02:11 Uhr EST, zwei Wochen später
Macs Wohnung
Georgetown, Washington D.C.
Ring – ring – ring
„Was, um Himmels Willen…?" Verschlafen richtete Mac sich auf und streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus. Erst jetzt realisierte sie, dass es sich bei dem schrillen Ton um das Klingeln des Telefons handelte. Mit einem Mal hellwach sprang sie aus dem Bett und lief durch das dunkle Wohnzimmer zum Telefon auf ihrem Schreibtisch. „Verdammt!" Ein Stapel Bücher polterte zu Boden, als sie den Telefonhörer hochriss.
„Ja?", fragte sie atemlos ins Telefon.
„Mac?" Die Stimme am anderen Ende der Leitung war kaum zu verstehen.
Mac presste den Hörer näher ans Ohr. „Harm, sind Sie das? Was ist los?" Mit der linken Hand tastete sie vergeblich nach dem Schalter der Schreibtischlampe.
„Belle…" Mac erstarrte, als Harm nach diesem einen Wort wieder verstummte. Panik erfasste sie.
„Harm, was ist mit Belle?" Sie wusste, dass Harms Tochter seit einigen Tagen leicht erkältet war. Er hatte diese Woche einige Tage Urlaub genommen, da Sandy zu der Beerdigung ihrer Großmutter nach Knoxville gefahren war. Wegen Belles Erkältung waren sie nicht, wie eigentlich geplant, zu seinen Eltern an die Westküste gereist.
„Sie hatte eine Art Erstickungsanfall", flüsterte Harm. „Sie hat einfach keine Luft mehr bekommen. Ihr Gesicht ist ganz blau angelaufen…" Seine Stimme brach.
›NEIN!‹ Mac fühlte, wie ihre Beine nachgaben. Kraftlos ließ sie sich auf den Stuhl sinken.
„Was… was ist mit ihr?", fragte sie mit zitternder Stimme.
„Der Notarzt hat ihr eine Spritze gegeben und sie künstlich beatmet. Sie ist immer noch ohne Bewusstsein." Mac konnte seine Verzweiflung hören. „Mac, was ist, wenn sie stir-"
Sie fiel ihm ins Wort, bevor er es aussprechen konnte. „Das wird sie nicht!" Sie versuchte, ihre ganze Kraft in ihre Stimme zu legen. „Glauben Sie mir, sie wird das überstehen! Wo sind Sie jetzt?"
„In der Notaufnahme im WHC."
„Ich bin sofort bei Ihnen!"
Mac beendete das Gespräch und ließ den Hörer achtlos auf die Tischplatte fallen.
Für einen Augenblick presste sie die rechte Hand auf den Mund und starrte entsetzt in die Dunkelheit. ›Nein, nicht Belle!‹ Sie drängte die aufsteigenden Tränen zurück. Der Gedanke an Harm, der allein im Krankenhaus bei seiner bewusstlosen Tochter war, half ihr sich zusammenzureißen. Das Letzte, was er jetzt brauchen konnte, war eine heulende Kollegin.
In Windeseile zog sie sich Jeans und Sweatshirt an, schlüpfte in das erstbeste Paar Schuhe, das sie fand, griff nach ihrer Jacke und stürmte aus dem Haus.
xxx
02:43 Uhr EST
Washington Hospital Center
Washington D.C.
Mac stürzte in die Notaufnahme des WHC und sah sich suchend um.
Unter Missachtung sämtlicher Geschwindigkeitsbegrenzungen hatte sie ihr Ziel in Rekordzeit erreicht. Erst kurz vor dem Krankenhaus, als ihr permanent Rettungswagen im Einsatz entgegengekommen waren, war sie wieder etwas vorsichtiger gefahren.
Trotz der späten Stunde herrschte hektische Betriebsamkeit in der Notaufnahme. Ärzte in weißen Kitteln hasteten an Mac vorbei, Krankenschwestern schoben Betten mit Patienten über die Gänge, eben fuhr ein weiterer Rettungswagen vor. Im Hintergrund klingelten mehrere Telefone. Der typische Krankenhausgeruch nach Desinfektionsmitteln und Schlimmerem stieg ihr in die Nase, wieder fühlte Mac Panik in sich aufsteigen. Am Ende eines Ganges sah sie eine reglose Person auf einer Bank sitzen: Harm. Sie lief auf ihn zu, wobei sie gerade noch einer älteren Frau ausweichen konnte, die weinend aus einem der Behandlungsräume kam.
