09:59 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
Mac überprüfte noch einmal, ob ihre Haare ordentlich lagen und zupfte an dem dünnen Sommerpullover, den sie trug. ›Kannst du endlich aufhören, so zappelig zu sein?‹, schalt sie sich. ›Du stellst dich doch sonst nicht so an, wenn du jemanden kennenlernen sollst.‹ Sie klopfte an die Tür.
Durch das Holz konnte sie hören, wie eine sympathisch klingende Frauenstimme rief: „Ich mache schon auf!" Gleichzeitig wurde die Tür geöffnet. Eine attraktive Frau von vielleicht Mitte Fünfzig stand Mac gegenüber und lächelte sie offen an.
„Sie müssen Mac sein!" Sie streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Trish Burnett. Schön, dass wir uns endlich kennenlernen!"
„Ich freue mich auch, Sie kennenzulernen, Mrs Burnett", antwortete Mac, völlig überrumpelt von der Herzlichkeit, mit der sie begrüßt wurde, und schüttelte ihre Hand.
„Nennen Sie mich bitte Trish."
Harm, der eine große Schüssel mit Obstsalat auf den bereits gedeckten Tisch gestellt hatte, kam zu ihnen herüber. „Hallo Mac, wie immer pünktlich auf die Minute", neckte er sie. „Meine Mutter hat sich Ihnen wohl schon vorgestellt." Er warf Trish einen leicht tadelnden Blick zu, weil sie sich so auf Mac gestürzt hatte, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken.
Zuvorkommend nahm er Mac die Jacke aus der Hand und winkte Frank heran. „Mac, das ist mein Stiefvater Frank Burnett. Frank, das ist meine Kollegin Major Sarah MacKenzie." „Mac", verbesserte sie und erwiderte Franks festen, aber nicht zu festen Händedruck.
„Mac!"
Sie sah sich um. Belle kam strahlend mit ihren kurzen Beinchen auf sie zugelaufen und streckte die Arme nach ihr aus. Mac beugte sich hinunter und hob sie hoch. „Hallo Belle!" Sie kitzelte sie leicht am Bauch, bis Belle anfing zu lachen. „Hast du endlich deine Großeltern kennengelernt, kleine Maus?" Sie fing Trishs amüsierten Blick auf und stellte Belle verlegen auf den Boden.
„Kann ich helfen?", wandte sie sich an Harm, der Pfannkuchenteig in die heiße Pfanne schöpfte. „Sie können Belle schon das Lätzchen umbinden und dafür sorgen, dass sie nicht wieder aus ihrem Stuhl klettert."
„In Ordnung." Mac streckte ihre Hand nach dem Kind aus. „Na komm, gleich gibt es ein erstklassiges Frühstück."
Trish registrierte, wie selbstverständlich Mac ein Lätzchen aus dem Schrank holte und Belle umband. Auch Belle Begeisterung, als Harms Kollegin zur Tür hereingekommen war, war ihr nicht entgangen. ›Sie scheint häufiger hier zu sein als Harm zugibt. Ob da nicht doch etwas zwischen den beiden läuft?‹ Wieder einmal merkte sie, wie wenig sie eigentlich über das Leben ihres Sohnes wusste. Die Trennung von Annie hatte er mit einem Satz abgetan, von Belles Mutter hatte sie vorher noch nie etwas gehört. Wenn er anrief, was auch schon selten genug vorkam, sprach er immer nur über ganz alltägliche Dinge wie die Arbeit oder seine Fliegerei. Doch um sein Privatleben hatte er eine hohe Mauer errichtet. Sie hatte das auch immer respektiert, aber es nagte trotzdem an ihr, dass er nicht mehr Vertrauen zu ihr hatte.
Sie stellte einen Korb mit Croissants und Bagels auf den Tisch, Frank brachte den von ihm frisch gepressten Orangensaft.
„Mom, die Pfannkuchen sind fertig, du kannst sie schon verteilen. Ich mache noch eben Spiegeleier. Möchtest du eins oder zwei?"
„Eins genügt."
„Frank?"
„Für mich bitte auch nur eins."
