08:21 Uhr EST, drei Wochen später
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Guten Morgen, Commander, der Admiral möchte Sie sofort sehen." Petty Officer Tiner hatte Harm direkt vorm Aufzug aufgelauert und nahm ihm umgehend Aktenkoffer und Mantel ab.
Harm betrat das Büro seines CO, wo er schon ungeduldig erwartet wurde.
„Na endlich", brummelte Chegwidden. „Guten Morgen, Commander, setzen Sie sich." Er blickte in die vor ihm liegende Akte. „In der letzten Nacht ist es zu einem schweren Unglück auf der Seahawk gekommen. Eine F-14 schlug bei der Landung auf dem Deck auf und explodierte." Er machte eine Pause.
„Gibt es Verletzte, Sir?" Harm fühlte sich sofort an den Unfall zurückerinnert, der seine eigene Fliegerkarriere beendet hatte.
„Der Pilot und sein Radarleitoffizier konnten sich rechtzeitig rausschießen. Aber ein Bordmechaniker wurde von herabfallenden Trümmerteilen getroffen und schwebt in Lebensgefahr, zwei weitere erlitten leichte bis mittelschwere Verbrennungen." Admiral Chegwidden reichte Harm die Akte. „Der Pilot beschuldigt den diensthabenden LSO, einen Lieutenant Commander Gilbert, ihm falsche Anweisungen gegeben zu haben, Gilbert behauptet, der Pilot sei schuld. Ich habe Sie für die Untersuchung eingeteilt. In zwei Stunden geht Ihr Flug ab Andrews. Ihre laufenden Fälle geben Sie dem Major. Wegtreten!"
Harm erhob sich und nahm Haltung an. „Aye, aye Sir!"
Als er aus dem Raum gehen wollte, hielt ihn die Stimme seines Vorgesetzten noch einmal zurück. „Harm, es geht leider nicht anders. Sie sind nun mal der beste Mann für eine solche Ermittlung."
Harm nickte mit unbewegter Miene und zog die Tür hinter sich zu.
Missmutig sah er auf die Akte in seiner Hand. Natürlich war ihm klar gewesen, dass diese Situation früher oder später eintreten würde, aber später – viel später - wäre ihm erheblich lieber gewesen. Jetzt würde sich zeigen, ob Belle sich schon so sehr an ihre Nanny gewöhnt hatte, dass sie mehrere Tage ohne größere Probleme auf ihn verzichten konnte. ›Es wird schon klappen‹, versuchte er sich selbst zu beruhigen. ›Es sind ja nur zwei oder drei Tage. Hoffentlich!‹
Er holte die Unterlagen für Mac aus seinem Büro und ging zu ihr.
Mac hob erstaunt den Kopf, als er die Papiere auf ihrem Schreibtisch ablud. „Was denn? Sind Sie der Meinung, ich hätte nicht genug zu tun?"
Harm lächelte halbherzig. „Mit den besten Empfehlungen vom Admiral. Sie dürfen meine Fälle übernehmen."
Mac nahm ihre Hände von der Tastatur und sah ihn an. „Und Sie?"
„Ich muss zu einer Ermittlung auf die Seahawk. Absturz einer F-14 mit Schwerverletzten, in zwei Stunden geht mein Flug." Er nahm die oberste Akte vom Stapel. „Im Fall Moore verhandle ich gerade mit Imes. Ich denke, sie wird ihn mit unehrenhafter Entlassung davonkommen lassen. Bei denen hier können Sie eine Vertagung beantragen und hier…" Harm stockte, als sich eine Hand auf seinen Arm legte. Er hatte gar nicht gemerkt, dass Mac aufgestanden war.
„Ich könnte den Admiral bitten, dass ich an Ihrer Stelle auf die Seahawk gehe."
Harm sah von ihrer Hand auf seinem Arm hoch in Macs dunkle Augen und musste lächeln. „Danke für das Angebot, aber Chegwidden hat ausdrücklich erklärt, dass ich ermitteln muss. Meine Erfahrung als Pilot ist gefragt. Und es gehört nun mal zu meinen Aufgaben. Aber wenn Sie mir einen großen Gefallen tun wollen…" Bittend sah er sie an. Mit einem Nicken forderte Mac ihn auf weiterzusprechen. „Ich wäre erleichtert, wenn Sie vielleicht einmal bei Belle vorbeischauen würden. Nicht, dass ich Sandy nicht traue, aber ich möchte nicht, dass Belle denkt, sie wäre schon wieder im Stich gelassen worden. Erst ihre Mutter, jetzt ich…" Er biss sich auf die Unterlippe. „Sie freut sich immer so, wenn Sie uns besuchen und das würde sie vielleicht etwas davon ablenken, dass ich nicht da bin."
