08:07 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

„Guten Morgen, Ma'am!" Wie so häufig war Harriet die erste Person, die Mac beim Verlassen des Aufzugs über den Weg lief. „Hatten Sie Probleme mit Ihrem Auto? Corporal Dunn wartet schon in Ihrem Büro."

„So was ähnliches", murmelte Mac. Es war nicht unbedingt notwendig, zu erklären, dass sie auf halbem Weg nach Falls Church noch einmal hatte umkehren müssen, weil sie ihre Aktentasche zu Hause vergessen hatte. ›Sieben Minuten und 33 Sekunden zu spät zu einem Treffen mit einem Klienten, das ist noch nie vorgekommen.‹ Jetzt hatte sie nicht einmal mehr Zeit, den dringend benötigten Kaffee zu trinken. Allmählich machte sich der fehlende Schlaf bemerkbar.

„Ma'am, geht es Ihnen gut? Sie sind etwas blass." Harriets Stimme klang besorgt.

›Nein, mir geht es nicht gut! Belle liegt im Koma und ich kann nicht bei ihr sein, weil ich einen dämlichen Corporal verteidigen muss, der unbedingt für 30 Dollar Zigaretten klauen musste.‹ Mac unterdrückte die scharfe Antwort, die ihr auf der Zunge lag und antwortete nur kurzangebunden: „Ich habe es eilig, Harriet."

Sie ließ den blonden Ensign stehen und ging zu ihrem Klienten.


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09:27 Uhr EST

JAG-Hauptquartier

Falls Church, Virginia

Mac schloss dankbar die Augen, als die Tür von außen zugezogen wurde. Commander Mattoni hatte ihr Angebot angenommen. Der Corporal würde einen schriftlichen Verweis und Soldabzug erhalten, aber es würde zu keiner Verhandlung kommen. Mac sehnte sich nach einer Tasse extrastarken Kaffee, aber zuerst musste sie Sandy endlich anrufen. Sie wählte die Nummer und wartete. Es tutete viermal, fünfmal…

„Hallo?"

Mac räusperte sich. „Guten Morgen, hier spricht Major Sarah MacKenzie. Ich möchte Sandy Johnson sprechen."

„Einen Moment bitte." Mac hörte, wie der Hörer beiseite gelegt und im Hintergrund gesprochen wurde.

„Hallo?" Sandys atemlose Stimme erklang. „Mac, sind Sie das?"

„Ja." Mac wusste nicht, wie sie anfangen sollte. „Sandy, es tut mir leid, wenn ich Sie um diese Uhrzeit stören muss, aber hier ist etwas passiert."

„Ist etwas mit Belle?", fragte Sandy sofort.

„Sie… sie liegt im Krankenhaus." Mac berichtete sachlich von den Ereignissen der letzten Nacht und fasste die Diagnose der Ärzte zusammen. Zu ihrer Erleichterung verlor Sandy nicht die Fassung, wenn sie auch spürbar geschockt war.

„Wie geht es Harm?", wollte Sandy wissen, als sie ihre Stimme schließlich wiedergefunden hatte.

„Er weigert sich Belles Bett zu verlassen, obwohl er völlig erschöpft ist. Ich hoffe nur, dass er wenigstens etwas isst…" Mac, die sich während des Telefonats in ihrem Stuhl zum Fenster gedreht hatte, nahm aus den Augenwinkeln eine Bewegung hinter sich wahr. Sie fuhr herum und sah gerade noch, wie Admiral Chegwidden ihre Bürotür wieder schloss. „Mist", schimpfte sie, wobei sie vergaß, dass sie immer noch telefonierte.

„Was ist passiert?", wollte Sandy auch prompt wissen.

„Der Admiral ist gerade hier gewesen und hat vermutlich einiges gehört."

„Dann sollten Sie ihm besser erklären, was los ist. Ich versuche, den nächsten Flug nach Washington zu erwischen", erklärte Sandy. „Der geht gegen Mittag. Falls er allerdings schon ausgebucht sein sollte, würde ich allerdings erst am späten Abend bei Ihnen sein. Wo kann ich Sie erreichen?" Mac gab Sandy sämtliche Telefonnummern, einschließlich ihrer Privatnummer und der der Intensivstation des WHC.

