Nachdem sie den Kaffee getrunken hatten, trieb Harm zur Eile. „Na los, da draußen wartet ein Unmenge Schnee darauf in einen schönen großen und in einen vielleicht auch schönen, aber nicht ganz so großen Schneemann verwandelt zu werden."
„Harm, das macht keinen Spaß, wenn du von vornherein aufgibst. Du solltest wenigstens versuchen zu gewinnen." Ohne seine Erwiderung abzuwarten, ging Mac ins Bad, um sich umzuziehen.
Eine halbe Stunde später betraten sie den Hof.
Belle stürzte sich sofort kreischend auf den Schnee. In ihrem roten Schneeanzug sah sie aus wie ein Wichtel.
„Okay, die Regeln sind ganz einfach", erklärte Harm. „Derjenige, der den größeren Schneemann baut, hat gewonnen."
„Einverstanden." Mac hatte noch einmal kontrolliert, dass Belle nicht wieder ihre Handschuhe auszog und richtete sich auf. „Von mir aus können wir anfangen."
Und dann ging es los.
Gut anderthalb Stunden verbrachten sie damit, Schneekugeln zu rollen und aufeinander zu stapeln. Immer wieder vergewisserten sie sich, dass Belle nicht fror oder ihre Sachen nass geworden waren.
Harm hatte Thermoskannen mit Kaffee für die Erwachsenen und mit warmer Milch für Belle dabei, damit sie sich zwischendurch aufwärmen konnten.
Er lehnte sich an seinen Van, der im Hof stand, und legte beide Hände um den Kaffeebecher, die trotz der Handschuhe eiskalt geworden waren. Anerkennend verfolgte er, wie Mac eine etwas kleinere zweite Schneekugel auf die erste wuchtete und die Übergänge sorgfältig mit Schnee verputzte. Ihr Atem war in der kalten Luft deutlich zu sehen, aber sie schien nicht zu frieren. Ganz im Gegenteil: ihre Wangen leuchteten rot und sie strahlte, völlig in ihre Aufgabe vertieft.
›Sie sieht einfach hinreißend aus.‹
„He, lässt du mir auch noch etwas über?" Mac klopfte die Handschuhe an ihrem hellblauen Skianzug ab, bevor sie sie auszog, um sich ebenfalls Kaffee einzuschenken. Kritisch begutachtete sie Harms bisheriges Ergebnis. „Der steht reichlich schief, findest du nicht?" Tatsächlich neigte sich der Schneeturm etwas zur Seite.
„Ach was, der soll ja nicht wochenlang stehen bleiben. Ich weiß genau, wie ich ihn bauen muss, damit er nicht zusammenbricht", behauptete Harm großspurig.
„Richtig, du bist ja der Profi hier." Der Sarkasmus in Macs Stimme war unüberhörbar.
Sie leerte ihren Becher und schob ihr Stirnband, das ihre Ohren vor der Kälte schützte, wieder gerade. „Noch hast du nicht gewonnen, Sailor", sagte sie noch, bevor sie sich wieder an die Arbeit machte.
„Nein, noch nicht, aber bald."
Harm beschloss, es etwas gemächlicher angehen zu lassen. Es war eher unwahrscheinlich, dass Mac seinen Vorsprung jetzt noch aufholen würde. In zwanzig Minuten sollte der Wettbewerb abgeschlossen sein, dann würde sie etwas essen und Belle für ihren Mittagsschlaf hinlegen.
Er trank noch eine Tasse Kaffee, spielte ein wenig mit Belle und machte sich zehn Minuten vor Schluss daran, seinen Schneemann mit Kohlestücken, Karotte und Besen zu verzieren.
Geringschätzig schaute er auf Macs Schneemann, der zwar solider gebaut, dafür aber auch mindestens fünfzehn Zentimeter kleiner war. „Tja, Mac, das war wohl nichts. Deine Fähigkeiten liegen wohl doch eher im Ansagen der exakten Uhrzeit. Was meinst du?" Sprach's, trat zurück, um sein Werk stolz zu betrachten und wurde von einer Schneemasse getroffen.
„Ich meine, die zwei Minuten und 14 Sekunden werden nicht mehr ausreichen, um deinen jämmerlichen Schneehaufen zu reparieren", grinste Mac und betrachtete Harms Schneemann oder vielmehr, was davon übrig geblieben war, nachdem die oberen Kugeln abgestürzt und auf der Erde auseinandergefallen waren.
Sie klopfte den Schnee an den Verbindungen noch einmal sorgfältig fest, drückte die Kohle noch etwas tiefer und drehte sich um. „Ich bin fertig, wie sieht es bei dir aus?"
Harm blitzte sie nur einmal an und fuhr fort, mit beiden Händen Schnee zusammenzuklauben, um seinen Schneemann wieder aufzustocken.
Die Arme gemütlich vor der Brust verschränkt, sah Mac ihm grinsend dabei zu. „Fünf Sekunden, vier, drei , zwei, eins… Stopp!"
Mit gerunzelter Stirn betrachte sie beide Schneemänner. „Hm, schwer zu sagen, welcher von beiden ist wohl größer? Belle, was meinst du?"
Belles stapfte auf Macs Schneemann zu. „Gooß!" Dann kletterte sie auf den Schneehaufen, der vor Harms Füßen lag. „'putt!"
Triumphierend sah Mac ihren Kollegen an. „Sieht ganz so aus, als hätten wir einen Sieger. Oder zweifelst du die Entscheidung der Tochter eines Schneemannbaumeisters an?"
