15:25 Uhr EST, vier Wochen später
Macs Wohnung
Georgetown, Washington D.C.
„Hey, seit wann bist du wieder zurück?" Mac öffnete die Tür weiter, damit Harm eintreten konnte. „Hi Belle!" Sie wuschelte seiner Tochter über das Haar.
Harm zog seine Lederjacke aus und warf sie über die Sessellehne, bevor er Belle aus ihrem bunten Anorak half. „Seit einer Stunde."
Die letzten vier Tage hatten Harm und Bud Roberts auf der USS Enterprise nach einem tödlichen Unfall ermittelt. An zwei Abenden hatte Mac auf Belle aufgepasst, um Sandy wenigstens etwas Freizeit zu verschaffen.
„Und, was ist dabei herausgekommen?" Mac holte die Kiste mit Spielsachen , die sie für Belle bereithielt, aus dem Schrank und stellte sie neben dem Sofa auf den Boden.
Harm winkte ab. „Später. Ich muss dir erst etwas zeigen." Hektisch wühlte er in der Innentasche seiner Jacke. „Ich habe einen Brief erhalten."
Er zog einen Umschlag hervor und entnahm ihm ein offiziell wirkendes Schreiben. „Sieh dir das an."
Mac warf ihm einen fragenden Blick zu und nahm ihm den Brief aus der Hand. Harm ließ sich neben Belle auf dem Boden nieder und beobachtete seine Kollegin, die sich auf die Armlehne des Sessels gesetzt hatte und mit gerunzelter Stirn das Schreiben las. Geistesabwesend streichelte er Belle über den Rücken, während er auf eine Reaktion von Mac wartete.
Schließlich sah sie auf. Fassungslos deutete sie auf den Brief. „Sie will das Sorgerecht? Jetzt auf einmal? Belle lebt doch schon seit fünf Monaten bei dir und sie hat sich in der Zeit nicht einmal nach ihr erkundigt."
Harm zog sich auf das Sofa hoch. „Sie hat angeblich jetzt erst vom Tod ihrer Schwester erfahren, weil sie im Ausland war. Wie auch immer, sie will mir Belle wegnehmen." Er wirkte äußerlich völlig ruhig. Nur das leichte Zittern seiner Stimme und die Art, wie er die Lippen zusammenpresste, ließen erkennen, unter welcher Anspannung er stand.
„Sie hat doch nicht die geringste Chance." Mac setzte sich neben ihn aufs Sofa, am liebsten hätte sie ihn tröstend in den Arm genommen. „Du bist Belles Vater und diese…", sie warf einen Blick auf den Brief, „…Ricarda Luisa Sanchez ist nur ihre Tante. Aus welchem Grund sollte sie das Sorgerecht einklagen können?"
„Du hast doch gelesen, was ihr Rechtsanwalt schreibt." Harm rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Ich bin unfähig, ein Kleinkind aufzuziehen. Ich bin alleinstehend, habe einen Beruf, in dem ich möglicherweise von einem Tag auf den anderen an das andere Ende der Welt geschickt werden kann und ich habe mich siebzehn Monate lang nicht um meine Tochter gekümmert."
„Weil du nichts von ihr gewusst hast!", rief Mac empört.
Harm lächelte halbherzig. „Mich musst du nicht überzeugen." Er nahm den Brief wieder an sich und steckte ihn in den Umschlag zurück. „Ich habe mich mit einer alten Freundin in Verbindung gesetzt, Carrie. Ich kenne sie noch vom Jura-Studium. Sie hat vor einigen Jahren den Dienst quittiert und hat jetzt eine Zivilkanzlei mit Schwerpunkt auf Familienrecht. Ich fahre gleich heute Abend zu ihr, um zu besprechen, wie ich am besten vorgehen soll."
„Ich passe auf Belle auf", kündigte Mac sofort an. „Dann kannst du mir auch gleich alles erzählen, wenn du wiederkommst."
Harm nickte nur. Er hatte damit gerechnet, dass sie das sagen würde und war erleichtert, dass er sich wie immer hundertprozentig auf Macs Unterstützung verlassen konnte.
