10:12 Uhr EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Ma'am, Lieutenant Roberts bat mich Ihnen auszurichten, dass er den Termin heute Nachmittag nicht einhalten kann. Er musste zu einer Untersuchung nach Norfolk."
„Ich weiß, ich bin ihm im Aufzug begegnet." Mac wühlte in dem vor ihr liegenden Aktenstapel, in dem irgendwo, das wusste sie ganz genau, ihre Notizen über den Doran-Fall liegen mussten. ›Verdammt, ich habe sie doch vorhin noch gesehen…‹ Sie hob den Kopf. „Ist sonst noch etwas, Tiner?" Denn der Petty Officer stand noch immer in der offenen Tür.
„Ma'am, Sie haben doch sicher in den letzten Tagen mit Commander Rabb gesprochen-"
„Ha, da bist du ja!" Triumphierend zog Mac das gesuchte Blatt hervor, das unerklärlicherweise zwischen dem Entwurf eines Eröffnungsplädoyers gelandet war. Entschuldigend sah sie Tiner an. „Ich wollte Sie nicht unterbrechen. Ja, ich habe gestern mit dem Commander telefoniert. Weshalb?"
Tiner machte einen Schritt in ihr Büro hinein und senkte die Stimme etwas. „Steht schon fest, wann er wieder in Washington sein wird?"
Verwundert über diese unerwartete Frage ließ Mac das Blatt sinken. „Frühestens am Wochenende, eventuell auch später."
„Oh!" Enttäuschung zeichnete sich eine Sekunde lang auf seinem Gesicht ab, bevor er seine übliche Miene aufsetzte. „Danke, Ma'am!" Ohne jede weitere Erklärung zog er sich zurück.
Verwundert sah Mac ihm nach. ›Weshalb interessiert sich Tiner dafür, wann Harm zurückkommt? Es betrifft ihn doch überhaupt nicht. Es sei denn…‹ Sie musste grinsen. Ob Harm mit seinem Verkupplungsversuch doch Erfolg gehabt hatte? „Hm" Sie sah aufs Telefon.
›Es geht mich überhaupt nichts an, aber ich möchte doch zu gern wissen, was das eben sollte.‹ Kurz entschlossen wählte sie Harms Festnetznummer.
„Hallo?"
„Hallo Sandy, hier ist Mac. Ich wollte mich nur erkundigen, wie es Belle und Ihnen geht."
„Hallo Mac!" Sandy klang erfreut, aber auch etwas erstaunt. Vermutlich fürchtete sie, dass sie jetzt schon von zwei Personen Kontrollanrufe bekam. „Hier ist alles in Ordnung. Harm hat heute Morgen noch einmal angerufen, er wird vermutlich Sonntag wieder hier sein."
›Das ist das Stichwort.‹ „Das ist gut zu hören. Er scheint nicht nur von Belle vermisst zu werden", sagte Mac in einem, wie sie hoffte, neutralen Tonfall. „Petty Officer Tiner hat sich auch gerade nach ihm erkundigt. Er schien ziemlich enttäuscht zu sein, dass Harm erst in einigen Tagen zurückkommen wird." Gespannt wartete sie auf Sandys Reaktion.
„Das kann ich mir vorstellen. Wir wollten ursprünglich morgen Abend ausgehen", erklärte Sandy. „Jason hat Karten fürs National Theatre besorgt. Aber so ist das eben, wenn man auf Abruf arbeitet. Sie kennen das ja."
Jetzt konnte Mac Tiners Reaktion nachvollziehen. „Sandy, ich kann gerne morgen Abend auf Belle aufpassen", bot sie sofort an. „Sie müssen nicht auf Ihr Date verzichten."
„Kommt nicht in Frage", wies Sandy ihr Angebot freundlich, aber bestimmt zurück. „Ich habe die Verantwortung für Belle übernommen und werde sie nicht allein lassen. Ich weiß, dass Sie es gut meinen, Mac, aber Sie würden Belle auch nicht einer anderen Person anvertrauen, wenn Sie an meiner Stelle wären." Womit sie völlig richtig lag, wie Mac zugeben musste.
Sie unterhielt sich noch wenige Minuten mit ihr. Beide waren sich einig, dass sie einen Abend wie den gestrigen unbedingt wiederholen mussten, dann verabschiedete sich Sandy mit dem Hinweis darauf, dass Belle Anstalten machte, die unteren Küchenschränke auszuräumen.
