31. Dezember, 23:52 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
Harm nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und öffnete sie. Mit einem Zischen entwich die Kohlensäure. Er trank einen ersten Schluck, dann ging er mit der Flasche in der Hand zu seiner Couch und machte es sich bequem.
Früher am Abend hatte er mit Mac telefoniert. Einen Tag zuvor hatte sie überraschend zu einer Ermittlung nach Okinawa reisen müssen, da der dortige JAG der Körperverletzung beschuldigt wurde.
›Soviel zu eurem gemütlichen Abend.‹
Denn eigentlich hatte Mac diesen Silvesterabend bei ihm und Belle verbringen wollen, schon weil Harm wegen seiner Tochter zu Hause bleiben musste. Sandy würde diesen Abend gemeinsam mit Tiner feiern.
Aus den Boxen der Stereoanlage kam leise Musik, Harm schloss die Augen und ließ seine Gedanken wandern.
Kaum zu fassen, wie sehr sich sein Leben in diesem Jahr und ganz besonders in den letzten vier Monaten verändert hatte. Durch seine Tochter hatte sich seine Lebenseinstellung von Grund auf geändert, er war erwachsener geworden, das merkte er selbst. Jetzt erst hatte sein Leben wirklich einen Sinn bekommen.
Natürlich gehörte das Fliegen nach wie vor zu den schönsten Dingen in seinem Leben; er freute sich schon darauf, sich wieder einmal mit seiner Stearman in die Lüfte zu erheben. Aber für Belle würde er selbst darauf verzichten. Sie gab ihm ein Gefühl, dass er so nie zuvor in seinem Leben gespürt hatte: das Gefühl, einen anderen Menschen bedingungslos zu lieben, einfach nur weil er da war und ihn brauchte. Spätestens bei ihrer Krankheit war ihm klar geworden, dass sie für ihn das Wichtigste auf der Welt war. Alles andere war bedeutungslos, abgesehen von seiner Freundschaft zu Mac.
Er trank einen weiteren Schluck aus der Bierflasche.
Auch sein Verhältnis zu Mac hatte sich in den letzten Monaten verändert.
Sie waren immer schon befreundet gewesen, hatten auch vorher hin und wieder ihre Freizeit miteinander verbracht, ob sie nun gemeinsam gelaufen oder zusammen essen gegangen waren. Aber seit Belle da war, war Mac zu einem festen Bestandteil seines Lebens geworden. Es war völlig selbstverständlich, dass sie zwei-, dreimal die Woche abends vorbeikam. Häufig verbrachte sie auch den Samstag oder Sonntag mit ihnen, dann war es fast wie einer richtigen Familie.
Einige Sekunden lang dachte er an den Abend zurück, an dem er fast alles ruiniert und mit ihr geschlafen hatte.
Er drehte die Flasche unruhig in seinen Händen.
Warum konnte er dieses Ereignis nicht einfach aus seinem Gedächtnis streichen? Schließlich dachte Mac auch nicht mehr daran. Zumindest deutete nichts darauf hin.
›Natürlich nicht. Ihr habt euch darauf geeinigt, dass ihr es vergesst. Schon um eure Freundschaft nicht zu gefährden.‹
Und genau deshalb musste er es auch endlich vergessen, so schwer es ihm auch fiel.
Von der Straße waren fröhlicher Gesang und lautes Rufen zu hören, ein farbenfrohes Feuerwerk erhellte den Nachthimmel, beinahe hätte er den Jahreswechsel verpasst.
Harm stellte sich ans Fenster und schaute dem Spektakel draußen zu. Er hob seine fast leere Bierflasche. „Auf ein gutes neues Jahr, Sarah."
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Zur gleichen Zeit
Stützpunkt des US Marine Corps
Henoko, Okinawa
Mac betrat den winzigen Raum, der ihr während ihrer Ermittlung als Büro zur Verfügung stand. In einer halben Stunde würde sie ein Gespräch mit einem weiteren Zeugen haben, bis dahin konnte sie ihre bisherigen Aufzeichnungen noch einmal durchsehen.