„Ich habe mir gerade Kaffee gemacht. Möchtest du eine Tasse?" Ohne seine Antwort abzuwarten, ging Mac in die Küche.
Tief einatmend lehnte sie sich gegen den Küchenschrank und starrte vor sich hin. ›Oh Gott, bitte lass das gut ausgehen! Nicht auszudenken, was Harm tun wird, wenn man ihm Belle wieder wegnimmt.‹ Ganz so zuversichtlich, wie sie ihm gegenüber getan hatte, war sie nämlich nicht. Es war schon richtig, als Belles Vater hatte er das Recht auf seiner Seite, aber sie wusste aus Daltons Erzählungen von seiner Zeit als Rechtsanwalt im Bereich Familienrecht, dass sich die Entscheidungen von Familienrichtern nur schwer voraussagen ließen.
›Und nicht nur Harm wird durchdrehen‹, gestand sie sich ein, als sie den Kaffee in die Tassen goss. ›Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn Belle wirklich aus meinem Leben verschwinden würde.‹
Sie riss sich zusammen und trug die gefüllten Tassen ins Wohnzimmer.
„Hast du was für Belle mit oder…?" Sie machte schon wieder einen Schritt auf die Küche zu.
„Nicht nötig, ihr Becher ist in der Tasche." Harm erhob sich vom Sofa und ging zu der Tasche, die er neben der Tür abgestellt hatte, und in der sich stets alle wichtigen Sachen wie frische Windeln, eine Wickeldecke und eben auch Belles Trinkbecher befanden.
„Hey Belle, möchtest du auch etwas trinken?" Er winkte mit dem gelben Kunststoffbecher, auf dem ein lachender Teddy abgebildet war. Sofort richtete Belle sich auf und stapfte auf ihren Vater zu. Lächelnd reichte er ihr den gefüllten Becher. Anstatt daraus zu trinken, lief Belle auf Mac zu, die ihre Kaffeetasse bereits in der Hand hielt, und streckte ihr ihren Becher entgegen.
Harm musste lachen. „Macht sie das immer noch?"
Vor einer Woche hatte Belle offensichtlich beobachtet, wie Harm und Mac sich mit ihren Gläsern zugeprostet hatten, woraufhin sie jetzt bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit das Gleiche tat.
„Sogar beim Frühstück mit ihrer Milch, wie Sandy mir erzählt hat", lächelte Mac und prostete Belle mit ihrer Kaffeetasse zu.
Auch Harm hob seine Tasse. Zufrieden ließ sich Belle wieder zwischen ihre Spielsachen plumpsen.
„Kennst du diese Ricarda eigentlich?", wandte sich Mac wieder dem ursprünglichen Thema zu.
Harm trank von seinem Kaffee und schüttelte langsam den Kopf. „Nein, ich habe nie jemanden aus Marias Familie kennengelernt."
„Was hat sie denn von ihr erzählt?", bohrte Mac weiter nach.
Harm drehte die Tasse in seinen Händen. „Nichts weiter", antwortete er ausweichend.
„Aber sie wird doch über ihre Familie gesprochen haben."
Abrupt stellte er die Tasse auf dem Couchtisch ab. „Verdammt, Mac, wir haben uns doch nicht unsere Lebensgeschichten erzählt, wir sind nur miteinander ins Bett gegangen! Ich weiß nur, dass sie regelmäßig ihre Mutter besucht hat, dass sie Pferde geliebt hat und dass sie gerne tanzen gegangen ist. Alles Weitere hat mich nicht interessiert!" Mühsam senkte er seine Lautstärke wieder. „Entschuldige, ich wollte nicht laut werden. Aber Maria und ich hatten keine Beziehung, sie war nur…"
„Ich habe schon verstanden. Eine der zahlreichen Frauen, mit denen du deinen Spaß hattest, wie das bei Piloten so üblich ist." Macs linker Mundwinkel zuckte nervös, eilig hob sie die Tasse, damit Harm es nicht bemerkte. Allerspätestens jetzt wurde ihr klar, dass sie nur wegen dieser einen Nacht vor zwei Monaten keinerlei Ansprüche auf ihn hatte. ›Es bedeutet ihm nichts, wenn er mit einer Frau schläft, nicht einmal, wenn es häufiger passiert. Es ist ein amüsanter Zeitvertreib, aber nichts, worin er irgendwelche Gefühle investiert.‹
Sie selbst war nur eine von vielen, das musste sie endlich einsehen. Ohne seine Verzweiflung über Belles Erkrankung wäre es vermutlich nie so weit gekommen, aber deswegen bedeutete es nicht mehr als eine seiner anderen Bettgeschichten. ›Eher noch weniger. Schließlich wusste er kaum, was er tat.‹ Krampfhaft umklammerten ihre Hände die Kaffeetasse.
