07:59 Uhr EST, einen Tag später

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

„Guten Morgen, Admiral." „Guten Morgen, Commander." Wohlwollend betrachtete Admiral Chegwidden seinen Top-Anwalt, der ihm mit einem Stapel Akten unter dem Arm entgegenkam. „Seit Sie eine Tochter haben, sind Sie fast immer pünktlich. Sie hätten schon viel eher Vater werden sollen."

„Bedanken Sie sich bei Belle, Sir. Einen zuverlässigeren Wecker kann man sich nicht wünschen", erklärte Harm und erntete ein verständnisvolles Grinsen von seinem CO.

„Sind Sie gestern in Norfolk weitergekommen?"

„Ich habe den Bericht schon fertig, Sir. Ich empfehle eine Anhörung nach Artikel 32." Harm zögerte kurz. „Admiral, wäre es möglich, dass ich heute Nachmittag etwas Privates erledigen könnte? Ich habe nur heute Vormittag zwei Termine und…"

Der durch Harms ungewohnte Pünktlichkeit äußerst friedlich gestimmte Admiral nickte. „Von mir aus. Hat es etwas mit Ihrer Tochter zu tun?"

„Nein, Sir. Das heißt, indirekt schon. Ich benötige ein neues Auto. Die Corvette ist einfach nicht als Familienauto geeignet."

„Gut, gut. Nehmen Sie sich den Nachmittag frei." Admiral Chegwidden drehte sich um und stieß beinahe mit Bud Roberts zusammen, der offenbar Harms letzten Sätze gehört hatte und ihn fassungslos ansah. „Machen Sie Ihren Mund zu, Lieutenant." Chegwidden musterte ihn kopfschüttelnd und setzte seinen Weg fort.

„Aye, Sir!" Bud wartete, bis der Admiral außer Hörweite war, und folgte dann Harm, der zum Kopierer gegangen war. „Commander, Sie wollen doch nicht wirklich Ihre Corvette verkaufen?" Mit großen Augen sah er ihn an.

Harm legte ein Dokument auf den Kopierer und startete ihn. „Doch, das will ich."

„Aber, Sir, Ihre Corvette…", stammelte Bud entsetzt.

Harm trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn von oben bis unten. „Bud, es ist doch nur ein Auto."

„Nein, es ist nicht nur ein Auto", beharrte Bus und bemerkte kaum, dass Harriet und Mac, angelockt durch seine aufgeregte Stimme, näher kamen. „Es ist Ihr Traumauto! Das können Sie doch nicht einfach gegen ein anderes eintauschen."

Harriet legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Bud, was ist denn los?"

Er drehte sich zu seiner Frau. „Commander Rabb will seine Corvette verkaufen, weil sie kein Familienauto ist."

„Na und? Wo ist das Problem?" Verständnislos sah Harriet von einem zum anderen.

„Wo das Problem ist?" Befremdet über soviel weibliche Begriffsstutzigkeit konnte Bud nur den Kopf schütteln. „Das ist so, als wenn ich meinen Käfer weggeben würde."

„Wenn wir ein Kind hätten, bräuchten wir auch ein neues Auto", erklärte seine Frau und sah ihn stirnrunzelnd an.

„Nicht, wenn ich dafür meinen Käfer verkaufen müsste!" Eigensinnig verschränkte Bud die Arme vor der Brust.

„Aber natürlich….", redete Harriet auf ihn ein.

Mac zog Harm aus der unmittelbaren Gefahrenzone. „Bloß weg hier, Sailor, bevor wir in einen Ehekrach verwickelt werden!" Aus sicherer Entfernung verfolgten sie die Diskussion, die damit endete, dass Harriet mit hoch erhobenem Kopf davonstolzierte, während Bud ihr flehend nachsah.

