Für den Rest des Tages gelang es Harm tatsächlich, jeden Gedanken an seine persönlichen Probleme zu vermeiden und sich völlig auf die Verhandlung zu konzentrieren.
Zum Glück, denn als er sich einmal umdrehte, entdeckte er Admiral Chegwidden unter den Zuhörern. ›Er scheint schon von deiner glanzvollen Vorstellung heute Morgen gehört zu haben und will sich jetzt selbst davon überzeugen.‹
Bud hatte sich perfekt vorbereitet, aber Harm gelang es trotzdem, einige Löcher in seine Verteidigung zu schießen.
„Die Verhandlung wird morgen früh um 0900 fortgesetzt", verkündete Richter Morris und warf Harm einen scharfen Blick zu. Dieser wurde das Gefühl nicht los, dass Morris Admiral Chegwidden auf seine Unkonzentriertheit am Vormittag hingewiesen hatte. Seit dem Vorfall mit dem Maschinengewehr hatte der Richter ihn auf dem Kieker.
In Macs Büro brannte bereits kein Licht mehr, als Harm das Bullpen betrat. Offensichtlich war sie früher als üblich nach Hause gegangen.
›Und das, wo sie so viel zu tun hat!‹ Okay, jetzt war er unfair, wie er sich selbst gegenüber sofort zugab. Mac arbeitete immer wie eine Besessene und nahm ihm häufig noch einige Aufgaben ab, damit er mehr Zeit mit Belle verbringen konnte… ›Du hast ihr doch vorhin nicht wirklich gesagt, dass du ihre Hilfe nicht benötigst, oder? Rabb, du Riesenrindvieh!‹
„Sir? Ist irgendetwas?"
Harm realisierte, dass er immer noch im Bullpen stand und Macs geschlossene Tür anstarrte. „Alles in Ordnung, Bud", sagte er schnell und wandte sich zu dem jungen Lieutenant um. „Sie haben sich heute wacker geschlagen."
Auf Buds Gesicht breitete sich ein verlegenes Lächeln aus. „Danke, Sir! Natürlich habe ich sofort gemerkt, dass Sie mich nur in Sicherheit wiegen wollten mit Ihren vorgetäuschten Patzern am Anfang. Deshalb war ich auf der Hut."
Anerkennend klopfte Harm ihm auf die Schulter. „Sie sind viel zu gerissen für mich. Ich kann Ihnen einfach nichts vormachen."
Misstrauisch blickte Bud ihn an, er schien sich nicht so recht entscheiden zu können, ob der Commander ihn nur auf den Arm nahm oder ob er es tatsächlich ernst meinte. „Wie Sie meinen, Sir", antwortete er diplomatisch. „Ich muss nach Hause. Harriet wartet bestimmt schon mit dem Essen." Sein Gesicht verzog sich sorgenvoll.
„Was haben Sie denn? Harriet ist doch eine ausgezeichnete Köchin." Harm war schließlich schon häufig genug bei den Roberts zu Gast gewesen, und Harriets Kochkünste konnten sich durchaus mit seinen messen.
„Das würden Sie nicht fragen, wenn Sie mit einer Schwangeren zusammenleben würden. Sie ahnen nicht, wozu sie überall Minzsauce und Erdbeermarmelade essen kann."
Abwehrend hob Harm die Hand. „Es wäre mir auch lieber, wenn es dabei bliebe. Ich habe noch nicht gegessen." Ihm war bereits von Harriets kuriosen Kreationen berichtet worden, weshalb er neuerdings umgehend aus der Küche verschwand, sobald der blonde Lieutenant darin auftauchte.
Bud seufzte. „Da haben Sie mit Belle Glück gehabt, Sir. Eine wunderhübsche Tochter, ohne diese Qualen vorher zu durchleiden." Zu seinem Erstaunen verfinsterte sich der Gesichtsausdruck des Commanders von einer Sekunde auf die andere. „Habe ich etwas Falsches gesagt?"
„Sie können nichts dafür. Und jetzt nach Hause mit Ihnen zu Erdbeermarmelade und Minzsauce, Lieutenant, sonst mache ich einen Befehl daraus."
