20:42 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
„Hey, was machst du denn hier? Komm rein."
„Ich wollte hören, wie es heute Morgen gelaufen ist." Mac zog ihren Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe.
„Nicht so gut." Harm öffnete den Kühlschrank. „Mineralwasser?"
„Was heißt nicht so gut?"
Obwohl sie seine Frage nicht beantwortet hatte, schenkte er ihr ein Glas Wasser ein und reichte es ihr.
„Ricarda hat bereits gestern einen Antrag auf vorläufiges Sorgerecht gestellt. Sie will alles tun, damit Belle von mir wegkommt."
„Warum? Sie kennt dich doch überhaupt nicht."
„Ich bin der Mann, der ihre kleine Schwester verführt und sich anschließend aus dem Staub gemacht hat", erklärte Harm mit einem schiefen Lächeln. Das Ganze hatte seiner Meinung nach etwas von einer Seifenoper. „Sie lässt überhaupt nicht mit sich reden."
Mac murmelte einen Fluch. „Wie geht es jetzt weiter?"
„Na, wie schon? Ich werde vor Gericht um das Sorgerecht kämpfen. Chegwidden hat mir zugesichert, dass ich bis dahin nicht mehr zu auswärtigen Ermittlungen muss und dass ich jederzeit die Möglichkeit habe, mich mit Carrie zu treffen. Er war natürlich alles andere als begeistert, dass ich schon wieder ausfalle."
Aus dem Schlafzimmer war Belles Stimme zu hören.
„Ich sehe mal kurz nach ihr."
Harm verschwand im dunklen Nebenraum und Mac setzte sich nachdenklich auf die Couch. Diese Ricarda war tatsächlich der Ansicht, Harm hätte sich mit Absicht nicht um seine Tochter gekümmert.
›So ein Schwachsinn! Als ob ausgerechnet Harm sich vor seiner Verantwortung drücken würde.‹
Ein Blatt Papier auf dem Tisch erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie stellte das Wasserglas beiseite und beugte sich über das Papier. Es handelte sich offensichtlich um eine Auflistung verschiedener Personen. Ganz oben prangte Joshs Name, versehen mit drei Ausrufezeichen. Darunter standen einige Frauennamen, die Mac nichts sagten.
„Was ist das hier?", fragte sie interessiert, als Harm wieder das Wohnzimmer betrat.
Er wurde blass, dann rot und riss ihr den Zettel aus der Hand. „Nichts." Hastig warf er einen Blick auf die Liste und wurde wieder etwas freundlicher. „Das sind Sachen, über die ich mit Carrie sprechen muss. Über Josh, dass Annie sich seinetwegen von mir getrennt hat…" Das war etwas, worüber er immer noch nicht ganz hinweg war. Nicht die Trennung als solche, aber der Grund, den Annie dafür angegeben hatte.
„Und die anderen…" Wie sollte er das erklären? „Das sind frühere Beziehungen, die Ricardas Anwalt wahrscheinlich als Beweis dafür sehen würde, dass ich nicht besonders zuverlässig und verantwortungsbewusst bin."
›Frauen, mit denen ich kurzfristig meinen Spaß hatte und an die ich anschließend keinen weiteren Gedanken verschwendet habe, würde es wohl besser ausdrücken. Ein Wunder, dass ich mich wenigstens noch bei fünfen an den Vornamen erinnern kann.‹
Als Mac vorhin an die Tür geklopft hatte, war er kurz davor gewesen, auch ihren Namen auf die Liste zu setzen. Schließlich war die eine Nacht mit ihr der beste Beweis dafür, wie unberechenbar er durchaus sein konnte.
Aber es hatte ihm widerstrebt, ihren Namen zusammen mit denen der anderen Frauen zu sehen, die ihm absolut nichts bedeutet hatten. Außerdem war das eine Geschichte, die Carrie wirklich nichts anging. Niemand außer ihm und Mac wusste davon und so würde es auch bleiben.
Er erzählte Mac von dem Vormittag in Carries Kanzlei und Carries Bitte, sie auf mögliche Argumente von Henderson vorzubereiten.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeinen Richter dein Liebesleben interessieren wird. Du hast schließlich keinen unmoralischen Lebenswandel, der ein Kind gefährden würde", erklärte Mac, nachdem Harm geendet hatte.
„Bei der Sache mit Josh sieht es natürlich anders aus. Natürlich hatte Annie unrecht, du hast ihn nicht in Gefahr gebracht", fügte sie eilig hinzu, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. „Aber ein windiger Anwalt könnte das behaupten. Nur, weshalb sollte er von der Geschichte wissen?"
Harm zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Es ist auch nicht sicher, dass er darauf anspielte, als er sagte, dass ich als Vater ungeeignet bin. Aber Carrie muss es trotzdem wissen."
„Wahrscheinlich hast du recht." Mac stand auf und streckte sich. „Ich fahre nach Hause. Bist du morgen im Büro?"
Harm half ihr in den Mantel und brachte sie zur Tür. „Auf jeden Fall. Die Verhandlung gegen Captain Gregory beginnt morgen."
„Stimmt. Bud war heute Morgen schon ganz nervös." Bei dem Gedanken daran musste Mac schmunzeln und auch Harms Miene hellte sich etwas auf.
„Dann bis morgen, Sailor."
„Bis morgen und schlaf gut!"
