Leise verließ Mac den Raum und schloss die Tür hinter sich. Einen Moment lang schloss sie die Augen und atmete tief durch. Auch wenn Dr. Gowan sein Möglichstes getan hatte, um ihnen Mut zu machen, Mac hatte noch immer das Gefühl, als ob ihr etwas die Kehle zuschnüren würde. ›Nein, es wird alles wieder gut. Belle wird bald aufwachen, es wird ihr gut gehen und alles wird so sein wie vorher‹, bemühte sie sich selbst zu überzeugen.
Langsam ging sie den Flur hinunter. In einem Raum, der wohl als Aufenthaltsraum für wartende Angehörige gedacht war, stand ein bunt dekorierter, künstlicher Weihnachtsbaum.
›Weihnachten…‹ Mac musste schlucken. Sie hatte bereits in den letzten Wochen die ersten Geschenke besorgt und ein Großteil davon war für Belle gedacht. Fast einen halben Nachmittag hatte sie in einem Spielwarengeschäft verbracht, auf der Suche nach einer Gefährtin für Bobo. Und jetzt… ›Hör auf damit! Bis Weihnachten ist Belle längst wieder gesund!‹ Energisch fuhr sich Mac über das Gesicht, um die Tränen wegzuwischen, die ihr schon wieder über die Wangen liefen. Sie hörte, wie sich irgendwo in der Nähe zwei Frauen halblaut unterhielten. In der einen Stimme meinte sie die von Schwester Kiyo zu erkennen.
Und richtig, als sie um die Ecke bog, sah sie Schwester Kiyo im Gespräch mit einer anderen Krankenschwester, die Mac den Rücken zukehrte. Schwester Kiyo bemerkte sie fast augenblicklich. „Kann ich Ihnen behilflich sein, Mrs Rabb?", fragte sie freundlich.
Einen Moment lang zögerte Mac, ob sie den Irrtum bezüglich ihres Namens aufklären sollte, aber dann beschloss sie, vorsichtshalber nichts zu sagen. Sie wollte auf keinen Fall riskieren, als ‚Nicht-Angehörige' von der Station verwiesen zu werden, auch wenn sie im Grunde nicht glaubte, dass Schwester Kiyo sie wirklich wegschicken würde.
Die Krankenschwester hatte ihr Zögern bemerkt. Mit geübtem Blick erfasste sie die geröteten Augen. „Hier drüben steht der Kaffeeautomat", sagte sie und wies mit der Hand in die entsprechende Richtung. „Da finden Sie auch das Telefon und die Toilette."
„Danke!" Erleichtert zog sich Mac auf die Damentoilette zurück. Sie verriegelte sorgfältig die Tür, bevor sie sich endlich erlaubte in Tränen auszubrechen. Schluchzend saß sie auf dem heruntergeklappten Toilettendeckel, ungehindert liefen ihr die Tränen über das Gesicht.
Nach einer Weile beruhigte sie sich wieder, sie öffnete die Tür und ging zum Waschbecken hinüber. Sie ließ kaltes Wasser in ihre Hände laufen und kühlte damit so gut es ging ihre verweinten Augen. ›Wenigstens bin ich nicht in Uniform‹, dachte sie, als sie ihr noch immer gerötetes Gesicht im Spiegel betrachtete. ›Allerdings wäre mir das in diesem Fall auch ziemlich gleichgültig!‹ Sie tupfte das Gesicht mit einigen Papierhandtüchern trocken und verließ die Damentoilette.
Die andere Krankenschwester war nicht mehr zu sehen, Schwester Kiyo saß wieder allein hinter dem Tresen und sah auf, als sie die Tür klappen hörte. „Geht es wieder?", fragte sie mitfühlend. Mac merkte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss, sie hatte doch so gehofft, dass man ihr ihre Verfassung nicht ansehen würde. „Ja", murmelte sie. „Entschuldigen Sie bitte mein Verhalten."
Völlig erstaunt sah Schwester Kiyo sie an. „Wofür entschuldigen Sie sich denn? Das ist doch verständlich, dass Sie weinen, wenn Ihre Tochter im Koma liegt." „Sie ist nicht meine leibliche Tochter", antwortete Mac mit leiser Stimme. Das zumindest konnte sie zugeben, schließlich war Belles Mutter als ‚verstorben' in den Formularen aufgeführt.
„Ja und? Glauben Sie, das macht einen Unterschied, was Ihre Gefühle für sie angeht? Absolut nicht!" Schwester Kiyo war während der letzten Worte näher gekommen. „Dr. Gowan hat Ihnen sicher erklärt, dass es gute Aussichten gibt, dass Belle bald wieder das Bewusstsein erlangt." Mac nickte stumm. „Er würde so etwas nie sagen, wenn es nicht so wäre", versicherte Schwester Kiyo. „Sie dürfen die Hoffnung nicht so schnell aufgeben. Warum trinken Sie nicht in Ruhe eine Tasse Kaffee und gehen dann zurück zu Belle und Ihrem Mann?"