Trish holte die Platte mit den Pfannkuchen und sah zu, wie ihr Sohn die Eier in die Pfanne schlug. „Fragst du Mac gar nicht, ob sie auch ein Spiegelei möchte?", erinnerte sie ihn an seine guten Manieren.
Harm grinste breit. „Mom, diese Frage ist völlig überflüssig. Unter zwei Spiegeleiern macht es dieser Marine sowieso nicht. Du würdest nicht glauben, was sie alles verdrücken kann."
Frank, der sah, dass Mac vor Verlegenheit knallrot angelaufen war, versuchte abzulenken. „Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee einschenken, Mac?"
„Gerne." Dankbar lächelte sie ihn an. Belle fing an zu quengeln und streckte ihre Hände nach den Croissants aus. Mac bestrich ein halbes mit Erdbeermarmelade und gab es ihr. Harm verteilte die Spiegeleier und setzte sich an Belles andere Seite.
Während des Essens unterhielten sie sich angeregt über alle möglichen Themen: Trish erzählte lustige Geschichten aus ihrer Galerie, Mac berichtete voller Schadenfreude von den Ereignissen auf Buds Junggesellenabend.
„Danke, dass Sie mich vor meiner Familie bloßstellen, Mac!" Harm schüttelte scheinbar tief enttäuscht den Kopf, doch das Funkeln in seinen Augen verriet, wie sehr er sich amüsierte.
„Hey, niemand hat Ihnen befohlen, in einem Striplokal eine Schlägerei anzufangen!", konterte Mac.
„Das wissen Sie doch überhaupt nicht, schließlich war der Admiral ebenfalls dabei."
„Und Sie wollen mir jetzt erzählen, er hätte Ihnen den Befehl gegeben sich zu prügeln? In Ihren Träumen!" Mac warf ihrem Kollegen einen belustigten Blick zu und wischte Belle das marmeladeverschmierte Kinn sauber. „Was möchtest du jetzt? Etwas Pfannkuchen oder Spiegelei?"
„Ei", lautete Belles bestimmte Antwort. Harm tat ihr etwas von seinem Spiegelei auf einen Teller, während Mac ihr die Kindergabel in die Hand drückte.
„Sie scheinen sich gut mit Kindern auszukennen, Mac", meinte Trish, beeindruckt von dem geübten Zusammenspiel der beiden Anwälte.
„Eigentlich nicht." Mac ließ Ahornsirup auf ihren Pfannkuchen tropfen, gleichzeitig achtete sie darauf, dass Belle nicht wieder ihren Teller vom Tisch fegte. „Eine frühere Nachbarin von mir hat ein Baby, auf das ich in Notfällen aufgepasst habe. Aber sie ist schon vor Monaten mit ihm nach Chicago gezogen." Sie lächelte etwas wehmütig bei dem Gedanken an den kleinen Jeremy.
Harm sah sie mit großen Augen an. „Davon haben Sie mir nie etwas erzählt."
„Es war auch nicht wichtig", wiegelte Mac ab. „Meist habe ich ein oder zwei Stunden auf ihn aufgepasst, während er geschlafen hat, damit seine Mutter in Ruhe Besorgungen machen oder zum Arzt konnte. Er war ja noch ein Säugling." Sie zuckte mit den Schultern, um sich nicht anmerken zu lassen, wie nah ihr die Trennung von Jeremy damals gegangen war. Hastig schob sie sich ein Stück Pfannkuchen in den Mund.
„Was halten Sie denn von Harms Eignung als Vater?", versuchte Frank die Unterhaltung wieder etwas unbefangener zu gestalten. „Er hat uns erzählt, dass er ohne Ihre Hilfe arm dran gewesen wäre." Mac hob erstaunt die Brauen.
Harm hatte seinen Eltern gegenüber zugegeben, dass er anfangs überfordert gewesen war?
„Schauen Sie nicht so überrascht, Mac. Wenn Sie nicht gewesen wären, wäre ich vermutlich irgendwann vor Übermüdung Amok gelaufen, das wissen Sie ganz genau!" Harm war seinem Stiefvater dankbar dafür, dass er Mac abgelenkt hatte. Sie hatte einen so traurigen Ausdruck in ihren Augen gehabt, als sie von dem Baby ihrer Nachbarin erzählte. Da zog er es doch vor, vor seinen Eltern über seine Unzulänglichkeiten zu diskutieren.