„Das hätte ich sowieso gemacht. Oder meinen Sie, ich lasse mir das Vergnügen entgehen, Zeit mit Belle zu verbringen, bloß weil Sie nicht da sind?" Mac schüttelte den Kopf. „Dann stören Sie wenigstens nicht, wenn wir die Stofftiere überall verteilen." In den letzten Wochen war Mac abends häufig noch zu Harm gefahren, um mit Belle zu spielen, was gewöhnlich damit geendet hatte, dass Harm anschließend die Spielsachen aus allen Winkeln des Apartments wieder zusammensuchen musste.
„Sie haben eine Menge bewundernswerter Eigenschaften, Mac", antwortete dieser auch prompt. „Aber Ordnungssinn gehört leider nicht dazu."
Mac grinste und nahm ihm die Akten aus der Hand. „Ab nach Hause mit Ihnen, Sailor. Nicht, dass Sie noch Ihren Flug verpassen. Und machen Sie sich keine Sorgen, Sandy hat alles gut im Griff. Außerdem ist es ja nur für ein paar Tage."
Zögernd ging Harm zur Tür. Als er die Hand auf die Klinke legte, drehte er sich noch einmal kurz um. „Danke, Mac, Sie sind ein Schatz!"
Perplex sah Mac ihm nach, während sie sich auf ihren Bürostuhl zurückfallen ließ. ›Er muss sich wirklich große Sorgen machen, wenn er solche Äußerungen von sich gibt‹, dachte sie kopfschüttelnd und machte sich wieder an ihre Arbeit.
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15:24 Uhr EST, zwei Tage später
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac schlug entnervt die dicken Wälzer zu, die sie sich aus der Bibliothek geholt hatte. ›Es muss doch irgendwo einen Präzedenzfall geben. Vielleicht kann Bud etwas finden.‹ Sie streckte den Rücken durch und lockerte die verspannten Schultern, bevor sie nach der nächsten Akte griff.
Am Morgen war sie zufällig im Büro des Admirals gewesen, als Harm ihm telefonisch Bericht erstattet hatte. Es sah ganz so aus, als ob sich die Untersuchung auf der Seahawk noch einige Tage hinziehen würde. Der gerade 22jährige Bordmechaniker war am Vortag seinen schweren Verletzungen erlegen, so dass es sich jetzt um eine mögliche Anklage wegen Pflichtverletzung mit Todesfolge handelte. Harms sachlichem Bericht hatte man nichts anmerken können, aber Mac wusste, dass er lieber heute als morgen diesen Unfall aufklären wollte, um möglichst schnell wieder nach Washington zurückkehren zu können. Am Mittag hatte sie Sandy angerufen, um sich nach Belle zu erkundigen. Sandy hatte Macs Vorschlag, sie am Abend für einige Stunden abzulösen, dankend abgelehnt. Allerdings würde sie sich freuen, wenn Mac trotzdem vorbeikäme.
Bei dem Gedanken daran hellte sich Macs Gesicht auf. ›Ich habe Belle nur drei Tage nicht gesehen und vermisse sie schon. Ich möchte nicht wissen, wie Harm sich fühlen muss.‹
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20:54 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
„Ich platze gleich!" Sandy lehnte sich japsend zurück und schob den leeren Teller von sich.
Gemeinsam hatten sie und Mac sich eine Familienpizza liefern lassen - mit extra Schinken und Salami! – und sie in Windeseile verputzt.
„Ich habe ganz vergessen zu fragen, ob Sie ein Glas Wein möchten", sagte Sandy plötzlich mit schlechtem Gewissen. „Ich trinke nämlich keinen Alkohol, wenn ich für ein Kind verantwortlich bin, aber wir können eine Flasche für Sie öffnen. Harm hat gesagt, es steht alles zu meiner Verfügung."
Mac schüttelte den Kopf und räumte das benutzte Geschirr ab. „Danke, aber ich trinke nicht mehr. Ich bin trockene Alkoholikerin." Sie wartete auf die übliche Reaktion auf dieses Geständnis, aber sie wurde angenehm überrascht. Statt des erstaunten ‚Wirklich? Das hätte ich nie vermutet!' oder des verschämten ,Oh, entschuldigen Sie.' sagte Sandy nur: „Schön, dass Sie es geschafft haben."