Kaffee, Harm. „Oh Gott. Ich hab ihm gesagt, dass ich nur kurz Kaffee hole", entfuhr es ihr, als sie realisierte, dass seitdem bereits 44 Minuten vergangen waren. „Ich muss zurück. Danke, Schwester Kiyo."
„Gern geschehen", lächelte die Krankenschwester und ging wieder an ihren Platz.
Mac ging hinüber zum Getränkeautomaten und warf einige Münzen hinein. Während sie darauf wartete, dass die heiße Flüssigkeit in den Kunststoffbecher lief, fiel ihr Blick auf den öffentlichen Fernsprecher. Sie mussten unbedingt Sandy verständigen. Vielleicht würde sie später auf dem Weg nach Hause einen kurzen Zwischenstopp bei Harms Apartment einlegen, um die Telefonnummer zu suchen. Mit je einem randvoll gefüllten Becher in beiden Händen, ging Mac zurück zu dem Zimmer, in dem Belle lag. Mit dem rechten Ellenbogen drückte sie behutsam die Türklinke herunter, sorgfältig darauf bedacht, den heißen Kaffee nicht zu verschütten.
Als sie den Raum betrat, hörte sie, wie Harm leise mit seiner Tochter redete. „…einen großen Weihnachtsbaum mit vielen Lichtern." Er wandte den Kopf um. Mac bedauerte schon, einen persönlichen Moment zwischen Vater und Tochter unterbrochen zu haben, aber er lächelte sie an und sprach weiter zu Belle. „Mac hilft uns bestimmt beim Plätzchen backen. Grandma hat mir das Rezept für ihre berühmten Schokoladenkekse geschickt, die sind genau das Richtige für euch Leckermäuler."
Mac konnte nicht anders, sie musste lächeln. Sie spürte, wie ihre Verzweiflung etwas nachließ. Natürlich hatte sich nichts wirklich geändert. Belle lag nach wie vor reglos in ihrem Bett, aber wenn Harm die Hoffnung nicht aufgab, durfte sie das auch nicht. Sie reichte ihm einen der Becher und setzte sich auf den Stuhl neben ihm. „Natürlich helfe ich euch beim Backen", versicherte sie und beugte sich etwas vor, um Belle leicht über den Kopf zu streichen. „Solange uns dein Daddy anschließend Weihnachtslieder vorsingt."
Harm lehnte sich in seinem Stuhl zurück und nahm einen Schluck Kaffee, während sein Blick weiterhin auf Belle geheftet war. Er war überhaupt nicht erschöpft, nicht einmal leicht müde, obwohl er keine zwei Stunden geschlafen hatte. Ganz im Gegenteil: er befand sich in einem Stadium der Überwachheit. Es war fast wie bei einem Kampfeinsatz, wenn das Adrenalin durch den Körper jagte. Doch anstatt auf eine F-14 und ein Angriffsziel waren all seine Sinne auf Belle fixiert. Er nahm jeden ihrer Atemzüge wahr, registrierte jede Bewegung auf dem EEG, jedes Piepsen der Monitore klang überlaut in seinen Ohren. Er hatte jeden Gedanken daran verbannt, dass Belle möglicherweise nicht wieder aufwachen oder, falls doch, schwere Schäden zurückbehalten könnte. Denn er wusste, wenn er diese Vorstellung an sich herankommen lassen würde, würde er vor Schmerz wahnsinnig werden. Nein, Belle würde wieder völlig gesund werden, denn alles andere könnte er nicht ertragen!
„Harm?" Mac, die Belle eben noch von Santa Claus erzählt hatte, war etwas eingefallen. „Haben Sie Ihre Eltern eigentlich benachrichtigt?"
Harm blickte sie einige Sekunden lang ausdruckslos an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Belle zuwandte. „Nein", antwortete er kurz. „Ich werde sie anrufen, sobald es Belle wieder besser geht."
„Meinen Sie nicht, dass sie Bescheid wissen sollten?" Harm zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Die Personen, die Bescheid wissen müssen, sind Sie und Sandy." Er dachte nach. „Ihre Telefonnummer müsste auf meinem Schreibtisch liegen."
„Ich kann gleich bei Ihnen vorbeifahren und sie holen. Möchten Sie, dass ich Sandy anrufe?"
„Würden Sie das tun?" Harm sah sie dankbar an. „Dann könnte ich hier bei Belle bleiben."
„In Ordnung." Mac zögerte, hakte aber doch noch einmal nach. „Und Ihre Eltern?"
Harm biss sich auf die Unterlippe. „Okay, ich werde sie spätestens heute Abend anrufen, reicht das?" ›Vielleicht gibt es bis dahin tatsächlich etwas Positives zu berichten und Trish und Frank müssen sich nicht unnötig aufregen‹, überlegte Mac und beschloss, sich damit zufrieden zu geben.
Als Mac eine knappe Stunde später das Krankenhaus verließ, war Belles Zustand immer noch unverändert. Dr. Gowan hatte Belle noch einmal untersucht und angekündigt, dass man am Vormittag ein weiteres, höher auflösendes MRT machen würde. Im Wesentlichen hatte er aber nur wiederholt, was er bereits in der Nacht gesagt hatte: man müsse Geduld haben.