„Er wird den Käfer verkaufen müssen", stellte Mac mitfühlend fest. Harm nickte wortlos. Auch er war sicher, dass Harriet sich durchsetzen würde. Sie beobachteten, wie Bud sich mit hängenden Schultern umdrehte und einen tieftraurigen Blick in Harms Richtung warf.

„Oha", meinte Mac, „ich hoffe, Sie können damit leben, dass Sie Buds Käfer den Todesstoß versetzt haben."

Harm zuckte mit den Schultern. „Noch haben die beiden kein Kind. Und bis dahin wird Bud seine Meinung schon noch ändern." Er drehte sich zu ihr und sah sie auffordernd an. „Was ist? Kommen Sie mit und helfen mir ein Auto auszusuchen? Sie wissen wenigstens, worauf es mir ankommt."

Sie überlegte kurz, dann nickte sie. „Wenn der Admiral mich gehen lässt. Aber nur, damit ich künftig nicht mehr ihren unbezahlten Chauffeur spielen muss!" Gespielt entrüstet stemmte Harm die Hände in die Seite. „Was soll das denn heißen? Schließlich habe ich Sie die ganze Zeit durchgefüttert. Um die Kosten wieder reinzubekommen, müsste ich mich eigentlich noch mindestens ein halbes Jahr von Ihnen herumfahren lassen." Grinsend nahm er den erwarteten Klaps auf den Oberarm entgegen. „Wo wir gerade beim Thema sind: gehen wir heute Mittag gemeinsam essen?"

Mac warf einen Blick auf den Schreibtisch in ihrem Büro, wo, wie sie wusste, noch gut ein Dutzend Anträge auf umgehende Bearbeitung wartete. „Ich fürchte nicht", seufzte sie. „Wenn ich heute Nachmittag eher gehen möchte, sollte ich besser durcharbeiten. Da fällt mir ein, ich habe noch die Auflistung der Fälle von Fahrerflucht, um die Sie mich gestern gebeten hatten." Sich über Harms neuesten Fall unterhaltend, gingen sie in Macs Büro.

Keinem von ihnen war bewusst, dass sie schon die ganze Zeit von ihrem CO beobachtet wurden. Interessiert hatte Admiral Chegwidden das Geplänkel zwischen seinen beiden besten Anwälten verfolgt. Ihm war weder Harms breites Grinsen noch Macs scherzhafter Schlag auf seinen Arm entgangen. ›Gott sei Dank, dass sie sich wieder vertragen haben! Das war ja nicht auszuhalten in der letzten Woche.‹ Selbstverständlich hatte er nicht eine Sekunde an Macs angebliche Allergie geglaubt. ›Ich möchte nur wissen, was Rabb wieder angestellt hat, um sie dermaßen aus der Fassung zu bringen. Manchmal hat er das Feingefühl eines Flusspferds.‹

Zufrieden, dass jetzt wieder Einigkeit zwischen den beiden herrschte, ging Chegwidden in sein Büro zurück.


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09:03 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

„…selbstverständlich ABS, zusätzlich Seitenairbags und einen riesigen Kofferraum!"

Mac kam näher und hörte, wie Harm Harriet begeistert von seinem neuen Auto vorschwärmte.

Bud stand mit bedröppelter Miene daneben. „Aber einen Chevrolet Venture? Sir, das ist doch ein enormer Abstieg für Sie."

Tadelnd sah Mac ihn an. „Lieutenant, haben Sie immer noch nicht verstanden, dass Sie hier mit Ihrer Meinung ganz allein sind?" Nur das Funkeln in ihren Augen verriet, dass sie es nicht so ernst meinte.