Sie verabschiedeten sich und Mac ging in die Küche, um sich endlich eine Dosis Koffein zu verabreichen.

„Major, der Admiral möchte Sie sehen." PO Tiner steckte den Kopf zur Tür hinein, ehe Mac auch nur die Chance gehabt hatte, von ihrem Kaffee zu trinken. Seufzend stellte sie die volle Tasse ab und folgt ihm.

„Admiral, Major MacKenzie ist jetzt hier."

„Danke, Tiner und ich möchte nicht gestört werden."

„Aye, Sir!" Tiner schloss lautlos die Tür hinter sich.

„Setzen Sie sich, Major." Admiral Chegwidden lehnte sich in seinem Stuhl zurück und studierte aufmerksam den Gesichtsausdruck seiner Untergebenen. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen", begann er zu Macs Erstaunen. „Ich bin vorhin in Ihr Büro gekommen ohne die Antwort auf mein Klopfen abzuwarten und habe unbeabsichtigt Teile Ihres Telefonats mitangehört." Er registrierte, wie ihr linker Mundwinkel nervös zuckte. Überhaupt sah sie schlecht aus, blass, dunkle Ringe unter den Augen. „Es ging um die Tochter des Commanders, habe ich das richtig verstanden?", fragte er vorsichtig.

„Ja, Sir." Mac hatte nicht die Absicht, ihren CO anzulügen. Sie war sich sicher, dass Harm nichts dagegen hatte, wenn sie Chegwidden von Belles Zustand berichtete. Er würde die Sache nicht an die große Glocke hängen. „Belle ist letzte Nacht nach einem Pseudokrupp-Anfall ins Krankenhaus gekommen, sie hatte einen Atemstillstand."

„Oh mein Gott, wie geht es ihr?"

Macs Miene verhärtete sich. „Sie liegt zur Zeit im Koma."

AJ wusste nicht, was er sagen sollte. „Wie trägt es Rabb?", fragte er nach einer Weile. Endlich hatte der Commander einen festen Halt in seinem Leben gefunden, hatte es endlich aufgegeben, den Geistern der Vergangenheit wie seinem verschollenen Vater nachzujagen und dann eine solche Tragödie.

„Den Umständen entsprechend", antwortete Mac ausweichend. „Er ist natürlich die ganze Zeit bei ihr."

Der Admiral nickte und wechselte plötzlich das Thema. „Wie sieht es mit der Anklage gegen Corporal Dunn aus? Wann wird die Verhandlung beginnen?"

Mac hatte etwas Mühe, seinem Gedankensprung zu folgen. „Gar nicht, Sir. Commander Mattoni und ich haben uns geeinigt. Sie bekommen den Bericht, sobald ich ihn fertig habe."

„Eilt nicht", winkte er ab. „Major, Sie haben in letzter Zeit ziemlich viele Überstunden gemacht."

Macs Augenbrauen wanderten erstaunt nach oben. So etwas wie Überstunden gab es beim Militär nicht. Bei ihrer Tätigkeit konnte man nicht auf geregelte Arbeitszeiten pochen. „Sir?", fragte sie deshalb.

„Packen Sie Ihre Sachen und kommen Sie erst übermorgen wieder. Oder haben Sie bis dahin noch eine Verhandlung?"

„Nein, aber…", stotterte Mac.

Admiral Chegwidden schnitt ihr das Wort ab. „Es ist mir völlig gleich, wo Sie Ihre Freizeit verbringen werden. Fahren Sie nach Hause oder ins Krankenhaus. Auf jeden Fall will ich Sie hier vor Freitagmorgen nicht wieder sehen. Das ist ein Befehl!"

Mac erhob sich schlagartig und nahm Haltung an. „Aye, Sir." Sie zögerte kurz. „Danke, Sir."

„Übermitteln Sie Rabb meine besten Wünsche." Der Admiral drückte auf die Gegensprechanlage. „Tiner, schicken Sie Commander Imes zu mir."


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11:17 Uhr EST

Washington Hospital Center

Washington D.C.

