02:35 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
Müde schloss Harm die Tür auf.
Als die Nachtschwester ihn schlafend auf dem Stuhl neben Belles Bett vorgefunden hatte, hatte sie ein Machtwort gesprochen und ihn nach Hause geschickt.
Er schaltete das Licht ein und zog die Jacke aus. ›Vielleicht sollte ich einen kleinen Schlummertrunk nehmen‹, überlegte er beim Anblick der Bourbonflasche auf dem Tisch.
Knirsch Unter seinen Schuhsohlen zersplitterten einige Glasscherben.
„Was zum Teufel…?", wunderte er sich, bis es ihm schlagartig wieder einfiel. ›Das Whiskeyglas, Mac‹ „Oh, verdammt!" In den letzten Stunden im Krankenhaus hatte er den Gedanken an den Abend weitestgehend verdrängt, aber jetzt hier vor der Couch, auf der sie sich geliebt hatten, sah er alles wieder vor sich. ›Geliebt, von wegen!‹ Verächtlich lachte er auf. ›Wie ein wildes Tier bist du über sie hergefallen.‹
Er holte Handfeger und Kehrblech und begann die Scherben zusammenzufegen. Etwas Kleines, Rundes zwischen den Glassplittern fiel ihm ins Auge: ein heller Knopf, ganz ohne Zweifel von einer Uniformbluse. Harm schoss das Blut ins Gesicht. ›Was bist du eigentlich für ein Mensch, Rabb? Deine beste Freundin besucht dich, um dir in einer schweren Situation beizustehen und zum Dank reißt du ihr die Kleider vom Leib und vergewaltigst sie fast. Das ist abartig! Sie hätte dir den Arm auskugeln sollen, um dich aufzuhalten und du hättest es verdient! Stattdessen hat sie alles über sich ergehen lassen, warum?‹
Er pickte den Knopf aus den Scherben und legte ihn an die Seite. Eigentlich müsste er ihn ihr wiedergeben, aber wie sollte er das tun, ohne alles noch schlimmer zu machen?
Nachdem er die Scherben in den Abfall geworfen hatte, nahm er sich ein neues Glas und schenkte sich einen doppelten Bourbon ein. Bei den Gedanken, die ihm momentan durch den Kopf gingen, würde er bestimmt nicht ohne Hilfe einschlafen können.
Mit dem gefüllten Glas in der Hand setzte er sich in den Sessel und starrte auf die Couch.
Er musste zugeben, dass er sich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern konnte, es war alles so schnell gegangen, fast wie im Rausch. Aber er spürte noch Macs weiche Lippen auf seinem Mund, ihre zarte Haut unter seinen Händen… Harm spürte, wie ihm warm wurde.
Er hatte immer davon geträumt, Sarah MacKenzies Körper einmal berühren zu dürfen, ihn bis in alle Einzelheiten zu erforschen, zu verwöhnen, und was hatte er stattdessen gemacht?
Er hatte sie wie ein Stück Fleisch behandelt und nur an seine Bedürfnisse gedacht. Wie konnte sie ihm das je verzeihen?
Mittlerweile hatte er auch eine Erklärung gefunden, warum sie ihn nicht weggestoßen hatte.
›Sie wollte dich trösten, weil du wegen Belle so deprimiert warst und dann konnte sie dich nicht mehr zurückhalten. Was denkt sie jetzt bloß von dir? Kein Wunder, dass sie vorhin so schnell nach Hause gefahren ist!‹ Moment, sie war doch mit ihm ins Krankenhaus gefahren und ihr Auto hatte eben nicht mehr vor der Tür gestanden. ›Na toll, erst fällst du über sie her und anschließend fährst du sie durch die halbe Stadt zum Krankenhaus, wo sie selber zusehen kann, wie sie wieder zurückkommt. Du bist wirklich ein Offizier und Gentleman. Sei froh, wenn sie überhaupt noch mit dir spricht.‹
Seine Hochstimmung über Belles Genesung war fast verschwunden. ›Aber sie hat gesagt, dass sie Belle morgen besuchen wird. Dann musst du dich für dein Verhalten entschuldigen.‹
Er kippte den Rest seines Whiskeys herunter und ging ins Schlafzimmer.
Auch wenn er erst an Belle dachte, seine letzten Gedanken vor dem Einschlafen galten Mac und den Ereignissen wenige Stunden zuvor.
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20:09 Uhr EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Major, ich dachte, Sie hätten schon längst Feierabend gemacht und wären ins Krankenhaus gefahren." Admiral Chegwidden, selbst bereits im Mantel, hatte auf dem Weg zum Aufzug das Licht in Macs Büro gesehen.
„Ich bin auch gleich fertig, Sir. Ich hatte noch so viel Papierkram liegen, den ich endlich erledigen wollte." Gut, wenn sie ehrlich war, hatte sie in den letzten Stunden das halbe Büro auf den Kopf gestellt auf der Suche nach weiteren unerledigten Aufgaben, die ihr eine Ausrede lieferten, nicht schon ins Krankenhaus fahren und Harm begegnen zu müssen.
