15:21 Uhr EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Wie trägt Ihr Mandant denn das Urteil?", erkundigte sich Mac bei Harm, als er eine Stunde nach der Urteilsverkündung wieder im Büro auftauchte.
Nach einer außergewöhnlich kurzen Beratung hatten die Geschworenen den Angeklagten Lt. Carson für schuldig befunden und zu einer mehrjährigen Haftstrafe sowie unehrenhafter Entlassung verurteilt. Mac hatte nach der Verhandlung beobachtet, wie Lt. Carson noch im Gerichtssaal mit zischender Stimme auf seinen Verteidiger eingeredet hatte.
„Wie ein Mann", brummte Harm, der nichts Nachteiliges über seinen Mandanten reden wollte. ›Wie ein höchstens fünfjähriger Mann allerdings!‹ Lieutenant Carson hatte, nachdem ihm aufgegangen war, dass er tatsächlich ins Gefängnis musste, fast einen Nervenzusammenbruch erlitten und war zum Schluss in Tränen ausgebrochen. Ein Benehmen, das im krassen Gegensatz zu seiner früheren arroganten Art stand. ›Er muss wirklich angenommen haben, dass sein Vater ihn da rausholen wird.‹ Nachdem Carson die ganze Zeit ihm gegenüber behauptet hatte, nichts mit den Diebstählen zu tun gehabt zu haben, hatte er sich jetzt auch noch verplappert, so dass es Harm nicht im Geringsten leid tat, dass er seine gerechte Strafe bekam. ›Diese verlogene Heulsuse!‹
„Harm?" Mac hatte sich ihm gegenüber auf den Besucherstuhl gesetzt und sah ihn erwartungsvoll an. Offensichtlich hatte sie ihn etwas gefragt. „Entschuldigung, ich war mit meinen Gedanken woanders. Was sagten Sie?"
„Ich wollte nur wissen, wie Ihr Wochenende mit Keeter war. Was hat Washingtons Frauenwelt gesagt?" „Keine Ahnung. Wir waren nicht unterwegs." Harm sah die Schriftstücke in seinem Posteingang durch. „Oder hätte ich Belle alleinlassen sollen?"
„Ich dachte, Sandy würde auf sie aufpassen, wenn Sie keine Zeit haben?"
„Wenn ich beruflich unterwegs sein muss, aber doch nicht, weil ich mich mit Keeter in Bars vergnügen will." Missbilligend sah er Mac an.
„Wenn Sie möchten, kann ich heute Abend das Babysitten übernehmen, dann könnten Sie beruhigt ausgehen", bot Mac an. „Schließlich ist Keeter deswegen hergekommen." „Mac, ich möchte Sie nicht ständig ausnutzen…." Harm schien sich bei ihrem Angebot nicht wohlzufühlen.
„Manchmal reden Sie ganz schön viel Unsinn!", stellte Mac mitleidig fest. Aus ihrem Büro eine Tür weiter konnten sie das Klingeln des Telefons hören. „Ich bin um 1830 bei Ihnen, keine Widerrede!"
Mit diesen Worten verschwand sie nach nebenan.
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18:30 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
„Hi!"
„Hi! Kommen Sie rein. Belle bekommt gerade ihr Abendessen." Harm kehrte zurück an den Herd, wo er einen Teller mit Nudeln und einer köstlich duftenden Tomatensauce füllte. Mac trat näher und staunte nicht schlecht, als sie Keeter entdeckte, der auf der Couch saß, Belle auf den Knien hielt und ‚Hoppe-Hoppe-Reiter' mit ihr spielte. ›Sieh mal einer an! Der Mann, der mit Kindern nichts anfangen kann.‹ Sie verbarg ihr Schmunzeln und begrüßte die beiden.