Mac machte sich wieder über die Doran-Akte her, doch ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Sandy und Tiner. Zu schade, wenn ihr Date ausfallen würde. Sandy hatte natürlich Recht, sie konnte Belle nicht einfach jemand anderem überlassen. ›Wenn Harm allerdings erlauben würde, dass ich auf Belle aufpasse…‹ Drei Minuten später ließ sie sich mit Harm auf der Seahawk verbinden.
„Lieutenant Commander Rabb"
„Hey, Harm, ich bin es, Mac", begrüßte sie ihn. „Und bevor Sie einen Schreck kriegen, nein, es ist nichts passiert!" Sie hörte ihr erleichtert ausatmen.
„Gott sei Dank! Ich meine, schön, dass Sie anrufen, aber im ersten Moment… Was ist los, Marine? Haben Sie solche Sehnsucht nach mir?", fragte er in einem flirtenden Tonfall.
Mac verdrehte die Augen. „Na klar. Jetzt muss ich mir mein Essen selber kochen. Nein, im Ernst, ich möchte an den Romantiker in Ihnen appellieren."
Stille am anderen Ende der Leitung, dann ein Räuspern. „Okay, ich höre." Er schien etwas aus dem Konzept gebracht zu sein.
„Ihre Mission Johnson/Tiner scheint erfolgreich zu verlaufen, die beiden haben eine Verabredung, Tiner hat Karten fürs National Theatre gekauft."
„Ah ja…" Er zögerte etwas. „Nicht, dass ich das nicht interessant finde, Mac, aber deswegen rufen Sie mich hier an?" Er konnte seine Verwunderung kaum verbergen.
„Die Vorstellung ist morgen Abend", verdeutlichte Mac.
„Na und? - Oh!" Jetzt schien der Groschen endlich bei ihm gefallen zu sein. „Das tut mir leid für die beiden, aber ich kann es nicht ändern. Bis morgen Abend bin ich garantiert noch nicht zurück."
„Ich könnte auf Belle aufpassen", wiederholte Mac ihr Angebot.
„Wenn Sie das übernehmen möchten, werde ich Sie nicht davon abhalten."
„Sandy möchte mir Belle aber nicht einfach so anvertrauen, Sie müssten ihr erst Ihre Erlaubnis geben."
„Was soll das denn? Bei jedem anderen wäre das ja richtig, aber Sie gehören doch quasi zur Familie! Okay, ich rufe Sandy nachher an." Er machte eine kurze Pause. „Na, haben Sie jetzt etwa auch Ihre romantische Ader entdeckt, Marine?", stichelte er dann.
„Keine Sorge", entgegnete Mac würdevoll. „Ich will nur nicht, dass Ihre Bemühungen umsonst waren. Machen Sie es gut, Harm!"
„Sie auch, Mac!"
Mit einem Lächeln legte Mac den Hörer auf.
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19:41 Uhr EST, am nächsten Tag
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
So leise wie möglich verließ Mac das Schlafzimmer, nachdem Belle endlich eingeschlummert war.
Sandy war schon vor einer Stunde von einem äußerst nervösen Jason Tiner abgeholt worden, der Mac verlegen lächelnd begrüßt hatte. ›Richtig niedlich, die beiden. Harm scheint tatsächlich einen Blick dafür zu haben, wer zusammenpasst.‹
Sie nahm ihre Aktentasche und setzte sich zum Arbeiten an Harms Schreibtisch. Als sie die Unterlagen ausbreitete, fiel ihr Blick auf ein neues Bild, das neben dem ihr bereits bekannten von Harms Vater stand: das Foto zeigt sie selbst mit Belle. Sie saßen oben auf einer Kinderrutsche und lachten fröhlich in die Kamera. Mac konnte sich gut an die Aufnahme erinnern. Es war beim gemeinsamen Zoobesuch gewesen, bei dem Harms Tochter unbedingt alle Spielgeräte ausprobieren wollte, für die sie noch zu klein war. Schließlich hatte sich Mac erbarmt und war einige Male mit ihr gerutscht. Zum Schaukeln später hatte sie Belle auf den Schoß genommen und gut festgehalten, während Harm ihnen Schwung gegeben hatte.
Mit den Fingerspitzen fuhr Mac vorsichtig über das Bild. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, das eigene Foto an Harms Arbeitsplatz zu sehen. ›Aber Belle sieht wirklich wunderhübsch auf dem Bild aus. Kein Wunder, dass er es aufgestellt hat.‹ Sie schlug die Doran-Akte auf. ›Na los, Marine. In zwei Stunden bist du hiermit fertig, dann kannst du noch etwas lesen, bevor du zu Bett gehst.‹
Sie hatte sich mit Sandy darauf geeinigt, dass sie auch die Nacht hier verbringen würde, so würde Sandy am späten Abend nicht noch durch halb Washington fahren müssen. Da am nächsten Tag Samstag war, reichte es auch völlig aus, wenn sie erst am späten Vormittag erscheinen würde.
