›NEIN!‹

Während Mac noch versuchte, ihr Entsetzen unter Kontrolle zu bekommen, merkte sie, wie Harm neben ihr leicht schwankte. Stützend legte sie einen Arm um ihn. Da sie merkte, dass er vorerst nicht dazu in der Lage war, übernahm sie das weitere Gespräch mit dem Arzt. „Was hat diesen… Pseudo-Anfall ausgelöst?"

„Pseudokrupp-Anfall", berichtigte Dr. Gilroy. „Er wird durch eine Entzündung der Schleimhaut im Bereich des Kehlkopfes und der Stimmbänder ausgelöst. Durch das starke Anschwellen der Schleimhäute kommt es zu starker Atemnot. Normalerweise verlaufen diese Anfälle nicht so heftig. Meistens reicht es schon, das Kind zu beruhigen, ihm ein Cortison-Zäpfchen zu geben und es kühle Luft einatmen zu lassen", erklärte er. „War es das erste Mal, dass sie einen solchen Anfall hatte?"

Mac sah zu Harm hoch, doch als er nicht reagierte, antwortete sie an seiner Stelle. „Belle hat bis vor vier Monaten bei ihrer Mutter in Texas gelebt, aber seit sie in Washington ist, hatte sie nie Atemprobleme."

„Der Anfall kann durch das nass-kalte Wetter in den letzten Tagen ausgelöst worden sein", vermutete Dr. Gilroy. „Belles Kinderarzt wird Ihnen das dann noch genauer erklären."

Eine Krankenschwester verließ den Behandlungsraum und nickte Dr. Gilroy zu. „Sie können jetzt einige Minuten zu Ihrer Tochter, anschließend verlegen wir sie auf die Kinder-Intensivstation." Der Arzt begleitete sie in den Raum, in dem Belle auf einer für sie viel zu großen Trage lag. Ein Schlauch führte vom Beatmungsgerät in ihren Mund, ringsherum standen zahlreiche Monitore, die in regelmäßigen Abständen piepsende Töne von sich gaben.

Ohne ein Wort zu sagen hatte Harm sich von Mac gelöst und war näher an die Trage herangetreten. Ganz vorsichtig streckte er die Hand aus und streichelte Belle leicht über die Wange. Ihr Gesicht war blass, totenblass, durch die geschlossenen Augenlider schimmerten blaue Äderchen.

Dr. Gilroy räusperte sich. „Wie ich schon sagte, der Tubus kann voraussichtlich bald entfernt werden. Dann können wir nur noch warten, dass sie aufwacht."

Mac musste sich zwingen ihren Blick von Belle zu wenden, die so winzig zwischen den ganzen medizinischen Apparaturen wirkte. „Wie lange kann das dauern?" Vor ihrem inneren Auge erschienen die Horrormeldungen, von denen man immer wieder in der Zeitung las: ‚Frau seit fünfzehn Jahren im Koma'.

Dr. Gilroy schien zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging. „Koma bedeutet nicht zwangsläufig Dauerkoma, sondern erst einmal nur tiefe Bewusstlosigkeit. Es bestehen sehr gute Chancen, dass Belle innerhalb der nächsten Stunden oder Tage aufwacht." Er warf einen Blick auf Harm, der noch immer bei seiner Tochter stand und ihnen den Rücken zukehrte. „Belle wird gleich von einer Schwester abgeholt. Mr Rabb sollte möglichst in der Zwischenzeit noch die Formalitäten an der Anmeldung erledigen, danach können Sie wieder zu Ihrer Tochter." Aufgeregtes Stimmengewirr draußen veranlasste ihn lauschend den Kopf zu heben. Mac verstand, dass er woanders dringender gebraucht wurde.

„Danke, Dr. Gilroy." Sie brachte ein kleines Lächeln zustande. Der junge Arzt nickte ihnen noch einmal ermutigend zu und ließ sie allein. Für einen Moment drang der Lärm in der Notaufnahme ungefiltert zu ihnen durch, dann fiel die Tür zu und dämpfte die Geräusche wieder.

„Harm?" Er reagierte nicht.