Beim Autokauf am Vortag hatte sich Harm, ganz nach dem Motto ‚Für meine Tochter nur das Allerbeste', auf einen Verkäufer gestürzt und sich ausführlich über die verschiedenen Sicherheitssysteme beraten lassen. Der Verkäufer, der dieses fast schon übertriebene Sicherheitsinteresse von einem Mann scheinbar nicht gewohnt war, hatte immer wieder versucht, auch die ‚reizende Gattin' in das Gespräch miteinzubeziehen, aber Mac hatte nur abgewunken, ohne das Missverständnis mit der ‚Gattin' aufzuklären. Die anschließende Spritztour mit dem neuerstandenen schwarzen Venture, zu der Harm sie einladen wollte, hatte sie allerdings ablehnen müssen. Schließlich hatte sie noch ihre Arbeit vom Nachmittag nachzuholen.

Großzügig klopfte Harm dem jungen Lieutenant auf die Schulter. „Warten Sie es ab, Bud. Wenn Ihr erstes Kind erst einmal auf der Welt ist, werden Sie mich schon noch verstehen!"

Er ignorierte Buds ungläubigen Blick, blinzelte Mac zu und machte sich auf den Weg zu seinem Klienten.


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21:14 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

Belle schlief seit beinahe zwei Stunden, abgesehen von der leisen Jazzmusik im Hintergrund war es ruhig in dem Apartment. Harm nahm den Telefonhörer in die Hand, atmete noch einmal tief ein und wählte eine der eingespeicherten Nummern. Mit mulmigem Gefühl lauschte er dem Tuten in der Leitung, bis am anderen Ende abgenommen wurde.

„Hallo?"

„Hallo, Mom."

„Harm!" Die Stimme seiner Mutter nahm einen begeisterten Tonfall an. „Wie schön, dass du anrufst! Wie geht es dir?"

„Danke, alles bestens. Wie sieht es bei euch aus?"

„Wie immer. Die Galerie macht viel Arbeit, aber es lohnt sich. Erst letzte Woche.…" Harm hörte mit halber Aufmerksamkeit zu, wie seine Mutter von einer erfolgreichen Vernissage erzählte, während er mit den Fingern nervös auf der Tischplatte herumtrommelte. „…war also ein voller Erfolg!" Trish Burnett stoppte ihren Redefluss. „Harm, gibt es einen besonderen Grund, weshalb du anrufst?"

„Ja, allerdings." Er wusste nicht, wie er beginnen sollte. Auch das war einer der Gründe, weshalb er dieses Telefonat so lange vor sich hergeschoben hatte. „Es ist wohl besser, wenn du dich hinsetzt", versuchte er sie schonend auf seine Eröffnung vorzubereiten und erreichte damit natürlich das absolute Gegenteil.

„Ist dir etwas passiert? Hattest du einen Unfall?" Er sah direkt vor sich, wie seine Mutter blass wurde. ›Toll gemacht, Rabb! Jagst deiner Mutter einen Todesschrecken ein.‹

„Nein, Mom, es ist nichts Schlimmes", bemühte er sich sie zu beruhigen. „Ganz im Gegenteil. Du bist Großmutter geworden." Angestrengt lauschte er in den Hörer, um die Reaktion seiner Mutter mitzubekommen.

Eine Zeitlang kam gar nichts, dann hörte er sie erstaunt fragen: „Ich werde Großmutter? Aber ich dachte, du und Annie…"

„... wir sind nicht mehr zusammen, du hast recht", bestätigte Harm. „Annie hat nichts damit zu tun. Und du wirst nicht Großmutter, du bist bereits Großmutter. Du hast eine achtzehn Monate alte Enkeltochter."

„Und davon erfahre ich erst heute? Achtzehn Monate…", Trish schien in ihrem Gedächtnis zu kramen. „Kenne ich die Mutter?"

Harm seufzte. Diese Frage war wohl nicht zu vermeiden gewesen. „Nein, Mom, ich habe dir nie von ihr erzählt. Außerdem weiß ich selbst erst seit kurzem von Belles Existenz. Ihre Mutter ist vorletzten Monat bei einem Unfall ums Leben gekommen. Nur deswegen habe ich überhaupt von Belle erfahren."