Dann ging sie zum Kühlschrank und untersuchte den Inhalt des Gefrierfachs. „Harm ist wirklich ein toller Mensch, aber er versteht anscheinend nicht das Geringste von den Bedürfnissen einer Frau." Sie fing Macs schockierten Blick auf und meinte lakonisch: „Kein Eis im Haus!" Mac musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Wenn Harm das nur hören könnte! „Dann haben Sie nur die Wahl zwischen Kaffee und Harms wirklich erstklassigem Tee. Was darf es sein?"
Mac musste nicht lange überlegen. „Den Tee hat er mir bisher vorenthalten, dann muss er ja gut sein."
„Eine ausgezeichnete Wahl", lobte Sandy und machte sich an die Zubereitung.
Wenig später ließen sich die beiden Frauen auf der Couch nieder. Mac umfasste ihre Tasse mit beiden Händen und nahm einen ersten Schluck. „Mmh, kein Wunder, dass er den vor mir versteckt hat!" Sie folgte Sandys Beispiel, streifte die Schuhe ab und setzte sich in den Schneidersitz. „Sie haben einen schönen Beruf gewählt, Sandy. Es muss herrlich sein, den ganzen Tag mit Kindern zu arbeiten."
Sandy nickte. „Meistens schon. Wenn nur die Eltern manchmal nicht wären…" Sie begegnete Macs Blick. „Ich spreche nicht von Harm. Doch es gibt Eltern, die sämtliche Erziehungsversuche meinerseits unterwandern, indem sie ihren Kindern alles erlauben und mich als den Buhmann hinstellen, der jeden Spaß verbietet. Nicht gerade ein schönes Gefühl. Ganz zu schweigen von den Eltern, die ihre Kinder gegen ihren Ehepartner aufhetzen, um ihre Macht zu demonstrieren." Sie zuckte mit den Schultern. „Aber für mich käme kein anderer Beruf in Frage. Seit ich das erste Mal bei unserer Nachbarin babysitten durfte, wollte ich Kindermädchen werden."
Mac hatte aufmerksam zugehört. Sandy schien völlig in ihrem Beruf aufzugehen. „Möchten Sie eigene Kinder haben?" fragte sie leise und angelte nach einem Couchkissen.
Auf Sandys Gesicht erschien ein wehmütiges Lächeln. „Möchten schon. Es fehlt nur…"
„…der richtige Mann", beendete Mac den Satz für sie. Sie hatte beide Arme um das Kissen gelegt und strich unbewusst mit dem Daumen darüber.
Sandy starrte in ihren Tee. „Eine Zeitlang dachte ich, ich hätte den Richtigen. Aber wie das so ist…" Sie grinste etwas schief. „… er war anderer Meinung. Vielleicht ist es dieses Mal - " Sie hustete verlegen und verbesserte sich schnell: „…nächstes Mal anders. Wie sieht es bei Ihnen aus?"
Mac drückte das Kissen fester an sich. „Dasselbe. Kein passender Mann in Aussicht und durch meinen Beruf wäre ich auch nicht in der Lage, ein Kind allein aufzuziehen."
Jetzt wurde Sandy wieder munter. „Das können Sie so nicht sagen. Sehen Sie sich Harm an! Er schafft es auch, allein ein Kind aufzuziehen. Natürlich ist es zu zweit viel einfacher und auch schöner, aber wenn man gute Freunde hat, die einem zur Seite stehen, so wie Sie Harm… Er kann froh sein, dass er jemanden wie Sie hat."