Als Mac näher trat, sah sie, wie ihm eine einzelne Träne über die Wange rollte. Tröstend legte sie beide Arme um ihn und zog ihn an sich. „Es wird alles wieder gut", flüsterte sie behutsam, als er sich plötzlich wie ein Ertrinkender an sie klammerte, und streichelte über seinen Rücken. „Es wird alles gut. Sie schafft es." So sehr sie sich bisher auch zusammengerissen hatte, jetzt konnte sie nicht mehr verhindern, dass auch ihr einige Tränen hinunterliefen.

Sie hätte nicht sagen können, wie lange sie so dagestanden hatten, als die Tür aufgestoßen wurde und eine Krankenschwester und ein männlicher Pfleger hereinkamen. Ihre sonst so verlässliche innere Uhr schien nicht mehr zu funktionieren.

„Es tut mir leid", die rothaarige Krankenschwester hatte einen mitfühlenden Ton angeschlagen, „aber Sie müssen jetzt draußen warten. Wir verlegen Ihre Tochter auf die Intensivstation. Man wird Ihnen Bescheid geben, wenn Sie wieder zu ihr können."

Mac ließ Harm los und fuhr mit ihrem Ärmel über ihr tränennasses Gesicht. „Wir gehen schon", sagte sie zu der Schwester, die abwartend neben der Tür stand. Mac beugte sich vorsichtig über Belle und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Wir sind gleich wieder zurück, kleine Maus."

Harm erwachte endlich aus seiner Erstarrung. Auch er küsste seine Tochter zum Abschied und strich ihr eine Locke aus der Stirn.

„Harm!" Mac zog ihn sanft am Arm von der Trage weg, damit die Schwester mit ihrer Arbeit beginnen konnte. „Wir füllen jetzt die Formulare aus und sind dann sofort wieder bei ihr." Harm nickte und wischte sich über die geröteten Augen, bevor er nach einem letzten Blick auf seine reglose Tochter den Behandlungsraum verließ.

Im Eingangsbereich der Notaufnahme war es in der Zwischenzeit etwas ruhiger geworden. Vereinzelt trafen Krankenwagen ein, aber die große Hektik war vorbei.

Das Ausfüllen der Formulare schien Harm gut zu tun; hier war endlich etwas, das er selbst tun konnte, selbst wenn es sich dabei nur um das Beantworten von Fragen zu Wohnort, Geburtsdatum und Krankenversicherung handelte. Mac sah einen Moment lang zu, wie er mit Feuereifer die Angaben niederkritzelte, dann stand sie auf. In der Nähe des Eingangs hatte sie einen Kaffeeautomaten gesehen. Die Nacht würde noch lang werden.

Mit zwei gefüllten Kunststoffbechern kam sie zurück, als Harm gerade die letzte Zeile ausfüllte. „Hier", sie reichte ihm einen Becher. „Er wird zwar nicht die gewohnte Qualität haben, aber es ist besser als nichts."

Er zwang sich zu einem schiefen Lächeln. „Danke, Mac." Er legte das Formular auf den Stuhl neben sich und nahm den Kaffee entgegen.

„Haben Sie Sandy schon benachrichtigt?", wollte Mac wissen.

Harm nahm einen Schluck Kaffee und schüttelte den Kopf. „Sie hat mir die Telefonnummer ihrer Eltern notiert, sie muss irgendwo zu Hause sein. Ich habe vorhin nicht daran gedacht, sie mitzunehmen. Außerdem kann Sandy sowieso nicht helfen."

Wieder saßen sie schweigend da.

Schritte ertönten auf dem Linoleumboden. Harm hatte sich schon halb erhoben, als er feststellen musste, dass es sich nur um eine Reinigungskraft handelte. Enttäuscht ließ er sich wieder auf den Sitz fallen. „Wie lange dauert das denn noch?", murmelte er.

„Ich bin sicher, dass man uns sofort Bescheid geben wird, sobald wir wieder zu ihr können." Mac sah zu, wie Harm nervös mit dem leeren Kaffeebecher spielte. Knack, knack, systematisch drückten seine Finger Dellen in den Kunststoff. Irgendwann legte sie ihm eine Hand auf den Arm. Sofort hörte er auf. „Entschuldigung!" Er stellte den zerknickten Becher an die Seite.

