16:42 Uhr EST

Washington Hospital Center

Washington D.C.

Harm erwachte aus dem tiefen, traumlosen Schlaf, in den er augenblicklich gefallen war, kaum dass Schwester Caitlin die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er setzte sich mühsam auf und versuchte durch Kreisen der Schultern die Verspannung in seinem Rücken wenigstens etwas zu mildern. Ein Blick auf die Uhr an der Wand verriet ihm, dass es bereits später Nachmittag war. Natürlich konnten diese wenigen Stunden Schlaf nicht eine fehlende Nacht ersetzen, aber zumindest hatte er nicht mehr das Gefühl, dass er gleich vor Müdigkeit zusammenbrechen würde. Er war Mac zutiefst dankbar, dass sie die ganze Zeit freiwillig an Belles Bett saß, obwohl es für sie sicher genauso frustrierend war, nichts, aber auch gar nichts, tun zu können.

Mit langsamen Schritten durchquerte er den breiten Flur der Intensivstation bis zu der Tür, hinter der seine kleine Tochter lag. Zögernd sah er durch die Glastür in den Raum.

Auch wenn sein Verstand ihm sagte, dass alles unverändert sein würde, weil man ihm sonst Bescheid gesagt hätte, hatte er unbeschreibliche Angst davor, dass sich Belles Zustand weiter verschlechtert haben könnte.

Aber zu seiner unendlichen Erleichterung – oder doch Enttäuschung? – lag sie genauso da wie er sie vor Stunden verlassen hatte. Mac saß neben ihr und redete anscheinend mit ihr, denn ihre Lippen bewegten sich. Die Arme hatte sie um ein kleines, dunkles Kissen gelegt, das sie fest an sich presste. Sie hob den Kopf, als er die Tür endlich öffnete. „Hey!"

„Hey! Keine Veränderung?"

Niedergeschlagen schüttelte Mac den Kopf. Sie sah erschöpft aus, wie Harm auffiel. ›Natürlich, sie hat genauso wenig geschlafen wie du und war zusätzlich heute Morgen noch im Büro.‹

„Dann fährst du jetzt nach Hause und legst dich ins Bett", ordnete er an.

Wie zu erwarten, war sie nicht damit einverstanden. „Nicht nötig, ich hatte meinen toten Punkt heute Vormittag. Jetzt kann ich noch stundenlang so weitermachen."

„Kommt nicht in Frage, du fährst jetzt!"

„Ich denke gar nicht daran!"

An Sturheit stand Mac ihm nichts nach, wie Harm zum wiederholten Mal bewusst wurde. Also verlegte er sich aufs Bitten. „Mac, ich möchte mir nicht noch um eine zweite Person Sorgen machen müssen. Und das würde ich tun", schob er schnell nach, als sie ihren Mund zum Protestieren öffnete, „egal, ob du ein Marine bist und auf dich selbst aufpassen kannst."

Sie schloss den Mund und schwieg eine Sekunde. „Warum muss ich nach Hause fahren, während du hier schlafen kannst?", kam dann leise die Frage von ihr. ‚Weil ich ihr Vater bin' hatte Harm schon auf den Lippen, als ihm aufging, wie unfair das war. Mac hatte nicht nur in der vergangenen Nacht gezeigt, dass sie Belle von ganzem Herzen liebte – vielleicht genauso wie sie ein eigenes Kind lieben würde. Sie jetzt wegzuschicken, mit der unsinnigen Begründung, dass sie nicht mit Belle verwandt sei, war vielleicht das Verletzendste, was er ihr antun könnte. Er merkte, dass sie ihn traurig ansah, so als ahne sie, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen und mache sich schon darauf gefasst, auf ihren Status als Nicht-Verwandte hingewiesen zu werden.

Ein warmes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Entschuldige, ich habe nicht richtig nachgedacht. Selbstverständlich kannst du auch hier auf der Liege schlafen. Aber du legst dich jetzt sofort hin, einverstanden?" Mac nickte erleichtert. Harm streckte ihr eine Hand entgegen und zog sie vom Stuhl hoch. „Wir stehen das zusammen durch, okay?", sagte er leise, als sie so dicht vor ihm stand.

„Okay!"

Aufmunternd wuschelte er ihr durchs Haar und nahm ihr das Kissen ab, das sie immer noch fest in ihrer linken Hand hielt und auch jetzt nur zögernd losließ.

„Bobo!", rief Harm und betrachtete den Stoffhund mit einigem Erstaunen.