Mac zupfte verlegen an dem Kissen herum. „Ich mache doch gar nicht so viel. Das eine Mal Babysitten, als sein Freund in der Stadt war, okay. Aber sonst…"
„Nein, Sie machen überhaupt nicht viel", meinte Sandy ironisch. „Mal sehen", sie begann mit Hilfe ihrer Finger aufzuzählen, „Sie kommen abends regelmäßig bei ihm vorbei, nicht zu vergessen die Wochenenden. Sie haben geholfen, Belles Möbel zu kaufen und aufzubauen. Sie haben das neue Auto mitausgesucht, nachdem Sie die erste Zeit den Chauffeur gespielt haben. Das Babysitten hatten Sie schon erwähnt und die Freundin, die ihm Belle abgenommen hat, als er wegen ihrer Backenzähne kaum geschlafen hatte, das waren doch bestimmt auch Sie." Sie blickte stirnrunzelnd auf die erhobenen Finger und schaute zu Mac herüber. „Habe ich etwas vergessen?" Mac schüttelte stumm den Kopf, aber Sandy sprach schon weiter: „Klar, das Wichtigste: Sie sorgen dafür, dass er sich nicht plötzlich völlig abgekapselt von der ‚Erwachsenenwelt' vorkommt, wie das so häufig ist, weil sich der gesamte kinderlose Freundeskreis abwendet. Nicht jeder ist bereit, seine Freizeit mit dem Vorlesen von Bilderbüchern zu verbringen." Sie deutete mit dem Kopf auf die Spielzeugkiste, in der zuoberst Belles derzeitiges Lieblingsbuch lag. Mac konnte ‚Miffy hat Geburtstag' mittlerweile auswendig, da sie die Geschichte bei jedem Besuch mindestens dreimal vorlesen musste.
„Ich muss zugeben, dass ich schon mit dem Gedanken gespielt habe, ihr ein anderes Buch zu schenken", bekannte Mac mit einem Lächeln, „aber deswegen würde ich doch Harm nicht hängen lassen. Außerdem ist Belle beinahe wie eine eigene Tochter für mich."
Vor Sandy hatte Mac keine Hemmungen, dies zuzugeben. Überhaupt hatte sie das Gefühl, in ihr jemanden gefunden zu haben, mit dem sie wirklich reden konnte, auch über Themen, die sie nicht unbedingt mit Harm besprechen wollte. ›Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht beim Militär ist und mich nur als Privatperson kennt.‹ Harriet beispielsweise war auch eine gute Freundin und würde ihr auch jederzeit zuhören, aber durch den nun einmal bestehenden Rangunterschied und das ewige ‚Ma'am', das Harriet auch im privaten Umgang nicht abstellen konnte, hatte Mac Hemmungen, einfach so draufloszureden. Aber hier musste sie sich nicht als tougher Marine und Offizier beweisen, sondern konnte einfach von Frau zu Frau sprechen.
„Manchmal fürchte ich, dass ich mich zu sehr aufdränge", gestand sie ein. „Ich möchte nicht, dass ich Harm lästig falle."
Sandy hatte sich vorgebeugt, um ihnen eine weitere Tasse Tee einzuschenken und warf dabei einen schnellen Blick auf die dunkelhaarige Anwältin, die gedankenverloren an ihrer Unterlippe knabberte. „Ich denke, die Gefahr besteht nicht", sagte sie trocken. „Er erzählt immer ausführlich, was Sie am Wochenende gemeinsam unternommen haben. Wenn ich daran denke, wie begeistert er war, als Belle Sie das erste Mal ‚Mac' genannt hat." Sie verkniff sich ein Grinsen. Begeistert war noch untertrieben, Harm war völlig aus dem Häuschen gewesen. „Außerdem bin ich sicher, dass -"
Das Klingeln des Telefons unterbrach sie. Nach einem raschen Blick auf die Uhr entknotete Sandy ihre Beine und sprang zum Telefon. „H-A-R-M" formten ihre Lippen lautlos, während sie den Hörer abnahm. „Hallo?" Bestätigend nickte sie Mac zu, es war tatsächlich der erwartete ‚Kontrollanruf'.
„Hallo Harm, alles in Ordnung bei dir?" Sie lauschte in den Hörer, während sie sich an die Schreibtischkante lehnte. „Wie üblich. Heute Vormittag waren wir Lebensmittel einkaufen und nachmittags waren wir hier, weil es so geregnet hat. Deine Mutter hat übrigens gestern Abend noch angerufen. Du sollst ihr das nächste Mal Bescheid geben, wenn du verreisen musst, dann kommt sie her." Sie sah Mac an, während wieder am anderen Ende der Leitung gesprochen wurde. „Ja, das habe ich ihr auch gesagt. Übrigens, rate mal, wer gerade hier ist. Mac!" Sie hörte zu, bevor sie sich von Harm verabschiedete und das Telefon grinsend an Mac weiterreichte.
Mac räusperte sich. „Hallo Harm!"
„Hi Marine! Wie geht es Ihnen?" Die Verbindung war nicht ganz einwandfrei, aber trotzdem konnte sie hören, wie munter seine Stimme klang.
„Ausgezeichnet! Sandy und ich haben uns gerade über Ihren geheimen Teevorrat hergemacht und werden jetzt endlich einmal ungestört über Sie lästern."
