an das Kind denken müssen!" „Keeter, ich konnte so viele Jahre spontan ausgehen und verreisen, ich werde es nicht vermissen. Und Frauen mit nach Hause bringen…" Harm zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Das Wichtigste ist, dass Belle bei mir sein kann, dafür ist mir kein Opfer zu groß."
Mac saß auf Harms Bett und sah zu Belle, die wieder eingeschlafen war. Aus dem Wohnzimmer konnte sie die Unterhaltung der beiden Freunde mitanhören. Zunächst war sie sich wie ein Spion vorgekommen, aber sie tröstete sich damit, dass Harm schließlich wusste, dass sie nebenan war. Belle regte sich wieder in ihrem Bett. Sie krabbelte unter ihrer Decke hervor, zog sich am Gitter empor und rief fordernd: „Daddy!"
Mac hatte sie schon herausgehoben, als Harm ins Schlafzimmer kam. „Bist du wach, Belle? Dann können wir zusammen ins Wohnzimmer gehen. Wir haben Besuch." Er nahm seine Tochter auf den Arm und ging mit ihr rüber zu Keeter. Mac folgte ihnen, gespannt auf Keeters Reaktion.
„Keeter, ich möchte dir meine Tochter Isabelle Juanita Moreno Guttierez Rabb vorstellen. Belle, das ist Keeter. Keeter ist ein Freund von Daddy." Belle verbarg ihr Gesicht erst hinter dem Arm ihres Vaters und beobachtete den fremden Mann verstohlen. Dann hob sie ihren Kopf und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Keeter, der das Kind mit leichtem Misstrauen betrachtet hatte, guckte völlig verdattert. „Ich glaube, sie mag mich."
„Na ja", gab Harm scheinbar ernsthaft zu bedenken. „Sie kennt dich ja auch noch nicht so gut." Schmunzelnd sah er zu Mac, die ebenfalls ein Grinsen unterdrücken musste.
Fasziniert betrachtete Keeter das kleine Mädchen, das sich jetzt vertrauensvoll in Harms Armbeuge schmiegte und die Augen schloss. „Na, kleine Maus, bist du immer noch müde?" Harm strich ihr behutsam über den Kopf. „Du musst aber eigentlich noch in die Badewanne. Du hast ja den halben Sandkasten in den Haaren."
„Ich könnte sie baden", bot Mac an. „Unterhalten Sie sich in Ruhe mit Ihrem Besuch."
Harm sah sie unsicher an. „Glauben Sie, Sie können das?" Unbewusst zog er Belle enger an sich.
„Ja", sagte Mac schlicht. „Oder vertrauen Sie mir nicht?" Ernst erwiderte sie seinen Blick. „Doch, selbstverständlich. Ihnen vertrauen ich sogar meine Tochter an." Mit einem Lächeln reichte er sie ihr. Keeter, der den Wort- und Blickwechsel höchst interessiert verfolgt hatte, grinste in seine Kaffeetasse.
Mac steckte Belle in die Badewanne und wusch ihr sorgfältig den Sand vom Körper. Zweimal betrat Harm ‚zufällig' das Bad, um zufrieden festzustellen, dass seine Kollegin die Situation voll im Griff hatte. Mac quittierte diese Kontrollbesuche mit einem Augenrollen, hatte aber Verständnis dafür. Sie würde ihre Tochter auch nicht gern jemandem überlassen, der selbst keine Kinder hatte. ›Du hast überhaupt keine Tochter! Und wer weiß, ob du je eine haben wirst?‹ Sie wickelte Belle und zog ihr den Strampelanzug an.
Harm hatte nebenbei Belles Abendessen vorbereitet, bei dem das Kind dann beinahe einschlief. Mit verschränkten Armen saß Keeter am Tisch und sah zu, wie sein alter Kumpel und früherer Pilotenkollege seiner Tochter ganz selbstverständlich die Essensreste vom Kinn wischte, sie hochhob und ins Schlafzimmer trug, um sie schlafen zu legen. Er begegnete Macs Blick, der sein leichtes Kopfschütteln nicht entgangen war.
„Sie sehen so nachdenklich aus, Keeter."
„Ich bin nur überrascht." Er machte eine vage Geste Richtung Schlafzimmer, aus dem man Harm sanft mit Belle sprechen hörte. „Damit hätte ich nie im Leben gerechnet."
„Was meinen Sie? Dass Harm eine Tochter hat?", fragte Mac nach und räumte den benutzten Teller in den Geschirrspüler.
„Das auch. Aber vor allem, dass ausgerechnet er sich als treusorgender Vater herausstellen und einfach so ohne zu Murren seine Freiheit aufgeben würde." Er schüttelte erneut den Kopf. „Ich könnte das nicht." Übermäßig begeistert schien er nicht von der Veränderung in Harms Leben zu sein.
Mac lehnte sich an den Küchentresen und meinte nur: „Sie ist seine Tochter und er liebt sie."
„Trotzdem, so von einer Minute auf die andere..." Keeter verstummte, als Harm hereinkam. „So schnell ist sie noch nie eingeschlafen!", verkündete dieser stolz und nahm zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank.
„Ich glaube nicht, dass das unbedingt an Ihren Vaterqualitäten liegt, Sailor", zog Mac ihn auf. „Wahrscheinlich haben Sie sie nur gelangweilt."
Sie schnappte sich ihre Jacke und verabschiedete sich von Keeter.
„He, wo wollen Sie hin?", verlangte Harm zu wissen.
„Nach Hause. Sie beide haben sich sicher viel zu erzählen. Über Flugzeuge, Frauen, die guten alten Zeiten… Worüber alte Männer so reden." Sie zwinkerte ihm zu. „Ich sehe Sie Montag früh im Gerichtssaal."
„Danke, dass Sie mich daran erinnert haben", stöhnte Harm und reichte Keeter eine der Flaschen. „Ich hatte es gerade so schön verdrängt." Er öffnete ihr die Tür. „Was ich noch sagen wollte… Ich fand es schön, dass Sie heute dabei waren."
Leicht verlegen erwiderte Mac sein Lächeln. „Ich fand es auch schön. Bis Montag!"
„Bis Montag!"
Harm schloss die Tür und wandte sich an seinen Besuch. „Na los, erzähl, was du in den letzten Monaten so getrieben hast."