„Mr Rabb?" Nahezu lautlos war eine Schwester in den Wartebereich getreten. „Sie können jetzt zu Ihrer Tochter." Sofort war Harm auf den Beinen. Mac warf die leeren Plastikbecher in den Abfallbehälter und reichte der Schwester die ausgefüllte Anmeldung, die Harm auf dem Stuhl liegengelassen hatte.

„Danke, ich gebe das gleich weiter." Die Schwester nahm die Formulare entgegen und musterte Mac kurz. „Zur Intensivstation haben nur Angehörige Zutritt", teilte sie dann nicht direkt unfreundlich, aber doch sehr entschieden mit. Mac biss sich auf die Unterlippe. Das war zu erwarten gewesen.

Noch bevor sie protestieren konnte, hatte eine Hand nach ihrer gegriffen. „Sie gehört zur Familie", hörte sie Harm mit fester Stimme sagen. Die Schwester zog etwas ungläubig eine Augenbraue hoch, zuckte aber dann nur mit den Schultern. „Folgen Sie mir bitte." Eilig lief sie die Flure entlang, an einem Aufzug stoppte sie schließlich und betätigte den Knopf. „Die Kinderintensivstation befindet sich in der zweiten Etage", erklärte sie kurzangebunden. „Eine der zuständigen Schwestern wird Sie dann zu Ihrer Tochter bringen." Die Tür des Aufzugs öffnete sich leise.

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte die Schwester sich um und hastete davon.

Befremdet sahen Harm und Mac ihr nach. „Sehr mitfühlend", meinte Mac kopfschüttelnd und folgte Harm in den Aufzug.

Im zweiten Stock hielt der Aufzug mit einem Ruck. Mac griff nach Harms Hand, als die Tür aufglitt. Gemeinsam steuerten sie den Tresen an, hinter dem eine Krankenschwester mit asiatischen Gesichtszügen Krankenblätter sortierte. Freundlich lächelnd sah sie auf, als Harm und Mac näher kamen. „Hallo! Zu wem möchten Sie?"

Harm räusperte sich. „Zu Belle, ich meine Isabelle Rabb, sie liegt im … Koma." Sanft streichelte Mac mit dem Daumen über seinen Handrücken. Die Schwester kam hinter dem Tresen hervor. „Ich bin Kiyo Tanaka", stellte sie sich vor. „Ich kümmere mich um Ihre Tochter. Ihr Zimmer ist gleich da vorne."

Sie führte die beiden einen hellen Flur entlang und öffnete die Tür zu einem großen Raum in dem lediglich zwei etwas kürzere Betten standen, umgeben von einer Unmenge an medizinischen Geräten. Das vordere Bett war nicht belegt, in dem anderen lag Harms Tochter.

Schwester Kiyo rückte zwei Stühle von der Wand an Belles Bett. „Dr. Gowan wird gleich noch einmal vorbeikommen und Ihnen den Zustand Ihrer Tochter erklären." Sie beugte sich über Belle und vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war. Harm war unsicher am Fußende des Bettes stehengeblieben, immer noch hielt er Macs Hand umklammert.

Schwester Kiyo strich Belle leicht über den Kopf, bevor sie sich wieder an Harm und Mac wandte. „Ich muss wieder zurück. Wenn Sie irgendetwas benötigen sollten, sagen Sie es mir. Gleich um die Ecke befindet sich ein Kaffeeautomat. Daneben ist auch das Telefon. Handys sind hier nicht erlaubt." Harm nickte mechanisch. Er hatte Mac vorhin schon von einem öffentlichen Telefon aus anrufen müssen. Mac hatte ihr Handy gar nicht bei sich, wie sie jetzt erst feststellte. In der Eile musste sie es zu Hause liegengelassen haben.

Die Krankenschwester schloss die Tür hinter sich, sie waren wieder allein mit Belle. Harm ließ Macs Hand los und ließ sich auf den Stuhl sinken, der Belles Kopf am nächsten war. Mit dem Zeigefinger strich er ihr behutsam über die Wange. Mac zögerte näher zu treten, sie wollte Harm nicht stören, aber das Eintreten des Arztes nahm ihr die Entscheidung ab.

„Guten Abend! Oder vielmehr guten Morgen!", korrigierte sich der sympathischwirkende Arzt nach einem Blick auf seine Uhr. Er reichte ihnen zur Begrüßung die Hand. „Ich bin Dr. Marc Gowan, der leitende Oberarzt dieser Station. Ich habe Ihre Tochter vorhin untersucht."

