23. Dezember, 17:45 Uhr EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Soll ich morgen nach dem Gottesdienst auf Belle aufpassen, damit du deinen Dad besuchen kannst?" Mac lehnte in der offenen Tür von Harms Büro, in dem er gerade die letzten Aufgaben vor den Weihnachtsfeiertagen erledigte.
„Nicht nötig, ich fahre schon am Nachmittag mit ihr gemeinsam zur Wall. Außerdem will Sandy abends Babysitten, damit ich zu Bud und Harriet kann. Ich hab ihr gesagt, sie soll sich wenigstens jemanden zur Gesellschaft einladen."
„Tiner?", schlug Mac grinsend vor.
„Wen sonst?"
Auch wenn weder Sandy noch Tiner etwas davon erwähnt hatten, war zumindest für Harm und Mac doch klar, dass die beiden fest zusammen waren. Allerdings hatte auch der Admiral neulich eine Bemerkung über seinen Schreibtischhengst gemacht, der, wie er sich ausgedrückt hatte, mit ‚seinem Grinsen, das er neuerdings immer hat, geradezu prädestiniert für einen Rekrutierungs-Werbespot' sei.
„Umso besser, dann bis morgen Abend."
„Bis morgen, Mac." Er lächelte sie kurz an, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete.
Mac beschloss, für heute Schluss zu machen und holte Mantel und Aktentasche. Auf dem Weg zum Parkplatz dachte sie an die letzten anderthalb Wochen zurück.
Die ersten Tage, nachdem Belle aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatten sie und Harm etwas Distanz zueinander gewahrt. Jedes Wort, das sie wechselten, wurde vorher auf die Goldwaage gelegt, um weitere peinliche Situationen zu vermeiden. Mittlerweile hatte sich ihr Verhältnis wieder normalisiert. Na ja, vielleicht nicht direkt normalisiert, aber wenigstens waren sie wieder in der Lage, gemeinsam auf Harms Couch zu sitzen ohne vor Verlegenheit rot anzulaufen und auch ihr Gesprächston war wieder vertraut-freundschaftlich.
Nur wer sie gut kannte, konnte bemerken, dass die kleinen Berührungen zwischen ihnen fehlten, die vor dem Zwischenfall in Harms Apartment zwischen ihnen üblich gewesen waren.
›Wir zucken ja schon ängstlich zusammen, wenn wir nur versehentlich vor dem Aufzug zusammenstoßen.‹ Aber sie verbrachten wieder einen nicht unerheblichen Teil ihre Freizeit miteinander, rein freundschaftlich selbstverständlich.
Mac schloss die Tür ihres Jeeps auf und legte die Tasche auf den Beifahrersitz. Nachdem es zwischenzeitlich etwas wärmer gewesen war, hatte es gestern Morgen pünktlich zu den Weihnachtstagen wieder begonnen zu schneien, diesmal mit großen dicken Flocken, die liegen blieben und Washington nach und nach in eine weiße Winterlandschaft verwandelten.
›Dann können wir doch noch den Schneemann bauen‹, ging es Mac durch den Kopf, während sie den Motor anließ.
xxx
20:14 Uhr EST
Wohnung der Roberts, Washington D.C.
„Guten Abend, Bud."
„Guten Abend, Sir. Schön, dass Sie doch kommen konnten."
„Bud, Sie sollen mich doch Harm nennen, wenn wir nicht in Uniform sind", seufzte Harm wieder einmal.
„Entschuldigung, die Macht der Gewohnheit. Ich versuche daran zu denken, Sir."
Kopfschüttelnd zog Harm den Mantel aus und begrüßte Harriet mit einem freundschaftlichen Kuss auf die Wange. „Danke für die Einladung, Harriet. Ich hoffe, Sie muten sich nicht zu viel zu."
„Keine Sorge, mir geht es blendend. Und im nächsten Jahr bringen Sie Belle einfach mit, dann können die beiden Kinder miteinander spielen."
Bei der Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft hatte Harriet davon gesprochen, wie schön es war, dass die ‚beiden JAG-Kinder' nur zwei Jahre auseinander sein würden.
„Ich fürchte nur, dass Belle das Baby wie eine ihrer Puppen behandeln und als erstes ausziehen wird", kam eine Stimme von der Seite. „Hallo Harm!"