„Ich muss entsetzlich ausgesehen haben, als Sie damals von der Coral Sea zurückkamen."
„Nicht viel entsetzlicher als sonst", grinste Mac. „Obwohl ich zugeben muss, dass Sie rasiert besser aussehen." Sie wurde wieder ernst. „Harm ist ein toller Vater! Ich hätte nie gedacht, dass sich jemand in so kurzer Zeit vom typischen Junggesellen zum liebevollen Vater verwandeln kann."
„Ich hatte ja Ihre Unterstützung", versuchte Harm das Lob abzumildern, als er merkte, dass er rot wurde.
„Und die von Sandy nicht zu vergessen", erinnerte Mac ihn.
„Natürlich, aber Sandy arbeitet für mich. Es ist ihr Job für Belle da zu sein, während Sie…" Sein Blick wanderte langsam von Mac zu dem mittlerweile ziemlich leergegessenen Frühstückstisch und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ach, ich vergaß, Sie helfen mir ja nicht aus Freundschaft, sondern nur wegen der guten Verpflegung."
„Ganz genau", bestätigte Mac mit todernster Miene und leerte ihre Kaffeetasse. „Außerdem soll Ihre Tochter wenigstens mit zwei vernünftigen Menschen Umgang haben."
„Zwei?" Harm hob erstaunt eine Augenbraue. „Zwei: Sandy und mir!"
Amüsiert hatten Trish und Frank den Schlagabtausch zwischen den beiden verfolgt. Jetzt räusperte sich Frank und begann die Teller aufeinander zu stapeln. Gemeinsam räumten sie den Tisch ab. Trish unterhielt sich mit Mac über einen Film, den sie beide neulich gesehen hatten. Sie packten den Buggy und eine Tasche mit Windeln zusammen und machten sich auf den Weg zum Rock Creek Park. Mac fuhr bei Harm und Belle in dem Chevrolet mit, die Burnetts folgten ihnen in ihrem Mietwagen.
„Was hältst du von Mac?" Neugierig sah Trish ihren Ehemann an.
„Sehr nett", antwortete er und setzte den Blinker. „Harm scheint ihr voll und ganz zu vertrauen."
„Mmmh", murmelte Trish bestätigend und sah auf den schwarzen Wagen vor ihnen, in dem man beobachten konnte, wie sich Harm und Mac angeregt unterhielten. Trishs Lippen verzogen sich zu einem mütterlichen Lächeln.
Frank bremste vor einer roten Ampel. Argwöhnisch sah er seine Frau an. „Ich weiß genau, was du vorhast und ich bitte dich, misch dich nicht in Harms Beziehung. Er ist alt genug, um zu wissen, was er möchte."
„Aber findest du nicht auch, dass die beiden gut zusammenpassen?", versuchte ihn Trish in die Enge zu treiben.
Die Ampel sprang auf grün, Frank gab Gas. „Ja, und genau deshalb möchte ich nicht, dass du dich da einmischt. Was glaubst, wie Harm reagieren wird, wenn er mitbekommt, dass du ihn mit Mac verkuppeln willst?" Er warf ihr einen schnellen Blick zu. „Sei ganz ehrlich."
Trish seufzte. „Vermutlich würde er es mir übel nehmen, dass ich seine Privatsphäre nicht respektiere und in Zukunft noch weniger von sich erzählen als sowieso schon."
„Eben. Außerdem würde er uns deutlich erklären, dass nichts zwischen ihnen beiden ist. Schlimmstenfalls würdest du nur erreichen, dass er auf stur schaltet und ganz bewusst auf Distanz zu Mac geht. Du kennst ihn doch."
Trish nickte langsam und seufzte erneut. Vermutlich hatte Frank Recht, es wäre das Beste, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen.
Frank nahm seine rechte Hand vom Lenkrad und drückte aufmunternd ihre linke. „Mach nicht so ein enttäuschtes Gesicht! Sei doch zufrieden, jetzt hast du sie endlich kennengelernt und es sieht so aus, als ob sie es auch ohne deine Hilfe schaffen."
xxx
13:14 Uhr EST
Rock Creek Park, Washington D.C.