„Mac?" Behutsam legte Harm ihr eine Hand auf die Schulter und sah sie mit schlechtem Gewissen an. „Ich wollte nicht…. So viele Frauen waren es auch nicht…"
Mac stand hastig auf, um seiner Berührung zu entkommen. „Schon gut, es interessiert mich überhaupt nicht." Das letzte, was sie wollte, war mehr Details aus Harms Liebesleben zu erfahren. Zu hören, mit wie vielen anderen Frauen er sich vergnügt hatte, während sie selbst nur in der Kategorie ‚dummer Fehler' geführt wurde.
Sie hockte sich neben Belle. „Hey, kleine Maus, wollen wir zusammen einen großen Turm bauen?"
Harm beobachte seine Kollegin. ›Du bist ein Idiot, Rabb! Wieso meinst du ihr erzählen zu müssen, wie viele Frauen du bereits gehabt hast?‹
Gut, er wusste die Antwort. In den wenigen ernsthaften Beziehungen, die er gehabt hatte, war das Gespräch jedes Mal auf dieses Thema gekommen. Aus irgendeinem unbegreiflichen Grund hatten sich seine Freundinnen stark dafür interessiert, mit wie vielen Frauen er schon geschlafen hatte.
›Aber Mac ist keine deiner Freundinnen, deshalb interessiert es sie auch nicht. Du willst doch auch nicht wissen, mit wie vielen Männern Harriet beispielsweise zusammen gewesen ist.‹ Schon bei dem Gedanken daran musste er grinsen.
Dann fiel sein Blick auf den Briefumschlag, der auf dem Tisch lag und sein Grinsen verschwand. Er würde Belle nicht wieder hergeben, ganz egal, was möglicherweise ein Richter dazu sagen würde. Aber momentan hoffte er noch, dass, sollte es tatsächlich zu einer Sorgerechtsverhandlung kommen, diese zu seinen Gunsten ausgehen würde.
„Weshalb hat sie eigentlich gleich einen Anwalt eingeschaltet, anstatt sich erst einmal persönlich an dich zu wenden?", fragte Mac plötzlich nachdenklich, immer noch damit beschäftigt, die bunten Holzklötze übereinander zu stapeln. „Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich mich doch zuerst davon überzeugen, ob es Belle gut geht und wie sie jetzt lebt."
Harm starrte vor sich hin. Diese Frage hatte er sich auch schon gestellt. Es schien Marias Schwester tatsächlich nur darum zu gehen, ihm Belle wegzunehmen, an dem Kind selbst lag ihr anscheinend nichts.
›Nein, kein Richter der Welt kann verlangen, dass Belle zu so einer Frau muss.‹
Ein Poltern ertönte: Belle hatte den von Mac aufgebauten Turm zum Einsturz gebracht und klatschte begeistert in die Hände.
„Na warte..." Mac schnappte sich Belle und kitzelte sie durch. „Wer hat dir gesagt, dass du unseren schönen Turm umschmeißen sollst, du kleiner Frechdachs?"
Sie ließ sich auf den Rücken fallen und setzte das vor Lachen kreischende Kind auf ihren Bauch. „Das ist doch wieder typisch: das Marine Corps leistet mühsam Aufbauarbeit und schon kommt die Navy und bringt alles zum Einsturz." Belle kicherte vergnügt.