„Hey Mac!" Unauffällig betrachtete Harm seine Kollegin von Kopf bis Fuß. Das dunkelrote hochgeschlossene Kleid stand ihr hervorragend und bildete einen aparten Gegensatz zu ihren dunklen Haaren.
„Möchten Sie einen Punsch, Sir?"
„Bud", seufzte Harm.
„Sir?"
Harm kapitulierte. Bud Roberts würde es vermutlich nie fertig bringen, ihn beim Vornamen zu nennen. Er nahm das Glas entgegen. „Danke, Bud."
Harm setzte das Glas an die Lippen und verschluckte sich beinahe an dem heißen Getränk.
Denn Mac hatte sich dem Admiral zugewandt und gab so freie Sicht auf ein gewagtes Rückendekolleté. ›Oh mein Gott, selbst ihr Rücken ist sexy!‹ Fasziniert betrachtete er ihre gerade, durchgestreckte Wirbelsäule und die zarten Schulterblätter.
„Wahnsinn, nicht wahr?" Bud hatte sich neben Harm gestellt und folgte seinem Blick. Stumm nickte Harm. „Harriet versteht gar nicht, was ich daran finde, aber ich muss sie einfach haben."
Fassungslos blickte Harm den jungen Lieutenant an, der selig vor sich hinlächelte. „Bud!", konnte er nur entsetzt von sich geben.
Bud zog schuldbewusst den Kopf ein. „Ich weiß, was Sie sagen wollen. Schließlich habe ich die Filme bereits alle einzeln. Aber ich konnte einfach nicht widerstehen."
Harm sah ihn an, als ob er den Verstand verloren hätte, dann drehte er den Kopf und entdeckte, wovon Bud die ganze Zeit sprach: in dem Regal, vor dem Mac stand, befand sich Buds neueste Errungenschaft, die gesamte StarTrek-Collection als limitierte Sonderedition. ›Was auch sonst?‹ Harm musste über sich selbst den Kopf schütteln. Als ob Bud, ausgerechnet der manchmal etwas naive Bud, so über Sarah MacKenzie sprechen würde. Gutmütig klopfte er Bud auf die Schulter. „Sie haben recht, Bud, das ist eine ganz tolle Sache."
Nach diesen Worten gesellte er sich zu Mac und dem Admiral. Es war klüger und bestimmt auch unauffälliger, sich mit Mac zu unterhalten als ihr die ganze Zeit auf den entblößten Rücken zu starren.
„Guten Abend, Admiral."
„Harm, schön Sie zu sehen. Wie geht es Ihrer Tochter?"
„Gut. Sie schläft bereits und träumt bestimmt von Santa Claus und seinen Rentieren."
Chegwidden lächelte. „So sollte es auch sein. Besuchen Sie Ihre Eltern über die Feiertage? Sie werden das Weihnachtsfest doch bestimmt nicht ohne ihr Enkelkind verbringen wollen."
Harm schüttelte den Kopf. „Vielleicht im nächsten Jahr. Dieses Mal bleiben wir zu Hause."
„Das ist bestimmt auch besser so", stimmte sein CO zu. „Sie sollte sich noch schonen."
„Ganz im Gegenteil, sie soll ein ganz normales Leben führen und draußen spielen wie jedes andere Kind auch." Harm warf einen Blick auf Mac, die ihm ohne eine Miene zu verziehen zuhörte. Dabei hatte sie direkt miterlebt, wie er seine Tochter in den ersten Tagen zu Hause am liebsten in Watte gepackt und nach Möglichkeit gar nicht vor die Tür gelassen hätte, aus Angst, dass ein weiterer Pseudokrupp-Anfall ausgelöst werden könnte. Nur dem energischen Protest von Sandy, die sich ebenfalls eingehend über die Krankheit informiert hatte, war es zu verdanken, dass Belle nicht von ihrem überbesorgten Vater quasi in die Wohnung eingesperrt wurde.
„Na, dann ist es ja gut", stellte Admiral Chegwidden fest und wandte sich an Mac.
„Und was haben Sie für Pläne, Major?"
Mac warf Harm einen Blick zu, woraufhin dieser für sie antwortete: „Mac war so freundlich, mir ihre Unterstützung bei einer überaus wichtige Aufgabe zuzusichern. Wir werden Belles ersten Schneemann bauen."
Sein ernsthafter Gesichtsausdruck brachte Chegwidden zum Lachen. „Das scheint mir tatsächlich eine wichtige Aufgabe zu sein. Gut, dass Sie sich fachkundige Hilfe gesucht haben. In Kalifornien dürften Sie nicht viele Schneemänner gebaut haben."