„Also Belle heißt sie." Trish versuchte, das eben Gehörte zu verarbeiten. „Verstehe ich das richtig: Die Mutter des Kindes hat dir nicht erzählt, dass du eine Tochter hast, und ist jetzt gestorben?"

„Richtig", bestätigte Harm.

„Wo ist das Kind – Belle -", verbesserte sie sich, „jetzt?"

„Sie lebt schon seit einigen Wochen bei mir", bekannte Harm. „Es tut mir leid, dass ich nicht eher angerufen habe, aber ich musste mich auch erst daran gewöhnen."

„Aber ich hätte doch nach Washington kommen und dich unterstützen können! - Nein!", unterbrach sie sich dann selbst, „du hast völlig recht. Ich darf mich da nicht einmischen. Du warst schon immer sehr selbständig und wolltest allein mit allen Problemen fertigwerden. Wie läuft es denn?", erkundigte sie sich vorsichtig.

„Fantastisch!" Harm war mehr als erleichtert, dass seine Mutter ihm seine Heimlichtuerei nicht übelnahm. „Sie ist das Wichtigste in meinem Leben!"

„Das ist gut, mein Junge. Ich bin überzeugt, dass du ein liebevoller Vater bist." Sie machte eine kurze Pause. „Dürfen wir unsere Enkeltochter auch irgendwann einmal kennenlernen?"

Harm musste grinsen, als er die vorsichtig formulierte Frage seiner Mutter hörte. Er wusste genau, dass sie sich zusammenreißen musste, um nicht sofort das nächste Flugzeug zu besteigen. „Natürlich! Wie wäre es, wenn ihr am Wochenende zu uns kommt?" Sie verabredeten, dass Trish und Frank am Samstag nach Washington reisen würden und beendeten bald darauf das Gespräch.

Harm lehnte sich zurück und entspannte sich. Ihm war ein Stein vom Herzen gefallen. Insgeheim hatte er mit wesentlich mehr Fragen gerechnet, vor allem was Belles Mutter betraf. ›Aber eigentlich hat sie sich noch nie in meine Beziehungen eingemischt.‹ Dankbar, dass seine Mutter sein Privatleben so respektierte, begann er Pläne für das kommende Wochenende zu machen.


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10:54 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

„Schön, dass ihr da seid!" Harm nahm seine Mutter in die Arme und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Dann umarmte er auch seinen Stiefvater kurz. „Kommt herein."

Er nahm ihnen die Jacken ab und sah sich nach Belle um. Seine Tochter saß auf ihrem Spielteppich neben der Couch und sah mit großen Augen auf den Besuch. Er ging zu ihr und kniete sich neben sie. „Belle, das sind Grandma und Grandpa." Er blickte Frank an. „Ich hoffe, du hast nichts dagegen. Aber ich glaube, ‚Grandpa' ist einfacher für sie als ‚Frank'."

„Natürlich, mein Junge", pflichtete Frank ihm bei und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr es ihn freute, dass sein Stiefsohn ihn –endlich- als ein Teil seiner Familie ansah. Trish drückte stumm die Hand ihres Mannes. Auch sie hatte immer darunter gelitten, dass Harm in Frank auch nach so langer Zeit noch den unerwünschten Nachfolger seines Vaters sah.

Sie ging auf Harm und seine Tochter zu und lächelte warm. „Hallo Belle, ich bin deine Grandma!"

Belle sah scheu zu der fremden Frau auf und griff schutzsuchend nach der Hand ihres Vaters. Der nahm sie beruhigend auf den Arm. „Du musst keine Angst haben, Belle. Grandma ist Daddys Mom."