In dem ruhigen Apartment konnte Mac gut arbeiten, zügig glitt der Stift über das Papier, die Argumente flogen ihr nur so zu. Zwischendurch fiel ihr Blick immer wieder mal auf das Foto vor ihr und brachte sie zum Lächeln. Schließlich schaltete sie das Licht auf dem Schreibtisch aus. Das Eröffnungsplädoyer war fertig, einen ersten Entwurf für das Abschlussplädoyer hatte sie auch schon grob skizziert.
Sandy hatte ihr mit einem Augenzwinkern empfohlen, bei Gelegenheit noch einmal ins Eisfach zu schauen. Mac tat wie ihr befohlen und musste lachen, als sie gleich drei verschiedene Eissorten vorfand, versehen mit einer handschriftlichen Notiz: Es ist zwar nicht alles, was eine Frau braucht, aber wenigstens hinterlässt es keine Bartstoppeln im Waschbecken! Danke fürs Babysitten! Sandy
Mit einer riesigen Portion Schokoladen-Pfefferminz-Eis versorgt und dem neuesten Thriller von John Grisham bewaffnet, machte sie es auf der Couch gemütlich. Zufrieden löffelte sie ihr Eis, während sie kurz überlegte, wie wohl Sandys und Tiners gemeinsamer Abend verlief.
›Hoffentlich gut! Ich gönne es Ihnen.‹ Sie legte sich der Länge nach auf die Couch und schlug das Buch auf.
xxx
06:14 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
Verschlafen streckte sich Mac und öffnete die Augen. Die grauen Regenwolken der letzten Tage hatten sich verzogen. Stattdessen schienen die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster und erhellten das Schlafzimmer. Es war versprach ein schöner Novembertag zu werden. Mac richtete sich auf und sah zu dem Kinderbett hinüber, in dem Belle gleichmäßig atmend schlummerte.
Entgegen Sandys Prognose hatte Belle die Nacht ohne Probleme durchgeschlafen, fast ein wenig zu Macs Bedauern, die insgeheim gehofft hatte, noch mit ihr im Bett kuscheln zu können. Sie selbst hatte zu ihrem großen Erstaunen auch nicht die üblichen Probleme beim Einschlafen gehabt, obwohl oder vielleicht auch gerade weil noch jemand mit im Raum schlief.
Vorsichtig befreite sich Mac aus der Bettdecke, darauf bedacht, Belle möglichst nicht zu wecken. Sie suchte ihr Duschzeug aus der Tasche und huschte ins Bad. Obwohl sie sonst eigentlich eine Schnell-Duscherin war, ließ sie sich dieses Mal viel Zeit unter dem warmen Wasserstrahl. Die noch recht tiefstehende Sonne schien auf ihren Körper, durch den langen Schlaf fühlte sie sich so gut erholt wie schon lange nicht mehr, das Leben war einfach herrlich! Am liebsten hätte sie laut gesungen.
›Jetzt noch mit Belle gemeinsam frühstücken und dann vielleicht noch ein kurzer Morgenspaziergang…‹ Sie drehte das Wasser ab und griff nach dem flauschigen Duschtuch, das sie sich bereitgelegt hatte. Sie hatte sich noch nicht komplett abgetrocknet, als sie ein Rumoren aus dem Schlafzimmer hörte. ›Na ja, es ist kurz vor sieben. Kein Wunder, dass sie aufwacht.‹ Mac wickelte sich kurzerhand das Duschtuch um den Körper, um nach dem Kind zu sehen.
„Hast du was Schönes geträumt, mein kleiner Schatz?", begrüßte sie Belle.
„Ich glaube, ich bin immer noch dabei", kam eine unerwartete Antwort aus der anderen Seite des Raumes.
Harm hatte das Schlafzimmer betreten und gerade seine Taschen auf dem Boden abgestellt, als seine Kollegin äußerst knapp bekleidet aus dem Bad kam. Das blaue Duschtuch bedeckte ihren Körper gerade von den Brüsten bis zur oberen Hälfte ihrer Oberschenkel. Einzelne Wassertropfen auf ihrer Schulter glitzerten in der Sonne, die sie von hinten anschien.
Mac stoppte abrupt, als sie ihn sah und griff instinktiv mit der rechten Hand nach dem Duschtuch. „Oh, hi! Was machen Sie hier?", fragte sie verwirrt und sah sich nach Belle um, die immer noch schlief.