Bepackt mit Harms Seesack stieg Mac aus dem Aufzug und wurde gleich von einer ihr unbekannten Krankenschwester begrüßt. „Guten Tag! Zu wem möchten Sie?"

Mac sah sich vergeblich nach Schwester Kiyo um, aber es war kaum anzunehmen, dass sie Tag und Nacht arbeitete. Sollte sie sich einfach dreist als Mrs Rabb ausgeben? Bisher hatte sie nur nicht widersprochen, wenn man sie so angeredet hatte, aber direkt gelogen hatte sie eigentlich nicht.

„Mac!" Harm, mit dem unvermeidbaren Becher Kaffee in der Hand, hatte sie entdeckt und kam auf sie zu. Er stellte den Becher auf dem Tresen ab und nahm sie kurz in die Arme.

„Hey, wie geht es ihr?" Mit einem Gefühl des Bedauerns löste sich Mac aus seiner Umarmung und sah Harm fragend an.

„Bisher alles unverändert. Sie ist gerade zu einem weiteren MRT abgeholt worden." Er griff wieder nach seinem Becher. Die blonde Krankenschwester schien nach Harms Begrüßung von Macs Status als Familienangehörige überzeugt zu sein und kümmerte sich nicht weiter um sie.

„Ich habe Ihnen ein paar Sachen zum Wechseln mitgebracht", erklärte Mac und nahm den Seesack von der Schulter. „Und Rasierzeug."

Harm fuhr sich mit der linken Hand über das stoppelige Kinn. „Danke, dass Sie daran gedacht haben. Wieso sind Sie überhaupt um diese Zeit schon hier?"

„Der Admiral hat mir bis Freitag früh freigegeben. Er hat gehört, wie ich mit Sandy telefoniert habe." Sie gab kurz das Gespräch mit Sandy wieder und musterte Harm dabei unauffällig. Man konnte ihm ansehen, dass er in der Nacht so gut wie nicht geschlafen hatte. Sie wusste allerdings auch, dass sie selbst nicht viel besser aussah, auch wenn sie ihre Augenringe so gut es ging mit Make-up abgedeckt hatte. „Haben Sie heute schon etwas gegessen?" Hoffentlich klang sie nicht, als ob sie ihn kontrollieren wollte, aber sie machte sich wirklich Sorgen um ihn.

„Ein Sandwich vorhin." Er grinste müde. „Zufrieden, Mom?"

Mac lief vor Verlegenheit rot an. „Entschuldigung, ich wollte nicht…"

„Ist doch okay", beruhigte Harm sie. „Ich weiß doch, dass Sie es nur gut meinen. Und wenn Sie nicht heute Morgen das Frühstück aus der Cafeteria geholt hätten, hätte ich vermutlich gar nichts gegessen." Er hob den Seesack vom Boden. „Ich werde mich etwas frisch machen, solange Belle noch nicht wieder da ist. Bis gleich!" Er warf den leeren Kunststoffbecher in den Abfallbehälter und ging hinüber zum Waschraum.

Mac zog ihre warme Winterjacke aus und wanderte zwischen Aufzug und Getränkeautomat auf und ab. Nach einer halben Ewigkeit – zumindest kam es Mac so vor – tauchte Harm wieder auf. Stirnrunzelnd sah sie ihm entgegen. Weder der betont aufrechte Gang noch die frische Rasur konnten darüber hinwegtäuschen, dass er völlig erschöpft aussah. Neben seinen Mundwinkeln hatten sich tiefe Falten gebildet und seine normalerweise strahlenden Augen wirkten glanzlos.

„Warum legen Sie sich nicht für eine Stunde hin und ruhen sich aus?", versuchte Mac ihn zu überreden. „Ich bin doch hier bei Belle."

Wie nicht anders zu erwarten schüttelte Harm den Kopf. „Ich bin nicht müde." ›Na klar, und die Erde ist eine Scheibe!‹ Weil sie aber einsah, dass jede Diskussion darüber sinnlos war, hielt Mac den Mund. „Möchten Sie etwas an die frische Luft gehen?", fragte sie stattdessen.

Harm blickte auf seine Armbanduhr und nickte dann. „Vielleicht ein paar Minuten. Schwester Caitlin hat gesagt, dass Belle wahrscheinlich erst in einer halben Stunde wieder hier sein wird."