„Mom?", fragte Belle aufgeregt und drehte den Kopf suchend umher. Ein Schatten fiel auf Harms Gesicht. Er war so erleichtert gewesen, dass sie in der letzten Zeit nicht mehr so oft nach ihrer Mutter gerufen hatte. Warum musste er sie mit seinen Worten an sie erinnern? „Nein, das ist Grandma. Grandma möchte dich und Bobo kennenlernen", versuchte er sie abzulenken. Belle blickte auf den Stoffhund in ihrer Hand und streckte ihn ihrer Großmutter entgegen. Gerührt nahm Trish Bobo entgegen und sah Harm mit Tränen in den Augen an.

Frank, der ebenso wie Harm zuvor den Umgang mit Kleinkindern nicht gewohnt war, hielt sich lieber im Hintergrund und schaute zu, wie sich Trish mit ihrer Enkelin beschäftigte. Harm hatte Belle wieder auf den Fußboden gestellt, wo sie jetzt ihrer Großmutter ihre verschiedenen Stofftiere vorführte.

„Frank, komm ruhig näher", rief Harm seinem Stiefvater zu. „Deine Enkeltochter beißt nicht!"

Frank musste lachen und setzte sich zu ihm auf die Couch, während sich Trish bei Belle auf dem Spielteppich daneben niederließ. „Du siehst glücklich aus!" Prüfend sah Frank Harm an.

„Das bin ich auch", gab dieser aufrichtig zu. „Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Kind so viel bedeuten könnte. Noch vor zwei Monaten hätte ich bei dem Gedanken daran vermutlich die Flucht ergriffen."

„Du bist eben erwachsen geworden", stellte Frank fest. „Ich freue mich für dich!"

„Es tut mir leid, dass ich euch unterbrechen muss, aber ich fürchte, die junge Lady hier hat die Windeln voll. Soll ich dir beim Wickeln helfen?"

Harm warf seiner Mutter einen komisch-verzweifelten Blick zu. „Mom, Belle lebt bereits seit fünf Wochen bei mir. Glaubst du nicht, dass ich sie schon einmal ohne fremde Hilfe gewickelt habe?" Frank begann zu loszuprusten.

Trish zog eine Grimasse und stimmte dann ins Franks Lachen ein.

Mit Belle an der Hand ging Harm Richtung Schlafzimmer. Als sie die Stufen hinaufstiegen, drehte er sich grinsend zu seiner Mutter um. „Aber du darfst natürlich trotzdem gerne mitkommen, um zu gucken, ob ich auch alles richtig mache." Das ließ sich Trish nicht zweimal sagen. Blitzschnell folgte sie ihnen, um ja keine Sekunde mit ihrer Enkelin zu verpassen.


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21:54 Uhr EST

Harms Apartment

Nördlich der Union Station, Washington D.C.

„Möchtest du auch noch ein Glas Wein, Frank?" Fragend sah Harm seinen Stiefvater an.

„Nein, danke! Schließlich muss ich noch fahren." Wie immer, wenn sie sich in Washington aufhielten, hatten Frank und Trish einen Wagen gemietet, um bequem zwischen Harms Apartment und ihrem Zimmer im Marriott pendeln zu können.

Am Abend hatte Trish darum gebeten, Belle baden und ins Bett bringen zu dürfen, aber Belle hatte erst Ruhe gegeben, als Harm sie ins Bett gebracht hatte. ›Bei Mac hat sie noch nie Theater gemacht‹, ging es ihm durch den Kopf, während er Belle ihren Gutenachtkuss gab. Anschließend hatten sie es sich auf der Couch gemütlich gemacht. Harm hatte eine Kleinigkeit gekocht, denn für einen Restaurant-Besuch gemeinsam mit Belle war es einfach schon zu spät gewesen. Selbstverständlich war das Gespräch noch einmal auf Belles Mutter gekommen, aber wie schon zuvor am Telefon hatte Trish keine indiskreten Fragen gestellt. Stattdessen hatte sie Harms Erklärung, er habe sich damals hin und wieder mit Maria getroffen und sie dann aus den Augen verloren, mit einem verständnisvollen Nicken akzeptiert. Viel mehr interessierte sie die Frage, wie Harm allein mit Belle zurecht kam. Harm berichtete von seiner Suche nach einem Kindermädchen und dass er mit Sandy eine gute Wahl getroffen hatte.