Am Abend zuvor hatte General Riley sie eingeladen, an der gemeinsamen Silvesterfeier der Offiziere teilzunehmen. Natürlich hatte sie schlecht ablehnen können. Also hatte sie den letzten Abend des Jahres damit verbracht, Smalltalk zu machen und immer wieder zu erklären, dass sie keinen Champagner wollte. Kurz nach Mitternacht hatte sie sich mit Hinweis auf ihre Termine am nächsten Morgen verabschiedet.
Sie trat an das kleine Fenster und blickte hinaus. Der Himmel war wolkenverhangen und es regnete leicht.
Unbewusst seufzte Mac. Wie gerne wäre sie jetzt in Washington, würde mit Belle spielen, den Silvesterabend gemeinsam mit Harm verbringen…
Am Vormittag hatte sie ihn angerufen, um ihm von ihrer Untersuchung zu berichten und sich nach Belle zu erkundigen. Er hatte nicht gefragt, ob es einen Grund gab, weshalb sie anrief. Es war mittlerweile das Selbstverständlichste der Welt, dass sie in Kontakt blieben, sogar wenn mehr als ein Dutzend Zeitzonen zwischen ihnen lagen.
Mac öffnete einen Umschlag, der sich in ihrer Aktentasche befunden hatte, und nahm das innenliegende Foto heraus.
Wahrscheinlich war es völlig sentimental und es entsprach auch nicht dem, was man von einem Marine erwartete, aber sie hatte ihr Lieblingsfoto aus Belles Album herausgelöst und trug es mit sich herum.
›Immerhin habe ich nicht das komplette Album mitgenommen‹, tröstete sie sich und betrachtete wohl zum zwanzigsten Mal an diesem Tag das Bild, auf dem sie und Harm Belle ein Bilderbuch vorlasen. Belle saß halb auf Harms, halb auf Macs Schoß und hielt Bobo im Arm. Mac hielt in der linken Hand das Buch, während sie ihren rechten Arm um Harms Tochter gelegt hatte. Harms linker Arm lag auf der Sofalehne, nur wenige Zentimeter von Macs Schultern entfernt, wie ihr erst jetzt beim Betrachten des Fotos bewusst geworden war.
Sie sahen tatsächlich wie eine richtige Familie aus…
Ob Harm auch noch manchmal an den Abend in seinem Apartment dachte? Den Abend, an dem Belle aus dem Koma erwacht war und sie sich so nahe gekommen waren – zu nahe, wie sich herausstellte?
›Nein, wahrscheinlich nicht. Und wenn du etwas vernünftiger wärst, würdest du das auch endlich tun.‹
Vielleicht war es ganz gut, dass sie hier auf Okinawa und nicht in Washington war. Denn eine freundschaftlich gemeinte Umarmung oder sogar ein Kuss zum Jahreswechsel hätte sie womöglich wieder ihre Selbstbeherrschung verlieren lassen.
Aus diesem Grund blickte sie dem nächsten Wochenende im ‚Le Paradou' auch etwas nervös entgegen. Sie musste unbedingt daran denken, dass dies kein Date, sondern nur ein netter Abend unter Freunden war.
14 Uhr, Mitternacht in Washington. Ob er wohl auch gerade an sie dachte?
„Frohes neues Jahr, Flyboy!", sagte sie halblaut in den stillen Raum hinein.
›Jetzt spinnst du wirklich‹, dachte sie kopfschüttelnd.
Sie schob das Foto zurück in den Umschlag und verstaute diesen wieder sorgsam in ihrer Aktentasche. Anschließend nahm sie die Protokolle ihrer bisherigen Befragungen heraus und machte sich wieder an ihre Arbeit.
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22:35 Uhr EST, eine Woche später
vor Macs Wohnung
Georgetown, Washington D.C.
„Gute Nacht und danke für den schönen Abend!"
„Warte, ich bringe dich noch bis zur Tür."
„Das ist doch nicht nötig", protestierte Mac, aber Harm war schon aus dem Wagen gestiegen und hielt ihr die Tür auf.
Auf der Heimfahrt hatte wieder ein leichter Nieselregen eingesetzt.
Fürsorglich hielt Harm den Schirm über seine Partnerin, ohne darauf zu achten, dass er selbst nass wurde.
„Harm, ich bin doch nicht aus Zucker", protestierte Mac, obwohl es ihr schmeichelte, dass er sich so um sie sorgte.