„Okay, Belle, es gibt Essen." Harm setzte seine Tochter in ihren Hochstuhl, band ihr das Lätzchen um und reichte ihr das Kinderbesteck. „Hoffentlich langweilen Sie sich heute Abend nicht", sagte er zu Mac. „Einen Fernseher habe ich nicht, wie Sie wissen."
„Keine Sorge, ich habe mir Arbeit mitgebracht", beruhigte sie ihn und deutete auf ihre Aktentasche, die sie neben der Tür abgestellt hatte. „Ich muss noch einen Revisionsantrag bearbeiten."
„Hat der Admiral Ihnen… - Belle! Was machst du denn für eine Sauerei?"
Sauerei war das richtige Wort! Da die Aufmerksamkeit ihres Vaters ausnahmsweise nicht ihr, sondern Mac gegolten hatte, war es Belle gelungen, den noch immer gut gefüllten Teller mit Schwung vom Tisch zu fegen, so dass er auf der Erde landete. Leer allerdings, denn Nudeln und Tomatensauce hatten sich gleichmäßig über Harms T-Shirt und Jeans verteilt, von wo aus sie jetzt langsam auf den Boden fielen. Im Hintergrund brach Keeter in dröhnendes Gelächter aus, auch Mac konnte ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken.
Gekränkt sah Harm sie an. „Von Keeter habe ich ja nichts anderes erwartet, aber Sie enttäuschen mich, Mac. Haben Sie denn gar kein Mitleid mit einem alleinerziehenden Vater?" Er drehte sich wieder zu Belle, die sichtlich erschrocken in ihrem Stuhl saß. „Ist schon in Ordnung, Belle", tröstete er sie. „Du kannst nichts dafür, ich habe den Teller nicht richtig festgehalten. Ich hole dir eine neue Portion." Aber Mac hatte bereits einen anderen Teller gefüllt und stellte ihn vor Belle ab.
„So, Sie alleinerziehender Vater", sie setzte sich von der anderen Seite neben Belle und hielt den Teller sorgfältig fest. „Ich halte es für besser, wenn Sie sich umziehen. Oder wollen Sie sich so", mit der freien Hand deutete sie auf seine bekleckerten Sachen, „in der Öffentlichkeit sehen lassen?" Kläglich blickte Harm an sich hinunter. „Gut, dass ich keine Uniform mehr anhatte. Ich glaube nicht, dass sich Tomatensauce gut aus dem weißen Stoff entfernen lässt."
„Gut, dass Sie Parkett und keinen hellen Teppichboden haben", ergänzte Mac und pflückte ihm eine Nudel vom T-Shirt. „Das war sehr vorausschauend von Ihnen."
„Ja, natürlich.", bestätigte Harm in einem sarkastischen Tonfall und bückte sich, um die Nudeln einzusammeln. „Ich habe ja auch damals an nichts anderes gedacht, als ich dieses Apartment eingerichtet habe. Ich wusste genau, irgendwann wird meine kleine Tochter ihr Essen auf den Boden werfen." Er schoss einen giftigen Blick in Macs Richtung, musste dann aber grinsen.
„Geben Sie es ruhig zu, Marine, Sie genießen es zu sehen, wie mein Leben auf den Kopf gestellt wird."
„Tu nicht so, als ob du es selbst nicht genießen würdest", schaltete sich Keeter in das Gespräch ein. „Du kannst dir ein Leben ohne Belle doch gar nicht mehr vorstellen!"
„Fall du mir auch noch in den Rücken! Ich dachte, wir Piloten würden zusammenhalten."
Harm warf die Nudeln in den Abfall und wischte mit einem feuchten Lappen die Sauce vom Boden. „Sie hatten Recht, Mac. Das mit dem Parkett war wirklich ein brillanter Einfall von mir!"
„Das liebe ich so an Ihnen: Ihre Bescheidenheit!" Mac wischte Belle mit einer Serviette so gut es ging die Tomatensauce vom Kinn, nahm ihr das Lätzchen ab und hob sie aus dem Kinderstuhl.