„Machen Sie für heute Schluss, Mac. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Rest nicht bis morgen warten kann."
Mac lächelte leicht gezwungen. „Aye, Sir" Sie legte die Akte an die Seite und knipste die Schreibtischlampe aus, da ihr CO immer noch in der offenen Tür stand und darauf zu warten schien, dass sie mit ihm das Gebäude verließ.
Mit Tasche und Mantel in der Hand folgte sie ihm in den Aufzug. „Alles in Ordnung mit Ihnen, Major? Sie sehen heute so blass aus."
„Nur etwas müde, Sir."
Der Admiral lächelte verständnisvoll. „Na ja, die letzte Nacht war auch sicherlich aufregend."
›Definitiv, allerdings nicht so wie Sie denken.‹ Mac bemühte sich, einen neutralen Gesichtsausdruck zu bewahren. „Da haben Sie recht, Sir."
„Einen schönen Abend", fügte sie hinzu, als sie ihr Auto erreichten.
„Ihnen auch, Mac. Grüßen Sie Rabb von mir."
Mac setzte sich in ihren Jeep und wartete, bis der Admiral in sein Auto gestiegen und weggefahren war. Dann ließ sie ihren Kopf auf das Lenkrad sinken. ›Ich will da nicht hin, ich will nicht, ich will nicht!‹, dachte sie verzweifelt. Schließlich setzte sie sich wieder gerade hin. ›Reiß dich zusammen, Marine. Du weißt, warum das gestern passiert ist. Er war verzweifelt und suchte jemanden zum Anlehnen. Wenn du dich etwas besser unter Kontrolle gehabt hättest, wäre überhaupt nichts geschehen. Und jetzt fahr gefälligst ins Krankenhaus und entschuldige dich für dein Verhalten. Wer weiß, was Harm jetzt von dir denkt?‹
Mit einem unguten Gefühl im Magen ließ sie den Motor an und fuhr Richtung Washington.
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21:01 Uhr EST
Washington Hospital Center, Washington D.C.
„Hey, da bist du ja. Ich habe mich schon gewundert, wo du bleibst", wurde Mac bereits im Gang der Station begrüßt. Mac öffnete ihren Wintermantel, der nass geworden war.
Nachdem es schon seit einigen Tagen schneidend kalt gewesen war, waren am Nachmittag die ersten Schneeflocken dieses Winters gefallen und hatten die ganze Stadt mit einer weißen Decke überzogen.
„Ich hatte noch zu Arbeiten. Wie geht es ihr?"
„Ausgezeichnet! Die Untersuchungen haben keinerlei Anzeichen auf irgendwelche Schäden gegeben. Voraussichtlich kann sie übermorgen nach Hause. Sie schläft jetzt. Harm ist bei ihr."
Bei der Erwähnung seines Namens zog sich einen Augenblick lang Macs Magen zusammen, dann hatte sie sich wieder im Griff. „Das sind gute Nachrichten. Willst du schon nach Hause?" Denn Sandy war bereits winterfest angezogen, wie Mac mit Schrecken feststellte.
„Ich bin schon seit heute Morgen hier. Harm bleibt noch etwas, aber jetzt wo Belle außer Lebensgefahr ist, darf er auch nicht mehr über Nacht hier bleiben", erklärte Sandy. „Ist vielleicht auch besser so, er sieht aus, als hätte er in der letzten Nacht wieder kein Auge zugemacht."
Das beruhigte Mac nicht gerade, genauso wenig wie die Aussicht, Harm allein gegenübertreten zu müssen. ›Na los, du bist ein Marine, kneifen gilt nicht!‹
Sie verabschiedete sich von Sandy und ging zögernd auf den Raum zu, in dem Belle lag.
Noch einmal rieb sie ihre plötzlich eiskalten Hände an ihrem Mantel und öffnete nach einem kurzen Klopfen die Tür.
Harm saß neben dem Bett, in dem Belle schlief, und las in einem Buch. Als Mac eintrat, sah er auf. Sandy hatte wie immer recht gehabt: er sah erschöpft aus und seine Augen blickten sie nervös an. ›Er fühlt sich genauso unwohl wie du‹, erkannte Mac auf einmal.
Er klappte das Buch zu und lächelte etwas verkrampft. „Hey!"
„Hey! Sandy sagte mir eben, Belle geht es gut?"
Harms Miene hellte sich augenblicklich auf. „Ja, sie ist völlig gesund und gut zufrieden. Bis Samstag soll sie noch zur Sicherheit hier bleiben, aber sie durfte heute bereits aufstehen und herumlaufen. Sie war kaum zu bremsen." Sein Gesicht hatte jenen warmen Ausdruck angenommen, den es immer hatte, wenn er von seiner kleinen Tochter sprach.