›Als ob ich eine Dame wäre und nicht ein Marine.‹
Überhaupt hatte er sich den ganzen Abend wie ein perfekter Gentleman benommen. Er hatte ihr den Stuhl zurecht gerückt, hatte sich von seinem Sitz erhoben, als sie aufgestanden war, um den Waschraum aufzusuchen und hatte es am Ende des Abends nicht dem Kellner überlassen, ihr in den Mantel zu helfen, sondern hatte es höchstpersönlich getan.
„Ich möchte nur verhindern, dass dein schönes Kleid nass wird", antwortete er und reichte ihr seinen Arm.
Schon als er sie abgeholt hatte, hatte er ihr Komplimente über ihr Aussehen gemacht, fast als ob er ahnte, dass sie sich beinahe eine Woche lang den Kopf darüber zerbrochen hatte, was sie zu diesem Anlass anziehen sollte.
Er selbst sah auch fantastisch aus, der anthrazitfarbene Anzug stand ihm ausgezeichnet und das blaue Hemd brachte seine Augen noch stärker zum Leuchten.
Aus den Augenwinkeln sah sie zu ihm hinüber. Er konzentrierte sich darauf, sie trotz der Dunkelheit um jede Pfütze herumzulotsen, damit sie trockenen Fußes nach Hause gelangte.
„Da wären wir." Er ließ ihren Arm los, so dass sie den Schlüssel aus ihrer Handtasche suchen konnte.
„Danke für den wunderschönen Abend", bedankte sie sich noch einmal.
„Ich habe dir zu danken." Ernst sah Harm ihr in die Augen. Jetzt beugte er sich leicht zu ihr hinunter.
Fast hatte Mac den Eindruck, als wollte er sie küssen, als die Haustür von innen geöffnet wurde.
„Guten Abend, Miss MacKenzie."
„Guten Abend, Mr Samuelson", antwortete Mac höflich, obwohl sie ihren Nachbarn in diesem Augenblick am liebsten auf den Mond befördert hätte. Musste er gerade jetzt seinen Hund ausführen?
Sie sah Harm an. Im Gegensatz zu ihr schien er gar nicht enttäuscht zu sein, er unterhielt sich sogar mit dem alten Herrn.
›Er ist deshalb nicht enttäuscht, weil er gar nicht vorhatte, dich zu küssen. Gut, dass Mr Samuelson herausgekommen ist! Sonst hättest du dich unsterblich blamiert, indem du Harm einfach geküsst hättest, und womöglich den ganzen Abend damit ruiniert.‹
Kaum dass ihr Nachbar sich entfernt hatte, schloss Mac die Haustür auf. „Gute Nacht, Harm."
Etwas überrascht blickte er sie an. „Gute Nacht, Mac. Schlaf gut!"
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Langsam ging Harm zum Auto zurück. Er merkte kaum, dass der Regen stärker geworden war und er trotz des Schirms nass wurde.
Mac hatte sich so abrupt verabschiedet, so als hätte sie es eilig gehabt von ihm wegzukommen.
›Ob es daran lag, dass ich sie küssen wollte?‹
Er stieg in den Wagen und warf den nassen Schirm achtlos in den Fußraum der Beifahrerseite.
Der Abend war so perfekt gewesen. Das luxuriöse Restaurant, das köstliche Essen. Mac hatte in ihrem dunkelgrünen Kleid einfach atemberaubend ausgesehen.
Wieder einmal stellte er fest, wie wandlungsfähig Sarah MacKenzie war. Und egal ob in Uniform, in legerer Freizeitkleidung oder im Abendkleid, stets war sie die bestaussehendste Frau weit und breit.
Er realisierte, dass er immer noch reglos im Auto saß. Umgehend ließ er den Motor an und fuhr aus der Parklücke.
Sie hatten sich den ganzen Abend gut unterhalten. Nicht einmal war jene peinliche Stimmung aufgekommen, die hin und wieder seit dem ‚Vorfall in seinem Apartment', wie er es nannte, geherrscht hatte.
›Und schon versuchst du alles wieder kaputt zu machen, indem du sie beinahe küsst. Nur gut, dass dieser Nachbar rechtzeitig aufgetaucht ist!‹