„Und in der Zeit, bevor die Nanny da war?", fragte Trish neugierig, die sich nicht so recht vorstellen konnte, wie ihr erwachsener Sohn, der nie etwas mit Kleinkindern zu tun gehabt hatte, plötzlich mit einer Anderthalbjährigen klargekommen war.

„Am Anfang war es etwas hart", gab Harm zu. „Vor allem, als sie gezahnt hat. Aber Mac hat mir geholfen. Abends und auch an den Wochenenden."

„Ach ja, Mac", sagte seine Mutter und musterte ihn unauffällig. Sie war der Kollegin ihres Sohnes, von der er so oft erzählte, noch nie begegnet, aber ihr war nicht entgangen, wie seine Augen aufleuchteten, sobald ihr Name fiel.

„Was hast du für morgen geplant?", fragte Frank. „Du hattest etwas von einem Ausflug erwähnt."

Harm nippte an seinem Wein. „Ja, in den Rock Creek Park. Wir könnten etwas spazieren gehen und abends zusammen essen, wenn es nicht zu spät wird." „Das ist eine ausgezeichnete Idee", stimmte ihm seine Mutter zu. „Weshalb fragst du nicht Mac, ob sie mitkommt? Ich würde sie gern kennenlernen."

„Mac?" Harm runzelte verblüfft die Stirn. „Ich weiß nicht einmal, ob sie überhaupt Zeit hat..." Das stimmte sogar. Am Freitag hatten sie sich zwar darüber unterhalten, dass Trish und Frank nach Washington kommen würden, über ihre eigenen Pläne fürs Wochenende hatte Mac allerdings kein Wort verloren.

„Es gibt einen ganz einfachen Weg, das herauszufinden, mein Junge: Du rufst sie einfach an und fragst sie."

Ironisch sah Harm sie an. „Gute Idee, da wäre ich von allein nie drauf gekommen!" Er sah auf seine Armbanduhr. „Okay, ich versuche sie gleich noch anzurufen."

„Was haltet ihr von einem gemeinsamen Frühstück, bevor wir morgen losfahren? Wir könnten auf dem Weg hierher alles Notwendige besorgen." Trish sah Harm und Frank so erwartungsvoll an, dass sie ihr nicht widersprechen mochten.

Eine halbe Stunde später verabschiedeten sich die Burnetts und fuhren in ihr Hotel zurück, wobei Trish ihren Sohn noch einmal daran erinnerte, Mac anzurufen. Harm räumte die benutzten Weingläser in den Geschirrspüler. Nach einem weiteren Blick auf die Uhr nahm er dann das Telefon zur Hand und wählte Macs Nummer.

„MacKenzie"

„Hi Mac, schlafen Sie schon?"

„Hi Sailor!", klang Macs Stimme erfreut durch den Hörer. „Wie läuft Ihr Familientreffen?"

„Wie erwartet: Meine Mutter ist ganz vernarrt in Belle. Mir war nie bewusst, dass sie sich so sehr ein Enkelkind wünscht."

„Und Frank?"

„Frank ist etwas zurückhaltender. Vermutlich weil er nichts falsch machen will. Er hat ja selbst keine Kinder."

„Außer Ihnen", warf Mac vorsichtig ein, sie kannte Harms zwiespältige Gefühle seinem Stiefvater gegenüber.

„Hm." Harm dachte über ihre Antwort nach.

„Harm, Sie haben mich doch nicht angerufen, um zu fragen, ob ich schon schlafe, oder?", erkundigte Mac sich plötzlich.