Er schloss die Tür hinter ihr und sah auf seinen Schreibtisch, auf dem sein Eröffnungsplädoyer noch auf eine letzte Überarbeitung wartete.
„Später, jetzt habe ich Wichtigeres zu tun." Er schob den Entwurf zur Seite und nahm sich wieder die Liste für Carrie vor.
xxx
14:03 Uhr EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
„Hey, alles okay bei dir?"
Harm schreckte zusammen. „Hi! Ja, natürlich. Alles in bester Ordnung."
Zögernd trat Mac in sein Büro und schloss die Tür hinter sich.
„Bud hat mir von der Verhandlung heute Vormittag erzählt", begann sie vorsichtig. „Er hat erwähnt, dass du den Angeklagten zweimal mit einem falschen Namen angeredet hast."
Eine leichte Röte überzog Harms Gesicht. „Ich war mit meinen Gedanken woanders", murmelte er und wich ihrem Blick aus.
„Genau das macht mir ja Sorgen." Mac setzte sich ihm gegenüber auf den Stuhl und sah ihn eindringlich an. „Harm, wenn du dich nicht auf deine Arbeit konzentrieren kannst, dann musst du den Admiral bitten, dass du die Anklage abgeben darfst."
„Ja, natürlich. Und anschließend bitte ich ihn, bei meiner Verhandlung auszusagen, was für ein zuverlässiger, gewissenhafter Mensch ich bin." Der Sarkasmus war nicht zu überhören.
„Nennst du es vielleicht gewissenhaft, wenn du deine Aufgaben schlecht erledigst, weil du mit deinen Gedanken woanders bist?"
Kämpferisch streckte Harm das Kinn nach vorne. „Was soll das denn heißen? Ich habe doch nur zweimal den Namen verwechselt. Alles andere lief ganz wunderbar. Ich vernachlässige meine Arbeit schon nicht."
Mac unterdrückte ein Seufzen. „Wie du meinst. Aber du kannst davon ausgehen, dass der Admiral ebenfalls davon erfahren und seine eigenen Schlüsse ziehen wird."
Harm zog es vor, nicht darauf zu antworten. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte auf seinen Schreibtisch.
„Harm, wenn du bei der Anklage Unterstützung brauchst, dann musst du es nur sagen. Ich kann es sicher irgendwie einrichten dir zu helfen."
„Sicher kannst du das", antwortete Harm mit zynischem Ton. „Du bist ja so toll! Erledigst tausend Sachen gleichzeitig und bist trotzdem noch in der Lage, deinem unfähigen Partner unter die Arme zu greifen!"
„Ich habe überhaupt nicht gesagt, dass du unfähig bist", protestierte Mac verdutzt, aber er sprach schon weiter.
„Weißt du was, Mac? Ich brauche deine Hilfe nicht, ich kann meine Aufgaben sehr gut allein bewältigen. Dir scheint es ja völlig gleichgültig zu sein, was mit Belle passiert. Hauptsache, ich erledige meine Arbeit ordnungsgemäß! Man merkt sofort, dass du keine Kinder hast! Du bist absolut gefühllos." Verächtlich sah er sie an. „Und wenn du mich jetzt endlich allein lassen könntest, ich habe noch zu tun."
Zum Zeichen, dass das Gespräch für ihn beendet war, schlug er demonstrativ die vor ihm liegende Akte auf und vertiefte sich darin.
Wortlos stand Mac auf, warf ihrem Partner einen letzten Blick zu und verließ leise sein Büro.
Harm atmete erleichtert aus, als er die Tür ins Schloss fallen hörte. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er den Atem angehalten hatte. Ohne irgendetwas davon aufzunehmen, starrte er weiterhin auf die Akte und versuchte zu begreifen, was eben geschehen war.
›Ist sie wirklich der Meinung, dass ich meine Arbeit nicht sorgfältig genug erledige?‹
Vielleicht war er heute Vormittag wirklich nicht ganz bei der Sache gewesen, aber ihm zu raten, die Anklage abzugeben, das ging zu weit!
Was bildete sie sich eigentlich ein? Er war ein guter, sogar ein sehr guter Anwalt, nie würde er es zulassen, dass ihn sein Privatleben von der Arbeit ablenkte. Okay, ein- oder zweimal hatte er an die drohende Sorgerechtsverhandlung denken müssen, aber das war doch wohl verständlich!
›Aber nicht für Miss Perfect. Immer kontrolliert, immer vernünftig.‹
Natürlich war er unfair, denn er wusste, dass sie diese Selbstkontrolle unbedingt brauchte. Was ohne sie passieren konnte, hatte er nach Daltons Tod erlebt, als Mac einen Rückfall erlitten hatte.
„Sir? Die Verhandlung geht gleich weiter." Bud Roberts stand in der Tür, unsicher, ob er das Richtige tat, seinen derzeitigen Gegner vor Gericht daran zu erinnern.
Harm zwang sich zu einem Lächeln. „Danke, Bud. Bin schon unterwegs."
›Soweit ist es schon gekommen, dass der Verteidiger dich als Vertreter der Anklage an den Beginn der Verhandlung erinnert. Wie blamabel!‹
Er nahm seine Aktentasche und folgte Bud.
Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, dass Mac reglos hinter ihrem Schreibtisch saß und vor sich hinstarrte.
