Mac wurde von dem Klingeln eines Telefons geweckt, gleichzeitig merkte sie, dass etwas – oder besser gesagt jemand - auf ihr lag.
›Oh Gott!‹ Schlagartig fielen ihr die Ereignisse des Abends wieder ein. ›Wie konnten wir nur…?‹
Auf ihr begann Harm sich zu bewegen. Verstört sah er sich um. Genau wie Mac schien er einen Moment zu brauchen, um sich an alles zu erinnern. Dann sprang er von der Couch und wich einige Schritte zurück, während er Mac entsetzt anstarrte.
Das Telefon, das in der Zwischenzeit verstummt war, begann erneut zu klingeln. Abrupt drehte Harm sich um und griff nach dem Hörer. „Ja, Rabb hier", rief er ungeduldig hinein und drehte Mac seine nackte Kehrseite zu. „Sandy? Was – was ist passiert?"
Mac, die ihre zerknüllte Bluse vom Boden angeln wollte, hielt inne und sah ängstlich zu Harm.
Er stützte sich an der Schreibtischkante ab, seine rechte Hand umklammerte den Telefonhörer so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Und was bedeutet das?" Er drehte den Kopf und sah Mac mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck an. „Wir sind unterwegs!" Schon knallte er den Hörer auf. „Belle ist vorhin für kurze Zeit aufgewacht", sagte er kurz. „Danach hat sie wieder das Bewusstsein verloren." Ohne jedes weitere Wort begann er seine quer über den Raum verteilte Kleidung aufzuheben.
Mac brauchte einen Augenblick, um die Neuigkeit zu verarbeiten, dann tat sie es ihm nach. Schweigend suchten sie ihre Sachen zusammen und zogen sich an.
Mac versuchte in Harms Miene zu lesen, ohne jeden Erfolg. Er hatte einen völlig neutralen Ausdruck aufgesetzt, der keinerlei Rückschlüsse auf seine Gedanken zuließ. In Windeseile zog er seine Winterjacke über und griff nach den Schlüsseln. „Können wir?"
Mac hob ihren Mantel auf, der hinter den Sessel gefallen war und schlüpfte hinein. „Okay."
Er hielt ihr die Tür auf und schloss von außen ab.
Stumm standen sie nebeneinander im Aufzug, bis Mac sich schließlich räusperte. „Heißt das, dass sie bald endgültig aufwachen wird?"
Harm zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und sah sie nicht an, als er antwortete. „Vielleicht, vielleicht nicht, sie können es nicht hundertprozentig sagen."
Mit einer harten Erschütterung kam der Aufzug im Erdgeschoss zum Halten und Harm stürzte hinaus. Der schwarze Chevrolet stand direkt vor der Tür. Noch bevor Mac die Beifahrertür richtig geschlossen hatte, hatte Harm schon Gas gegeben und fuhr vom Hof.
Mac blickte aus dem Seitenfenster. Die unterschiedlichsten Gedanken gingen ihr durch den Kopf. War es ein gutes Zeichen, dass Belle aufgewacht war oder war es durch die erneute Bewusstlosigkeit eher schlimmer geworden? Wie lange war sie wach gewesen? Hatte die Zeit ausgereicht, um festzustellen, ob sie bleibende Schäden erlitten hatte? Und dann die Sache in Harms Apartment… Warum um Himmels Willen hatte sie sich nicht zurückgehalten? Sie hätte nie zulassen dürfen, dass sie im Bett landeten. ›Wenn es wenigstens das Bett gewesen wäre! Aber wie zwei hormongesteuerte Teenager auf der Couch…‹ Ihr schoss das Blut ins Gesicht. Unbewusst nestelte sie an ihrer Bluse, die sie nicht richtig hatte schließen können, weil einer der Knöpfe fehlte. Wenigstens verdeckte die Uniformjacke den entsprechenden Bereich. Sie warf einen scheuen Blick auf Harm, der auf die Straße sah. Die Art, wie er seine Lippen zusammenpresste, ließ sie erkennen, dass er in Gedanken bereits bei seiner Tochter im Krankenhaus war. Vielleicht würde sie später mit ihm darüber reden…
Endlich erreichten sie das Krankenhaus. Im Laufschritt durchquerten sie den Eingangsbereich bis zum Aufzug. Mac sah, wie Harms Hand zitterte, als sie den Knopf drückte. Am liebsten hätte sie tröstend nach ihr gegriffen, aber nach allem was vorhin geschehen war, traute sie sich nicht.
Oben wurden sie bereits von der Krankenschwester erwartet. „Gehen Sie gleich rein, Dr. Gowan ist gerade bei ihr."
Dr. Gowan stand neben dem Bett und machte Notizen auf dem Krankenblatt. Im Bett lag Belle – reglos, mit geschlossenen Augen.
„Harm, Mac!" Sandy hatte sie entdeckt und kam überglücklich auf sie zugestürzt. „Sie war wach, sie hat nach dir gerufen!" Sie fiel erst Harm, dann Mac um den Hals, Freudentränen liefen ihr über das Gesicht.
Mechanisch erwiderte Harm die Umarmung. „Aber… sie ist nicht wach", stammelte er.
Dr. Gowan hatte seine Bemerkung gehört und lächelte. „Vielleicht nicht wach, aber zumindest nicht mehr bewusstlos. Sie schläft jetzt ganz normal. Sie ist vor knapp 20 Minuten aufgewacht, und, wie Miss Johnson schon sagte, hat nach Ihnen gerufen."
„Hat sie…?", begann Harm beklommen. „Ich meine, ist sie…?"