„Aye, Sir! Guten Abend." Mit langsamen Schritten zog Bud ab.
›Mac hat ihm nichts von der Sache mit Ricarda erzählt‹, stellte Harm verwundert fest. ›Ob sie ihm auch den Blödsinn eingeredet hat, dass meine Unkonzentriertheit nur Show gewesen sei? Von allein wäre er doch nie auf einen solchen Gedanken gekommen.‹
Er schmunzelte leicht, bis ihm einfiel, dass es momentan wirklich nichts Amüsantes an seinem Leben gab. Von der Sache mit Belle mal abgesehen, hatte er jetzt zu allem Überfluss auch noch Streit mit seiner besten Freundin - oder was auch immer - angefangen.
›Was hast du eigentlich alles gesagt?‹, überlegte er krampfhaft. Er hatte ihr zum Schluss alles Mögliche an den Kopf geworfen, das wusste er noch, aber die Details…?
… Dir scheint es ja völlig gleichgültig zu sein, was mit Belle passiert…
›Oh Gott, wenn du ihr das wirklich vorgeworfen hast, bist du wirklich der allerletzte Mistkerl, der herumläuft. Seit Monaten ist sie nur für dich und Belle da, notfalls auch mitten in der Nacht, und du behauptest, dass Belle ihr egal ist.‹
Den ganzen Weg nach Hause machte er sich Vorwürfe. ›Du hast wirklich eine merkwürdige Art, ihr deine Dankbarkeit zu zeigen. Was ist bloß in dich gefahren?‹
Er würde sie gleich anrufen und sich für sein unmögliches Verhalten entschuldigen. Letzten Endes hatte sie natürlich recht gehabt. Er war mit seinen Gedanken bei Belle und nicht bei seiner Aufgabe gewesen und hatte deswegen dumme Anfängerfehler gemacht.
„Gut, dass du einen Marine hast, der dir in solchen Fällen in den Hintern tritt", murmelte er vor sich hin und fuhr vom Freeway.
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22:07 Uhr EST
Harms Apartment
Nördlich der Union Station, Washington D.C.
„Hallo! Sie haben die Nummer von Sarah MacKenzie gewählt. Leider bin ich nicht zu Hause. Bitte hinterlas-"
Frustriert unterbrach Harm die Verbindung. Seit über drei Stunden versuchte er Mac nun zu erreichen – ohne Erfolg. Bei ihr zu Hause meldete sich nur der Anrufbeantworter und ihr Handy war offenbar ganz ausgeschaltet.
Beim ersten Anruf hatte Harm nur eine kurze Nachricht hinterlassen, dass er mit ihr reden müsse, und sie um Rückruf gebeten.
Beim zweiten Versuch eine Stunde später hatte er sich leicht stammelnd für seine unfreundlichen Worte im Büro entschuldigt. Er hasste es, so etwas auf eine leblose Maschine zu sprechen und nicht zu wissen, ob Mac möglicherweise daneben saß und zuhörte.
Als immer noch keine Reaktion erfolgte, probierte er es eine halbe Stunde später noch einmal. Dieses Mal erklärte er ausführlich, dass er tatsächlich über seine privaten Problemen seine Arbeit vernachlässigt hatte und ihr wirklich dankbar war, dass sie ihn an seine Aufgabe erinnerte und sogar ihre Hilfe anbot.
›Wie tief kann man noch sinken?‹, hatte er sich gefragt, als er den Hörer zurückgelegt hatte. ›Ich habe auf einem Anrufbeantworter zugegeben, dass ich unrecht hatte und sie recht. Wenn sie jetzt nicht zurückruft, versuche ich es nicht noch einmal!‹
Seitdem hatte er noch dreimal angerufen, allerdings ohne weitere Nachrichten zu hinterlassen.
›Ganz klar, sie ist sauer und das aus gutem Grund. Wenn ich Glück habe, hat sie sich bis morgen wieder etwas abgeregt.‹
An diesem Abend hinderten ihn gleich zwei Gedanken am Einschlafen: dass er Belle möglicherweise verlieren könnte und dass er seine beste Freundin mit seinen Worten so sehr verletzt hatte, dass sie sich weigerte, seinen Telefonanruf zu beantworten.