„Ich habe ihn mitgebracht, damit sie ihn gleich bei sich hat, wenn sie aufwacht", erklärte Mac und ging auf die Tür zu.

Die Hand schon an der Türklinke, drehte sie sich noch einmal um. „Harm, du sagst mir doch Bescheid, wenn…"

„Mac, ich habe dir gesagt, wir stehen das zusammen durch und das meine ich auch so. Natürlich wecke ich dich sofort, wenn sich etwas ändert. Und jetzt schlaf!"

Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. „Okay, bis später!" Harm beobachtete durch die Glastür, wie Mac langsam in dem kleinen Ruheraum verschwand.

Er nahm den schon gewohnten Platz neben Belles Bett ein und betrachtete seine Tochter hilflos. „Bitte, mein Schatz, wach endlich auf!" Geistesabwesend streichelte er das weiche Stofftier in seiner Hand.


xxx


22:07 Uhr EST

Washington Hospital Center

Washington D.C.

„Wie haben sie es aufgenommen?" Besorgt blickte Mac ihren Partner an, voller Mitgefühl für Trish und Frank, die eben vom Koma ihres einzigen Enkelkindes erfahren hatten.

„Nicht so gut, vor allem meine Mutter." Harm hatte immer noch ihr entsetztes Weinen im Ohr, in das sie ausgebrochen war, als sie endlich verstanden hatte, wovon er sprach. „Und Frank… du kennst ihn ja. Er bleibt immer gefasst, egal, wie schlimm es ist."

Harm machte nicht den Fehler, Franks Besonnenheit für Gleichgültigkeit zu halten. Ganz im Gegenteil: er war seinem Stiefvater dankbar dafür, dass er nicht wie Trish in Tränen ausgebrochen war, sondern die Ruhe bewahrt hatte. Es war Harm wesentlich leichter gefallen, Franks sachliche Fragen zu beantworten, als seiner schluchzenden Mutter Rede und Antwort zu stehen.

„Er kennt einen Neurologen hier in Washington und wird ihn anrufen, damit er sich Belle einmal ansieht. Außerdem werden er und Mom herfliegen, er sagt sämtliche Termine dafür ab."

Frank hatte Harm außerdem gebeten, es ihm ganz offen zu sagen, falls er seine Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht um sich haben wollte. Er würde Verständnis dafür haben und es auch übernehmen, Trish davon in Kenntnis zu setzen. Aber Harm wollte seine Eltern wirklich in der Nähe haben. Jahrelang hatte er ihre Unterstützung abgelehnt, selbst nach seinem Crash war er lieber zu seiner Großmutter nach Belleville geflüchtet; aber jetzt konnte und wollte er sie nicht länger ausschließen.

Er nahm Bobo vom Bett und drehte ihn zwischen den Händen. „Ich habe auch Sandy erreicht. Sie ist vor einer halben Stunde gelandet. Sie kommt morgen früh her, obwohl sie weiß, dass sie keinen Zutritt zur Intensivstation hat. Ich kann sie ja unmöglich als eine weitere Ehefrau vorstellen." Er grinste etwas und legte den Stoffhund zurück neben Belle.


xxx


19:45 Uhr EST, sechs Tage später

Washington Hospital Center

Washington D.C.

Wie an jedem Abend in den letzten Tagen fuhr Mac direkt von Falls Church ins Krankenhaus.

Seit der Abreise von Trish und Frank drei Tage zuvor hatte sich eine gewisse Routine eingespielt. Nachdem Belle auf eine andere Station verlegt worden war, konnte auch Sandy zu ihr, so dass sie sich mit Harm an Belles Bett abwechseln konnte. Mac kam weiterhin an jedem Abend vorbei, um wenigstens ein oder zwei Stunden bei ihr zu sitzen.

Der Aufzug brauchte wie immer 42 Sekunden, um in das richtige Stockwerk zu gelangen. Mac grüßte die diensthabende Krankenschwester und zog wie jeden Abend zwei Becher Kaffee aus dem Automaten.

Seit sieben Tagen lag Belle mittlerweile im Koma, seit sieben Tagen hatte es keine Veränderung gegeben.

Admiral Chegwidden hatte Harm vor einigen Tagen im Krankenhaus aufgesucht und sich persönlich nach Belles Zustand erkundigt. Er hatte Harm weiteren Sonderurlaub zugesichert und versuchte, auch Mac ausschließlich mit Aufgaben vor Ort zu versehen, was sogar soweit ging, dass Bud Roberts allein zu einer Ermittlung nach Pensacola geschickt wurde. ‚Eine gute Gelegenheit festzustellen, ob er schon seetüchtig ist', wie der Admiral sich ausgedrückt hatte.