Sie brachten den Seesack weg und holten Harms Jacke. Mac wollte wieder den Aufzug ansteuern, aber Harm zog sie zu dem am anderen Ende des Ganges liegende Treppenhaus. Von dort aus führte eine Glastür auf das begehbare Flachdach, auf dem sogar einige Sitzbänke standen. „Damit die Angehörigen nicht jedes Mal das ganze Krankenhaus durchqueren müssen, um an die Luft zu kommen, hat Schwester Kiyo mir erzählt", erklärte Harm, als Mac sich verwundert umsah.

Die Hände tief in die Jackentaschen vergraben, ging er an das Metallgeländer am Rande des Daches und schaute in die Ferne. Mac stellte sich neben ihn und folgte seinem Blick. Schemenhaft konnte man das Kapitol erkennen. Wie bereits in den letzten Tagen lag eine dünne Nebelschicht über der Stadt und die Sonne war lediglich als heller Fleck hinter einer grauen Wolkenwand auszumachen. Mac fröstelte. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke so hoch es ging und verschränkte die Arme vor der Brust. Trotzdem merkte sie, dass ihr die kalte Luft gut tat. Harm schien es ähnlich zu gehen. Er hatte die Augen geschlossen und atmete tief ein. Besorgt betrachtete Mac ihn. Wie würde er reagieren, wenn Belle nicht in den nächsten Tagen zu sich käme? Instinktiv rückte sie näher.

„Ist Ihnen kalt?" Harm hatte die Bewegung seiner Kollegin wahrgenommen und legte ihr fürsorglich seinen Arm um die Schultern.

„Ein bisschen", murmelte Mac und kuschelte sich dichter an ihn. „Wie geht es Ihnen?", fragte sie mit leiser Stimme. Sofort konnte sie spüren, wie sich Harms Körper anspannte.

„Gut", antwortete er knapp und ohne sie anzusehen.

Sie wand sich halb aus seiner Umarmung und drehte sich zu ihm. „Das stimmt doch gar nicht", stellte sie ruhig fest.

Harm ließ ihre Schulter abrupt los, als hätte er sich verbrannt. „Natürlich stimmt das nicht", fuhr er Mac so wütend an, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurück machte. „Seit Stunden rede ich erfolglos auf meine Tochter ein, die im Koma liegt. Am nächsten Wochenende wollte ich mit ihr einen Weihnachtsbaum aussuchen, aber die Ärzte können mir nicht einmal sagen, ob sie Weihnachten überhaupt schon wieder bei Bewusstsein sein wird." Seine Stimme war während der letzten Worte immer lauter geworden, seine mühsam aufrechterhaltene Beherrschung brach endgültig zusammen. „Was glauben Sie wohl, wie es mir geht?" Er sah Mac verächtlich an und noch bevor sie reagieren konnte, war er davon gestürmt.

„Verdammt!", murmelte sie und lief ihm nach. „Harm!"

Sie folgte ihm bis an die andere Seite des Flachdaches, wo er sich auf eine Bank fallengelassen hatte. Mit gesenktem Kopf saß er da und schaute erst auf, als Mac direkt vor ihm stand. „Es tut mir leid", sagt er leise und sah Mac kurz an, bevor er den Blick wieder abwandte. „Ich wollte Sie nicht anschreien, aber…" Mit den Fingerspitzen massierte er seine Schläfen.

„Ist schon gut", beschwichtigte Mac ihn und setzte sich neben ihn auf die Bank.

Behutsam strich sie ihm über den Hinterkopf. Harm ließ seine Hände sinken und schloss die Augen, während er die sanfte Berührung genoss. „Belle müsste allmählich zurück sein", meinte er nach ein paar Minuten und stand auf. Mac hakte sich bei ihm unter, gemeinsam gingen sie zurück in das Gebäude.