„Jetzt müssen wir aber etwas leiser sein, damit Daddy telefonieren kann", erklärte Mac, als Harms Handy zu klingeln begann, und legte den Zeigefinger an die Lippen.
Hastig nahm Harm das Gespräch an. ›Hoffentlich ist das nicht die nächste schlechte Nachricht!‹
Doch es war nur Carrie, die noch einige Fragen dazu hatte, wie Belle zu ihrem Vater gekommen war. Während er die Fragen beantworte, beobachtete Harm, wie sich seine kleine Tochter müde auf Macs Oberkörper sinken ließ und sich vertrauensvoll an sie schmiegte. Mac legte einen Arm schützend um sie und strich ihr mit der freien Hand über den Rücken. Aneinandergekuschelt lagen sie auf dem Teppichboden: Belle mit geschlossenen Augen, den rechten Daumen im Mund, Mac, den Blick nervös auf Harm gerichtet. Vermutlich befürchtete auch sie eine weitere Hiobsbotschaft.
Harm lächelte ihr beruhigend zu, um zu zeigen, dass kein Anlass zur Sorge bestand.
„In Ordnung, ich bringe den Brief von Maria mit, die anderen Unterlagen habe ich eben schon rausgelegt… nein, meine Kollegin passt auf sie auf, sie macht das häufiger… natürlich weiß sie Bescheid, ich bin auch jetzt gerade bei ihr… bis später!"
Er beendete das Gespräch und steckte das Handy wieder ein. „Das war Carrie", erklärte er für den Fall, dass Mac es noch nicht erraten haben sollte. „Sie meint, dass Marias Brief ganz deutlich ihre Absicht zeigt, dass Belle bei mir und nicht bei ihrer Schwester bleiben soll."
„Genau, es war eindeutig der Wunsch ihrer Mutter, dass sie bei dir aufwächst", stimmte Mac zu.
Sie tauschten einen Blick. Sie wussten natürlich beide, dass es überhaupt keine Rolle spielte, was Maria gewollt hatte, wenn man Harm für ungeeignet hielt, ein kleines Kind aufzuziehen.
Mac richtete sich vorsichtig auf. Harm nahm ihr die verschlafene Belle ab.
„Wann musst du heute Abend los?"
Harm dachte kurz nach. „Spätestens um 1900. Ich will auf jeden Fall pünktlich sein."
Mac lag eine Bemerkung auf der Zunge, aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um Witze über Harms notorische Unpünktlichkeit zu machen.
„Dann bin ich um 1830 bei dir."
„Wenn du schon um 1800 da wärst, könntest du mit uns essen", schlug Harm vor. Mit der freien Hand griff er nach Belles Anorak.
Mac half ihm, das schläfrige Kind anzuziehen und nahm es ihm dann ab, damit er selbst in seine Jacke schlüpfen konnte.
„Ich müsste eigentlich noch an meinem Abschlussplädoyer arbeiten. Mattoni hat ein paar gute Argumente vorgebracht…" Unzufrieden nagte sie an ihrer Unterlippe. „Ach was, in der halben Stunde wird mir sicher auch nicht der rettende Gedanke kommen. Außerdem kann ich ja noch bei dir weiterarbeiten, wenn sie schläft."
Sie reichte ihm Belle und öffnete die Wohnungstür. „Bis nachher. Und mach dir nicht zu viele Sorgen. Diese Frau hat überhaupt keine Chance."
Auf Harms Gesicht zeichneten sich deutliche Zweifel ab. „Warten wir es ab. Bis später."
Mac wartete ab, bis Harm mit Belle auf der Treppe verschwand, dann schloss sie die Tür.
„Verdammt, verdammt, verdammt!"
›Warum muss so etwas immer Harm und Belle passieren? Als ob die Sache mit dem Koma nicht gereicht hätte. Das Leben ist so was von ungerecht!‹
Mit einem frustrierten Laut ließ sie sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen und machte sich an die Arbeit, bemüht jeden Gedanken an die Neuigkeiten dieses Nachmittages auszublenden.