„Gott sei Dank!" Mac fiel ein Stein vom Herzen. Zumindest mit Belle war alles wieder in Ordnung. Das andere war unwichtig – oder wenigstens nicht so wichtig.
Sie spielte nervös an ihren Mantelknöpfen herum. „Harm, was gestern Abend betrifft…" Sie hatte auf einmal einen dicken Kloß im Hals.
Er fiel ihr ins Wort. „Ja, es tut mir leid. Das hätte nie passieren dürfen."
„Wir waren beide verzweifelt und haben Trost gesucht", erklärte Mac. „Und dann ist die Sache außer Kontrolle geraten."
„Genau", pflichtete Harm ihr erleichtert bei. „Es war nur die Anspannung und die Sorge um Belle. Vergessen wir einfach, dass es passiert ist. Sind – sind wir trotzdem noch Freunde?" Zum ersten Mal an diesem Abend sah er sie direkt an, seine Augen wirkten eine Spur dunkler als sonst.
„Selbstverständlich, ein dummer Fehler kann doch nicht unsere Freundschaft zerstören."
Ganz von Herzen kam das Lächeln auf Macs Gesicht nicht. Einerseits war sie heilfroh, dass er ihr die Sache offensichtlich nicht nachtrug und das Ganze als einmaligen Ausrutscher abtat. Andererseits hatte ein kleiner, unvernünftiger Teil von ihr gehofft, dass es ihm ernst gewesen war, dass er tatsächlich mit ihr hatte schlafen wollen… ›Bilde dir nichts ein, Mac. Er wollte es nicht wirklich, er hat doch gerade gesagt, es hätte nie passieren dürfen. Du musst mit seiner Freundschaft zufrieden sein.‹
„Was liest du da?"
Harm blickte auf das Buch, das er die ganze Zeit während ihrer Unterhaltung zwischen den Fingern gedreht hatte. „Ein Buch über Kinderkrankheiten und speziell über Pseudokrupp. Über Vorsichtsmaßnahmen und erste Hilfe bei einem Anfall. Damit ich beim nächsten Mal richtig reagiere."
„Darf ich es mir auch mal ansehen?" Mac deutete auf das Buch und begann ihren Mantel auszuziehen.
„Klar, setz dich." Er zog den anderen Stuhl dichter neben sich und klopfte einladend auf die Sitzfläche. Sie hängte den Mantel über die Stuhllehne und nahm Platz.
Gemeinsam beugten sie sich über das Buch, doch anstatt irgendetwas von Inhalt aufzunehmen, konnte Mac bloß daran denken, dass Harm nur wenige Zentimeter von ihr entfernt war.
„Du hast ja ganz nasse Haare", bemerkte er auf einmal und streckte die Hand aus, um ihr eine dunkle Strähne zurückzustreichen.
„Schnee", stammelte Mac und sah mit geweiteten Augen auf seine Hand. Sofort zog er sie wieder zurück.
„Dann hole ich dir besser einen Kaffee zum Aufwärmen. Du kannst ja schon mal anfangen zu lesen." Mit einem – wie er zumindest hoffte – natürlich wirkendem Lächeln stand Harm auf und verließ den Raum.
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„Du Vollidiot!"
Die Krankenschwester, die versteckt am Schreibtisch sitzend Krankenblätter einsortierte, richtete sich auf und sah Harm empört an.
„Oh, ich habe Sie gar nicht gesehen, Schwester Kellye", entschuldigte er sich verlegen. „Ich habe bloß laut gedacht." Er bemühte sich, möglichst schnell aus ihrem Blickfeld zu verschwinden, wobei es ihm beinahe noch gelang, einen Abfallbehälter umzurennen. ›Was ist denn heute bloß los mit dir?‹ Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, beschloss er, wenigstens für ein paar Minuten nach draußen auf das begehbare Dach zu gehen.
Es hatte wieder aufgehört zu schneien, in der Dunkelheit reflektierte die weiße Schneedecke das Mondlicht. Mit dem Zeigefinger malte Harm Muster in den Schnee auf dem Geländer.
›Du musst aufhören, dich wie ein Trottel zu benehmen und vor allem musst du endlich aufhören, die ganze Zeit an gestern Abend zu denken. Die Sache hat sich erledigt. Sie ist nicht böse auf dich. Es war ein dummer Fehler und damit fertig.‹
Er begann auf dem Dach auf und ab zu gehen. ›Ein Fehler. Natürlich war es ein Fehler, was hast du denn gedacht? Dass sie dir vor Freude um den Hals fällt und sagt, dass sie ohne dich nicht mehr leben kann? Träum weiter, Junge! Und jetzt gehst du da rein und behandelst sie höflich und mit dem Respekt, den sie verdient. Und vor allem unterlässt du jeden Körperkontakt, du hast ja gesehen, wohin das führen kann.‹