Schwester Caitlin sah ihnen entgegen. „Belle ist gerade zurückgebracht worden. Dr. Skinner wird Ihnen die Ergebnisse nachher mitteilen." Sie musterte Harm kritisch. „Mr Rabb, möchten Sie sich nicht doch etwas hinlegen, jetzt, wo Ihre Frau hier ist?" Mac zuckte leicht zusammen, aber solange Harm keinen Einspruch erhob, hielt sie es auch nicht für nötig, die Krankenschwester über ihre wahre Beziehung – oder vielmehr Nicht-Beziehung – aufzuklären.

„Nicht nötig, ich bin nicht müde." Eine so offensichtliche Lüge hatte Mac selten von ihrem Kollegen gehört. Es war wirklich für jeden und erst recht für eine Krankenschwester ersichtlich, dass er völlig erschöpft war. Mac tauschte einen vielsagenden Blick mit Schwester Caitlin, dann schob sie Harm in Belles Zimmer.

„Hallo, mein Schatz!" Harm beugte sich über seine reglose Tochter und küsste sie zärtlich auf die blasse Stirn. „Guck mal, Mac ist auch wieder hier." Mac lächelte und begrüßte Belle. Und dann begann wieder das Warten.

Mac hätte Harm gern mit Neuigkeiten aus dem Hauptquartier abgelenkt, aber ihr fiel beim besten Willen nichts ein, was sie hätte erzählen können. Zuerst sprach Harm noch zu seiner Tochter, doch nach und nach wurde seine mittlerweile schon heiser klingende Stimme immer leiser, bis sie schließlich ganz verstummte und nur noch das monotone Piepsen der Überwachungsmonitore zu hören war.

„Hallo Mr Rabb!" Mac schreckte zusammen, als eine schlanke, vielleicht 50-jährige Frau im Arztkittel schwungvoll hereinkam. Die Ärztin ihrerseits stutzte bei Macs Anblick. „Mrs Rabb? Ich bin Dr. Vanessa Skinner", begrüßte sie sie dann warm lächelnd. „Ich möchte Ihnen die Ergebnisse der letzten Untersuchung Ihrer Tochter mitteilen." Harm hatte sich beim Eintreten der Ärztin kerzengerade hingesetzt und sah sie unruhig an. Sie bemerkte seine Anspannung. „Kein Grund zur Sorge", fügte sie schnell hinzu und zog eine Lesebrille aus der Brusttasche ihres Arztkittels. Nach einem prüfenden Blick auf Belles Krankenblatt nickte sie langsam. „Das MRT von vorhin hat keine Hinweise auf mögliche Hirnschäden gegeben."

„Und das bedeutet?", fragte Mac mit drängender Stimme.

„Das bedeutet, dass Belle, wenn sie aufwacht, vermutlich keine bleibenden Schäden zurückbehalten wird."

Harm blickte auf seine Tochter. „Wenn sie aufwacht – oder falls sie aufwacht?" Seine Stimme klang rau. Automatisch streckte Mac ihre Hand nach seiner aus und drückte sie tröstend.

„Wenn Sie so fragen: Falls sie aufwacht", musste Dr. Skinner zugeben. „Ich kann Ihnen einfach keine Versprechungen machen, so leid es mir tut. Wir müssen -"

„Abwarten", fiel Harm ihr ungeduldig ins Wort. „Ich weiß, seit Stunden höre ich nichts anderes!" Mit der linken Hand fuhr er sich über die Stirn, seine rechte ruhte weiterhin in Macs. „Entschuldigung, ich weiß, dass Sie Ihr Bestes geben, aber dieses Rumsitzen und Nichts-Tun-Können…" Hilflos hob er die Schultern.

Dr. Skinner schien nicht böse zu sein. „Glauben Sie mir, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich womöglich genauso reagieren. Aber Sie sollten sich etwas ausruhen."

Harm schüttelte abwesend den Kopf. Die Ärztin blickte auffordernd zu Mac.

„Harm, wenigstens eine Stunde. Ich verspreche, dass ich hier bei Belle bleibe und Sie – dich -", verbesserte Mac sich hastig, weil Dr. Skinner sie hören konnte, „sofort hole, wenn irgendetwas passiert." Bittend sah sie ihn an.

Harm zögerte, nickte dann aber widerstrebend. „Okay. Aber ich fahre nicht nach Hause", stellte er klar und es war seiner Stimme anzuhören, dass er über diesen Punkt nicht weiter diskutieren würde.