Gemeinsam wanderten sie durch den riesigen Rock Creek Park, der wie immer am Wochenende von zahlreichen Spaziergängern und Joggern bevölkert wurde. Vereinzelt kamen ihnen auch Reiter auf ihren Pferden entgegen. Eingeschüchtert durch die großen Tiere, auch wenn sie nur im Schritt gingen, sah sich Belle ängstlich nach ihrem Vater um. Harm hob sie aus dem Buggy und setzte sie auf seine Schultern. Sorgsam hielt er sie an den Beinen fest, während Frank den leeren Buggy übernahm. Von ihrem luftigen Sitzplatz aus schien Belle auch keine Angst mehr vor den Pferden zu haben: begeistert patschte sie mit beiden Händen auf Harms Kopf, als sie an weiteren Tieren vorbeigingen.
„So gewöhnt sie sich gleich an die dünne Luft da oben", raunte Trish Mac zu, die beide hinter Harm und Frank hergingen. „Harm hat in diesem Alter auch die meiste Zeit auf den Schultern seines Vaters verbracht. Wahrscheinlich hat er schon damals beschlossen, Pilot wie sein Dad zu werden."
Harm drehte sich halb zu ihnen um. „Was lästert ihr zwei schon wieder über mich?" Mit hochgezogenen Brauen sah er die beiden Frauen strafend an.
„Was heißt hier lästern? Ihre Mutter hat nur zugegeben, dass Sie als Kleinkind eindeutig zu viel Höhenluft genossen haben. Nicht, dass mir das nicht sowieso schon klar gewesen wäre." Trish biss sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen, als sie Macs schlagfertige Antwort hörte. Sie schob sich an ihrem Sohn vorbei, der mit einem gespielt beleidigtem Gesichtsausdruck vor seiner Kollegin stehen geblieben war, und ging an Franks Seite weiter, die Ohren gespitzt, damit ihr möglichst kein Wort der Unterhaltung hinter ihr entging.
„Was soll das denn heißen, Marine? Wieso habe ich zu viel Höhenluft genossen?"
„Kein Kommentar", grinste Mac. „Nur soviel: Ich habe neulich gelesen, dass sich zu viel dünne Luft in jungen Jahren ungünstig auf die Gehirnzellen auswirken kann."
„Oh, ich wusste gar nicht, dass Sie zu Fuß nach Hause wollten. Oder glauben Sie etwa, dass ich Sie nach dieser Beleidigung noch einmal in meinem Auto mitnehmen werde?"
„Kein Problem, ich bin sicher, dass Ihre Eltern mich gern bei sich mitfahren lassen." Ihr Blick, der die ganze Zeit auf Harms funkelnden Augen gerichtet gewesen war, glitt hoch zu Belle, die leise vor sich hinplapperte. „Was meinen Sie? Ob sie später auch einmal fliegen wird?"
„Wenn sie es möchte, werde ich sie bestimmt nicht davon abhalten." Unbewusst streichelte Harm mit den Daumen über Belles Beine. „Aber sie soll es nicht tun, nur weil sie das Gefühl hat, dass ich es von ihr erwarte."
Sie bogen in einen schmaleren Fußweg ein, der für Reiter nicht freigegeben war. Belle fing an zu zappeln, damit ihr Vater sie wieder herunterließ. „Genug Höhenluft geschnuppert?" Harm quittierte Macs amüsierte Frage mit einem finsteren Blick und setzte Belle in den Buggy zurück. Allerdings hatte er nicht mit der Freiheitsliebe seine Tochter gerechnet. „Nein! 'lein!"
Noch bevor er reagieren konnte, war sie aus dem Sitz gerutscht und stürmte den Pfad entlang.
„Hiergeblieben!" Mac schnappte Belle gerade noch, bevor sie zwischen den Bäumen verschwinden konnte. Um aufkommende Proteste gleich im Keim zu ersticken, griff sie dem Kind unter die Arme und drehte sich schwungvoll mit ihm im Kreis. Aus dem anfänglich wütenden Kreischen wurde schnell wieder ein fröhliches Lachen. Mac ließ Belle wieder herunter und nahm sie an die Hand.
Trish beobachtete, wie ihr Sohn den beiden hinterherblickte, als Belle Mac ungeduldig vorwärts zog.