Harm erwog kurz, seiner schadenfrohen Partnerin zu einem erfrischenden Bad im Schnee zu verhelfen, begnügte sich dann aber damit, eine Handvoll lockeren Schnee nach ihr zu werfen.
Lachend wich sie zurück.
„Na komm, ab ins Haus mit dir, Schneeprinzessin." Harm klopfte seiner Tochter den Schnee vom Anzug und nahm sie auf den Arm.
Mac schüttelte sich die letzten weißen Flocken aus den Haaren und folgte ihnen, den Korb mit den jetzt leeren Thermoskannen in der Hand.
„Was ist?" Harm fiel das breite Grinsen auf, mit dem Mac im Aufzug neben ihm stand.
„Du hast mir noch gar nicht zu meinem Sieg gratuliert, oh du erfahrenster aller Schneemannbauer."
Er bedachte sie mit einem geringschätzigen Blick. „Läster ruhig weiter, Marine. Aber wundere dich nicht, wenn du nächstes Jahr unterm Weihnachtsbaum leer ausgehst. Bösen Mädchen bringt Santa Claus nämlich nichts."
Belle guckte mit großen Augen zu Mac. „Mac böse?", fragte sie ganz verwundert.
Harm strich seiner Tochter beruhigend über den Kopf. „Nein, Mac ist nicht böse. Daddy hat nur einen Witz gemacht. Mac ist genauso lieb wie du."
Er schloss die Wohnungstür auf.
„Willst du Belle eben baden, damit sie sich wieder aufwärmt? Dann mache ich schon Mittagessen. Es sei denn, du willst mir beweisen, dass du auch besser kochen kannst…" Er machte eine großzügige Geste Richtung Küche.
„Ich will dein Ego ja nicht völlig erschüttern", lehnte Mac eilig ab. „Ich gebe mich einfach mit dem zufrieden, was du kochst."
Sie zog ihre dicken Winterstiefel aus und wackelte mit den trotz der dicken Socken halberfrorenen Zehen. „Oh, tut das gut, wenn der Schmerz nachlässt", seufzte sie und hängte ihre Skijacke an die Garderobe.
„Ich mache dir einen Kaffee", bot Harm sofort an. „Oder willst du lieber erst duschen, damit du auf normale Betriebstemperatur kommst?"
„Kaffee reicht", entschied Mac. „Aber erst werden wir die junge Lady hier mal auftauen." Sie schnappte sich Belle, die schon wieder bei ihren neuen Spielsachen war, und überredete sie mit ins Bad zu kommen.
Harm machte sich daran die Suppe aufzuwärmen, die er schon am Vortag zubereitet hatte. Ein Schmunzeln erschien auf seinem Gesicht, als er lautes Lachen von nebenan hörte. Er genoss es, wenn die beiden rumalberten.
„Man merkt doch, dass ihr Vater bei der Navy ist." Mac strich sich lächelnd die nassen Haarsträhnen hinters Ohr, als sie aus dem Schlafzimmer kam.
Belle wuselte an ihr vorbei und stürzte sich auf ihr neues Bobbycar.
„Eine weitere Wasserschlacht, vermute ich?" Harm stellte die Suppenteller auf den Tisch und sah Mac gespielt streng an. „Reicht es dir nicht, dass du mich heute schon geschlagen hast? Musst du auch noch meine Tochter herausfordern?"
Sie holte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und nahm zwei Gläser aus dem Schrank. „Also, erstens hat es sich um eine Schaumschlacht gehandelt", stellte sie richtig. „Und zweitens hat Belle angefangen." Sie stellte Wasser und Gläser auf den Tisch. „Allerdings wird ihre Badewanne bald zu klein für sie …"
Harm nickte seufzend. „Ich weiß. Und das Apartment selbst ist eigentlich auch zu klein. Ich werde mich im Frühjahr allmählich nach etwas größerem umsehen müssen. Entweder ein kleines Haus oder wenigstens eine größere Wohnung. Belle braucht ihr eigenes Zimmer und für meine Arbeit wäre ein eigenes Büro auch besser, damit Belle nicht überall dran kann."
Mac nickte. „Hier in Washington? Oder weiter außerhalb?"
„Etwas außerhalb Richtung Falls Church, damit ich nicht immer so lange fahren muss. In Rosslyn eventuell."
„Warum nicht in Falls Church selber?", fragte Mac und setzte Belle in ihren Stuhl.
Harm reichte ihr das Lätzchen. „Ich möchte eigentlich nicht so weit von Washington wegziehen", erklärte er beiläufig. ›Vor allem nicht von Georgetown.‹
„Stimmt, Sandy wohnt ja auch hier", pflichtete Mac ihm bei.
Daran hatte er noch gar nicht gedacht, aber das war eine ausgezeichnete Begründung!
„Eben!" Er wechselte das Thema. „Wann möchte die große Schneemannbaumeisterin denn ihren Sieg feiern?"
„Übernächsten Samstag, wenn es dir passt", schlug Mac nach kurzem Überlegen vor.
„Gut, dann reserviere ich einen Tisch und sage Sandy Bescheid." Harm freute sich unsagbar auf dieses Date. ›Halt! Es ist kein Date, es ist lediglich die Einlösung einer Wettschuld. Nicht, dass du wieder etwas vermasselst.‹ Das war zwar nicht ganz so gut, aber immerhin würde er den ganzen Abend mit Mac verbringen. „Ich freue mich."
„Ich mich auch", gestand Mac mit einem schüchternen Lächeln.