Ein leises Lachen erklang aus dem Hörer. „Vielleicht sollte ich mich besser beeilen, bevor aus meinem Apartment ein reines Weibernest wird."
„Zu spät, Sailor", gab Mac liebenswürdig zurück. „Wir haben längst die Kontrolle übernommen."
„Dann sollte ich die Zeit hier an Bord genießen. Noch sind wir Männer hier in der Überzahl." Seine Stimme wurde etwas ernster. „Wie geht es Belle?"
Mac sah sich nach Sandy um, die in der Küche herumräumte und ihr den Rücken zuwandte. „Gut, Harm", beruhigte sie ihren Kollegen. „Sie hat vorhin einige Male nach Ihnen gefragt und auch etwas gequengelt, aber als wir zusammen in unserer Höhle gespielt haben, war sie wieder abgelenkt."
„Ich wusste gar nicht, dass wir eine Höhle haben?"
„Selbstverständlich haben wir eine Höhle! Phantasielose Menschen wie Sie würden sie vielleicht als Esstisch mit Bettlaken darüber bezeichnen, aber…"
„Ich hab schon verstanden, Marine", fiel er ihr amüsiert ins Wort. „Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass ich phantasielos sein soll? Ich glaube, ich muss Ihnen mal das Gegenteil beweisen." Mac verspürte ein leises Kribbeln, als sie diese Ankündigung hörte. ›Ruhig bleiben, Marine. Er spricht doch nur über Kinderspiele.‹
Etwas nervös rutschte sie auf der Couch hin und her, während sie möglichst cool antwortete: „Tja, das müssen Sie wohl, Sailor. Lassen Sie sich etwas Gutes für mich einfallen." ›Oha, das war etwas zu eindeutig!‹ „Was macht eigentlich Ihre Ermittlung? Wissen Sie schon, wann Sie zurückkommen?"
Das Ablenkungsmanöver schien zu funktionieren, denn Harm erwähnte ihre vorherige Bemerkung mit keiner Silbe. „Mein persönlicher Vorschlag wäre, sowohl den Piloten als auch den LSO den Haien zum Fraß vorzuwerfen, aber ich fürchte, dass sich der Skipper nicht darauf einlassen wird", meinte er frustriert. „Die beiden können sich nicht ausstehen und erheben die verrücktesten Vorwürfe. Wenn nicht ein Mensch dabei umgekommen wäre, wäre es zum Lachen. Ich weiß aber leider immer noch nicht, ob es ein tragischer Unfall oder doch Fahrlässigkeit war." Er seufzte. „Ich hoffe, dass ich meine Empfehlung bis Ende der Woche abgeben kann, aber eher wird es wohl nichts."
„Kopf hoch, Harm. Immerhin sind Sie auf einem Flugzeugträger."
Harm gab einen missmutigen Laut von sich. „Aber zum ersten Mal in meinem Leben wäre ich lieber in Washington als auf einem Träger. Hören Sie, ich muss hier weitermachen. Ich habe gleich nach dem Frühstück einen Termin beim Skipper. Geben Sie Belle einen Kuss von mir."
„Mach ich. Und keine Sorge, wir passen gut auf Ihre Tochter auf."
„Danke, Mac. Schlafen Sie gut! Tschüs!"
„Tschüs!" Mac legte den Hörer zurück und blickte sich um.
Sandy hatte frischen Tee zubereitet und setzte gerade die gefüllte Kanne auf dem Couchtisch ab, als ein leises Rufen aus dem Schlafzimmer drang. „Daddy?" Sandy steuerte schon auf das Schlafzimmer zu, aber Mac hielt sie zurück. „Lassen Sie mich gehen."
Sandy sah der dunkelhaarigen Anwältin nach und hörte, wie sie Belle leise tröstete.
„…Daddy ist bald wieder da und dann spielen wir alle gemeinsam…."
Nachdenklich trank Sandy von ihrem Tee. Die Beziehung zwischen ihrem Arbeitgeber und seiner Kollegin war ihr ein Rätsel. Ganz offensichtlich fühlten sie sich zueinander hingezogen, waren aber nicht in der Lage, es zuzugeben, nicht einmal sich selbst gegenüber.
›Wie in einem schlechten Teenie-Film!‹ Sie schüttelte stumm den Kopf. ›Und das sind dann hochdekorierte Offiziere und erfolgreiche Anwälte.‹