„Die zwei sind ja ein Herz und eine Seele", bemerkte sie und hakte sich bei ihm ein. Auf sein zustimmendes Nicken hin fuhr sie vorsichtig fort: „Merkwürdig, dass Mac selbst noch keine Kinder hat. Findest du nicht, dass sie eine großartige Mu…- Au!" Sie zuckte zusammen.
„Entschuldige, Trish! Habe ich dir wehgetan?" Frank sah seine Frau unschuldig an. „Ich habe wohl einen Moment nicht aufgepasst, wohin ich fahre." Er lenkte den Buggy, mit dem er seiner Frau zu nahe gekommen war, wieder geradeaus.
„Nichts passiert, ich habe mich nur erschreckt." Sie nickte ihm zu, als Zeichen, dass sie seinen Hinweis verstanden hatte. Sie würde das Thema ‚Mac' ruhen lassen, solange Harm nicht selbst davon anfing. „Wirst du uns in nächster Zeit mal mit Belle besuchen?"
Harm grinste seine Mutter an. „Du willst sie doch nur deinen Freundinnen präsentieren, habe ich recht?" Er lachte, als Trish ein schuldbewusstes Gesicht machte. „Ich habe gerade drei Wochen Sonderurlaub gehabt, da kann ich nicht schon wieder frei nehmen. Und nur für ein Wochenende ist der Flug einfach zu lang, das will ich Belle nicht zumuten. Vielleicht Weihnachten."
„Oh!" Trish tauschte einen Blick mit Frank.
„Was ist?" Harm sah von einem zum anderen.
„Ich habe deiner Mutter zu Weihnachten eine Kreuzfahrt geschenkt", erklärte Frank zögernd. „Wir fahren in der Woche vor Weihnachten und kommen erst Mitte Januar zurück."
„Du hast Weihnachten in den letzten Jahren immer in Washington verbracht. Deshalb hatten wir nicht angenommen, dass du ausgerechnet dieses Mal zu uns kommen willst. Wenn wir das eher gewusst hätten…" Trish klang ehrlich enttäuscht. Harm gab sich alle Mühe, seine Mutter wieder aufzumuntern.
„Ist doch nicht so tragisch, Mom. Dann verbringen wir Weihnachten eben zu Hause und besuchen euch im Frühjahr. Wohin geht die Kreuzfahrt?"
„Nach Südamerika. Deine Mutter wollte doch schon immer mal nach Brasilien."
„Daddy!" Zusammen mit Mac kam Belle auf sie zugelaufen. „Tinken!" Sie zerrte an der Tasche, die unten im Buggy lag und in der sich, wie sie genau wusste, ihre Nuckelflasche befand.
„Wenn du dich in den Buggy setzt, bekommst du etwas zu trinken." Harm wartete, bis Belle in den Sitz geklettert war, dann gab er ihr das Fläschchen mit dem verdünnten Apfelsaft.
„Meine Mutter und Frank machen Weihnachten eine Kreuzfahrt nach Südamerika", teilte er Mac mit.
Mac sah Trish fragend an. „Dann verbringen Sie die Weihnachtstage gar nicht mit Harm und Ihrer Enkeltochter?"
„Leider nicht…" Harm unterbrach seine Mutter: „Dieses Jahr nicht, aber es ist doch auch ganz schön, wenn wir Weihnachten hier bleiben. Dann können wir zusammen mit Belle ihren ersten Schneemann bauen." ›Wir?‹ Mac zog die linke Augenbraue hoch, aber Harm schien sich gar nicht bewusst zu sein, dass er sie in seine Feiertagsplanung miteinbezogen hatte. „Stimmt, das können Sie in Kalifornien natürlich nicht", gab sie ihm recht. „Hoffen wir also auf eine weiße Weihnacht."
Trish konnte es sich nicht verkneifen, ihrem Mann einen sanften Stoß in die Seite zu geben und ihn triumphierend anzublicken.
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17:14 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
„Was haltet ihr davon, wenn wir heute Abend als erstes gemeinsames Familienessen zum Italiener gehen?" Harm hielt schon das Telefon in der Hand. „Belle wird sich heute sowieso nicht früh ins Bett legen lassen." Die letzten zwei Stunden des Ausflugs hatte Belle schlafend in ihrem Buggy verbracht. Sie war nicht einmal aufgewacht, als Harm sie ins Auto gesetzt hatte. „Klingt gut!" Trish sah ihren Sohn lächelnd an. Auch Frank nickte zustimmend.