Der Arzt nickte. „Soweit ich es bisher beurteilen kann, ist sie völlig gesund. Wir werden morgen noch einige Tests machen, aber ich glaube, sie hat es ohne Schaden überstanden."
Harm sah ihn eine Sekunde lang sprachlos an, dann begriff er endlich. „Sie ist wirklich gesund?" Er drehte sich zu Mac. „Sie ist gesund", wiederholte er fassungslos. Er breitete die Arme aus, als wollte er sie umarmen, aber im letzten Moment stoppte er. Stattdessen fuhr er sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Oh Gott, ich hatte solche Angst um sie."
Sandy war Harms Verhalten genauso wenig entgangen wie Macs verletzter Gesichtsausdruck, als er seine Arme zurückgezogen hatte. Auch jetzt, als sich beide über das schlafende Kind beugten, konnte sie deutlich erkennen, dass etwas zwischen ihnen vorgefallen sein musste.
Die Spannung zwischen ihnen war fast greifbar. Es war immer ein Sicherheitsabstand von mindestens 30 Zentimetern zwischen ihnen, und, was noch erheblich auffälliger war, sie vermieden auch möglichst jeden Blickkontakt.
›Haben sie sich gestritten?‹, rätselte Sandy, aber ihre Überlegungen wurden dadurch unterbrochen, dass Belle die Augen aufschlug.
„Daddy!", jammerte sie mit weinerlicher Stimme, als sie ihren Vater sah und versuchte aus dem Bett zu krabbeln.
„Hallo, mein Schatz!" Harm bemühte sich, seine Tochter im Bett zu halten, indem er sich auf die Bettkante setzte und sie vorsichtig auf seinen Schoß hob. Mac hielt den Infusionsschlauch so, dass er nicht im Weg war. „Danke, Mac." Er rang sich ein Lächeln ab, bevor er wieder wegblickte.
„Maaac!", krähte Belle und streckte ihre Hände nach ihr aus.
„Hey, meine kleine Belle!" Mac setzte sich auf den Stuhl und strich ihr mit der freien Hand über das Haar. „Du hast mir gefehlt."
Nach einigen Minuten sah sie Harm unsicher an. „Ähm, Harm, du solltest vielleicht deine Eltern anrufen, meinst du nicht?"
Er seufzte etwas. „Doch, du hast völlig recht. Das verzeiht meine Mutter mir nie, wenn ich sie auch nur eine Sekunde länger als nötig im Ungewissen lasse. Bleibst du solange hier?" Seine Frage klang fast schüchtern.
So unwohl sie sich auch fühlte, jetzt musste Mac lächeln. „Natürlich."
Sandy balancierte mit zwei Bechern Kaffee in der rechten und einem in der linken herein. „Hier", sie reichte Mac einen davon und blickte sich um. „Wo ist Harm?"
„Teilt seinen Eltern die gute Nachricht mit." Mac sah zu Belle, die ihren rechten Arm fest umklammert hielt und döste. „Nicht wahr, meine Maus? Grandma und Grandpa müssen doch auch wissen, dass es dir wieder gut geht."
Sandy zögerte, sie wollte sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angingen. „Habt ihr euch gestritten?", fragte sie dann trotzdem.
Mac verschluckte sich fast an ihrem Kaffee. „Nein, auf keinen Fall. Wie kommst du denn darauf?"
„Ihr benehmt euch etwas merkwürdig", erklärte Sandy und fixierte Mac, die versuchte, sich ihre Verlegenheit nicht anmerken zu lassen.
„Blödsinn, wir waren nur beide mit den Nerven runter und jetzt diese plötzliche Erleichterung…" Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Auf jeden Fall haben wir uns nicht gestritten." Das war nicht einmal gelogen. „Es ist alles in bester Ordnung." Das war allerdings gelogen.
Unbemerkt von ihnen hatte Harm vor der Tür gestanden und ihre Unterhaltung mitangehört.
›Wir müssen miteinander reden - aber nicht jetzt!‹
Er betrat das Zimmer. „Meine Eltern wissen Bescheid. Ich konnte meiner Mutter gerade noch ausreden, sofort wieder herzukommen." Er registrierte, wie Mac beim Klang seiner Stimme zusammenzuckte. ›Verdammt, was haben wir bloß getan?‹
Mac entzog der mittlerweile wieder eingeschlafenen Belle sanft ihren Arm. „Dann fahre ich jetzt besser nach Hause."
Harm nickte ohne sie anzusehen. „In Ordnung, ich bleibe noch hier. Sag Chegwidden bitte, dass ich ihn morgen im Laufe des Tages anrufe, um zu sagen, wann ich meinen Dienst wieder aufnehmen werde."
„Mach ich." Sie zog ihren Mantel an. „Ich komme morgen Abend wieder vorbei, falls es dir nichts ausmacht."
„Nein, ist gut. Ich ruf dich an, falls sich noch etwas ändern sollte. Schlaf gut!"
„Du auch. Dir auch eine gute Nacht, Sandy!"
Diese hatte das Gespräch mit großen Augen verfolgt. ›Na klar, zwischen euch ist alles in Ordnung! Wem wollt ihr denn damit etwas vormachen? Aber das müsst ihr unter euch klären.‹ „Gute Nacht, Mac und erhol dich."
Mac flüchtete schnellstens aus dem Raum, um nicht erklären zu müssen, warum sie bei Sandys Abschiedsgruß errötet war.
Auf dem Parkplatz angekommen suchte sie ihren Autoschlüssel heraus – und blieb stehen. Ihr Jeep parkte ja immer noch vor Harms Apartment. „Also ein Taxi", murmelte sie und zückte ihr Handy.