Harm zog belustigt eine Augenbraue in die Höhe. „Ich wohne hier!" Er hatte eindeutig seinen Spaß an der Situation. Sarah MacKenzie nur in ein Duschtuch gehüllt in seinem Schlafzimmer, das kam schließlich nicht jeden Tag vor.
Aber Mac hatte ihren Schrecken schon überwunden. „Witzbold! Ich meine natürlich, was machen Sie jetzt hier? Ich dachte, Sie kommen frühestens morgen zurück." Mit der freien Hand strich sie sich die nassen Haare aus der Stirn, während sie mit der anderen immer noch krampfhaft das Duschtuch zusammenhielt.
„Das hat sich erledigt." Harm zog die Uniformjacke aus und hängte sie ordentlich über einen Kleiderbügel. „Die Untersuchung der Wrackteile hat ergeben, dass es sich in Wirklichkeit um technisches Versagen gehandelt hat. Allerdings wird der Skipper wohl einige Disziplinarmaßnahmen gegen Lt. Michaels und Lt. Gilbert einleiten." Er hängte den Bügel zurück in den Kleiderschrank. „Aber wieso sind Sie eigentlich noch hier? Ich dachte, Sie würden nur auf Belle aufpassen, solange Sandy im Theater ist." Wie aufs Stichwort begann Belle sich zu regen. Harm ging zu dem Kinderbettchen und hockte sich davor. „Guten Morgen, meine Süße. Daddy ist wieder da!" Mac war ebenfalls ans Kinderbett getreten. Harms Blick fiel zwangsläufig auf ihre nahezu unbedeckten Beine wenige Zentimeter von ihm entfernt. Er schluckte. Langsam wanderten seine Augen nach oben, bis sie auf Macs trafen.
„Daddy!" Begeistert richtete sich Belle an dem Gitter auf und streckte beide Arme nach ihrem Vater aus.
Mac wich einige Schritte zurück. „Ich zieh mich schnell an", murmelte sie und griff nach ihrer Kleidung, um damit im Bad zu verschwinden, während Harm seine Tochter aus ihrem Bett hob. „Hey, du hast mir gefehlt!" Mit Belle auf dem Schoß setzte er sich auf den Bettrand und drückte sie liebevoll an sich. „Haben Mac und Sandy gut auf dich aufgepasst?" Er drehte den Kopf Richtung Bad. „Was ist mit Sandy?"
„Ich hab ihr gesagt, sie bräuchte erst heute Vormittag wiederzukommen", klang Macs Stimme hinter der milchigen Glaswand hervor. Schemenhaft konnte Harm die Umrisse seiner Kollegin erkennen. Unbewusst reckte er Kopf. ›Um Himmels willen, Rabb, du benimmst dich ja wie ein Spanner!‹ Leicht entsetzt über sich selbst wandte er sich ab. „Dann rufe ich sie an, dass sie nicht herzukommen braucht. Was möchten Sie zum Frühstück? Pfannkuchen oder Spiegelei?"
Mac tauchte aus dem Bad auf, neigte den Kopf etwas zur Seite und sah ihn nur vielsagend an.
Harm fing an zu grinsen. „Stimmt, dumme Frage! Einmal das komplette Angebot für unseren Marine. Was haben Sie heute vor?"
Mac räumte ihr Duschzeug in ihre Tasche zurück. „Eigentlich wollte ich mit Belle einen Spaziergang machen, aber jetzt wo Sie schon wieder da sind…"
Harm tat beleidigt. „Wieso, meinen Sie, ich schaffe es nicht mit Ihnen Schritt zu halten? Das werden wir ja sehen. Komm, Belle, mal gucken, ob ihr Frauen noch etwas zu Essen im Kühlschrank gelassen habt." Mac dachte kurz an das Eis und Sandys Bemerkung über Harms mangelnde Kenntnis von den Bedürfnissen einer Frau und musste grinsen.
›Irgendwann erzähle ich ihm das noch mal. Auf den Gesichtsausdruck freue ich mich jetzt schon!‹
Belle lief auf Mac zu und streckte ihre linke Hand aus. Die andere hielt sie ihrem Vater hin. „Füüühstück!", befahl sie mit lauter Stimme und zog die Erwachsenen hinter sich her.
Verblüfft sahen sich Harm und Mac an und fingen an zu lachen. „Ein paar Tage unter Ihrer Aufsicht und schon übernimmt meine Tochter Ihre schlechten Angewohnheiten, von Ihrem Kommandoton ganz zu schweigen", beschwerte sich Harm scherzhaft.
„Dann wissen Sie wenigstens gleich, wer hier das Sagen hat!" Bereitwillig ließen sie sich von dem Kind in die Küche ziehen.