„Mit Verlaub, Sir, meine Großmutter lebt in Pennsylvania", entgegnete Harm würdevoll. Unerfahrenheit, auf welchem Gebiet auch immer, würde er sich nicht nachsagen lassen, nicht einmal von seinem Vorgesetzten. „Wir haben viele Weihnachtsfeste bei ihr verbracht. Ich gestatte dem Major lediglich, von dem großen Erfahrungsschatz eines erstklassigen Schneemannbauers zu profitieren und –autsch!"
Zu dem hinreißenden roten Kleid trug Mac äußerst elegante Schuhe. Schuhe mit äußerst hohen, äußerst spitzen Absätzen, wie Harm jetzt schmerzhaft feststellen musste.
Chegwidden beschloss lieber den Rückzug anzutreten, bevor dieser Austausch von ‚Zärtlichkeiten' noch drastischere Formen annahm. „Weihnachten – Friede auf Erden oder wie heißt es noch?", kommentierte er grinsend. „Sie sollten aufpassen, was Sie in Gegenwart eines Marines sagen, Harm. Sonst könnte es sein, dass Sie sich morgen in einer Schneewehe wiederfinden. Entschuldigen Sie mich, ich hole mir noch einen Punsch."
Zurück blieben Harm, der bekümmert die Macke auf seinem ansonsten glänzenden Schuh betrachtete, und Mac, die ihm schadenfroh dabei zusah. „Was denn, Sailor, fängst du jetzt an zu weinen?", stichelte sie.
„Weil du mit unfairen Mitteln kämpfst? Ich bin von dir ja nichts anderes gewohnt."
„Was heißt unfaire Mittel? Ich kämpfe eben mit allen Waffen, die mir zur Verfügung stehen. Außerdem hast du angefangen. Zu behaupten, ich müsse mir ausgerechnet von dir zeigen lassen, wie man einen Schneemann baut!" Sie blitzte ihn aus dunklen Augen an.
Unbewusst rückte Harm näher und grinste herausfordernd. „Ach ja? Das können wir ja morgen feststellen. Wir bauen jeder einen eigenen Schneemann. Dann können wir hinterher sehen, wer den schöneren und größeren hat."
„Ich hoffe, Sie sprechen immer noch über Schneemänner, Commander." Der Admiral hatte sich wieder zu ihnen gesellt und nur Harms letzten Satz mitbekommen. Er hatte eine strenge Miene aufgesetzt, aber in seinen Augen war deutlich ein amüsiertes Funkeln zu erkennen – deutlich für alle außer Harm, der knallrot anlief.
„Selbstverständlich, Sir. Wir werden einen Schneemann-Wettbewerb veranstalten. Denken Sie nicht auch, dass die Navy siegen wird?", versuchte er von seinem unglücklichen Ausspruch abzulenken.
Chegwidden nippte von seinem Punsch und betrachtete Mac, die einen entschlossenen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte, ehe er Harm antwortete. „Wie ich schon sagte, unterschätzen Sie diesen Marine nicht!"
Kopfschüttelnd ließ er die beiden stehen. ›Diese Kindsköpfe! Nicht einmal einen Schneemann können sie bauen, ohne dass es in einen Wettstreit ausartet. Zu schade, dass ich das morgen nicht mit ansehen kann.‹
„Angst vor der eigenen Courage?", konnte Mac sich nicht verkneifen, als sie Harms langes Gesicht sah.
Sofort setzte er sein übliches Flyboy-Lächeln auf. „Das hättest du wohl gern! Aber ich werde dich ganz klar besiegen."
„Und was bekommt derjenige, der -", Mac senkte die Stimme etwas und lächelte bedeutungsvoll, „- den größeren hat?"
„Eine Einladung zum Essen", antwortete Harm kurzerhand, ohne auf die Stichelei einzugehen. „Und zwar richtig edel im Le Paradou. Sandy kann auf Belle aufpassen. Nicht, dass du meine Tochter noch als Ausrede benutzt, weshalb du mich nicht dorthin einladen kannst."
Macs Augenbrauen wanderten in die Höhe. „Ich dich einladen? Träum ruhig weiter! Aber du darfst mich gerne ins Le Paradou ausführen, vielleicht solltest du schon mal einen Kredit aufnehmen."
Mit einem Handschlag besiegelten sie ihre Wette.