„Nein, ich wollte Sie fragen, ob Sie morgen mit uns einen Ausflug in den Rock Creek Park machen wollen." Gespannt wartete er auf ihre Reaktion. Auch wenn es die Idee seiner Mutter gewesen war, musste er zugeben, dass ihm der Gedanke gefiel, den Tag gemeinsam mit seiner Familie und Mac zu verbringen. „Marine, sind Sie eingeschlafen?", fragte er nach, als keine Antwort kam.

„Ist das Ihr Ernst?"

„Na ja, es ist schon spät und Sie haben plötzlich nichts mehr gesagt…", sagte Harm ganz ernsthaft, obwohl er selbstverständlich wusste, dass sich ihre Frage nicht darauf bezogen hatte.

„Witzbold!", erwiderte Mac auch prompt. „Ich meine natürlich, dass ich den ganzen Tag morgen mit Ihnen verbringen soll."

„Deshalb rufe ich doch an. Oder haben Sie etwas anderes vor?"

„Nein", gab sie zu. „Aber glauben Sie nicht, dass Ihre Mutter und Frank den Sonntag lieber nur mit Ihnen und Belle verbringen möchten, ohne eine zusätzliche fremde Person?"

Harm seufzte leise. Manchmal konnte dieser Marine wirklich umständlich sein. „Mac, meine Eltern würden Sie gern kennenlernen. Wenn ich ehrlich bin, stammt dieser Vorschlag sogar von meiner Mutter."

„Na los, Marine", bettelte er, als sie immer noch zögerte und legte seine ganze Überzeugungskraft in seine Stimme. „Sie müssen meiner Mutter doch erzählen, wie gut ich allein mit Belle zurechtkomme. Irgendwie traut sie mir nicht. Sie wollte mir heute sogar beim Wickeln helfen!"

Mac musste lachen. „Okay, Sie haben mich überredet, ich komme mit. Wann soll es denn losgehen?"

„Seien Sie einfach um 10.00 Uhr hier und essen Sie vorher nichts. Meine Mutter hat ein großes Frühstück angedroht. Aber was rede ich da? Als ob Sie schon mal eine Mahlzeit ausgeschlagen hätten!" Er grinste und wartete neugierig auf ihre Reaktion, die auch postwendend kam.

„Wenn ich es den ganzen Tag in Ihrer Gesellschaft aushalten soll, brauche ich eine vernünftige Grundlage. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass Ihre Mutter nicht nur dieses gesunde Zeug auf den Tisch bringt."

„Warten Sie es ab", drohte Harm, obwohl er fest damit rechnete, dass Trish alles mitbringen würde, was ein Lebensmittelgeschäft so anbot.

„Dann bis morgen", verabschiedete sich Mac und fügte schüchtern hinzu: „Ich freue mich."

Harm lächelte. „Ich freue mich auch. Schlafen Sie gut, Mac!"


Zur gleichen Zeit

Macs Wohnung

Georgetown, Washington D.C.

Mac legte den Telefonhörer aus der Hand und zog die Beine an, so dass sie im Schneidersitz auf ihrem Sofa saß. Sie freute sich auf den morgigen Tag, musste sich aber auch eingestehen, dass sie etwas nervös bei dem Gedanken war, Harms Eltern kennen zu lernen. Er hatte erwähnt, dass der Vorschlag mit dem gemeinsamen Ausflug von seiner Mutter stammte…

›Bilde dir nichts ein, Marine! Vermutlich hat Harm zufällig erwähnt, dass du mal auf Belle aufgepasst hast und jetzt möchte sie dich in Augenschein nehmen.‹ Sie beschloss, das Buch, in dem sie vorhin gelesen hatte, endgültig an die Seite zu legen und schlafen zu gehen. ›Nicht, dass du morgen einen völlig übermüdeten Eindruck machst.‹

Obwohl sie sonst häufig große Probleme hatte einzuschlafen, dauerte es an diesem Abend keine zehn Minuten, bis sie tief und fest schlief.