Aber ewig konnte es so nicht weitergehen, darüber war Mac sich im Klaren.

Sie drückte die Tür zu dem Einzelzimmer auf, in dem Belle jetzt untergebracht war.

„Hey Harm, ich habe uns Kaffee mitgebracht", grüßte sie.

Doch statt ihres Kollegen saß Sandy an Belles Bett. „Hi", antwortete Sandy und schlug die Zeitschrift zu, in der sie geblättert hatte. „Ich bin zwar nicht Harm, aber kriege ich trotzdem den Kaffee?"

„Natürlich, hier." Mac reichte ihr einen der Becher und sah sich um.

„Ich habe ihn nach Hause geschickt", erklärte Sandy, die Macs suchende Blicke bemerkt hatte. „Er war völlig mit den Nerven am Ende. Euer Marineminister hat wohl Wind von Harms Sonderurlaub bekommen und dagegen Einspruch erhoben. Spätestens nächste Woche muss Harm wieder seinen Dienst antreten, egal wie es Belle geht."

„Dieser kleine, wichtigtuerische…" Mac bremste sich gerade noch, bevor ihr etwas extrem Unfreundliches über den SecNav entschlüpfte. Zumindest solange sie in Uniform war, sollte sie sich mit derartigen Bemerkungen besser zurückhalten. „Und Harm hat sich einfach so nach Hause schicken lassen?" Das klang nicht gerade nach dem Mann, den sie kannte.

„Du vergisst, dass ich Kindermädchen bin." Sandy brachte ein kleines Grinsen zustande. „Ich habe auch schon erfolgreich mit Fünfjährigen diskutiert. Dagegen war das hier ein Kinderspiel!" Mac fiel eine Bemerkung ein, die Harm gleich am Anfang über Sandy gemacht hatte: Außerdem kann sie sich sehr gut durchsetzen.

›Und damit hast du goldrichtig gelegen, Flyboy!‹ Sie stellte ihre Aktentasche ab und zog den Wintermantel aus. „Irgendwelche Veränderungen?", erkundigte sie sich, während sie sich neben Sandy setzte. In den letzten Tagen waren sie sich näher gekommen, Mac konnte gar nicht mehr begreifen, was sie anfangs gegen Sandy gehabt hatte.

„Alles wie gehabt. Keine Besserung, aber auch keine Verschlechterung." Sandy leerte ihren Becher und stand auf. „Ich geh mir mal die Beine vertreten und was essen. Bis gleich."

Mac nutzte die Gelegenheit und berichtete Belle von ihrem Tag. Auch eine Sache, die mittlerweile zur Gewohnheit geworden war. Es half ihr, mit dem Arbeitstag abzuschließen, und ein-, zweimal hatte sich für sie tatsächlich ein völlig neuer Blickwinkel ergeben, nachdem sie Harms Tochter einen Sachverhalt kindgerecht geschildert hatte. Heute musste sie allerdings die ganze Zeit an Harm denken. Wie konnte der SecNav verlangen, dass Harm zu seinem Dienst zurückkehren sollte, obwohl Admiral Chegwidden selbst den Sonderurlaub vorgeschlagen hatte? Niemand im Hauptquartier hatte sich über die zusätzliche Arbeit beschwert, die durch Harms Abwesenheit anfiel. Ganz im Gegenteil: genau wie der Admiral versuchten auch die Kollegen, allen voran Harriet, außerdem noch Mac soviel wie möglich abzunehmen, so dass sie Harm wenigstens etwas unterstützen konnte.

›Es kann keiner behaupten, dass die Arbeit unter Harms Ausfallen leiden würde, und nur weil der SecNav ihn nicht leiden kann…‹ Sie zerdrückte den leeren Becher mit der rechten Hand.

„Agressionsbewältigung?" Sandy hatte das traurige Ende des Kaffeebechers mitbekommen.

„So etwas in der Art." Mac warf die Überreste in den Abfallbehälter. „Bist du mir böse, wenn ich wieder fahre? Ich möchte mich vergewissern, dass mit Harm alles in Ordnung ist."

Sandy machte eine großzügige Handbewegung. „Weshalb sollte ich böse sein? Ich mache mir ja selbst Sorgen um ihn. Ich seh dich dann morgen."

Mac nickte und küsste Belle zum Abschied auf die Stirn. „Bis morgen, kleine Maus." Sie nahm Mantel und Aktentasche. „Gute Nacht, Sandy!"