Harm hatte sich beim Eintreten des Arztes erhoben und stand jetzt abwartend neben Mac.

Dr. Gowan schaute auf das Krankenblatt, das er in der Hand hielt. „Ich weiß nicht, inwiefern die Kollegen aus der Notaufnahme Sie schon informiert haben…" Er sah sie fragend an.

„Belle hatte einen Pseudokrupp-Anfall und liegt jetzt im Koma", antwortete Harm mit gepresster Stimme und bewies damit, dass er vorhin die Erklärung des Arztes durchaus wahrgenommen hatte. Dr. Gowan fuhr sich mit der linken Hand durch das dunkle Haar, das sich an den Schläfen bereits silbern verfärbte. „Das ist im Prinzip richtig, ich möchte Ihnen aber erklären, dass dieses Koma nicht zwangsläufig wochenlange oder womöglich noch längere Bewusstlosigkeit bedeutet. Belle kann ebenso gut in den nächsten Stunden aufwachen." Etwas ausführlicher als Dr. Gilroy zuvor erläuterte er die verschiedenen möglichen Schweregrade eines Komas.

„Wird sie wieder ganz gesund werden, wenn sie aufwacht?", fragte Mac mit leiser Stimme.

Dr. Gowan sah sie an. „Wir können so etwas nie sicher vorhersagen", gab er ganz ehrlich zu. „Das hängt unter anderem davon ab, wie lange das Koma andauert und wie lange sie ohne Sauerstoff war. Außerdem reagiert jeder Körper anders. Aber Sie sollten nicht vom Schlimmsten ausgehen. Es bestehen gute Aussichten, dass sie keinerlei Schäden davontragen wird. Der Notarzt hat sie sofort künstlich beatmet und das MRT war ohne Befund."

Seine grauen Augen blickten mitfühlend von einem zum anderen. „Momentan können wir einfach nur abwarten und das Beste hoffen." Mac nickte stumm. Dieses Herumsitzen und Abwarten entsprach überhaupt nicht ihrem Charakter und Harms erst recht nicht. Sie kam sich so ohnmächtig vor.

Harm räusperte sich. „Können wir mit ihr sprechen? Ich meine, kann sie uns wohl hören?"

Dr. Gowan sah zu der reglosen Belle, dann wieder zu Harm. „Es gilt als ziemlich sicher, dass Komapatienten teilweise etwas von ihrer Umwelt mitbekommen, auch wenn es bisher medizinisch noch nicht nachgewiesen werden konnte. Meiner persönlichen Meinung nach erkennen Komapatienten durchaus den Klang einer vertrauten Stimme, wenn auch vielleicht nicht das, was sie sagt. Sprechen Sie ruhig mit ihr, es kann ihr nur helfen."

Schwester Kiyo erschien in der offenen Tür. „Dr. Gowan, die kleine Sheila scheint aufzuwachen." Der Arzt wandte sich um. „Ich komme sofort. Entschuldigen Sie mich", bat er Harm und Mac. „Ein kleines Mädchen im Alter Ihrer Tochter mit einem Schädel-Hirn-Trauma. Die Großmutter hatte es beim Zurücksetzen übersehen und angefahren. Ich schaue später noch einmal bei Ihnen vorbei." Er folgte Schwester Kiyo in einen anderen Raum.

Mac sah ihm erschüttert hinterher. „Die arme Großmutter! Schuld daran, dass die eigene Enkeltochter auf der Intensivstation liegt." Sie konnte sich kaum etwas Schrecklicheres vorstellen. „Sie muss sich entsetzliche Vorwürfe machen."

„Ja", kam es leise von Harm. „Ich weiß nicht, ob ich damit leben könnte." Er setzte sich wieder an Belles Seite und betrachtete seine Tochter hilflos.

Mac beschloss, ihn etwas mit Belle allein zu lassen, damit er ungestört mit ihr reden konnte, wenn er das wollte. „Ich hole uns noch Kaffee", kündigte sie an. „Soll ich Ihnen vielleicht auch etwas zu essen besorgen?"

Harm hob kurz den Blick. „Nein, aber danke."