„Das brauchen Sie auch nicht", gab Dr. Skinner gleich nach. „Wir haben nebenan einen kleinen Raum für solche Fälle. Schwester Caitlin bringt Sie gleich dorthin." Sie hängte Belles Krankenblatt zurück, steckte die Brille wieder ein und verließ den Raum.

Harm erhob sich langsam von seinem Stuhl, hielt Macs Hand aber weiterhin fest. „Du gibst mir doch sofort Bescheid, wenn sie aufwacht oder…" Er schluckte. „Oder wenn sich irgendetwas ändert, oder?"

„Ich verspreche es. Aber du musst versuchen etwas zu schlafen."

Genau wie Harm fand sie es plötzlich albern, sich weiterhin zu siezen, nach allem, was sie in den letzten Wochen und ganz besonders in diesen letzten Stunden gemeinsam durchgemacht hatten. Ein Räuspern ertönte. Schwester Caitlin stand an der Tür.

Zögernd ließ Harm Macs Finger los und beugte sich über Belle. „Bis gleich, mein Schatz. Ich bleibe ganz in der Nähe und Mac passt hier auf dich auf, okay?" Er küsste seine Tochter sanft auf die Stirn und folgte der Krankenschwester.

Mac rutschte auf Harms Stuhl, so dass sie näher bei Belle saß und umfasste Belles kleine Hand. Ganz vorsichtig, damit sie nicht an den Zugang für die Infusion in ihrem Handrücken kam. „Hey, kleine Maus, du musst bald aufwachen", flüsterte sie. „Dein Daddy macht sich große Sorgen um dich. Und ich will auch wieder mit dir und Bobo spielen." ›Bobo‹

„Warte mal, ich hab hier doch irgendwo…" Mac ließ Belles Hand los und wühlte in Harms Seesack, der an der Wand lehnte. Ganz unten fand sie schließlich den Stoffhund. „Guck, Bobo ist auch hier und wartet darauf, dass du aufwachst." Sie legte das Stofftier in Belles Armbeuge. Einen Moment lang hoffte sie tatsächlich, dass Belle wie durch ein Wunder aufwachen würde, aber dann meldete sich ihr Verstand. ›Das ist hier kein kitschiger Hollywoodfilm, sondern das wirkliche Leben! Und ein Mensch wacht nicht aus dem Koma auf, nur weil man ihm sein geliebtes Kuscheltier in den Arm drückt!‹


Mehr als drei Stunden saß sie allein an Belles Seite, redete mit ihr, sang ihr leise vor und sprach ihr sogar den Text aus ihrem Lieblingsbuch auswendig vor, immer in der Hoffnung, dass irgendetwas davon zu dem Kind durchdringen würde. Zwischendurch kam Dr. Skinner vorbei und untersuchte Belle. Auf Macs fragenden Blick schüttelte sie bedauernd den Kopf: Belles Zustand war und blieb unverändert.

Mac stand auf und ging in dem Raum auf und ab. Zu gern hätte sie sich eine Tasse Kaffee geholt, sogar dieses schwache Zeug aus dem Automaten wäre ihr jetzt willkommen. Hauptsache, es würde ihr helfen wachzubleiben. Schließlich hatte sie in der letzten Nacht auch nur drei Stunden geschlafen, wie ihr Körper ihr jetzt unmissverständlich klarmachte.

Aber bevor Harm nicht zurück war, würde sie Belle nicht allein lassen.

„Haben Sie Kopfschmerzen?" Unbemerkt von Mac war Schwester Caitlin hereingekommen.

Mac ließ die Hand sinken, mit der sie ihre Stirn massiert hatte. „Etwas", gab sie zu. „Zuwenig Schlaf und zuviel Aufregung."

Schwester Caitlin notierte etwas auf Belles Krankenblatt. „Ich kann ihnen eine Tablette geben, wenn Sie möchten", bot sie an.

Mac zögerte. Eigentlich versuchte sie Schmerztabletten soweit wie möglich zu vermeiden, aber das Pochen in ihrem Kopf wurde immer stärker. „Das wäre wahrscheinlich das Beste", willigte sie ein.