Mac fuhr vom Parkplatz des Krankenhauses und fädelte sich in den aufkommenden Berufsverkehr ein. Nervös trommelte sie mit den Fingern auf dem Lenkrad, als sie schon zum dritten Mal an einer roten Ampel halten musste. Um acht Uhr hatte sie einen Termin im Hauptquartier, bis dahin musste sie noch aus Harms Apartment Sandys Telefonnummer holen und nach Hause, um zu duschen und ihre Uniform anzuziehen.
Außerdem machte sie sich Sorgen um Harm. Er hatte das Frühstück, das sie ihm aus der Cafeteria geholt hatte, komplett abgelehnt und stattdessen drei weitere Tassen Kaffee in sich hineingeschüttet. Das Angebot von Schwester Kiyo, sich in einem unbenutzten Nebenraum etwas auszuruhen, hatte er ebenfalls ausgeschlagen. Er saß weiterhin am Bett seiner Tochter und erzählte ihr von ihren gemeinsamen Zukunftsplänen.
Ein mehrstimmiges Hupkonzert riss Mac aus ihren Gedanken. Entschuldigend hob sie eine Hand und fuhr rasch an, bevor die Ampel vor ihr wieder von Grün auf Rot umsprang.
Sechzehn Minuten später hielt ihr Jeep vor Harms Apartment. Um nicht auf den Aufzug warten zu müssen, nahm sie die Treppe. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend eilte sie hinauf. Mit dem Ersatzschlüssel aus dem Briefkasten öffnete sie die Tür und sah sich um.
Selbst wenn sie nichts von den nächtlichen Ereignissen gewusst hätte, spätestens jetzt hätte Mac gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war. Als erstes schaltete sie die Deckenbeleuchtung aus, die die ganze Nacht gebrannt hatte. Aus dem Schlafzimmer war das immer lauter werdende Piepsen des Weckers zu hören. Belles Bettdecke mit den kunterbunten Luftballons darauf war achtlos auf den Esstisch geworfen worden, Bobo lag auf dem Fußboden. Mac hob den Stoffhund auf, sie würde ihn nachher mit ins Krankenhaus nehmen.
Sie ging ins Schlafzimmer, um den Wecker abzustellen. Auch hier waren die Zeichen des überstürzten Aufbruchs nicht zu übersehen: Harms Kleiderschrank stand sperrangelweit offen, sein Bettzeug lag in einem unordentlichen Haufen am Fußende des Bettes. Nach dem Wecker schaltete Mac die Nachttischlampe aus, die ebenfalls noch brannte. Mit wenigen Handgriffen hatte sie das Bett gemacht, wobei ihr das schnurlose Telefon entgegen fiel, das Harm einfach auf die Bettdecke geschmissen hatte.
Unentschlossen stand sie vor dem geöffneten Kleiderschrank. Harm hatte deutlich zu verstehen gegeben, dass er nicht so schnell von Belles Seite weichen würde. Also wäre es wahrscheinlich das Beste, wenn sie ihm einige Sachen zum Wechseln mitbringen würde.
Sie nahm drei T-Shirts und einen dunklen Pullover heraus und packte sie in Harms Seesack.
Zögernd begann sie die Schubladen aufzuziehen, auf der Suche nach Unterwäsche und Socken. Schnell wurde sie fündig. Sie stopfte einige Boxershorts und Socken zu den anderen Sachen und ging ins Bad. ›Zahnbürste, Zahnpasta, Rasierzeug, Shampoo, Duschgel…‹ Sie suchte alles zusammen, was ihr wichtig erschien und hoffte nur, dass Harm ihr das Herumwühlen in seinen Sachen nicht übelnehmen würde. ›Aber er würde im umgekehrten Fall garantiert genauso handeln.‹ Mit dem gepackten Seesack über der Schulter und Bobo unterm Arm ging Mac zum Schreibtisch, um das zu suchen, weswegen sie eigentlich hergekommen war. Sie fand den Zettel, auf dem Sandy mit ordentlicher Handschrift die Telefonnummer ihrer Eltern notiert hatte, sofort. Er war halb unter den Bilderrahmen mit dem Foto von ihr und Belle geschoben.
Mac nahm das Bild in die Hand und starrte es gedankenverloren an. Warum konnte man die Zeit nicht einfach zurückdrehen? Eine einzelne Träne tropfte auf das Glas. Mac wischte sie hastig weg.
Sie sah auf die Telefonnummer. In Knoxville war es jetzt 6.03 Uhr, viel zu früh für einen solchen Anruf, wie Mac fand. Außerdem war sie sich nicht sicher, ob sie gerade in der Lage war, Sandy von Belle zu berichten ohne wieder in Tränen auszubrechen. Es war besser, erst vom Büro aus zu telefonieren.
Sie packte alles zusammen, deponierte den Schlüssel wieder im Briefkasten und fuhr in Richtung Georgetown.