„Harm", sie legte ihm eine Hand auf die Schulter, „wie geht es ihr?"
Zeitlupenartig hob Harm den Kopf. An den Tränenspuren auf seinen Wangen konnte Mac erkennen, dass er geweint hatte, aber jetzt waren seine Augen trocken. „Ich weiß es nicht, der Arzt war noch nicht bei mir." Er presste die Lippen zusammen.
Mac setzte sich neben ihn. „Was ist eigentlich passiert? Sie hatte doch nur einen Schnupfen?"
Harm starrte auf den Boden. „Ich weiß es nicht", wiederholte er mit tonloser Stimme. „Gestern kam noch etwas Husten dazu und vorhin bin ich davon wach geworden, dass sie keuchend in ihrem Bett lag und nach Atem rang. Ich habe sofort den Notarzt gerufen. Als er eintraf, hatte sie gerade das Bewusstsein verloren." Wie besessen knetete er seine Hände. „Wenn ich bloß früher aufgewacht wäre…"
Mac griff nach seiner rechten Hand und drückte sie beschwichtigend. „Harm, Sie trifft keine Schuld. Schließlich haben Sie sofort reagiert. Sie helfen Ihrer Tochter nicht damit, dass Sie sich Vorwürfe machen. Außerdem wissen wir noch gar nichts." Er nickte still ohne sie anzusehen. Mac spürte, wie seine Finger den Druck erwiderten. Hand in Hand saßen sie schweigend da und warteten auf den Arzt.
Macs Gedanken wanderten zurück zu Thanksgiving, das sie gemeinsam verbracht hatten. Die Burnetts waren aus Kalifornien angereist und Harm hatte entgegen seiner ursprünglichen Drohung kein vegetarisches Essen aufgetischt, sondern einen köstlich gefüllten Truthahn zubereitet. Nur wegen Belle, wie er versichert hatte, schließlich sollte sie ein traditionelles Thanksgiving erleben. Mac konnte sich nicht erinnern, je einen so schönen Feiertag verbracht zu haben. In den letzten Jahren hatte sie sich den Tag meistens damit vertrieben, irgendwelchen Papierkram aufzuarbeiten. Früher hatte sie auch manchmal Onkel Matt besucht, aber dieses Jahr war sie sich zum ersten Mal wie ein Teil einer richtigen Familie vorgekommen.
Dieser Tag lag nicht einmal eine Woche zurück und jetzt warteten sie im Krankenhaus darauf zu erfahren, was mit Belle war.
„Mr Rabb? Ich bin Dr. Gilroy." Ein jüngerer Arzt war aus der Tür des Behandlungsraumes getreten und sah sie freundlich an. Harms Hand presste Macs Finger für einen Augenblick so fest zusammen, dass es schmerzte.
„Ja?" Er erhob sich von der Bank „Was ist mit meiner Tochter?"
Beschwichtigend hob der Arzt beide Hände. „Es ist alles unter Kontrolle. Ihre Tochter hatte einen Pseudokrupp-Anfall. Wir mussten intubieren, weil die Schleimhäute ihres Kehlkopfes so stark angeschwollen waren, dass sie nicht mehr selbständig atmen konnte. Mit den Medikamenten, die sie jetzt bekommen hat, sollte sie aber in kürzester Zeit wieder ohne Hilfe atmen können." Er zögerte etwas. „Sie ist allerdings noch immer ohne Bewusstsein. Sie war aber nur kurze Zeit ohne Sauerstoffversorgung, so dass wir davon ausgehen, dass sie keinerlei Schäden zurückbehalten wird. Aber mit absoluter Sicherheit können wir das erst sagen, wenn sie wieder erwacht."
Ohne seinen Blick von dem Arzt zu wenden, tastete Harm wieder nach Macs Hand. „Was… was heißt das konkret?"
Dr. Gilroy blickte erst ihn, dann Mac an. „Das heißt, zur Zeit liegt Ihre Tochter im Koma."