Mac trank den letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse und erhob sich von der Couch. „Ich denke, ich werde jetzt allmählich nach Hause fahren…"
Harm, der gerade die Nummer des Restaurants gewählt hatte, deckte die Sprechmuschel mit der Hand ab. „Wie bitte? Wir haben doch gerade beschlossen, dass wir essen gehen." Er nahm die Hand wieder vom Hörer. „Guten Tag, mein Name ist Rabb. Ich möchte einen Tisch für fünf Personen reservieren…"
Unschlüssig stand Mac da, bis Trish sie wieder auf die Couch hinunterzog. „Setzen Sie sich. Oder müssen Sie wirklich nach Hause?"
Mac blickte verlegen auf ihre Hände hinab. „Sie möchten doch sicher noch etwas Zeit allein mit Harm und Belle verbringen." Bevor Trish etwas erwidern konnte, hatte Harm das Telefonat beendet und kam, die Hände in die Seite gestützt, näher. „Was sollte das denn eben, Marine? Sie können hier doch nicht einfach verschwinden." Mac sah ihn an. „Harm…"
Frank begann die leeren Tassen in die Küche zu tragen und warf seiner Frau einen auffordernden Blick zu. Nur widerwillig folgte sie ihm. Zu gern hätte sie das Gespräch zwischen Harm und seiner Kollegin verfolgt.
„Also, was ist los?" Harm setzte sich neben Mac auf die Couch. „Ich weiß ganz genau, dass Sie keinen wichtigen Fall zu Hause liegen haben. Kommen Sie mir also nicht damit, dass Sie noch arbeiten müssen."
Sie betrachtete ihre Finger. „Nein, aber ich möchte mich nicht aufdrängen. Ich weiß doch, dass Sie Ihre Eltern nur selten sehen. Sie haben sich sicher einiges zu erzählen."
Wenn sie aufgeschaut hätte, hätte sie gesehen, wie Harm verständnislos den Kopf schüttelte. „Zum einen sind meine Eltern schon seit gestern hier, die wichtigsten Familienneuigkeiten habe ich also längst erfahren, und zum anderen habe ich keine Probleme damit, mich in Ihrer Gegenwart zu unterhalten. Mac, Sie wissen sowieso viel mehr über mich als meine Mutter." Er sah hinüber zur Küchenecke, wo Trish Belles Fläschchen neu füllte. Belle schleppte unterdessen ihren gesamten Kuscheltierbestand zu Frank, der sich die Spielsachen interessiert ansah. „Sie bekommen mein Leben doch jeden Tag hautnah mit, mit meiner Mutter telefoniere ich höchstens einmal im Monat. Was sollte ich schon vor Ihnen zu verbergen haben?"
Sie musste lächeln. „Aber Sie haben selbst gesagt, es sei ein ‚Familienessen', da habe ich nichts zu suchen", beharrte sie trotzdem.
Ein resigniertes Aufstöhnen war die Antwort. „Ich hätte es wissen müssen! Okay, Frau Anwältin, wenn wir streng nach dem Wortlaut gehen, dürfte ich nur mit Belle und meiner Mutter essen gehen, denn mit Frank bin ich auch nicht blutsverwandt." Mac wollte etwas einwenden, aber Harm fuhr fort: „Einigen wir uns also auf die Formulierung ‚Essen im Familien- und Freundeskreis'. Kommen Sie dann mit?" Mac nickte langsam und hob endlich ihren Blick.
Harm hatte den Kopf zur Seite geneigt und schenkte ihr sein markantes Flyboy-Lächeln.
„Außerdem gibt es in dem Restaurant angeblich einen ausgezeichneten Grill-Teller. Den wollen Sie sich doch nicht entgehen lassen!" Er zwinkerte ihr zu. „Hey, nicht schlagen. Ist das der Dank dafür, dass ich mich um Ihr leibliches Wohl sorge?" Mac schnitt eine Grimasse und zog ihre Hand wieder zurück.