„Ich bade sie noch rasch, dann gehen wir", erklärte Harm und griff nach Belles Hand. „Von wegen", protestierte Mac. „Ich bade Belle und Sie ziehen sich endlich um und verschwinden mit Keeter."
„Tu besser, was sie sagt, Harm", grinste Keeter. „Oder willst du dich mit einem Marine anlegen?"
„Jetzt werde ich schon aus meinem eigenen Apartment geworfen", maulte Harm.
Mac ging mit Belle ins Bad und badete sie. Als sie wieder ins Schlafzimmer kamen, stand Harm lediglich mit einer hellblauen Jeans bekleidet vor dem Schrank und nahm sich ein frisches T-Shirt heraus. ›Uff!‹ Mac musste sich zwingen, Harms nackten Oberkörper nicht allzu offensichtlich anzustarren. ›Er ist ein Kollege, er ist nur ein Kollege!‹ Wie ein Mantra sagte sie sich diesen Satz immer wieder vor und riskierte noch einmal einen heimlichen Blick. ›Allerdings ein ziemlich gut gebauter Kollege!‹
„Da seid ihr ja schon!" Harm hatte sich umgedreht und beugte sich zu Belle hinunter, die im Strampelanzug neben Mac stand. Er hob sie ins Bett und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Schlaf schön! Mac passt gut auf dich auf." Er zog sich das schwarze T-Shirt über und wandte sich an Mac: „Ich bin spätestens um elf wieder zu Hause. Falls irgendetwas sein sollte, können Sie mich jederzeit übers Handy erreichen."
„Ich weiß." Mac brachte ihn zur Tür. „Viel Spaß und machen Sie sich keine Sorgen. Wir zwei Frauen kommen schon klar."
Sie schloss die Tür hinter Harm und Keeter und lehnte sich aufatmend dagegen. Einen Moment lang schloss sie die Augen und rief sich das Bild von eben ins Gedächtnis zurück: Harm mit bloßem Oberkörper, nur wenige Zentimeter von ihr entfernt. „Daddy!", klang es fordernd aus dem Schlafzimmer. „Okay, Marine, zurück in die Realität!" Mit einem leichten Gefühl des Bedauerns ging Mac zu Belle.
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22:04 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
„Daddy!" Mac sah von ihren Papieren auf, die sie auf Harms Schreibtisch ausgebreitet hatte.
Belle hatte sich vorhin ohne größere Proteste hingelegt und war eingeschlafen, seitdem hatte Mac in Ruhe arbeiten können.
„Daddy!"
„Daddy kommt bald wieder, Belle." Mac ging ins Schlafzimmer und hockte sich neben Belles Kinderbett. „Schlaf wieder ein, Bobo und ich sind ja hier." Sie drückte ihr den Stoffhund in den Arm und setzte sich abwartend auf Harms Bett.
Bald hatte Belle die Augen wieder geschlossen und schien zu schlafen, doch als Mac leise hinausgehen wollte, fing sie wieder an zu protestieren. Nachdem das einige Male so gegangen war, beschloss Mac einen Teil ihrer Unterlagen herüberzuholen und im Schlafzimmer weiterzuarbeiten. Um Belle nicht durch das Licht zu stören, deckte sie die Nachttischlampe so ab, dass nur noch etwas Licht auf Harms Bett fiel, wo sie sich mit ihren Papieren niederließ.
Konzentriert arbeitete sie weiter. Zwischendurch warf sie einen Blick auf Belle, die jetzt wieder fest schlief.
Nach einer halben Stunde klappte sie gähnend den Aktendeckel zu.
Das sollte für diesen Abend reichen! Verkrampft von der ungewohnten Arbeitshaltung, streckte sie sich lang auf dem Bett aus und schloss kurz die Augen. ›Harm müsste auch bald wiederkommen‹, war ihr letzter Gedanke, bevor sie einschlief.
